Es gibt gute Gründe, Berlin zu verabscheuen. Zum Beispiel die Menschen, die dort leben. Es gibt aber auch gute Gründe, Berlin zu mögen. Zum Beispiel die Menschen, die dort leben. Ich weiß das genau, denn ich muß unter ihnen leben und habe so ihre merkwürdige Weise, diese Läppischkeit und Lebensgröße in einem, frei Haus. Berlin ist wohl der Ort in Deutschland, der das Provinzielle am gründlichsten aus sich ausgeschlossen hat, wobei das nicht heißt, daß er es vollständig verbannt hätte. Mein Lob ist, wie angedeutet, ein relatives Lob. Aber im Vergleich wird man glücklich. Man freut sich, daß man nur im kleinen Elend lebt und das größere an einem vorbeigegangen ist.
Es gibt hierfür unzählige Beispiele, und eines davon ist die Pro-Reli-Kampagne und die trockene Absage, die Berlin diesem anmaßenden Begehren erteilt hat. Bereits die Ausgangslage, das also, wogegen diese Kampagne zu Felde zog, macht den Unterschied zwischen Berlin und den meisten anderen Orten Deutschlands deutlich. In Berlin hat der Religionsunterricht nicht wie in vielen anderen Bundesländern den Rang eines regulären Pflichtfachs, von dem man sich dann – dies Prozedere ist je nach Bundesland schwerer oder leichter – erst eigens abmelden muß, wenn man die Nichtteilnahme für besser hält. In Berlin muß man sich, wenn man am Religionsunterricht teilnehmen will, anmelden, und die Teilnahme ist eine Zusatzbelastung, d.h. der Religionsunterricht hat den Status eines Wahlfachs. Ich finde das gerecht. Wer einen Glauben hat, soll auch dafür leiden. Christus hat sich ans Kreuz schlagen lassen; da werden die Christen von heute die zwei Stunden mehr in der Woche, die sie durch ihre Wahl des Religionsunterrichts abfassen, schon wegstecken können.
In der Frankfurter Rundschau las ich kurz nach dem Scheitern der Kampagne folgende Äußerung, die so ziemlich auf den Punkt bringt, was an der ganzen Sache eigentlich schiefgelegen hat:
Es ist überstanden. Gott sei Dank. Die Berliner haben entschieden und sie haben richtig entschieden: Nach monatelanger, ziemlich unsympathischer Kampagne der Kirchen bleibt in Berliner Schulen alles beim Alten. Jedenfalls was die inzwischen reichlich leidige Frage nach der Religion angeht: Berliner Muslime, Juden, Christen, Buddhisten und Nichtgläubige machen sich gemeinsam im Pflichtfach Ethik Gedanken über die Werte, die für unsere Gesellschaft wichtig sind. Dazu gehören auch die Glaubenssysteme der Religionen. Ein vorbildlich integrativer Ansatz in einer multikulturellen Gesellschaft. Wer zusätzliche Unterweisung wünscht, kann Religionsunterricht dazu wählen. Wo ist das Problem?
Unterweisung ist hier das entscheidende Wort. Was die Kampagne wollte, war eben nicht, wie sie populistisch formulierte, die freie Wahl. Diese Freiheit bestand längst. Kein Christ wurde und wird daran gehindert, am Religionsunterricht teilzunehmen. Was die Kampagne wollte, war die Entscheidung zwischen Religion und Ethik, das Entweder-Oder, und Hintergrund war natürlich die Hoffnung, daß die meisten Schüler, vor diese Wahl gestellt, den Religionsunterrichten wählen werden. Die Schüler (oder vielmehr: ihre Eltern) sollten also in der Schule vor die Entscheidung gestellt werden, entweder am Ethik-Unterricht, worin unterschiedlichen Glaubensformen mit Toleranz begegnet wird, teilzunehmen, oder aber am Religionsunterricht, worin eine Religion gelehrt wird und alle anderen Modelle des Weltverständnisses ausgeschlossen sind.
Ich habe überhaupt nichts gegen die Religion, auch nicht gegen ihre organisierte Form, die Kirche. Aber sie ist, was sie sein soll: Privatsache. Wer sie braucht, kann sie erwerben. Wer es braucht, kann das auch mit anderen gemeinsam tun. Doch in einer säkularisierten Gesellschaft sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, daß keine Religion bevorzugt behandelt wird, auch nicht die, der die Mehrheit der Menschen dieser Gesellschaft angehören. Dennoch wird an beinahe jeder Schule in Deutschland christlicher Religionsunterricht angeboten, dennoch treibt der Staat die Kirchensteuern ein, dennoch haben die christlichen Kirchen feste Sendeplätze in den Anstalten des öffentlich-rechtlichen Hör- und Fernsehfunks, worin sie ihre Andachten und Sonntagsworte verbreiten können. Es gibt für solche Verhältnisse ein Wort: Vorrechte. Und es gehört zu der Chuzpe des seit Jahrtausenden an seine Vorrechte Gewöhnten, daß er die Herstellung der Gleichberechtigung eine Benachteiligung nennt.
Ich leugne im übrigen auch nicht den Gehalt der Religion. Die Theologie ist, wenn man den äußeren Unrat von ihr abzieht, nichts als selbst eine Philosophie, und als solche ist sie wert, zur Kenntnis genommen zu werden. Aber genau darin ja liegt auch wieder dieselbe Unterscheidung, die oben bereits getroffen wurde: Was der wahre Geist einer Religion ist, was diese also zur Geistesgeschichte beizutragen hat, lernt man eben nicht, indem man sich ihr auf religiöse Weise nähert, sondern nur, indem man sie auf rationale Weise packt. Die Unterweisung des Religionsunterrichts geht da von Beginn an in eine andere Richtung.
Daß die Berliner also der anmaßenden Pro-Reli-Kampagne der Berliner Kirchen eine Absage erteilt haben, macht mich ebenso zufrieden, wie es mich nach wie vor unzufrieden macht, daß Religion überhaupt an staatlichen Einrichtungen wie z.B. Schulen gelehrt wird. Warum ich allerdings auch gegen den Ethik-Unterricht an Schulen bin, darüber werde ich morgen schreiben.
2 Responses to “Unterweisung in das Unlehrbare I”
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Berlin ist immer groß, wenn es besetzt ist. Das französische Berlin, das amerikanische und das russische Berlin, das waren kennenswerte Orte. Dazwischen taugt der Laden nichts.
Bismarck immerhin ist aus dem Kaff geflohen, wann immer er konnte.
Wenn die Berliner auf sich gestellt sind, wissen sie sich nicht zu ernähren. Sie wissen den Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus nicht mehr, die denken, dass Neukölln anheimelnder wird, wenn man es zum Vorort von Istanbul umwidmet, und sie stimmen dann für jeden und alles, was ihnen eine Wurst verspricht.
Amerika und Größe, das ging noch nie zusammen.
Die Franzosen hatten den Weltgeist. Die Russen das Theater. Die Amerikaner hatten Lucky Strike.
Übrigens hatten die Berliner den Weltgeist schon vor den Franzosen und das Theater vor den Russen. Nur Lucky Strike hatten sie nicht, bevor die Amerikaner kamen.
Von den drei Besatzung also spricht für die ersten beiden immerhin, daß sie nichts schlimmer gemacht haben, was man von der drittgenannten keineswegs behaupten kann.