Die Krenzen schlechter Argumente III

Das Nachdenken über die Systemfrage hat die Erkenntnis erbracht, daß es kein absolutes Besser oder Schlechter gibt, sondern daß Systeme immer nur im Licht bestimmter Ziele besser oder schlechter sind. Was an einem System als besser oder schlechter angesehen werden muß, liegt also in den Interessen und Bedürfnissen des jeweiligen Menschen, der es bewertet. Er entscheidet, welchen Zielen er den Vorrang gibt, welche ihm zweitrangig und welche ihm überhaupt nicht erstrebenswert scheinen. Die Politik, will ich damit sagen, steht von Anfang bis Ende unter dem Vorzeichen der Subjektivität, denn in ihr verfolgen Menschen ihre Interessen, und Interessen sind subjektiv.

Der Marxismus nimmt gern für sich in Anspruch, den Sozialismus von einer Utopie zur Wissenschaft entwickelt zu haben. Sofern sich dieser Gedanke auf die Methode bezieht, ruht in ihm eine gewisse Wahrheit, und ich sage das eingedenk der Tatsache, daß weißgott nicht alles, was marxistisch daherkommt oder auch marxistisch ist, gleich wissenschaftlich genannt werden kann (es ist eine Eigenheit der marxistischen Tradition, gern “wissenschaftlich” anstelle von “politisch” zu sagen; das Theorem der Einheit von Wissenschaftlichkeit und Parteilichkeit ist an Dummheit wohl kaum zu überbieten; vielleicht ist es deswegen so irrsinnig beliebt bei denen, die von Wissenschaft keinen Schimmer haben). Was indes vom Übergang der Utopie zur Wissenschaft unbetroffen bleibt, ist das Ziel des Handelns, der eigentliche Grund der politischen Bewegung. An dem hat sich von Saint-Simon zu Marx nichts geändert. Denn auch die politischen Ziele Marxens, die er allzu gern als Resultate wissenschaftlicher Schlußfolgerungen ausgab, sind bei Lichte besehen nie etwas anderes gewesen als die systematisierten und zusammengefaßten Interessen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Sicherlich ist es Marx z.B. gelungen nachzuweisen, daß durch den tendentiellen Fall der Profitrate die Intensitität der Ausbeutung auch tendentiell steigen muß, wodurch der ohnehin schon bestehende Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital verschärft wird, aber in dieser Erkenntnis steckt noch lange nicht die Schlußfolgerung, daß dieser Zustand grundsätzlich gelöst werden muß. Die Entscheidung, eine alternative Gesellschaftsform anzustreben, kommt ganz aus der Subjektivität der in der Gesellschaft lebenden Menschen. Menschen kommen erst auf den Gedanken, nicht mehr in einem System leben zu wollen, wenn sich wirklich nicht mehr in dem System leben läßt. Niemand macht sich die Mühe, eine Revolution zu veranstalten, bloß weil ihm langweilig ist.  Alles andere ist revolutionäre Gymnastik, die mit Revolution so viel zu tun hat wie Rudi Dutschke mit Lenin.

Wenn man sich bei vollem Bewußtsein auf eine politische Unternehmung einläßt, ist es nicht möglich, von ihr enttäuscht zu werden. Die Möglichkeiten der Menschen (das meint: was diese leisten können und was man ihnen zumuten kann) zu überschätzen ist ein sicheres Merkmal unerfahrener, also meist junger Menschen. Es gibt freilich auch eine Sorte, die überhaupt resistent ist gegen Erfahrungen und entsprechendes Daraus-Lernen, die also bis ins hohe Alter zur Welt einen rein subjektiven Zugang behält. Umgekehrt ist es gut möglich, dem Kapitalismus in seiner systematischen Eigenschaft zu akzeptieren, wenn man sich einmal entschlossen hat, seine Vorzüge für wichtiger zu halten als seine Nachteile. Ich sage nicht, daß eine solche Entscheidung sympathisch ist, aber sie ist möglich, d.h. gegen sie spricht wirklich nichts anderes als der Gedanke der Humanität und also wiederum etwas, das ganz dem Subjektiven angehört.

Aus dem nämlichen Grund aber ist es vollends verfehlt, den Hinweis auf die Fehler des Sozialismus mit dem Hinweis auf die Fehler das Kapitalismus zu kontern. Das ist ein schwaches Verfahren. Und es ist zu defensiv.

Der Sozialismus hat sich nicht am Kapitalismus zu messen, sondern an seinen eigenen Ansprüchen, die in Punkten, die seine Vorzüge ausmachen, ohnehin höher sein sollten als die des Kapitalismus. Die Prämisse, selbst der schlechteste Sozialismus sei immer noch besser als der beste Kapitalismus ist nicht gerade eine, die einer aus dem Hut zaubert, der von der Stärke des Sozialismus überzeugt ist. Sie klingt eher wie eine änglstliche Vorsorge, in der Definition zu lösen, was in der Wirklichkeit schwerer zu lösen ist. Deutlicher gesagt: Aus Angst, er könne sich als weniger vorteilhaft erweisen, wird dem Sozialismus a priori ein Gutschein ausgestellt, der ihn jeglicher Infragestellung enthebt. Ein solches Verfahren, bestenfalls geeignet, Holzköpfe bei Laune zu halten, ist verheerend, weil es im Grunde besagt, daß es gleich ist, wie gut der Sozialismus als reale Erscheinung dann schließlich gemacht ist. Es übersieht, wozu der ganze Zirkus veranstaltet wurde. Nicht sie sozialistischer zu machen, wurde der Sozialismus in die Welt gesetzt, sondern sie besser zu machen. Das war der Anspruch, und wer diesen Anspruch aus der Gleichung streicht, gerät leicht auf Abwege. Die Grundbedingungen dieser Gesellschaft zu schaffen, ist das eine. Aber wirksam werden auch die nur, wenn die Politik die richtige ist. Da trennt sich die Spreu vom Weizen, aber genau auf diese Differenz kommt es an.

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