Peter Hacks besaß eine erstaunliche Fähigkeit. Er konnte komplizierte Sachverhalte in Formeln auf den Punkt bringen. Diese Gabe verlor sich auch dann nicht, wenn die Formeln falsch waren. Ich bitte, richtig verstanden zu werden: In gewissem Sinn sind Formeln immer falsch, weil sie nicht genug Raum bieten, einen wirklichen Widerspruch und also einen wirklichen Zusammenhang auszudrücken. Selbst von den guten und treffenden Formeln gilt, daß sie immer eine andere Seite haben, der auch ein wenig Wahrheit anhaftet. Aber die Formel, von der wir hier reden, ist nicht nur insofern falsch, als sie einseitig ist, sondern sie ist falsch, weil sie falsch ist. Es gibt hierfür zwei Gründe, und den ersten der beiden will ich heute benennen (der zweite folgt in Teil III).
Das heißt, Hacks selbst hat ihn im Grunde schon einmal, und auch wieder hübsch formelhaft, benannt:
DDR konkret
Dies war dir lästig, jenes angenehm?
Bedenke, Tropf: ein Staat ist ein System.
Wir sehen, Hacks konnte durchaus klüger sein als Hacks. Kann Krenz auch klüger sein als Krenz? Aber bleiben wir bei der Sache.
Was in dem Gedanken vom System steckt, ist klar. System (abgeleitet vom griechischen synhistamai) bedeutet so viele wie Zusammengestelltes; die Einheit eines Systems liegt also in keinem seiner Bestandteile, und nur als Ganzes ist es, was es ist. In der Wirklichkeit kann ein lebendiges Staatsgebilde viele Elemente zu sich nehmen, die ihm dann nur akzidentiell angehören, also austauschbar sind. Diese Elemente sind, was immer sie sind, nicht Teil des Systems. Das System ist das Resultat einer Rechnung: das konkrete Gebilde abzüglich aller Elemente, die nicht notwendig an ihm sein müssen.
Was aus dem Gedanken des Systems folgt, ist ebenfalls klar. Da man ein Staatsgebilde nicht beliebig mit Elementen anreichern kann, weil bestimmte Elemente anderen Elementen widersprechen und also nur solche Elemente dem Staatsgebilde hinzugefügt werden können, die keinem der systemimmanenten Elemente widersprechen, ist es ganz folgerichtig, daß es ein absolutes Besser oder Schlechter bei Systemen geben kann. Man kann an einem System nicht beliebig viel Einzelnes verändern, ohne daß das reale Gebilde seinen wesentlichen, d.h. seinen System-Charakter verliert oder lebensunfähig wird. Manche Vorzüge lassen sich mit anderen Vorzügen nicht in dasselbe System bringen; bestimmte Vorzüge bedingen bestimmte Nachteile. So ist es z.B. nicht möglich, das demokratische Prinzip durchzusetzen, ohne die Freiheit beschränken, und umgekehrt, bedeutet die Durchsetzung der Freiheit immer den Verlustes der Demokratie. Wo Licht ist, ist eben immer auch Schatten.
Was sich jedoch bei der Frage nach der Bewertung von gesellschaftlichen Formationen grundlegend festellen läßt, ist weder ein absolutes Besser oder Schlechter noch die so dürftige wie folgenlose Erkenntnis, daß gesellschaftliche Formationen schlechthin inkommensurabel sind, sondern eben die Antwort auf die Frage, in Bezug auf welche Bedürfnisse die verschiedenen Systeme besser oder schlechter sind. Man muß schauen, welche Vorzüge die verschiedenen System hervorbringen und welche nicht, und Bewertung der Systeme hängt alsdann von der Bewertung der Vorzüge ab, die sie einander voraus oder nicht voraus haben.
Es gibt, konkret gesagt, Leute, denen die Abschaffung von Ausbeutung und sozialer Ungleichheit wichtiger ist als z.B. Pressefreiheit und parlamentarischer Wahlzirkus. Letztlich sind das Geschmacksfragen. Es muß jeder selbst wissen, in welcher Welt er leben will: in einer mit Armut und BILD-Zeitung oder in einer ohne das eine und das andere. Was aber jedenfalls aus dem Systemgedanken folgt, ist der Gedanke der Subjektivität, die alles bedingt, was mit der Bewertung von Politik und Gesellschaft zu tun, und genau davon handelt der letzte Teil meiner Bemerkungen.
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