Streit der Romantiken

Ich hege – das zur Versicherung zu Recht besorgter Mitmenschen – keineswegs die Absicht, dieses Journal zu einem Spiegel von Webaktivitäten und womöglich gar des so sinnfrei wie bodenlosen Blogwesens verkommen zu lassen. Aber manche Funde sind doch zu schön, sie nicht zu bringen.

In einer zwei Jahre alten Diskussion in einem jener Blogs wird es heftig, indem sich ein Streit um die Bewertung des Kommunismus entfacht. Die Teilnehmer haben allesamt unrecht, die für ihn sind wie die, die gegen ihn sind. Es gibt, der Titel meines Eintrags deutet es an, nicht nur eine rechte Romantik, sondern auch eine linke: es gibt das kollektivistisch Absurde ebenso wie das individualistisch Absurde. Die Freiheit streitet gegen die Gleichheit, und beide haben gemein, daß sie dort, wo sie sich voll durchsetzen, dem anderen also keinen Platz mehr lassen, zum größten Übel werden. Die Frage, welche Sorte Romantik schlimmer ist, gehört zu den unlösbaren Problemen. Was richtet mehr Schaden an - mit falschen Gründen für eine falsche Sache oder mit falschen Gründen für eine richtige Sache zu streiten?

Und doch eignen sich beide Romantiken hervorragend, die Fehler des je anderen aufzudecken. Mit Ihrer Erlaubnis gebe ich Ihnen zwei aufeinander folgende Stellen jenes Agons aus der Unterwelt:

Lächerlich. Seit hundert Jahren behaupten Kommunisten im Westen, wenn sie mit den realen Schrecknissen kommunistischer Länder konfrontiert werden, DAS sei aber gar nicht der Kommunismus, der EIGENTLICHE Kommunismus müsse erst noch hergestellt werden. Komischerweise kommt er dann aber doch nie, der wahre, gute, menschenfreundliche Kommunismus, sondern immer nur der mit der Unfreiheit und den Arbeitslagern. Unter dem Label Kommunismus sind bisher ausschließlich Diktaturen entstanden – sich vom Kommunismus noch irgendwas zu versprechen ist nur noch dumm.

Die Antwort:

Lächerlich. Seit hundert Jahren behaupten Liberale im Westen, wenn sie mit den realen Schrecknissen kapitalistischer Entwicklung konfrontiert werden, DAS sei aber gar nicht der liberale Markt, der EIGENTLICHE liberale Markt müsse erst noch hergestellt werden. Komischerweise kommt er dann aber doch nie, der wahre, gute, menschenfreundliche Markt, sondern immer nur der mit der Klassentrennung und den Sweatshops. Unter dem Label Liberalismus haben bisher ausschließlich Eliten profitiert – sich vom Liberalismus noch irgendwas zu versprechen ist nur noch dumm.

Sperren Sie zwei Waschweiber, die sich um den selben Mann zanken, in einen Raum, und hernach wissen Sie alles über beide.

Kommentare
  • nonono:

    Dir ist aber schon klar, dass der zweite Beitrag eine Parodie auf den ersten war?

  • FB:

    Aber sicher doch. Nur ändert das nichts daran, daß beide Kontrahenten mit Scharfblick die Schwächen der jeweils anderen Position erkennen, während sie für dieselben Schwächen im Fall ihrer eigenen Position blind sind.

  • Ina Eff:

    (…) beide Kontrahenten mit Scharfblick die Schwächen der jeweils anderen Position erkennen, während sie für dieselben Schwächen im Fall ihrer eigenen Position blind sind.

    Sehen Sie. Nichts anderes habe ich seinerzeit in dem Bonmot behauptet, dass eine These immer von ihren Gegnern besser als von ihren Verfechtern verstanden wird. Wofür man den Gegnern natürlich dankbar sein muss.

  • FB:

    Schon, doch gilt dies Bonmot nur für die Halbwelt. Nicht dagegen gilt es für die Genies.

    Ein Genie kann vieles sein, nur gewiß nie einseitig. Folglich hat es zahllose Gegner, denn das Richtige zu negieren, sind immer viele Wege. Keiner seiner zahllosen Gegner versteht an einem Genie mehr als nur gerade das, was ihn selbst betrifft (und auch das versteht er nicht). Und so gibt es nicht einmal annähernd etwas wie eine gleiche Augenhöhe.

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