Ich lese an Memoiren oder Biographien eigentlich nur solche, die spannende Persönlichkeiten betreffen. Von Leuten also wie Cäsar, Bismarck oder Ulbricht. Ich käme im Traum nicht auf die Idee, die Memoiren von Egon Krenz zu lesen. Auf ihn trifft nun wirklich, was Stefan Heym in einem seiner berüchtigten Amokurteile gleich über die ganze DDR sagte: er ist eine Fußnote in der Geschichte. Dabei fällt es durchaus schwer zu entscheiden, was hierfür eher den Ausschlag gibt, die historische Situation, in der Krenz nach oben gespült wurde, oder die Person Krenz. Es kann als kaum mehr als Zufall gewesen sein, der mich über eine Passage aus Krenzens jüngst erschienenen Gefängnis-Notizen stolpern machte:

Peter Hacks beschrieb vor einigen Jahren: „Diesem Land ist weggenommen worden ein schlechter Sozialismus und gegeben worden ein schlechter Kapitalis­mus“. Er glaube, dass die Leute lernen, dass der „schlechteste Sozialismus immer noch besser ist als der beste Kapitalismus.“ Hacks vertraut darauf, dass die Men­schen lernfähig sind. Er hat Recht behalten. Überdies haben die Ostdeutschen einen großen Vorteil: Sie haben zwei gesellschaftliche Systeme erlebt. Sie können verglei­chen.

Was für ein Absatz! Die Weltgeschichte applaudiert. Der Applaus ist unbeschreiblich laut und stürmisch. Ich habe also die Höflichkeit, einen weiteren Absatz zu warten, bis der Beifall versiegt. Man kommt bei dem Lärm ohnehin nicht zu Wort.

Nun, ein kurzer Absatz, er war so kurz wie der Beifall, und der war eben so kurz, wie er laut war. Er starb just in dem Moment, als man im Auditorium begann, über den Inhalt des Gesagten nachzudenken. So ist es ja immer: Wir nehmen zunächst die Tendenz einer Aussage wahr und freuen oder ärgern uns; erst in einem zweiten Schritt prüfen wir die Argumentation. Es gibt Weisen, das Richtige zu verteidigen, die durchaus eher dem Unrichtigen in die Hände spielen, und Egon Krenz, der sich hier auf eine der schwächeren Bemerkungen von Peter Hacks beruft, gibt einmal mehr ein Beispiel davon, daß sein ganzes Leben geprägt ist von zwei Konstanten: die Hege bester Absichten und das unbeschreibliche Talent, diese Absichten auf eine derart unfähige Weise zu verfolgen, daß just das Gegenteil dessen, was erreicht sein soll, erreicht wird. – Wenn ich dereinst vor meinen Schöpfer zu treten habe, ich wollte ungern in einer solchen Lage sein; aber schließlich muß jeder selbst wissen, wie er sein Leben gestaltet. So wie wir leben, werden wir gestorben sein.

Offen gesagt: Mir gefällt nicht, wie dieser ehemalige Staatschef sich da äußert, und was mir daran nicht gefällt, will ich in drei Teilen erklären. Der erste Teil, dieser hier, handelt vom Persönlichen. Wenn ich den abgehandelt habe, wird auch Krenz keine Rolle mehr spielen. Er ist nur der Anlaß und könnte nie der Grund sein, der mich bewegt, eine dreiteilige Folge in meinem Journal zu schreiben. Aber bleiben wir zunächst und für heute bei diesem Anlaß.

Ich will ja nicht ungerecht sein. Die Argumentation, auf die Krenz sich beruft, ist nicht durchweg falsch. Ihr wohnt eine gewisse Folgerichtigkeit inne, wofern man bestimmte Prämissen akzeptiert. Wenn man nämlich in den Übeln des Kapitalismus die Hauptübel der Zeit sieht, die es vor allem zu beseitigen gilt, dann stimmt die Argumentation zumindest insoweit, als man bestimmte Grenzfälle ausnimmt. Das sind genauer zwei Prämissen. Die erste besagt, daß es in unserem Zeitalter möglicherweise auch noch andere Übel gibt als nur die, die vom Kapital verursacht werden, und also die Frage besteht, wie man die verschiedenen Übel gewichtet; man fragt sich, meint das z.B., ob man bestimmte Übel in Kauf nimmt, um andere zu beseitigen. Die zweite Prämisse schließt bestimmte geschichtliche Zustände des Sozialismus, besagte Grenzfälle, aus. Es gibt Orte und Zeiten, an denen es kaum gesund war, im Sozialismus zu leben, von denen man auch beim besten Willen also nicht sagen kann, daß sie selbst den besten Zuständen im Kapitalismus vorzuziehen wären. Wenn ich persönlich urteile – und das Recht hierzu hat, wie ich in später noch ausführen werde, jeder Mensch –, halte ich nicht für verfehlt zu sagen, daß ich einem Leben in der UdSSR während der Jeschowschtschina oder einem in Albanien unter Enver Hoxha oder gar einem im China Mao Tse-tungs zwischen 1956 und 1976 das Leben, das ich gegenwärtig führe, jederzeit vorzöge. Ich bin nun wahrlich kein Trotzkopf, der keine Realität akzeptieren will als die allervollkommenste, ich bin, will ich sagen, nicht verrückt genug zu glauben, in der Wirklichkeit ließen sich bestimmte Vorteile erringen, ohne daß diese nicht auch bestimmte Nachteile mit sich brächten. So ist die Welt nicht gemacht. Doch vor die Wahl gestellt, mich als Schullehrer von meinen eigenen Schülern durch das Dorf treiben zu lassen mit einer Papiertüte auf dem Kopf, auf der in Hànzì geschmiert so nette Worte wie Konterrevolutionär oder Schwarzes Schwein zu lesen stehen, oder hier in diesem kleinen Journal zu schreiben, schlage ich das Angebot der Ortsveränderung gern aus, denn das, liebe Freunde, ist keine Frage der richtigen Entscheidung, das ist überhaupt keine Wahl.

Soviel an Zugeständnissen, wobei bereits hier schon klar ist, daß Hacksens Satz, daß selbst der „schlechteste Sozialismus immer noch besser ist als der beste Kapitalismus“, schon durch den Ausschluß gewisser Grenzfälle nicht mehr gültig wäre. Kennt man indes den Kontext der Äußerung (s. Thiele/Oehme (Hrsg.): Am Ende verstehen sie es, Berlin 2005, S. 31), ist allerdings klar, daß Hacks seine Aussagen auf die DDR bezogen hat, in der es – sehr zum Leidwesen ideologischer Akrobaten wie Hubertus Knabe und Marianne Birthler – Exzesse, vergleichbar der Kulturrevolution oder der Jeschowschtschina oder denen in Hoxhas Albanien, nicht einmal im Ansatz gegeben hat.

Und dennoch bleibt das Argument schlecht; es legt sich mit der Evidenz der Erscheinungen an, und das ist ein Kampf, den anzunehmen ich keiner Theorie raten würde. Bevor ich aber zum Argument selbst komme, will ich darauf hinweisen, daß das Argument, auch wenn das merkwürdig klingt, noch schlechter dadurch wird, daß Egon Krenz sich darauf beruft. Wenn Peter Hacks nämlich eine solche Äußerung in die Welt setzt, dann tut er es als einer, der seit langem die DDR und ihre politischen Bewegungen kritisch begleitet hat, der aber trotz aller Kritik an bestimmten Verfehlungen seinen politischen Platz stets genau bestimmt hat und kein Verrücken dieses Platzes duldete. Wenn Egon Krenz hingegen Hacksens Satz ins Spiel bringt, dann hat das den faden Beigeschmack der selbstbesorgten Vergebung.

Egon Krenz war über Jahrzehnte Teil der Honecker-Administration und, wie man weiß, einer der intensivsten Fürsprecher der politischen Linie Erich Honeckers. Dieser benötigte neunzehn Jahre, um ein Land, das er in einem wirtschaftlichen und politischen Zustand von seinem Vorgänger übernommen hatte, den man kaum als schlecht bezeichnen kann, in Grund und Boden zu wirtschaften. Unter Mißachtung der richtigen Proportion von Akkumulation und Konsumtion, bei gleichzeitiger Anhäufung von Staatsschulden und der Vernachlässigung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung der Produktivkräfte mußte geschehen, was letztlich geschehen ist. Alles weitere – der größerwerdende Riß zwischen Ideologie und Wirklichkeit, die Unzufriedenheit in der Bevölkerung, das Aufblähen der Organe innerer Sicherheit, der politische Zickzack-Kurs – sind letztlich nur Folgen der Nichtbewältigung des wirtschaftlichen Fortschritts. Und für diesen – absehbaren – Niedergang zeichnet neben Leuten wie Erich Honecker und Günter Mittag auch ein Egon Krenz verantwortlich.

Dieser selbe Egon Krenz aber, der den Nieder- und Untergang der DDR persönlich zu verantworten hat, der mitverantwortlich ist für den internationalen Eindruck, daß die Organisationsform der geplanten Wirtschaft den Anforderungen industrieller Hochleistung nicht genügen kann, der also mitverantwortlich dafür ist, daß dem Sozialismus nunmehr der Ruf der Mittelmäßigkeit und sozusagen ein Loserimage anhängt, stellt sich jetzt hinter den Gedanken, daß selbst der schlechteste Sozialismus noch besser sei als der beste Kapitalismus.

Das ist, was es ist: ein plumper Versuch, den Leuten eine schlechte Mahlzeit als exquisite zu verkaufen, ein Versuch, sich im Angesicht eigenen Versagens selbst ein wenig Vergebung zu verschaffen. Und die Botschaft ist fatal, denn sie lautet: Seid zufrieden mit dem Mist, den wir euch geboten haben, denn es gibt noch viel Schlimmeres auf der Welt.

André Thiele fragt sich im Angesicht dieser Äußerung:

Wie soll man denn mit dieser Prämisse verstehen, dass es eine Leistung war, die DDR zu haben?

Aber genau das ist die Tendenz, die Krenz – mag sein, nicht bei vollem Bewußtsein – verfolgt. Wo alle Ausprägungen des Sozialismus gleichgemacht werden und die sozialistische Gesellschaft als solche, naturgemäß und ohne weiteres Zutun der politischen Kräfte, als überlegen und besser definiert wird, entledigen sich die an ihm beteiligten Subjekte der Verantwortung, den Sozialismus wirklich besser zu gestalten. Und genau dort, wo, wie bei Egon Krenz, die persönliche Leistung gefehlt hat, ist natürlich jede Erinnerung an die Leistungen vor und neben ihm höchst unwillkommen.

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