Unterweisung in das Unlehrbare II
Es ist, wie es oft ist. Die Wirklichkeit mit ihrem Hang zu traurigen Angeboten stellt uns vor Alternativen, deren Abgeschmacktheit auch davon nicht verdeckt wird, daß in der Regel die eine der beiden Möglichkeiten etwas wählbarer ist als die andere. Die Religion, habe ich gestern gesagt, kann nur begriffen werden, wenn sie nicht gelehrt wird. Dasselbe gilt nun auch von der Ethik. Daß der Religionsunterricht heute allmählich durch den Ethikunterricht ersetzt wird und dieser Prozeß – hört es, Freunde in Bayern, und zittert – nicht aufzuhalten ist, mag vom Standpunkt der Gesittung ein Fortschritt sein; vom Standpunkt der Bildung ist es gehuppt wie gesprungen.
Das Thema der Ethik ist das menschliche Verhalten. Menschliches Verhalten kommt aus Gewohnheit. Gewohnheit kommt aus Praxis. Handlungen also sind es, die zu Haltungen führen. Wer anhaltend auf eine bestimmte Weise handelt, wird endlich ein auf diese Weise Beschaffener sein. Wer anhaltend fleißig ist, wird ein Fleißiger (indem Sinne, daß er den Fleiß als Haltung ausbildet und so von selbst fleißig ist). Dispositionen sind weder angeboren (wie Affekte) noch absolut (wie objektive Gegebenheiten). Was gut, schlecht, nützlich oder sinnlos ist, das lernt man nicht auf der Schulbank, sondern in der praktischen Erprobung der Ziele und Wege. Und der beste Ort, um das Leben zu proben, ist einmal das Leben.