James Nostradamus

Wer wissen will, was gute Kinderbücher sind, lese die von James Krüss. Beim Wiederlesen des famosen Timm Thaler bin ich auf eine Stelle gestoßen, die ich sicher beim ersten Mal Lesens (als ich noch keine zehn Jahre alt war) nicht in dem Maße verstanden haben kann wie heute. Das Setting ist schnell erzählt. Timm sitzt als reichster Mensch der Welt in einem Schloß von Mesopotamien und nimmt dort an einer Besprechung der großen Weltfirma teil, in die er sich als Erbe hineingewettet hat. Die Anwesenden Hauptaktionäre kommen auf die Lage der Scherenschleifer in Afghanistan zu sprechen. Die Scherenschleifer arbeiten für einen Warlord namens Ramadulla und dieser wieder arbeitet für den Konzern, der jetzt Timm gehört. Viel Geld bleibt da für die Scherenschleifer natürlich nicht übrig. Timm gefällt das nicht. Einer namens Selek Bei, ein Teufelsanbeter und die gute Seele unter den Hauptaktionären, fällt Timms Unmut bei. Darauf entgegnet Baron Lefuet, Timms großer Gegenspieler:

Wenn man in einem von Räubern geplagten Lande die Räuber zivilisiert, Selek Bei, hat man schon einen großen Fortschritt erzielt. Später, wenn das Land dank unserer Mithilfe zu einem Lande mit Recht und Ordnung geworden ist, werden wir natürlich auch unsere Verkaufsmethoden ändern.

Der Witz an diesem später ist natürlich, daß es immer fortdauert, daß der gewünschte Zustand nie eintritt. Aber das weiß Timm noch nicht. Auch wissen die Kinder es nicht, die das Buch lesen. Und dennoch ist es bemerkenswert, daß James Krüss mit diesen wenigen Worten das außenpolitische Credo der USA in Gänze formuliert hat.

Verblüffend aber auch die Wahl Orts. Das Buch wurde 1962 geschrieben. Das muß gesagt sein; man könnte es sonst für Absicht halten: Das Gespräch findet statt in Mesopotamien, dem Land zwischen den Flüssen, was heute unter dem Namen Irak bekannt ist, und das Land, worüber man redet, ist Afghanistan.

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