Griffig, bündig, auf den Punkt
Es gibt genügend Gründe, über Sahra Wagenknecht den Kopf zu schütteln. Darüber z.B., daß diese hochbegabte Denkerin, die dazu geboren war, in der Politischen Ökonomie und in der Philosophie ihre Spuren zu hinterlassen, sich seit nun fast zwei Jahrzehnten in der Tagespolitik abarbeitet und abnutzt, daß sie dort, ohne den geringsten Gewinn für sich oder andere zu erlangen, Stück für Stück an theoretischer Substanz verliert, endlich gar – man kann sich dieses Eindrucks kaum noch erwehren – ihre populistischen Phrasen sogar selbst zu glauben beginnt.
Aber manchmal zuckt er noch, der Leib. So auch hier, wo sie einen präzisen und treffenden Vortrag über die Ursachen der Finanzkrise hält:
Glauben Sie einem, der auch ein wenig von Politischer Ökonomie versteht, wenn er sagt: Glauben Sie dieser Dame.
Bester Herr Bartels,
ich habe das fleckwangige Räuberliebchen noch nicht ganz ausgehört, doch bin ich von ihm bis Minute 28 nicht wenig angetan / sobald ich Zeit finde, höre ich mir den Rest an.
Hier aber schon ein paar voreilige Richtigweisungen:
(1) Es ist generell ungut, soziale und wirtschaftliche Argumentation in der Weise miteinander zu vermengen. Gewiss, beides hängt unmittelbar miteinander zusammen. Dennoch ist es vernünftig, von zusammenhängenden aber untergliederbaren Phänomenen zunächst jedes Glied für sich und erst im Anschluss den Zusammenhang zu untersuchen. Man macht sonst mehr Fehler, als nötig und kommt auch meist nicht sehr weit.
(2) Sahra tut immer so, als würde das Geld bei den Banken “geparkt” sein, d.i. der Wirtschaft entzogen. Sie beteuert ständig, die Armen würden ihr Geld ja ausgeben, anstatt es zu sparen, um zu rechtfertigen, dass es bei denen gut angelegt sei. Natürlich geben auch die Banken ihr Geld aus; das ist ihr Geschäft. Sie investieren in irgendein Unternehmen (oder einen Privatmann, was gesamtwirtschaftlich auf das selbe hinausläuft) und das kauft dafür Arbeitskraft, Gerät anderer Hersteller etc., so dass dieses Geld genauso wenig der Wirtschaft entzogen ist, wie das Geld für die Armen. Wenn die Banken Geld ausgeben, kaufen sie die Aussicht auf noch mehr Geld, das ist der einzige und in dem Zusammenhang unwesentliche Unterschied; letztlich tut das jedes Unternehmen. – Ich räume ein, der Fehler klingt gravierender als er ist; Sahras grundsätzliche Argumentation wird dadurch nicht ernsthaft gefärdet.
(3) Das Beispiel Commerzbank ist schlecht. Dass das Ding nur 3 Mrd wert ist tut nichts zur Sache. Wenn e.g. ein Investor kommt und mir sagte, er würde meiner (bislang wertlosen) Geschäftsidee vertrauen und liehe mir 18 Mrd Euro für ihre Umsetzung, dankte ich ihm artig, aber sonst ist nicht viel dabei. Ich wäre auch nicht per se gezwungen, ihm dafür ein besonderes Mitspracherecht einzuräumen (obwohl er das i.d.R. einfordern würde). Gezwungen wäre ich lediglich, das investierte Geld samt seinem Gewinn nach vereinbarter Frist zurückerstatten zu können. And that’s all.
(4) Sahra redet immerfort von den Banken als den großen Zockern. In gewisser Weise stimmt das, in gewisser Weise ist es dumme Rhetorik. Richtig ist, die Bank geht eine Wette ein, wenn sie investiert (beinahe hätte ich gesagt: eine Wette gegen die Bank). Richtig ist, eine Bank, die eine konstante Steigerungsrate, und wären es nur 2%, erstrebt, muss rein mathematisch in ein – unmögliches – exponentielles Wachstum geraten. Falsch ist aber, das Geld als Spielgeld anzusehen, d.i. als etwas von der “wahren Wirtschaft” abgelöstes. So aber redet Sahra: Die Banken würden das Geld im globalen Kasinokapitalismus verballern. Tatsächlich steht das investierte Geld ja an irgendeiner Stelle für einen realen Prozess, in dessen Ergebnis mehr Geld entstehen soll, als ursprünglich investiert. Ein Startup, das sich gründet, eine Firmendependence und auch diese Kleinkredite stehen für irgendein ausgesucht hässliches Eigenheim, das schliesslich der ganze Stolz seiner Besitzer sein soll (nur von denen, weil sie unterdess arbeitslos geworden sind, nicht abgezahlt werden kann). M.a.W. die Banken machen auch nichts anderes, als der ganz gewöhniche Kapitalist. Sie verbaseln und verzocken die Kohle nicht anders als jeder andere Kapitalist auch, der bisweilen eine Fehlinvestition tätigt.
(5) Sahra, und das stört mich am meisten, tut so, als sei der Kapitalismus heilbar: Reichensteuer, Mindestlohn etc. – und die Sache liefe. Dass er permanent mehr Waren/Wert erzeugt als Kaufkraft ist seine eine schlecht verhehlbare chonische Krankheit. Dass er tatsächlich ständig Geld verbaselt das andere. Denn dass das Geld nicht verschwinden kann ist auch nur ein Teil der Wahrheit; der Wert, den es repräsentiert, kann ja durchaus verschwinden. Wenn e.g. eine “smart missile” für 1 Mio Euro explodiert und dabei ein Gebäude gleichen Wertes zernichtet, dann sind zwar die 2 Mio als Geld noch irgendwo vorhanden, aber die Gesamtgeldmenge ist um ebendiesen Betrag erleichtert/wertloser. Und das ist die zweite Kapitalismus-Scheisse, von der Sahra bis Minute 28 nichts gesagt hat, nämlich davon, wieviel Geld in solchen Explosivkörpern endgelagert ist. Dort, in solchen Raketen etc., dort ist das Geld tatsächlich der Wirtschaft entzogen (wofern mit ihnen nicht gehandelt wird), denn die Dinger sollen ja nichts weiter tun, als sich selbst zu vernichten. /
M.a.W. Sahra soll ma rüberkommen mit dem klaren Wort: Will sie einen humanen Kapitalismus in dem sinnvoller und gerechter verteilt wird, oder will sie ihn weg?
Teurer Whistler,
in Ihrem genrellen Lob haben Sie ebenso recht wie in ihrer konkreten Kritik. Bezüglich Punkt 2 hätte vielleicht ich ein paar Einwände zu machen, da die Sache etwas komplizierter und am Ende eben doch ein wenig so ist, wie SW behauptet. Ich will das aber aus Platz- und Zeitgründen hier aussparen; und jedenfalls liegen Sie auch in diesem Punkt insoweit richtig, daß SWs Redeweise an manchen Stellen schon stark vereinfachend ist.
Worin ich Ihnen am deutlichsten beifalle, das ist Ihr Punkt 5. Mir gefällt – ich habe das ja einleitend angedeutet – die Rhetorik der wangenroten Sahra nicht. Sie bedient sich eines Vokabulars, das man am besten vielleicht als Sozialdemokratie für Unterklassen bezeichnen kann. Sie ersetzt z.B. den konkreten Gegensatz zwischen den Klassen des Kapitalismus durch den abstrakten Gegensatz von arm und reich, was in der Sache mitnichten dasselbe ist. Dadurch kommt eine unangenehme Note hinein, die den Verdacht der Gleichmacherei, Neiderei und des plebejischen Dummsinns provoziert. Ausgerechnet sie – die immer die Wichtigkeit des Leistungsprinzips betont hat – macht sich da zur Anwältin der Kretins und asozialen Elemente, anstatt sich von diesen ebenso zu distanzieren wie von den “Eliten”. Oder aber: SW gibt vor, von Systemfragen zu reden, fällt aber in ihrer Rede immer wieder darauf zurück, durch vorgeschlagene Scheinlösungen die Illusion zu erzeugen, daß diese Probleme auch innerhalb des Systems, etwa durch eine bessere Politik lösbar seien. Das ist natürlich Unsinn, und die Frage, ob sie das noch weiß, ist ja genau die, die ich mir oben im Eintrag gestellt habe. Ich bin mir da heute nicht mehr so sicher.
Isses nich so, dass – würde sie das Blatt vorm Mund wegnehmen – sie als Verfassungsfeindin behördlicherseits ihrer Stimme beraubt würde? Diese Camouflage – und ich hoffe, daß es eine ist – ist der parlamentarische Haken an der Sache. Ich denke nicht, daß eine zugelassene Partei etwas vernünftiges bewirken kann. Suchen wir ihr einen Mäzen, damit sie ihre eigentliche wissenschaftliche Arbeit machen kann!
Es besteht natürlich die Gefahr. Offiziell herrscht die Freiheit der politischen Äußerung, aber diese Freiheit gilt nur, soweit keiner auf die Idee kommt, über anders strukturierte Gesellschaftsformen nachzudenken. Das ist nämlich verfassungsfeindlich. Es ist heute nicht anders als in damals in der DDR: Jeder darf machen, was er will, solange er nicht die gesellschaftliche Grundordnung in Frage stellt oder in ihrem Bestehen gefährdet. Systeme neigen dazu, sich zu schützen. Wer will es ihnen verdenken?
Aber es gibt auch einen Unterschied zwischen Gesetzgebung und Rechtspflege, will sagen: Man kann heute einiges tun, das per definitionem verfassungsfeindlich ist, ohne dafür verboten oder eingesperrt zu werden. Man kann z.B. Produktionsverhältnisse fordern, die nicht auf dem Erwerb fremderwirtschafteten Mehrwerts beruhen und nicht zulassen, daß Einrichtungen von öffentlichem Interesse (Post, Verkehrsbetriebe, Banken, Schulen, Gefängnisse usw.) in privaten Händen sein können – Forderungen, die nur durchsetzbar wären, wofern man gegen das Grundgesetz verstößt, und trotzdem wird gemeinhin zugelassen, daß es Leute gibt, die solche Forderungen vertreten und öffentlich verbreiten. Wovor fürchtet SW sich?
Doch gleich, ob eine Vorsicht in diesen Fragen nun begründet ist oder nicht, was mich stört, ist doch nicht, daß SW taktiert. Das gehört zur Politik. Mich stört der theoretische Substanzverlust, oder genauer gesagt: sie läßt eben immer seltener durchblicken, daß sie das alles noch durchschaut, was sie da inszeniert. Ich denke, es gibt ein Phänomen, daß Menschen, die regelmäßig die Unwahrheit sagen, irgendwann beginnen, ihre eigenen Lügen zu glauben. Schon Platon sagt: Alle Politiker haben schiefe Seelen. Es gibt nicht einen Populisten oder Demagogen oder Ideologen (egal, welcher politischen Strömung anhängig), der nicht sich nicht auch wenig selbst bei den Erregern ansteckt, die er in Umlauf bringt.
Lieber Herr Bitumen,
die Sache mit den Parteien ist m.E. noch nicht entschieden. Manche sagen parlamentarische Parteien sind Kokolores, andere wieder sagen, da müsse man durch.
Ganz und gar einig sind wir uns sicher, dass Organisation unabdinglich ist, wenn etwas verändert werden soll, ob im oder gegen den Staat.
Ob aber öffentlich eingestanden sein soll, dass den bestehenden Staat abzuschaffen man im Schilde führt, das ist die Frage. Die Zwickmühle ist bekannt. Wenn man parlamentarisch aktiv ist, pflegt man den Kapitalismus auf seinem Krankbette und der lebt – undankbarer Patient! – munter fort. Tut man es aber nicht, zieht man sich den gerechten Zorn zu, man würde den Opfern des Kapitalismus augenscheinlich gar nicht helfen wollen, weil man es unterliesse, lindernd zu wirken, wo man könne.
Ich bin Pragmatikerin, ich glaube an den Moment. Der Moment selbst, so mein Postulat, kann nicht herbei geführt werden. Wenn er aber heran ist, muss man vorbereitet sein, ihn zu nutzen. Der Staat fällt nicht, weil es einigen gefiele. Er fiele nicht einmal, wenn es der Mehrheit genehm wäre. Er fällt, weil er über irgendein falsch eingeschätztes Hindernis strauchelt. Das muss man abwarten. Ich kann warten. Vorher ein Bewusstsein erzeugen zu wollen ist illusorisch, wie überhaupt alle Anstrengungen, irgendein anhaltendes gesellschaftliches Bewusstsein zu erzeugen, in meinen Augen Unsinn sind. Es genügt, dass ein Rinnsal des Bewusstseins weiter sickert. Ihm wohnt die stete Möglichkeit inne, plötzlich zu explodieren und die Massen zu ergreifen.
Ich verlange von Sahra recht eigentlich gar nicht, dass sie erklärt, den Kapitalismus abschaffen zu wollen. Wenn das besagte Straucheln eintritt werden sowieso mit einem Male die unterschiedlichsten und absurdesten Leute kommen, um zu übernehmen. Wer dann erfolgreich ist, das kann man so wenig vorher sagen, wie das Ergebnis eines Würfelwurfs. Aber es ist evident, und da schliesst sch der Kreis, dass die Chancen sich vermutlich erhöhen, wenn man über Organisation verfügt und vorbereitet ist.
Und an Sahras durchdringenden theoretischen Verstand, um kurz die Sache mit dem Mäzenen zu besprechen, habe ich nie geglaubt. Sie hat das beste, dessen sie fähig ist, bereits geliefert. Einen anderen Mäzen als den Steuerzahler braucht sie nicht mehr. Ich fürchte, sie ist ganz&gar am rechten Platz.
Liebe Frau Whistler, das haben Sie ganz pfiffig formuliert und ich spüre am Windhauch Ihres Parfüms, daß Sie sich die Welt schon einmal um die Nase haben wehen lassen, will sagen, daß Sie mich kennen. Mich kennen als einen, dessen theoretisches Fundament ein wackliger Holzkasten ist, auf den zu stampfen mir aber eine Lust bereitet, von der auch Sie mehr als eine Ahnung haben.
Ich verwette Ihren süßen Arsch, daß die Bundesregierung den doppelten Segen, den sie genießt, vollauf begriffen hat.
Die erste Segnung war der Zusammenbruch der morschen DDR, die zweite der Niedergang der RAF. Auf beide Leichen wird ohne Pause eingedroschen – weil es ideologisch so unendlich ergiebig ist. Aus dem Argumentesack dieser beiden Anlässe läßt sich alles herausholen, um den Fortschritt für die nächsten 50 Jahre zu vereiteln. Welche Möglichkeiten parlamentarischer oder außerparlamentarischer Art kann es geben, ohne eine Sekte oder ein e.V. zu sein?
Eines fällt auf, wenn man es zufällig bemerkt: daß die Politikerin Sahra Wagenknecht und der Kabarettist Volker Pispers exakt das Gleiche sagen. Wenn sich zwei Kategorien so annähern und nur 10 weitere folgen würden, vielleicht bedürfte es dann doch keiner Parteiorganisation neuen alten Typs?
Verehrter Herr Astfalke,
so sehr ich Ihnen sonstens beistimme: auch Segnungen haben ihre Reihnefloge. Also: erst die RAF, dann die DDR.
Einverstanden:
Vera
Die Herrschaften,
die Farbe, die Sie hier links und rechts und zu oberst sehen, nennt sich Preußisches Blau. Das ist durchaus zänkisch gemeint.
Sie dürfen hier jeden loben, der in gewissem Sinne für den Etatismus steht, sei es Lenin oder Ulbricht, sei es Bismarck oder Friedrich II., sei es Chavez oder de Gaulle. Sie dürfen auch sehr gerne loben den Perikles oder Alexander den Großen.
Was Sie nicht dürfen, das ist die RAF loben, als welche der Inbegriff von Romantik und Anarchie ist. Andernfalls packe ich meinen preußisch-treuen Zensor aus, der Ihnen sogar aus dem Gebrauch der Interpunktion noch einen Strick dreht. Zensoren sind darauf trainiert, schlechte Gründe zu finden, mit denen sie die guten, aus denen sie zensieren, kaschieren.
Ich und die RAF loben? Um Wimmels Hillen! Halten wir uns doch auch in der Sache an Goethe (Faust III, Skript):
Blöder geht kein Breitensport
Als wie der Tyrannenmord!
Goethe? Kenn ich:
Und wenn man auch den Tyrannen ersticht,
Ist immer noch viel zu verlieren.
Sie gönnten Cäsarn das Reich nicht.
Und wusstens nicht zu regieren.
Lieber Herr Turmfalck,
eben, durch einen Link von der Peter Hacks Seite, finde ich ein rudimentäres Thesenpapier zu der von Ihnen und mir besprochenen Sache. Darin heisst es u.a.:
Quelle und Rest des Fragmentes:
http://ofenschlot.blogsport.de/2009/06/18/aus-einem-aufgegebenen-projekt-1/
Besonders die Kritik am ubiquitären “mündigen Bürger” freut mich. Es wird ja (gerade vom mündigen Bürger) gern vergessen, dass es den Staat ohne Bürger wohl gibt, aber den Bürger nicht ohne Staat. Die Bürgerbefugnisse sind ein Ding der Moderne. Staat gibt es spätestens seit den Troglodyten ihre steinerne Bettstatt über war. Und da waren sie noch lange keine Bürger.
Ich sage ja immer, der mündige Bürger wird den Staat beerdigen. Erst wird er sein Richter, dann sein Henker. Und schliesslich wird er sein Beweiner.