Wer gestern auf der zweiten Peter-Hacks-Tagung einen Stuhl besetzt hielt, konnte eines merkwürdigen Schauspiels ansichtig werden: Er konnte sehen, wie ein Sehender unterläßt, einem Blinden zu erklären, was Farbe ist. Gut, mögen Sie sagen, been there, done that. Mag sein, entgegne ich. Aber was interessieren mich Ihre Erfahrungen? Hier geht es um die meinen. Doch der Reihe nach.
Die Peter-Hacks-Tagung ist eine Veranstaltung, deren vornehmes Ziel darin liegt, die Beschäftigung mit dem Dichter Hacks im akademischen Betrieb voranzutreiben, daß sie extensiver und intensiver werde. Für dieses große und schöne Vorhaben bereits sei ihr, d.h. ihren Veranstaltern, ein Dank ausgesprochen, der durch nichts zu mindern ist. Durch andere wissenschaftliche Leistungen, die neben der Peter-Hacks-Tagung vollbracht werden oder noch im Begriffe sind, in das Reich der Tatsachen zu treten, ebenso wenig wie durch all jene Schwierigkeiten und Abstriche, die die Umsetzung eines größeren Vorhabens wohl unvermeidlich mit sich bringt.
Ich lobe ungern. Das hat immer etwas Peinliches, und im übrigen passiert es nicht selten, daß man mit einem Lob den Gelobten überfordert oder auch unterfordert. Beides verdrießt, den Gelobten wie den Lobenden. Aber meine Pflicht zu tun, muß ich natürlich erwähnen, daß auf der gestrigen Peter-Hacks-Tagung sechs Vorträge zu hören waren, von denen einer (der von Heidi Urbahn de Jauregui) sehr gut war, zweie (die von Jochanan Trilse-Finkelstein und Leonore Krenzlin) gut und einer (der von Peter Geist) mit Abstrichen gut. Fehlen noch zwei: Dieter Krafts Vortrag über das Hegel-Bild von Brecht und Hacks und Hans-Jochen Irmers Vortrag über Brecht, Hacks und das philologische UND. Diese beiden Vorträge waren exorbitant; der von Kraft exorbitant gut, der von Irmer exorbitant schlecht.
Ich wünschte, ich könnte Ihnen begründen, warum ich über Irmers Vortrag zu einem so harten Urteil komme, aber schauen Sie: eben das ist das Problem. Ich könnte nicht angeben, was darin gesagt wurde, weil Irmer einmal mehr seiner Vorliebe nachging, so langsam wie langweilig Einzelheiten aneinander zu reihen, deren Versammlung er innerhalb seines Vortrags nicht einmal den Ansatz einer Ordnung zu geben vermochte. Die Anekdote – hier wird sie zur wissenschaftlichen Methode, das Fehlen jedweder theoretischen Bewältigung des Stoffes somit Merkmal des Vortragenden. Und als hätte der Herrgott ein Einsehen mit uns gehabt, sandte er uns den Theologen und Philosophen Dieter Kraft, der in jeder Hinsicht das Gegenteil des Herrn Irmer ist, will sagen: der brillant und kurzweilig vorzutragen weiß, der seinen Stoff zu strukturieren und den Zuhörer durch den Vortrag zu leiten versteht. Und als hätte Gott Humor, gab er diesem Herrn seinen Namen, der besser als jeder andere auszudrücken vermag, was die hauptsächliche Stärke seines Vortrags war: die theoretisch kraftvolle Entwicklung von Gedanken, die zudem noch den großen Vorteil haben, daß sie zutreffend sind.
Ich durchschaue Sie übrigens: Sie halten meinen Vergleich für einseitig. Sie glauben, Irmer sei nicht so schlecht und Kraft nicht so gut, wie ich sage. Nun, nicht Sie waren auf der Tagung, sondern ich; Sie können nicht wissen, wie sehr zutrifft, was ich sage. Ich habe keine Scheu, das zu behaupten. Die Tagung wurde aufgezeichnet; alles ist beweisbar.
… und komme also auf das, was ich erzählen will. Hierzu allerdings muß ich schon eine weitere, nicht ganz so lütte Erklärung zwischenschalten. Ich konnte nicht sicher sein, welche Auffassungen Dieter Kraft in seinem Vortrag vertreten würde, ich hatte aber aus verschiedenen Gründen – nicht zuletzt, weil ich schon ein paar Arbeiten von ihm kannte und die von ihm redigierte Zeitschrift Topos seit Jahren beziehe – die Vermutung, daß ich am Ende ziemlich zufrieden mit seinen Ausführungen sein würde. Und so kam es dann ja auch. Präziser und wortgewandter, als ich es je könnte, führte Kraft aus, daß das Hegel-Bild, das Marx und Engels entwickelten, mit dem wirklichen Hegel in ziemlich entscheidenden Punkten wenig zu tun habe, daß Hacks sich im Gegensatz zu Brecht stärker an Hegel selbst orientiere und sein Schlüsselbegriff genau das war, was Brecht, Marx folgend, liquidierte: das System, womit also das eingreifende Denken Brechts ein auf direktes Handeln orientiertes sei, während Hacksens Eingreifen eher darin bestehe, Maßstäbe zu setzen.
Natürlich konnte Dieter Kraft bei der Behandlung des schwierigen Verhältnisses von Hegelscher Theorie und marxistischer Rezeption derselben nicht so ausführlich sein, wie es erforderlich gewesen wäre, wenn diese Frage bereits den Gegenstand seines Vortrags ausgemacht hätte. Die entscheidenden Stichworte fielen jedoch: Marxens fehlerhaftes Verständnis der Phänomenologie des Geistes (v.a. deren Begriffs des Selbstbewußtseins), Engels’ verhängnisvolle Destruktion des organischen und also untrennbaren Zusammenhangs des Hegelschen Systems und seines Inhalts (den er Dialektik nennt), die Unzulänglichkeit des Materialismusbegriffs, sofern er als Gegenbegriff zum in der Philosophie unvermeidlichen Idealismus (zum Gegenbegriff des Idealismus im Hegelschen Sinne also) verstanden wird, sowie und nicht zuletzt der grundlegende Irrtum von Marx und Engels, daß bei Hegel das Denken dem Sein auch im ontischen, historischen Sinn vorausgehe und nicht – wie es doch in Wahrheit der Fall ist – lediglich im methodischen. Davon abgesehen, daß er recht hat, rührte Kraft mit seinen Ausführungen allerdings an einen wunden Punkt. Der Marxismus schleppt diese Kinderkrankheiten des philosophischen Verständnisses Hegels bis heute mit sich herum, und solange die übergroße Mehrheit der Marxisten glaubt, daß es ganz und gar ausreiche, sich allein bei Marx und Engels über Hegel zu informieren, wird das auch so bleiben.
Ein lebhaftes Beispiel hierfür lieferte nun ausgerechnet der von mir so rüde wie zu Recht abgefertigte Hans-Jochen Irmer ab. Die Peter-Hacks-Tagung fand ihren Abschluß in einer Podiumsdiskussion aller Referenten der Tagung. Teilnahmen also auch Kraft und Irmer. Und Kraft schien nicht die geringste Lust zu verspüren, den Klassenunterschied zwischen ihm und Irmer zu verbergen. Ob das auch politische Gründe hatte (sprich: Kraft von Irmers opportunistischer Erinnerungskultur angewidert war), will ich nicht entscheiden, zumal es mir hier nicht um politische Differenzen geht, sondern um die natürliche Schwelle zwischen einem Menschen, der weiß, wovon er redet, und einem, der mit besonderer Vorliebe über das zu reden scheint, wovon er nichts weiß.
Letzter nun, unser Freund Irmer, stellte irgendwann in der Diskussion und recht unvermittelt die Frage, ob Hacks Marxist gewesen sei. Wer Irmer ein bißchen kennt, wußte natürlich sofort, worauf er hinauswollte. Wenn er, dessen Vorträge, wie oben beschrieben, hauptsächlich das Merkmal besitzen, daß in ihnen eine theoretische Bewältigung des Gegenstandes nicht stattfindet, so etwas wie eine Theorie zu Hacks hat, dann ist es diese: Hacks war kein Marxist, sondern Hegelianer. Das soll genauer besagen, daß Hacks kein wissenschaftliches Verständnis von Geschichte und gesellschaftlicher Wirklichkeit besaß, sondern eine Geschichtsphilosophie sein Eigen nannte, die ein Derivat derjenigen Hegels ist, von der wiederum Irmer zu wissen meint, daß sie im historischen Sinne den Geist vor die Wirklichkeit setzt. Nun saß aber mit Dieter Kraft einer auf dem Podium, der in seinem Vortrag am Vormittag gerade aufgezeigt hatte, daß dieses Verständnis der Hegelschen Philosophie nur dann funktioniert, wenn man Marxens Urteilen über dieselbe ein größeres Gewicht zuschreibt als Hegels eigenen Aussagen. Nur, Irmer könnte kaum sein, wie er ist, wenn er nicht gegen solche Einflüsse der Außenwelt wie z.B. Tatsachen oder logisch konsistente Argumente gut gepanzert wäre. Dieter Kraft reagierte indes eine Spur anders, als ich erwartete. Anstatt auf die relevanten Inhalte hinzuweisen, ging er gleich auf die Problematik der Methode ein: Die Frage, ob Hacks ein Marxist gewesen, sei unbeantwortbar, solange man nicht definiere, was ein Marxist ist. Begriffe, betonte Kraft, müssen, bevor man mit ihnen operiert, genau bestimmt werden. Dieser so selbstverständlich wie treffende Einwand prallte jedoch an Irmer ab, ohne die geringsten Spuren zu hinterlassen. Als hätte Kraft nie gesagt, was er doch gut vernehmbar geäußert hatte, nahm Irmer ein wenig später in der Diskussion das Thema wieder auf und beantwortete die Frage, die er gestellt hatte und auf die keiner so recht antworten wollte, kurzerhand selbst: Natürlich ist Hacks kein Marxist, denn er ist ja Hegelianer.
Dieter Kraft blieb verwehrt, direkt auf diese Äußerung zu antworten, da Irmer zunächst unternahm, in langsamer und langer Rede auf den Utopie-Begriff von Hacks zu sprechen zu kommen, von dem sich, bei aller Schwierigkeit, überhaupt Inhalte aus Irmerschen Reden zu entnehmen, immerhin das sagen läßt, daß Irmer auch den nicht verstanden hat. Keine 20 Minuten später kam Dieter Kraft dann schließlich doch noch zu Wort und konnte eine gewisse Gereiztheit kaum verbergen. Aber auch jetzt stand er weitgehend davon ab, inhaltlich Lehren zu erteilen, sondern beschränkte sich gegenüber Irmer darauf, ein weiteres Mal darauf zu verweisen, daß es sinnlos ist, mit Begriffen zu operieren, die man nicht genau definiert.
Als Zuschauer blieb mir, dieser Szene ansichtig, eine gewisse Unbefriedigung. So spürbar Krafts Überlegenheit war, so sehr wäre doch wünschenswert gewesen, er hätte zugleich auch den Unsinn in Irmers Rede – und nicht nur dessen theoretische Schwammigkeit – aufgezeigt. Auch wäre es durchaus angebracht gewesen, die Frage zu stellen, warum ein Peter Hacks, der der Politischen Ökonomie, dem Kern der Marxschen Theorie, ohne Differenzen folgt und sich im übrigen mit den politischen Zielen Marxens im Grundbestand identifizierte, kein Marxist gewesen sein soll. Wer eigentlich bliebe noch Marxist, wenn nur diejenigen als Marxisten gelten dürften, die in jeder, aber auch j e d e r Frage den Auffassungen von Marx folgen? Die Frage blieb ungestellt. Und die Verdrießlichkeit darüber schleppte ich gestern einen Abend lang mit mir herum. Erst heute, als ich den Titel dieses Eintrags, auf den ich rasch gekommen war, noch einmal genauer betrachtete, fiel mir auf, daß Dieter Kraft nur einfach die älteste Regel der Kriegskunst befolgt hatte, die nämlich, keine Schlachten zu schlagen, die man nicht gewinnen kann. Was Hänschen nicht gelernt hat, lernt Hans-Jochen nimmermehr, und einem Blinden kann man nicht beibringen, was Farbe ist, sondern allenfalls dies, daß es besser wäre, wenn er ganz von Farben schwiege.
One Response to “Der Blinde und die Farbe”
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Nachtrag mit zwei Jahren Abstand: Manchmal erscheint einer nur deswegen als Sehender, weil der Blinde, mit dem er es zu tun hat, ihn besser aussehen läßt. Einer kann den Hegel oder die Theologie noch so gut verstehen, wenn er in gesellschaftlichen Fragen auf dem Stand der Waschweiber ist, ist es nicht verwunderlich, daß er sich wie ein Waschweib verhält.