Heinrich Böll
Ich bin sicher kein großer Verehrer dieses Dichters. Das meiste, was Böll geschrieben hat, hat mich, wie ich gestehen muß, gelangweilt. Immerhin: “Nicht nur zur Weihnachtszeit” und “Das gesammelte Schweigen des Dr. Murke” sind wunderbare Erzählungen, vielleicht sogar Glanzstücke deutscher Prosa.
Bölls bestes Prosastück ist indes ein ganz kleines, kaum bekanntes. Es ist, wenn ich es richtig verstehe, eine Parabel auf das Verhältnis, in dem Repression und Gehirnwäsche im modernen Zeitalter stehen. Gerade in Bezug auf die Wirkweisen unserer durch die modernen Medien getragenen Bewußtseinsindustrie scheint mir das ein überaus aktuelles Thema. Wer das Denken und Fühlen der Menschen bestimmen kann, bedarf nicht mehr so sehr der äußerlichen Absicherungen wie wenn er die Hoheit über der Menschen Innerstes nicht hätte.
Weggeflogen sind sie nicht
Heinrich BöllSie fragen mich nach dem wichtigsten kulturellen und gesellschaftlichen Ereignis des Jahres? Warum sollten diese beiden Ereignisse getrennt sein? Sind nicht Kultur und Gesellschaft untrennbar, ja unzertrennlich, wie Kunst und Gesellschaft auf ewig getrennt sind:
Für mich war das wichtigste kulturelle und zugleich wichtigste gesellschaftliche Ereignis des Jahres der Besuch, den ich alljährlich meiner Freundin, der Schnee-Eule, im hiesigen Zoo abstatte.Was mich zu ihr treibt, sozusagen an ihren Hof – denn sie empfängt nicht immer und noch lange nicht jedermann -, was mich zu ihr treibt: Sie ist so schön, so rein, so wild und klug. Auch kühn ist sie, wenn sie auch im Augenblick von ihrer Kühnheit nicht viel Gebrauch machen kann: Was man als ihr Existenzminimum errechnet hat, bekommt sie ans Gitter gebracht.
Worüber ich mich mit ihr unterhalte? Nun, worüber unterhalten sich Schriftsteller mit Schnee-Eulen? Natürlich über das nie zu erschöpfende Thema Form und Inhalt. In diesem Jahr war unser Gesprächsthema Form und Inhalt der Freiheit.
Ich fragte die Schnee-Eule, ob man auch ihr, wie den Pelikanen und Kondoren, ein Freigehege angeboten habe. Sie sagte, ja, das habe man, aber sie habe abgelehnt, sie zöge den Käfig vor.
Ich schwieg betroffen, kam mir, wie so oft, schon, wenn ich mit dieser reinen, schönen, klugen, wilden Freundin mich unterhalte – ich kam mir sehr dumm vor.
Hast du denn nicht gesehen, fragte sie mich, was mit den Pelikanen und Kondoren los ist? Doch, sagte ich, ich sah, wie sie ihre herrlichen Flügel spreizten und schwangen, ihre majestätische Pracht ausbreiteten.
Und hast du, fragte meine Freundin, die Schnee-Eule, hast du denn gesehen, dass sie davongeflogen sind? Nein, sagte ich, weggeflogen sind sie nicht.
Und warum nicht, mein törichter Freund?, sagte die Schnee-Eule, weil sie ihre Flügel schwingen und drehen, ihre ganze Pracht ausbreiten, aber nicht wegfliegen können: man hat ihnen die Schwungfedern gestutzt.
Deshalb ziehe ich es vor, im Käfig zu bleiben.
Freigehege bedeutet: keine Gitter, aber gestutzte Flügel, Käfig bedeutet: Gitter, aber ungestutzte Flügel.
Wegfliegen können sie sowenig wie ich.
[...] Lesen und drüber nachdenken! [...]
[...] Felix Bartels, via [...]
[...] findet sich ein interessante Zitat von Heinrich Böll mit Quellenverweis, zwei Formen des Eingesperrt sein, doch ist eine beschränkter noch als die andere. Die Eule [...]