Ein anderer Sinn, in dem sich das Unendliche verstehen läßt, ist der, daß die Dinge auch etwas wie eine Unendlichkeit im Endlichen besitzen. Es ist aber, wie sogleich festgehalten sei, eher eine praktische Unendlichkeit denn eine theoretische.
Unendlichkeit im Endlichen, das bedeutet: ein endliches Ding teilt sich genau genommen nicht in Definition und Akzidens, also in sein Wesentliches und Unwesentliches. Streng genommen gibt es an ihm nichts Unwesentliches. Alles, was an ihm ist, trägt zu seinem besonderen Charakter bei. Hierzu zählen neben seinen immanenten Eigenheiten auch die Beziehungen, die das Ding zu anderen Dingen eingeht. Hierzu zählen sogar die unzähligen nicht erfaßbaren Möglichkeiten, die an ihm unrealisiert blieben; denn alle Möglichkeiten eines Dings beruhen schließlich auf seinen grundlegend vorhandenen Eigenschaften. Hierzu zählt ferner, daß all das seiner Natur nach dynamisch ist, während der menschliche Verstand in Bildern, Zuständen usf., in festen Bestimmtheiten also denkt.
Diese natürliche Schwelle des Denkens, die nicht wirklich überschritten werden kann, dennoch zu überschreiten macht die Schwierigkeit des unseres Denkens aus. Der menschliche Geist, weil er endlicher Natur ist, kann das Unendliche des Seins nicht anders erfassen als so, daß dem Sein etwas Widersprüchliches anhaftet. Der Widerspruch ist, was sich im Geist abbildet, wenn dieser sich in Konfrontation setzt mit dem eigentlichen Charakter der Außenwelt, von dem wahrscheinlich ist, daß er sich nicht eins zu eins im Geist abbilden kann. Die Auseinandersetzung mit dem Absoluten, der Gedanke an Grenzwerte, an das Unendliche, provoziert Widersprüchlichkeit im Denken (als eines für viele Beispiele sei hier auf die Kantschen Antinomien verwiesen, als welche diesen Beweis mit makelloser Logik führen). Nicht die Welt selbst ist also widersprüchlich, sondern das Denken, indem es, wenn es das Unendliche zu begreifen sucht, zwangsläufig auf Widersprüche stößt. Der Widerspruch ist eine Kategorie, die dem Denken hilft, über sich hinauszugehen.
Auch das Hegelsche Spekulationskonzept – gemeinhin, und nicht ganz korrekt, als Hegelsche Dialektik bezeichnet – ändert an der naturgemäßen Endlichkeit des menschlichen Verstandes nichts, aber es bemüht sich, den Verstand so auszurichten, daß er das Unendliche mit den Mitteln der Endlichkeit begreifen kann. Hierbei ist sein Wert vor allem allgemeiner Natur: Das klar ausgesprochen zu haben, daß die Wahrheit konkret ist, weil sie im Ganzen liegt, ist eines der hauptsächlichen Verdienste der Hegelschen Philosophie. Doch den naturgemäßen Mangel des menschlichen Geistes behebt auch sie nicht. Dieser kann das Unendliche ebensowenig begreifen, wie er die tatsächliche Mannigfaltigkeit endlicher Dinge zu erfassen in der Lage ist. Jede Bestimmung, die der menschliche Geist vornimmt, ist eine Abstraktion, eine Vereinseitigung, eine Begrenzung eines in Wahrheit reicheren, konkreteren Seinszusammenhangs. Er ist unendlich nicht an und für sich, sondern unendlich in seiner Beziehung auf den menschlichen Geist, unendlich für uns.
2 Responses to “Über das Unendliche II”
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Meinen Sie? Ich finde das verblüffend, denn ich bin genau der umgekehrten Ansicht. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass die Welt so ist: Vielbestimmt, unendlichsinnig, aber widerspruchsfrei? Was, wenn sie, was ich nämlich glaube, grundsätzlich unbestimmt und gar nicht notwendig widerspruchsfrei ist?
Wahrscheinlich können wir das nicht entscheiden. Denn wir haben keinen anderen Zugang zur Welt als unser Wissen. Also ist es ziemlich schwierig, festzustellen, wo die Widersprüche ontologisch verortet sind, im menschlichen Geist, oder in der Welt selbst. Ich finde jedoch den Gedanken nachvollziehbarer, dass der Widerspruch eher dem Geist Probleme bereitet, als der Welt.
Dass der Mensch, indem er Unterscheidungen trifft, indem er Formen erkennt, immer abstrahiert und vereinseitigt, das ist unbestreitbar; dass dadurch sofort Brüche entstehen, die das Ganze in unvollkommene Teile zerlegen, aus denen das Ganze nie rekonstruiert werden kann, ist ebenfalls klar. Dass aber das Ganze vordem in sich widerspruchsfrei gewesen sein soll, das halte ich für eine metaphysische und nicht rechtfertigbare Behauptung,
Denn was können wir über das Ganze weiter sagen, ausser, dass es Anlass zu unserer Zerlegung gewesen ist – nein, auch das ist unpräzise: Ausser dass in der wechselseitigen Verschränkung von Bewusstsein und Sein relativ stabile Formen entstehen können? Die Wirklichkeit – Welt, wie sie sagen – rast vor sich hin. Wir wissen nicht wie. Was ein Bewusstsein ist, lässt sich immerhin damit sagen: Etwas, an dem das Sein Gestalt gewinnt.
Vorher, ohne Bewusstsein, – vollkommen gestaltlos – kann das Sein nicht gedacht werden und also lässt sich von ihm weder sagen, ob es vielbestimmt, noch ob es widerspruchsfrei ist.
Die Frage ist nicht, ob Widersprüche im menschlichen Geist oder in der Welt zu verorten sind, sondern ob die Widersprüche auch in der Welt gegeben sind, denn daß sie im menschlichen Geist sind und erfahren werden, ist ja eine unstrittige Tatsache. Ich kann ja nun unmöglich annehmen, daß der Widerspruch zwar Eigenschaft der Welt, nicht aber Eigenschaft des Denkens sei, wenn er doch im Denken allenthalben vorkommt.
Sie sagen es selbst: Unser Denken ist der einzige Zugang, den wir zur Welt haben. Das also ist die Lage, von der man allein ausgehen kann. Ich habe nun den Widerspruch als Denkerfahrung, sobald ich theoretischen Umgang mit der Welt bekomme. Und da bleiben mir nun zwei Möglichkeiten: Entweder ich denke, das liegt an mir, oder ich denke, es liegt ab der Welt.
Ich finde die erste Annahme vernünftiger, weil sie bestehen kann, ohne daß eine weitere Prämisse hinzugezogen werden müßte. Um nämlich anzunehmen, daß der Widerspruch, den ich im Denken erfahre, auch in der Wirklichkeit, also objektiv gegeben ist, müßte ich annehmen, daß Denken und Sein dieselben Eigenschaften besitzen, daß also materialitäre Gegebenheit und ideelle Abbildung dasselbe sind. Aber für diese Annahme gibt es nicht nur keinen Beweis, sie ist auch nicht recht wahrscheinlich, weil sie den Erfahrungen, die wir der Welt machen, doch ein wenig zu widerspechen scheint.
Ich nehme also an, daß die Welt von einer objektiven Beschaffenheit ist, die der menschliche Geist nur bedingt erfassen kann, und daß diejenigen Stellen, an denen der Geist bei der Erklärung der Welt in Widersprüche oder Aporien gerät, nicht tatsächlich von ebendieser (widersprüchlichen und aporetischen) Beschaffenheit sind, wie sie dem Geist in diesem Moment erscheinen, sondern von einer Beschaffenheit, die der Geist aufgrund seiner andersartigen Natur nicht begreifen kann und die sich bei ihm dann auf eine Weise abbildet, die ihm gemäß ist.
Kurzum: Ich stimme Ihnen zu, daß sich diese Frage nicht mit Sicherheit entscheiden läßt, halte jedoch für möglich, vernunftgemäße Entscheidungen zu treffen, z.B. nach dem Kriterien der Wahrscheinlichkeit, der Evidenz oder der möglichsten großen Vorsicht bei unsicherer Beweislage.