Ralf Meyer I

Ich werde noch in diesem Sommer eine Rezension der Wiederstedter Elegien schreiben, die uns der Lyriker Ralf Meyer in diesem Frühjahr geschenkt hat– uns heißt hier: der Menschheit.

Trotzdem ziere ich mich nicht, bereits jetzt die Gelegenheit beim Rocke zu packen, auf dieses Wunderwerk menschlichen Vermögens hinzuweisen. Ralf Meyer ist ein Lyriker mit Gedanken und einem schon fast unheimlichen Gefühl für Sprache.

Mein Faible für Paradoxes macht, daß ich Ihnen eine Textprobe aus den Wiederstedter Elegien serviere, die nun gerade nicht die Form der Elegie hat, sondern die des vierhebigen Jambus. Um den verehrten Lesern meines Journals von der Qualität der Meyerschen Lyrik ein wenig zum Kosten zu geben, reicht es allemal. Drei Stücke sind es, in denen es um Leben, Wachsen und den Tod geht, Themen also, die im höchsten Maße lyrikfähig und -würdig sind.

Eines:

Was man zuerst sah, das vergißt
Sich nicht. Ein Abdruck bleibt, verschwommen,
Und wird durch Schatten und im Licht
Auf allen Wegen mitgenommen.

Ein weiteres:

Dem Kind zu widersprechen, tritt
Der Blick ins Hirn durch unsre Augen,
Vermehrt sich um Erfahrung mit
Den Bildern, die fürs Leben taugen.

Ein letztes:

Noch der Bewegung meines Arms
Gehen Gedanken, zäh wie Suren,
Voraus, verscheuch ich ein Insekt.
Was ich auch tu, ich höre Uhren.
Und alle tun, als wäre nichts.
Ich kann das nicht, verbrauche Tage
Und stehle sie der Zeit, die nagt,
Weil ich sie in den Knochen trage.

Auf die Gefahr hin, meine Leserschaft zu vergnatzen: Wenn Sie nach diesen Zeilen nicht Feuer und Flamme sind, kann selbst ich Ihnen nicht mehr helfen.

Ralf Meyer: Wiederstedter Elegien. Mit Zeichnungen von Dieter Goltzsche, Halle (Mitteldeutscher Verlag) 2009

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