Ralf Meyer I

Ich werde noch in diesem Sommer eine Rezension der Wiederstedter Elegien schreiben, die uns der Lyriker Ralf Meyer in diesem Frühjahr geschenkt hat – uns heißt hier: der Menschheit.

Trotzdem ziere ich mich nicht, bereits jetzt die Gelegenheit beim Rocke zu packen, auf dieses Wunderwerk menschlichen Vermögens hinzuweisen. Ralf Meyer ist ein Lyriker mit Gedanken und einem schon fast unheimlichen Gefühl für Sprache. (weiterlesen…)

Worauf Philologen so kommen …

Es gibt Überzeugungen, die man sich schon deswegen bewahrt, weil man anders sein Leben kaum in einiger Ruhe und Ordnung verbringen könnte und vielmehr stets fürchten müßte, daß einem die schlimmsten Dinge zustoßen, da die Welt, im Fall jene Befürchtungen Realität hätten, kaum noch als sicher gelten könnte. Von unseren Architekten z.B. glauben wir, daß sie in der Lage sind, Gebäude auf die Erde zu stellen, die auch nach längerem Gebrauch nicht einstürzen, und dieser Glaube erleichtert es durchaus, sich täglich in solchen Gebäuden aufzuhalten. Von unseren Konditoren glauben wir, daß sie nie den Puderzucker mit dem Rattengift verwechseln, aus denselben verständlichen Gründen. Von unseren Fluggesellschaften …

An diesem Glauben ist nichts verwerflich. Immerhin: Häuser stürzen praktisch nie von selbst ein, puderbezuckerte Kuchen besorgen bestenfalls einen schleichenden Tod durch Verfettung, und selbst Maschinen der Air France neigen in den allermeisten Fällen dazu, genau dort runterzukommen, wo sie runterkommen sollten.

Merkwürdig indes, daß diese Sorte Glaubens sich auch in solchen Fällen hält, wo Evidenz längst Zweifel hat aufkommen lassen. So glauben wir wirklich, daß unsere Politiker praktische Menschen sind, obgleich doch ihre Politik oft genug bezeugt, daß sie es nicht sind – nicht einmal das, um präzise zu sein. Wir glauben auch, daß unsere Lyriker etwas von Metrik verstehen, unsere Ärzte wissen, wie man Menschen heilt, und unsere Lehrer mit Menschen umgehen können. Ähnlich denn auch unser Bild von den Wissenschaftlern. (weiterlesen…)

James Nostradamus

Wer wissen will, was gute Kinderbücher sind, lese die von James Krüss. Beim Wiederlesen des famosen Timm Thaler bin ich auf eine Stelle gestoßen, die ich sicher beim ersten Mal Lesens (als ich noch keine zehn Jahre alt war) nicht in dem Maße verstanden haben kann wie heute. Das Setting ist schnell erzählt. Timm sitzt als reichster Mensch der Welt in einem Schloß von Mesopotamien und nimmt dort an einer Besprechung der großen Weltfirma teil, in die er sich als Erbe hineingewettet hat. Die Anwesenden Hauptaktionäre kommen auf die Lage der Scherenschleifer in Afghanistan zu sprechen. Die Scherenschleifer arbeiten für einen Warlord namens Ramadulla und dieser wieder arbeitet für den Konzern, der jetzt Timm gehört. Viel Geld bleibt da für die Scherenschleifer natürlich nicht übrig. Timm gefällt das nicht. Einer namens Selek Bei, ein Teufelsanbeter und die gute Seele unter den Hauptaktionären, fällt Timms Unmut bei. Darauf entgegnet Baron Lefuet, Timms großer Gegenspieler: (weiterlesen…)

Leicht zu verstehen, leicht zu lösen, schwer zu machen

Das Große kommt meist in Verpackung des Kleinen ins Haus. Es gibt, will ich sagen, Anlaß und Ursache. Der Anlaß mag läppisch scheinen, wenn die Ursache es nicht ist, ist auch er es nicht. So denn wohl auch in jenem Problem, das mir nicht erst seit heute morgen auf die Nervenbahnen drückt. Ich nenne es einmal das Brötchen-Problem, und es läßt sich in einem Satz zusammenfassen: Es ist nicht mehr möglich, in Berlin ohne erhebliche Mühe genießbare Brötchen zu bekommen.

Wer wissen will, wie ein Problem zu beheben ist, muß wissen wollen, worin seine Ursache liegt. (weiterlesen…)

Griffig, bündig, auf den Punkt

Es gibt genügend Gründe, über Sahra Wagenknecht den Kopf zu schütteln. Darüber z.B., daß diese hochbegabte Denkerin, die dazu geboren war, in der Politischen Ökonomie und in der Philosophie ihre Spuren zu hinterlassen, sich seit nun fast zwei Jahrzehnten in der Tagespolitik abarbeitet und abnutzt, daß sie dort, ohne den geringsten Gewinn für sich oder andere zu erlangen, Stück für Stück an theoretischer Substanz verliert, endlich gar – man kann sich dieses Eindrucks kaum noch erwehren – ihre populistischen Phrasen sogar selbst zu glauben beginnt.

Aber manchmal zuckt er noch, der Leib. So auch hier, wo sie einen präzisen und treffenden Vortrag über die Ursachen der Finanzkrise hält: (weiterlesen…)

Goethesdienst

Goethe schafft es immer wieder, mich zu überraschen. Erst kürzlich las ich wieder einen Goethe-Satz, der mehr enthält als ganze Regale voll von Büchern zum selben Thema:

Wir sind naturforschend Pantheisten, dichtend Polytheisten, sittlich Monotheisten.

Wie macht der Mann das? Selbst die Überraschung gerät ja, wenn man sie zu erwarten beginnt, in die Gefahr, ihren Reiz zu verlieren. Jemand also, der immer wieder überrascht, muß über einiges mehr verfügen als bloß die Fähigkeit zu überraschen.

Ich lese Goethe, seit ich denken kann; manches von ihm immer wieder. Er ist der einzige Dichter, der (weiterlesen…)

Streit der Romantiken

Ich hege – das zur Versicherung zu Recht besorgter Mitmenschen – keineswegs die Absicht, dieses Journal zu einem Spiegel von Webaktivitäten und womöglich gar des so sinnfrei wie bodenlosen Blogwesens verkommen zu lassen. Aber manche Funde sind doch zu schön, sie nicht zu bringen.

In einer zwei Jahre alten Diskussion in einem jener Blogs wird es heftig, indem sich ein Streit um die Bewertung des Kommunismus entfacht. Die Teilnehmer haben allesamt unrecht, die für ihn sind wie die, die gegen ihn sind. Es gibt, der Titel meines Eintrags deutet es an, nicht nur eine rechte Romantik, sondern auch eine linke (weiterlesen…)

König Numa

Während die nächste Ausgabe des Hacks-Journals Argos längst in Vorbereitung ist, nutze ich die Gelegenheit, hier noch einmal auf das letzte Heft, Argos 4, hinzuweisen, darin ein Aufsatz von mir enthalten ist, den ich - welch Wunder - für sehr lesenswert halte. Der Titel des Aufsaze lautet: Reichtum und Gleichheit, und der Text beschäftigt sich mit dem Schauspiel Numa, das Peter Hacks 1971 verfaßt hat.

Im Neues Deutschland erschien am 25. März dieses Jahres eine Rezension (weiterlesen…)

Die Trägheit des Stoffs

Ein jedes Lehrbuch über das Tanzen sollte so beginnen: Der menschliche Körper ist das größte Hindernis beim Tanzen.

In der Weltgeschichte wieder müßte man sagen: Was dem Menschen bei der Durchsetzung seiner Interessen im Wege steht, das sind vor allem die menschlichen Interessen.

Überhaupt aber gilt: Schuld hat immer die Materie.

Materie ist der Inbegriff des Daseins, und das Dasein hat an sich, daß es auch im günstigsten Fall nicht so vollkommen sein kann, wie es sich ideell denken läßt. Leibniz hat darüber ein dickes Buch geschrieben (weiterlesen…)

Erheiterndes aus der Wissenschaftsgeschichte

Sappho ist eine lesbische Dichterin im doppelten Sinne des Wortes. Sie lebte auf Lesbos, schrieb im lesbisch-aiolischen Dialekt (dem ungemütlichsten von allen), und sie pflegte sexuelle Neigungen zu Frauen. Gut möglich, daß sie bisexuell war; heterosexuell war sie nicht.

Heute weiß das jeder. Zu gut passen die persönlichen Beziehungen, die in Sapphos Gedichten gespiegelt werden, in den kulturellen Zusammenhang der Initiationsriten, die es eben nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen gab, und für die gleichgeschlechtliche Bindungen nicht untypisch zu sein scheinen. (weiterlesen…)

Es regnet Nationalpreise

Vielleicht hat Monika Maron, der man jüngst den Nationalpreis für ihr “Werk” übergeholfen hat, in ihrem Leben nie einen wahreren Satz gesagt als den, mit dem sie zu ihrer Dankesrede anhub:

Der Preis der Deutschen Nationalstiftung ist kein Literatur-Preis. Er ist ein politischer Preis

Ich begrüße so viel Ehrlichkeit. Sind doch die drei Preisträger Uwe Tellkamp, Erich Loest und eben Monika Maron literarisch gesehen bestenfalls zur Mittelklasse zu zählen (weiterlesen…)

Es dämmert …

Als aber die frühgeborene erschien, die rosenfingrige Eos …

Aller Anfang ist schwer, heißt es, und müßte doch heißen: Aller Anfang ist falsch. Der Anfang ist eine widersinnige Sache, in der gesetzt wird, was doch erst späterhin erlangt werden kann. Vielleicht war es dieser Gedanke, der Parmenides zu jenem Ausspruch brachte, wonach dorthin, von wo aus er anfange, er jedenfalls auch wieder zurückkehren werde. Fasse ich spätere Philosophen ins Auge, die ebenfalls die Frage nach dem Anfang gestellt haben – Aristoteles etwa, Kant und Hegel - so sehe ich, daß auch sie es darin nicht viel weiter gebracht haben als Parmenides. Mag sein, sie haben die Frage bereichert; die Antwort nicht. (weiterlesen…)