Dichterliebe II
Ohne eine wirkliche Rezension anzustreben, will ich den heutigen Eintrag meines Journals der Besprechung des gestern bereits vorgestellten Buchs widmen.
Dichterliebe ist eine eigentümlich faszinierende Mischung aus gut recherchierter Biographie und ansprechend erzählter Lebensgeschichte: ein biographischer Roman also oder eine kunstvolle Biographie. Es ist eben dieselbe Mischung aus Kunst und Wissenschaft, die den Studien von Heidi Urbahn de Jauregui überhaupt eigen ist. Sie ist in dieser Frage entschieden französisch. Die deutsche Eigenart, alles dem Gedanken unterzuordnen, selbst auf Kosten der Lesbarkeit, ist ihr fremd.
Das Buch nimmt zunächst durch seine inhaltliche Fülle für sich ein. Jeder Mensch von Geschmack liebt Bücher, die nicht müde werden, den Leser mit einer Kanonade vorzüglicher Ideen unter Beschuß zu nehmen. Von diesen vorzüglichen Ideen besitzt das Buch einige, und der größte Vorzug dieser Ideen ist, daß sie nicht zu einem Dutzend auf die Stange gehen. Wer den Zeitgeist will, der kaufe sich eine Tageszeitung. Wer den Weltgeist will … – Ich beabsichtige nicht zu übertreiben. Das Buch ist keine Odyssee oder Phänomenologie des Geistes, aber doch eine souveräne Behandlung seines Stoffs, ein Blick auf das 19. Jahrhunderts, in dem sich auch der Geist der zu betrachtenden Zeit spiegelt und nicht nur – wie üblich – der Geist derjenigen, aus der betrachtet wird.
Das große Verdienst des Buches ist, daß es versucht, dem Leben und Denken Camille Seldens gerecht zu werden, ohne in eine der ausliegenden Fallen zu tappen. So schafft die Biographin es, Camilles Probleme als intellektuelle Frau im 19. Jahrhundert zu behandeln, ohne in einen platten Feminismus zu fallen. So schafft sie es auch, Camille als Vertraute des sterbenden Dichters Heine zur Anschauung zu bringen, ohne der Versuchung zu erliegen, sie als Alter Ego Heines bzw. als geistig ebenbürtige Gefährtin hinzustellen. Die Versuchung, seinen Gegenstand aufzuputzen, ist eine, der gewöhnlich nur wenige Biographen widerstehen. Heidi Urbahn des Jauregui bleibt immer auf Schlagdistanz zu ihrer Heldin, um nicht gegebenenfalls mit hingezogen zu werden in das Geflecht aus Lügen und Legenden, die nicht zuletzt Camille Selden selbst um ihr Leben gesponnen zu haben scheint. Das umtriebige Versteckspiel hinter den vielen Namen, das Camille Selden zeit ihres Lebens veranstaltete, macht die Heldin übrigens ein wenig gesichtsblaß. Man weiß nie recht, wo man sie zu fassen bekommt; sie bleibt ein Rätsel – die Frage ist nur, ob sich hinter diesem Rätsel eine Lösung verbirgt.
Gegen diesen Eindruck wirkt jedoch die Gestaltung des Buchs, die Weise also, in der der Stoff bewältigt wird. Die Kreation des männlichen Erzähler-Ichs, Matthias Rabuhn, ist ein glücklicher Griff. Autorenperspektive und Erzählperspektive gehen nicht vollends ineinander auf. Andernfalls wäre der Griff auch nicht zu rechtfertigen gewesen. Zwar fällt dem Beobachter auf, daß Rabuhn ein Anagramm von Urbahn ist, aber demselben Beobachter dürfte auch auffallen, daß die Autorin die Perspektive des Erzählers behutsam, aber doch immer wieder mal durchbricht. Der mäandernder Erzählstil – hervorragend aufgelockert durch die Dialoge mit der “aufmerksamen”, “kritischen”, “spöttischen” usw. Madeleine - verrät eine gewisse ironische Distanz der Autorin auch zu ihrem Erzähler, durch dessen Augen wir alles sehen und den wir doch auch selbst in seinen Grenzen wahrnehmen. Das erinnert an Serenus Zeitblom, und ich sage das eingedenk aller Weihräuchereien, die ein Vergleich mit einem Werk Thomas Manns impliziert. Es bleibt da natürlich ein Unterschied in der Sprache, aber wer kann es in dieser Hinsicht schon mit Thomas Mann aufnehmen?
Dichterliebe ist eher gut bei Leib als schlank zu nennen. Jenes “Mäandern” zeigt sich nicht nur in seinem rhetorischen Stil, den als lexis eiromene zu bezeichnen ich mir herausnehme, sondern auch in seiner Makrostruktur. Regelrechte Exkurse gehören zum Programm. So etwa ein Exkurs über die erste Weltaustellung in Paris, der einen konkreteren Einblick in die beschriebenen Zeitgeschehnisse bietet. Natürlich bleibt dieser Exkurs ein Fremdkörper, aber einer, der zum Gestus des Buches paßt, denn die Abweichung ist eines seiner Charakteristika. Es gibt zwei Sorten Romane: die schlanken und die breiten. Keine ist schlechter als die andere; die schlanken sind gut, wenn sie schlank sind, die breiten, wenn sie breit sind. Dieses Buch ist breit, und das ist gut so.
Ob man die Figur des Matthias Rabuhn mögen kann oder nicht, ist eine Frage, in der ich mich nicht entscheiden will. Unerträglich ist schlechterdings sein dauernd nach außen gekehrter Opportunismus (er zieht in Erwägung, in der DDR gedruckte Bücher nicht zu zitieren, wählt Forschungsthemen seinem Mentor zuliebe, ist übervorsichtig mit dem Kundgeben seiner politischen Haltung, weist bei jeder Gelegenheit darauf hin, was ein eine akademische Laufbahn anstrebender Wissenschaftler so alles zu beachten habe usw.). Dieser Opportunismus wird aber konterkariert durch seine Forscher- und Lebenshaltung. Er ist offenkundig ein innengeleiteter Mensch, der sich sein Denken nicht von seiner Umgebung diktieren läßt. Dadurch erhält er eine gewissermaßen zeitlose Note, im Gegensatz zu Madeleine, in der in vielen Fragen einfach nur der Zeitgeist widerhallt. Rabuhn bleibt bei dem, was er für richtig hält, und das muß nicht immer in die Zeit passen, in der er lebt. Diese Haltung – Merkmal nicht ausschließlich der Genies, aber doch eines jeden von ihnen – beeindruckt natürlich, und sie ist auch dann erträglich, wenn, was Matthias Rabuhn inhaltlich sagt (z.B. seine groteske Verteidigung des Rauchens oder seine nicht minder groteske Abneigung gegen das Kinderkriegen), selbst kaum erträglich und durchaus Zeichen einer gewissen Irrationalität ist. Aber gegen diese in jeder Hinsicht vorzügliche, souveräne Haltung zum Leben steht eben jener merkwürdige Opportunismus, und wenn derselbe Rabuhn es dann fertigbringt, Schriftsteller wie Hippolyte Taine, Heinrich Laube, Georg Weerth oder Alfred Meißner für deren Anpassung an die Verhältnisse zu rügen, hat das eine unfreiwillig komische Note, die ich natürlich sogleich wieder dem oben angedeuteten ironischen Effekt zuschlage.
Eine kleine Enttäuschung liegt in der abrupten Auflösung der Beziehung von Matthias Rabuhn und seiner Madeleine. Vielleicht liege ich da falsch, aber ich empfinde es als unnötig, weil ich der Meinung bin, daß es eine Sorte von Widersprüchen gibt, die man besser bestehen läßt: fruchtbare nämlich. Zwischen dem Erzähler und seiner kritischen Begleiterin herrscht ein zwar unlösbarer Konflikt, aber doch keineswegs einer, der in der Katastrophe enden muß. Nicht immer hat der klassische Standpunkt recht, und nicht immer der Zeitgeist unrecht. Eine gute Urteilsbildung bedarf der Abwägung aller Gründe, auch der zeitspezifischen.
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Heidi Urbahn de Jauregui: Dichterliebe. Leben und Werk von Heinrich Heines letzter Geliebter, der “Mouche”, Mainz (VAT) 2009
Sehr geehrter Herr Bartels,
gerade bin ich mit einer Rezesion des o.g. Buches für “Die Buchkritik” von SWR 2 befasst. Ihre Rezension gefällt mir sehr, auch wenn ich nicht in allem Ihre Meinung teile. Aber das ist ja nicht der Sinn verständigen Lesens und “Verdauens”.
Mit besten Grüßen
Immo Sennewald
Das ist eine schöne Nachricht. Wann ist denn die Ausstrahlung der Kritik zu erwarten?
Keine Ahnung, dem Autor sind die Geheimgänge der Programmplanung verschlossen. Der SWR hat eine Vorschau von ca. 5 Tagen auf die Sendung; schauen sie gelegentlich vorbei:
http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/buchkritik/-/id=658730/1wbeo03/index.html