Goethe in China

Wie ich wohl schon einmal hab fallen lassen, ist mir Goethe nichts Geringeres als ein Gradmesser für Gesittung; das Verhältnis, das ein Mensch zu Goethe hat, verrät nichts anderes als seine Haltung zur Welt überhaupt und den Grad, in dem er dieselbe durchschaut hat. Goethe freilich war nie und ist nicht ohne Fehl, aber er ist viel mehr als ein fehlerloser Pedant, er ist ein Beispiel.

Die Verteidigung Goethes ist das Geschäft eines jeden Menschen von Honnêteté, und für dieses Geschäft ist beinahe jedes Kampffeld geeignet. Neuerdings belehrt mich gar ein Essay meiner Gattin, daß Goethe heute am Yangtsekiang verteidigt wird. Der Text beschäftigt sich mit der Bedeutung des chinesischen Intellektuellen Guo Moruos für die Goetherezeption in China und es heißt dort am Ende:

aber eine von Friedrich Engels geäußerte Bewertung in »Deutscher Sozialismus in Versen und Prosa« hatte das Goethe-Bild radikal verändert. Statt Goethe als vollkommenen Menschen zu sehen, übernahm man nun die Ansicht von dessen Doppelcharakter, dem »genialen Dichter« einerseits und »dem behutsamen Frankfurter Ratsherrnkind resp. Weimarschen Geheimrat« andererseits. Goethes politische Haltungen wurden nie ganz verstanden, wohl aus mangelnder Kenntnis der Verhältnisse im absolutistischen Deutschland und insbesondere in Weimar, aber auch dadurch, daß ein Wort von Engels wie ein Autoritätsargument wirkte, das andersgeartete Untersuchungen lange Zeit verhinderte.

Das ist zwar richtig, aber doch viel zu zart ausgedrückt. Goethe, hätte da stehen müssen, war nicht groß, obwohl, sondern weil er ein Fürstenknecht war. Der Absolutismus stand in Europa ca. 300 Jahre lang für den gesellschaftlichen Fortschritt, und solange das der Fall war, war Fürstentreue nur ein anderes Wort für politischen Wirklichkeitssinn. Daß dieser Zusammenhang, der schon den meisten Deutschen zu viel Schwierigkeit bereitet, als daß sie ihn verstehen könnten, für die Chinesen der Volksrepublik erst recht nicht verständlich war, überrascht sicher nicht. Bildlich gesprochen waren sie im Geisteszustand der Pupertät: eben gerade einem tausend Jahre währenden kindlichen Zustand entwachsen und nun damit beschäftigt, gegen alles Etablierte und Große anzustürmen. Da überrascht es kaum, daß sie den Goethe des Sturm und Drang liebten und mit dem Klassiker wenig anzufangen wußten.

Die zunehmende Beschäftigung mit Marx und ökonomischen sowie politischen Problemen in China brachte auch Guo mehr und mehr ab von ­Goethe, den er nun zuweilen sogar scharf kritisierte. Er gelangte zu der Ansicht, Goethes Kunst verleite die Menschen, die Besserung der gesamten Menschheit nur in der eigenen individuellen Entwicklung zu suchen, und daß die Bedeutung der Gemeinschaftstaten von ihm vernachlässigt werde. Neben Marx sei Goethe nur »ein Leuchtkäferchen im Sonnenschein«. Das Leid seiner Landsleute, das er bei einem Besuch in Peking erst richtig wahrnahm, hatte seine Perspektive verschoben. Guo kehrte mehrfach kurz und schließlich ganz aus Japan nach China zurück, nahm 1927 am »Nordfeldzug« gegen die lokalen Militärmachthaber teil und trat im selben Jahr der Kommunistischen Partei bei. Fortan und bis zu seinem Tode 1978 übernahm er zahlreiche politische Ämter, unter anderem als Kulturminister und stellvertretender Ministerpräsident der chinesischen Volksrepublik. Seine archäologischen Analysen und Untersuchungen zur Geschichte des alten China wurden wichtige Bestandteile der marxistischen Interpretation der chinesischen Geschichte; für literarische Übersetzungen blieb allerdings immer weniger Zeit. Durch seine Rolle in der Partei und seine Überzeugung, daß die Literatur in einer Phase, da das Volk leide, Instrument der Politik sein müsse, ist es schwierig, nach seinem Einstieg in die Politik zu unterscheiden, was Guo wider besseres Wissen der politischen Zweckmäßigkeit halber äußerte und was aus inhaltlichen Überzeugungen. Immerhin: in seiner letzten nachweisbaren Äußerung zu Goethe 1954 aber bewertet er diesen positiv.

Ich sehe einmal darüber hinweg, daß Guo hier vielleicht etwas zu gut wegkommt. Daß einige seiner archäologischen Interpretationen heute als wissenschaftlich kaum haltbar gelten, daß seine Auffassung der chinesischen Geschichte, ebenso wie der ganze Mao, als vulgärmarxistisch gelten müssen, hätte ruhig erwähnt werden dürfen. Auch daß Guo seine Hinwendung zur Politik mit einer klar artikulierten Abwendung von der Kunst verbunden hat, ist kein Geheimnis, weshalb sich eigentlich die Frage, ob er nun gemeint habe, was er gesagt hat, nicht wirklich stellt. Doch abgesehen davon eben ist der Fall Guo über die chinesische Spezifik hinaus exemplarisch für ein Problem des Marxismus überhaupt.

Es gibt Leute, die Goethe sehr schätzen, ohne ihn im mindesten verstanden zu haben. Dann gibt es welche, die ihn nicht schätzen, weil sie ihn nicht verstehen. Und schließlich sind da noch solche, die ihn mißbilligen, weil sie ihn ganz genau verstehen. Zu letzterer Gruppe - sie ist, anders als die ersten beiden, nicht sehr groß - gehören Marx und Engels, die Goethes Größe ganz verstanden und ohne Abstriche anerkannt haben, die aber ein gänzlich anderes Konzept von Politik verfolgten als das des Zentrismus und sich also von den politischen Lösungen eines Lassalle wie eines Hegel, eines Bismarck wie eines Bonaparte, eines Carl August wie eben auch eines Goethe abgegrenzt haben. Ihnen ging es nicht um das Austarieren der vorhandenen gesellschaftlicher Kräfte, sondern – zum Zwecke der endlichen Umwälzung – um die Stärkung einer einzigen der vorhandenen Kräfte, des Proletariats. Sie verfochten also einen im wesentlichen partikularistischen Standpunkt, was vielleicht dadurch ein bißchen entschuldbar ist, daß sie in der einen Grundfrage recht behielten, nämlich der, daß es Widersprüche gibt, wie den zwischen Kapital und Arbeit, die sich auf Dauer nicht vermitteln lassen. Dennoch kam alles recht anders, als Marx und Engels sich das vorgestellt haben, und ich rede gewiß nicht davon, daß die Idee des Kommunismus seit 1989 auf dem Rückmarsch ist, sondern davon, daß das zentristische Modell bei der gesellschaftlichen Umsetzung des Sozialismus eine denkwürdige Renaissance erlebt hat. Der Sozialismus, so zeigte sich, war eben nicht die einfache Umkehr der bisherigen Machtverhältnisse, der vollständige Sieg der Arbeiterklasse usw., sondern er erzeugte wiederum eine differenzierte gesellschaftliche Struktur mit eigenen Klassenverhältnissen und Widersprüchen, auch mit eigenen Bewegungsformen. Der sterile Begriff der Diktatur des Proletariats, der die sozialistische Gesellschaft auf eine einzige Funktion reduziert und selbst die noch ungenügend beschreibt, erwies als kaum hinreichend, um das zu beschreiben, was sich in der DDR zwischen 1952 und 1990 entwickelt hat.

Goethe und sein Politikverständnis, das will ich damit sagen, erlebten im Sozialismus ein munteres Comeback, und es gehört zu den Eigentümlichkeiten des politischen Geschäfts, daß dieser Umstand, je mehr er Wirklichkeit wurde, um so heftiger von den Ideologen des Sozialismus abgestritten wurde.

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