Jul 052009
 

Ein anderer Sinn, in dem sich das Unendliche verstehen läßt, ist der, daß die Dinge auch etwas wie eine Unendlichkeit im Endlichen besitzen. Es ist aber, wie sogleich festgehalten sei, eher eine praktische Unendlichkeit denn eine theoretische.

Unendlichkeit im Endlichen, das bedeutet: ein endliches Ding teilt sich genau genommen nicht in Definition und Akzidens, also in sein Wesentliches und Unwesentliches. Streng genommen gibt es an ihm nichts Unwesentliches. Alles, was an ihm ist, trägt zu seinem besonderen Charakter bei. Hierzu zählen neben seinen immanenten Eigenheiten auch die Beziehungen, die das Ding zu anderen Dingen eingeht. Hierzu zählen sogar die unzähligen nicht erfaßbaren Möglichkeiten, die an ihm unrealisiert blieben; denn alle Möglichkeiten eines Dings Continue reading »

Jul 042009
 

Der Professor Lesch betont immer, daß wir nur Innenarchitektur des Universums betreiben können. Wir können, soll das heißen, weder wissen, was zeitlich vor der Entstehung desselben passiert ist, noch können wir wissen, was räumlich außerhalb desselben ist. Denn bezogen auf das Universum gibt es ein Vor und ein Außerhalb in unserem zeitlich-räumlichen Sinne nicht. Das Universum, will das wohl sagen, ist nicht unendlich.

Wenn Philosophen allerdings von Unendlichkeit sprechen, meinen sie etwas anderes als die Physiker. Physiker wissen viel über die Natur; von der Welt verstehen sie wenig. Der höchste Begriff vom Sein fordert Totalität, d.h.: die Welt als solche läßt sich nur als Einheit denken. Totalität, wenn sie auf das Sein bezogen ist, besitzt aber Continue reading »

Jul 032009
 

Jeder Mensch, ob er will oder nicht, muß sich ein Bild von der Welt machen. Jedes Bild, ob sein Schöpfer es will oder nicht, behauptet eine Einheit. Wir können die Welt nur als Einheit auffassen, wie verschiedenartig immer die Strukturen sein mögen, die wir innerhalb des Bildes zulassen. Die Weltbilder unterscheiden sich nicht darin, daß sie eine Einheit der Welt behaupten oder nicht, sondern allein dadurch, wie weit die in ihnen behauptete Einheit der Wirklichkeit gerecht wird.

Es ist natürlich, daß man nicht mit ausgereiften Modellen debütieren kann. Jeder Gedanke bedarf der Probe. Ein Weltbild, da es aus vielen Gedanken besteht, bedarf vieler Proben. Es wird sich, will es den Geistesstand seines Schöpfers verkörpern, im Laufe dieser Proben an vielen Stellen ändern müssen. Diese Änderungen Continue reading »

Jul 022009
 

Die Frage, ob in der Philosophie Entwicklung, d.h. Bewegung im Sinne eines Ganges vom Niederen zu Höhern, stattfindet, dürfte wohl kaum eine sein, auf deren Beantwortung sich die Menschen einmal werden einigen können. Es gibt gute Gründe, sie mit ja zu beantworten, und es gibt gute Gründe, ihre endgültige Beantwortung vielleicht noch etwas auszusetzen. Und es gibt gute Gründe anzunehmen, daß dieses Noch eines von Dauer und also eigentlich nur ein vermeintliches Noch ist (denn ein Noch, das immer gilt, verliert seine Geltung). Sicher zumindest scheint, daß, wenn Entwicklung in der Philosophie statthat, sie von anderer Art ist als die naturwissenschaftlich-technische, die weitgehend linear verläuft, und auch anders als die gesellschaftliche, die über Negationen vermittelt ist, doch über größere Zeiträume hinweg – zumindest bis dato – stets noch Verbesserung der menschlichen Lebenslage bewirkt hat. Die Philosophie dagegen setzt vielmehr in längeren Abständen ihre Highlights und scheint in den Zwischenzeiten vorzüglich damit beschäftigt zu sein, gegen diese Gipfelpunkte zu rebellieren, vulgo: sich zum Esel zu machen. Continue reading »

Jul 012009
 

Ja, ich und Kant, nicht: Kant und ich.

Das war nie eine besondere Liebesgeschichte. Natürlich ist man als normaler Mensch geradezu verpflichtet, sich für Kant zu interessieren, und so gab und gibt es auch bei mir ein stets lebhaftes Interesse an ihm. Allerdings starb das immer in dem Maße, in dem ich dann diesem Interesse Folge leistete und ihn las. Und es wuchs genau in dem Maße, in dem ich es dann wieder nicht tat. Es ist, als wäre da eine Stahlfeder zwischen uns, Kant und mir, pardon: mir und Kant: Repulsion und Attraktion sinken jeweils in genau dem Maße, in dem man diesen Strebungen nachgegeben hat. Die Lektüre erzeugt Abstinenz und umgekehrt. Allein deswegen also schon, weil ich unfruchtbare Bewegung und Entwicklung zu unterscheiden weiß, bin ich mit Kant nicht gut Freund. Continue reading »