Matuschiade

Durchlaufen hab ich die furchtbare Bahn, sagte Klopstock einstens, als er seine Messiade nach Jahrzehnten fertiggestellt hatte. Ich meines Orts habe nicht solange gebraucht, um das, was für Alfred Matusches 100. Geburtstag zu tun war, hinter mich zu bringen, aber ich kann Sie beruhigen: Meine Liebesmüh war ganz so vergebens nicht wie die, die Klopstock mit der Herstellung jenes unlesbaren Dingsbums hatte, das etwas wie eine Ilias der Deutschen werden sollte, dann aber was ganz anderes wurde: ein – nunja – unlesbares Dingsbums.

Matusches Dramen haben dem Klopstockschen Epos immerhin das voraus, daß sie von einem Teil des Publikums gern gelesen werden. Ich will gar nicht scherzen: Matusche ist nicht jedermanns Sache, aber gäbe man ihm die Chance, uneingeschränkt auf das Publikum zu wirken, wäre seine Dramatik heute zumindest von einem hinlänglich großen Teil des Publikums gelesen und geschätzt. Doch an den Theatern geht es um alles mögliche, nur nicht um das Publikum.

Ich sprach gestern mit einem Berliner Theaterkritiker über die Publikumswirksamkeit von Alfred Matusche und Peter Hacks.

Ich: Matusches Poesie wirkt nicht unmittelbar. Man muß sich drauf einlassen. Da sind viele Kanten, zwischen denen man den passenden Eingang finden muß.

Er: Die Kanten bei Hacks sind eher rund.

Ich: Sagen wir doch, Hacks, der außen glatt ist, hat seine Kanten innen. Und bei Matusche ist es umgekehrt.

Ja, so geht und ginge das die ganze Zeit. Man reiht Pointe an Pointe, und die eine ist wahrer als die andere. Aber eine jede ist immer genauso unwahr, wie sie wahr ist. Das gilt von allen Pointen, soweit sie von Gegenständen handeln, die eine gewisse Mehrschichtigkeit aufweisen, und zu denen gehört – gottlob – auch Alfred Matusche. Matusche ist kein Rätsel, aber doch eine Herausforderung. Es gibt, will ich sagen, einiges an ihm zu entdecken.

Durchlaufen hab ich die fröhliche Bahn, und es entstanden dabei drei Texte zu Alfred Matusche, die ich Ihnen wärmstens zur Lektüre empfehle:

1) Ein Vortrag: Ein Dichter und ein Zeitgenosse – den ich gestern während der Buchpremiere in der Ladengalerie der jungen Welt gehalten habe,

2) ein Aufsatz: Mit steter Unruhe – der gestern in der jungen Welt erschien und eine Art Einführung in Alfred Matusche ist, sowie

3) ein Aufsatz: Wetterwechsel - der in der Festschrift enthalten ist und eine Untersuchung von Matusches ersten Drama (Welche, von den Frauen?) bietet.

Natürlich können Sie auch das Gebrabbel des Sekundärliteraten beiseite schieben und gleich Matusche lesen. Das wäre mir überhaupt am allerliebsten.

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