Es ist, wie es oft ist. Die Wirklichkeit mit ihrem Hang zu traurigen Angeboten stellt uns vor Alternativen, deren Abgeschmacktheit auch davon nicht verdeckt wird, daß in der Regel die eine der beiden Möglichkeiten etwas wählbarer ist als die andere. Die Religion, habe ich gestern gesagt, kann nur begriffen werden, wenn sie nicht gelehrt wird. Dasselbe gilt nun auch von der Ethik. Daß der Religionsunterricht heute allmählich durch den Ethikunterricht ersetzt wird und dieser Prozeß – hört es, Freunde in Bayern, und zittert – nicht aufzuhalten ist, mag vom Standpunkt der Gesittung ein Fortschritt sein; vom Standpunkt der Bildung ist es gehuppt wie gesprungen.

Das Thema der Ethik ist das menschliche Verhalten. Menschliches Verhalten kommt aus Gewohnheit. Gewohnheit kommt aus Praxis. Handlungen also sind es, die zu Haltungen führen. Wer anhaltend auf eine bestimmte Weise handelt, wird endlich ein auf diese Weise Beschaffener sein. Wer anhaltend fleißig ist, wird ein Fleißiger (indem Sinne, daß er den Fleiß als Haltung ausbildet und so von selbst fleißig ist). Dispositionen sind weder angeboren (wie Affekte) noch absolut (wie objektive Gegebenheiten). Was gut, schlecht, nützlich oder sinnlos ist, das lernt man nicht auf der Schulbank, sondern in der praktischen Erprobung der Ziele und Wege. Und der beste Ort, um das Leben zu proben, ist einmal das Leben.

Was ein Ethikunterricht im besten Fall bieten könnte, das wäre ein allgemeiner theoretischer Hintergrund,  ein Wissen über die verschiedenen historischen Formen der Ethik. Der Schüler könnte hierbei Bekanntschaft mit anderen Lebensentwürfen machen als nur denen, die ihm durch sein Elternhaus bzw. durch das Land, in dem er aufwächst, vorgelebt werden. Er könnte z.B. lernen, daß es neben der dem Christentum am nähesten stehenden Verhaltensethik kantscher Prägung auch andere Modell gegeben hat; etwa die antike Tugendethik oder den Utilitarismus. Er könnte sich z.B. die Frage stellen, ob nicht bereits Aristoteles, indem er sich eher für die Haltung der Menschen als für ihre einzelnen Handlungen interessiert hat, die Ethik in eine Lage gebracht hat, über die hinaus sie bis heute nicht gekommen ist. Und er könnte auch schätzen lernen, daß einer größten Vorzüge dieses Philosophen ist, daß er die Menschen mit Verhaltensregeln und Imperativen in Ruhe gelassen, sondern vielmehr die Frage gestellt hat, wie die Bedinungen beschaffen sein müssen, damit die Menschen des größtmöglichen Glücks teilhaftig werden.

Das und vieles mehr ließe sich behandeln, wenn man die Ethik als Fach vom Kontext dieser Gesellschaft löste und ihr die Pflicht nähme, heutige Wertvorstellungen als gültig zu vermitteln. Wenn man die Ethik als Teilgebiet der Philosophie auffaßt und nicht politischen Interessen unterordnet, wenn man sie mit einem Wort nicht lehrt, sondern untersucht.

Aber so, wie es heute gemacht wird, hätte die Ethik ihren standesgemäßen Ort auf dem Zeugnis eigentlich bei den Kopfnoten: Betragen, Ordnung, Mitarbeit, Fleiß, Ethik. – Was für ein Zeugniskopf! Der Schüler Ulf erwies sich nicht nur im Umgang mit seinen Mitschülern, sondern auch in seinen Beiträgen zum Ethikunterricht als vorbildlicher Bürger der Bundesrepublik. Ein Antrag auf Mitgliedschaft der Schulgruppe FDP wurde nur deswegen abgelehnt, weil er mit 9 Jahren das erforderliche Mindestalter noch nicht erreicht hat. – Was für eine Beurteilung!

Aber das so zu handhaben, dazu sind sie dann doch wieder zu feige. Es gehört zu den Absurditäten unserer Gesellschaft, daß sie von den Gängelleien, die sie ausübt, nichts wissen will. Sie spricht von Toleranz und Diskussion, von Offenheit und Freiheit, statt von Dogmen, medialer Meinungsformung und Unterweisung, aber in Wahrheit geht es in Fächern wie Ethik und Religion nie um etwas anderes als darum, die Schüler auf Linie zu bringen, ihnen den ganzen Wertekanon einzutrichtern, der gegenwärtig gültig ist und von dem seine Lehrer, wie Lehrer das immer tun, behaupten, er sei allgemeingültig. Der Förderalismus ist dann die Methode, den Schwachsinn allgemein umzusetzen, ohne daß einer als allgemein Verantwortlicher ausgemacht werden könnte. Jeder der fünfzehn Pfalzgrafen kann die Hände heben und beteuern, daß er für die Belange der anderen 14 Kleinstaaten nicht zuständig ist.

Ich räume ein, daß ein politischer Erziehungsunterricht, der nicht schwachsinnig wäre, undenkbar ist. Man muß immer berücksichtigen, wer da wen unterrichtet, und der Gedanke, es könne dabei um Geist oder Erkenntnis gehen, erledigt sich dann von selbst. Zur Verdummung gehören immer zwei: der verdummt und der sich verdummen läßt, und nur um Mißverständnissen vorzubeugen – ich bin keineswegs entschieden in der Frage, wer eigentlich der dümmere von beiden ist. Man kann kaum sein Leben lang Unsinn lehren, ohne nicht selbst auch etwas daran zu glauben.

Und ich räume auch ein, daß eine Gesellschaft, die darauf verzichtete, ihre Mitglieder politisch – und zwar in ihrem Sinne – zu erziehen, ebenfalls undenkbar ist. Sobald man den Bereich des Politischen betritt, ist Volkserziehung einfach nur ein anderes Wort für Verdummung. In der Politik steht viel zu viel auf den Spiel, als daß auch nur irgendein Gemeinwesen darauf verzichten könnte, um diesen Komplex ein Geflecht aus Nebel und Dornen zu legen.

Aber gut, entgegne ich mir selbst, für diesen notwendigen Unsinn gibt es bereits ein Fach: Sozialkunde, Politische Weltkunde, Staatsbürgerkunde – wie immer man es nennt. Nichts, was in Ethik und Religion besprochen wird, was nicht auch in Sozialkunde besprochen werden könnte.

Wollte man hingegen überlegen, wie die Ethik als Unterrichtsinhalt zu retten wäre, so sehe ich nur eine Möglichkeit. Die Ethik, als Teil der praktischen Philosophie, sollte auch entsprechend eingeordnet werden. Sinnvoll wäre eine bundesweite Abschaffung der Pflichtfächer Religion und Ethik, bis zur sechsten Klasse ersatzlos, und ab der siebten Klasse ersetzt durch ein Pflichtfach Philosophie. In diesem Fach könnte dann neben Einführungen in Bereiche wie Logik, Erkenntnistheorie, Ontologie und Sprachphilosophie auch Bekanntschaft mit den politischen Ideen der Geschichte und ihren verschiedenen ethischen Konzeptionen gemacht werden. Denkbar wären sicher auch Abschnitte wie Religionsphilosophie, Wissenschaftstheorie oder Philosophie der Natur. Und all das dann selbstverständlich nicht als Lehre, sondern als Vermittlung von Wissen, als Einführung in die Belange der Welt und als Möglichkeit, sich über diese ein Urteil innerhalb fundierter Kenntnisse zu bilden.

Auch wenn ich natürlich weiß, daß die meisten Bereiche der Philosophie ein Denken erfordern, das auf Lebenserfahrung beruht, und daß also junge Menschen im Grunde mit solchen Aufgaben überfordert sind, hielte ich – wenn man schon den Bereich, in dem Ethik und Religion siedeln, durch ein Fach abgedeckt haben will – die Ersetzung von Ethik und Religion durch die Philosophie für den bestmöglichen Weg. Bekanntschaft mit den Ideen der Welt hat noch keinem geschadet und semper aliquid haeret.

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  2 Responses to “Unterweisung in das Unlehrbare II”

  1. zu den “traurigen Angeboten der Wirklichkeit” scheint auch zu gehören, dass “Harry Potter” laut Schulauffassung den Kampf “zwischen Gut und Bose” zu praesentieren habe

  2. Es gibt eine einfache Definition des Bösen: Böse sind immer die anderen.

    Sie bringen mich übrigens auf Gedanken. Ich hatte kurz nach dem Erscheinen des 7. Potter-Bandes, worin eine ganze Menge an Informationen stehen, die erst das gesamte Bild der Saga abrunden und viele vorher rätselhafte Elemente erklären oder in ein neues Licht rücken, an einem fröhlich-geselligen Abend den Ansatz zu einer Interpretation entwickelt. Ich habe die Rückkehr Lord Voldemorts als Warnung vor der Rückkehr des Kommunismus gedeutet. Die Sache war nicht ganz ernst gemeint, mehr ein kleines Gedankenspiel, dessen Spaß darin bestand zu sehen, wohin man gelangt, wenn man einen bestimmten Ansatz bis an die Grenzen seiner Wirksamkeit führt. Das Witzige an der Sache war, daß sich dieser Ansatz in der Tat ziemlich weit fortreiben ließ. Ich glaube nicht, daß mir irgendwas dazu notiert habe, aber vielleicht, wenn ich einen meiner weniger ernsten Tage habe, mache ich hier mal einen Eintrag dazu.

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