Zwölf Meter im Quadrat, ein Laken, Wein
Und über uns das Weltall stürzt nicht ein.

endet eines seiner schönsten Gedichte. Man wünscht, die Welt wäre wirklich so. Aber das eben ist, was Kunst macht: sie macht uns wünschen. Und sei es nur Glück wünschen wie in diesem Fall dem Rainer Kirsch, einem großen Lyriker, der heute seinen 75. Geburtstag feiert.

Daß hinter dem Lyriker Kirsch auch immer ein Kopf steckte, der ebenso wichtige Gedanken aus seinem Dichten zog wie er auch sein Dichten gedanklich untermauerte, wurde oft übersehen. Zu oft. Vielleicht ist es das traurige Schicksal der Lyriker, daß niemand ihnen glaubt, daß sie hinter ihren Versen auch noch Gedanken haben. Es geistert beim Worte Lyriker im Common Sense weithin das Bild eines ganz naturwüchsigen Poeten um, der seine Dichtung eher intuitiv, ganz ungedanklich, ausschließlich im Affekt hervorbringt und der keiner anderen Reflexionen fähig ist als der allersubjektivsten. Das mag sicher auf die meisten der gegenwärtigen Lyriker treffen; ihre Gedichte sind ja dann auch entsprechend. – Auf Kirsch trifft es nicht.

Aus diesem Grund möchte ich den Anlaß des Jubiläums nicht mit einem Kirsch-Gedicht begehen, sondern mit einer theoretischen Reflexion, die Rainer Kirsch im Januar 1980 in einem Interview mit Rüdiger Bernhardt in die Welt gesetzt hat und von der ich meine, daß sie den klassischen Kunstgedanken auf makellose Weise zur Anschauung bringt: Continue reading »

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