Es scheint, als hätte Frank Schirrmacher sich in letzter Zeit ein bißchen darauf verlegt, die Linken mit unerwarteten Statements zu überraschen. Gut, die Sache mit Hacks, die kam nicht wirklich unerwartet. Man hatte sich auch davor schon gedacht haben können, daß irgendwann irgendeiner der geistig maßgeblichen Leute dieses Landes auf die Idee kommt, daß es nicht sehr sinnvoll ist, den größten Dichter seit Goethe weiterhin auszugrenzen und allein denen zu überlassen, die sich ihm politisch zurechnen und denen er sich politisch zurechnete. Verbote sind bestenfalls kurzfristig sinnvoll; mittelfristig machen sie den, der verboten ist, sexy, und langfristig wird er etablierter sein denn je.
Aber wir schreiben den 9. November, vorgestern, und Frank Schirrmacher (FAZ) haut erneut einen raus:
Es war an einem der schönsten Sonnentage dieses Sommers. Wir, eine Gruppe Ausflügler, waren auf Landpartie am blau funkelnden Schwielowsee … [Dort] begegnete uns ein fideles gutgelauntes älteres Ehepaar, das sich nach kurzem Herumrätseln als der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR nebst Frau entpuppte. „Herr Krenz, was sagen Sie dazu, dass zwanzig Jahre nach dem Ende des Sozialismus der Kapitalismus in seiner größten Krise ist?“
„Umgekehrt wäre es mir lieber gewesen.“
Gut gebrüllt, Egon! Doch hören wir richtig: Krenz und Schirrmacher beim Kaffeeplausch? Das ordnet sich in etwa neben der Geschichte ein, die ich ebenfalls diesen Sommer vernommen habe und der zufolge auf den Höfen der Gewerbegebäude, in denen der Eulenspiegel Verlag seinen Sitz hat, Egon Krenz den gesinnungsschwarzen Volksmusikanten Marianne und Michael begegnet sei, die ihn mit einem fröhlichen “Gruß Gott, Herr Krenz” an ihren Tisch baten.
Nach dem erheiternden Präludium fällt Schirrmacher zunächst in die üblichen Abgründe:
Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer ist Deutschland im Begriff, die Ereignisse des 9. November aus der politischen in die ästhetische Sphäre zu verschieben. Dafür sprechen nicht nur die großen Feiern, die am Montag stattfinden werden
und die nebenbeigesagt in Berlin in sintflutartigen Regengüssen versanken. Sage noch einer, der Herrgott sei unparteiisch.
Die Mauer ist jetzt Kulisse (Dominosteine, die reihenweise umfallen werden), die Besetzung besteht aus lauter Helden (Berühmtheiten aus aller Welt), und für die geographische Spannbreite (bis nach Paris) gibt es in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte überhaupt kein zweites Beispiel. Dafür spricht auch, dass das westdeutsche Establishment und beträchtliche Teile des Journalismus die Vorgänge jetzt als Drama erzählen, mit dem Volk, das Regie führt, mit Helden und Bösewichten, der bekehrten schwarzen Seele (Schabowski) und dem Trottel. Den Trottel spielt Krenz.
Au contraire! Ich habe Krenz nie für sonderlich herausragend gehalten. Aber der Trottel dieses Dramas ist natürlich niemand anders als Schabowski. Schabowskis Wendungen haben mit Einsichten nichts zu tun. Dieser Mann war Zeit seines Lebens unfähig, etwas anderes zu denken als das, was gerade im Schwange ist. Dieser Mann hat kein Inneres, er ist ganz Umgebung. Anders als Egon Krenz. Zweifellos ist der eine Fußnote der Geschichte; er kam an die Macht, als nichts mehr mit ihr anzufangen war. Er konnte lediglich den Abgang verwalten. Doch im Gegensatz zu Schabowski hat er nicht auch noch die Hosen runtergelassen und um den Tritt gebeten, den man ihn dann in seinen Allerwertesten versetzt hat. Als Philologe interessieren mich Haltungen, nicht Zuordnungen. Krenz ist eine Figur wie Dürrenmatts Romulus (die planvolle Absicht vielleicht abgezogen), und wäre immerhin eingeschränkt dramenfähig (Ibsen, Tschechow, Gogol oder eben Dürrenmatt). Schabowski aber ist ein Hans-Wurst, und Hans-Würste will, von Gerhard Branstner einmal abgesehen, seit Gottsched keiner mehr auf der Bühne sehen. Und weiter:
Wir feiern nicht die Wiedervereinigung. Wir fragen in diesen Tagen danach, wieso in dieser Nacht die Mauer sich öffnete und kein Mensch zu Schaden kam. Wieso fiel kein Schuss? Keiner. Weil unser Westfernsehen so überzeugend war? Weil das System nur noch den ewigen Schlaf schlafen wollte?
[...]
Wieso wurde im Grenzgebiet nicht geschossen? Und wenn die Antwort darauf auch immer einkalkulieren muss, dass die erschöpften Fußtruppen des Systems von der totalen Sinnlosigkeit staatlicher Gewaltmaßnahmen durchdrungen waren, so bleibt als Faktum: weil Krenz es verboten hatte. Bereits der Befehl 9/89, den Krenz gemeinsam mit Fritz Streletz an Honecker vorbei am 13. Oktober formulierte, verbot den Gebrauch von Schusswaffen bei Demonstrationen (was die Demonstranten nicht wissen konnten und was ihren Mut nicht schmälert). Am 3. November unterzeichnete Krenz als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates den Befehl 11/89. Am nächsten Tag sollte die große Demonstration auf dem Alexanderplatz stattfinden. Die Stasi befürchtete einen Marsch auf das Brandenburger Tor – und jedem Beteiligten musste klar sein, dass dieser „Befürchtung“ von Seiten der Stasi auch gerne hätte nachgeholfen werden können. Ich erinnere mich an besorgte Politikerstimmen im Westen aus jenen Tagen, die ebenfalls vor diesem „Marsch auf das Tor“ zitterten. Mancher wäre bereit gewesen – und hat es auch gesagt -, die Demonstranten wieder in ihre Wohnungen zurückzuschicken, um den Weltfrieden zu erhalten. Der Befehl 11/89, den weder die Demonstranten noch der Westen kannten, befiehlt für den Fall des versuchten Grenzdurchbruchs, dass „im Falle eines solchen Eindringens . . . die Demonstranten durch Anwendung körperlicher Gewalt und geeigneter Mittel daran zu hindern“ seien. Was die geeigneten Mittel nicht sind, wird präzisiert: „Die Anwendung der Schusswaffe im Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzlich verboten.“
So viel Schirrmacher von seinem Standort aus begreifen konnte, hat er damit begriffen. Natürlich ist er kein Anhänger des Sozialismus; die Frage nach der Rolle, die Egon Krenz vor 1989 gespielt hat, kann ihm herzlich egal sein. Aber auch darüber muß man sprechen, wenn man Krenz vollständig bewerten will. Es ist ganz einfach nicht zu übersehen, daß Egon Krenz ein Mann Honeckers war und dessen Kurs, der letztlich in den Untergang der DDR geführt hat, mit getragen und vertreten hat. Anders als z.B. Alfred Neumann war es nicht nur Parteidisziplin, die ihn hat mittun lassen; er hatte Honeckers Linie wirklich verinnerlicht. Honecker hatte das Kunststück fertigebracht, Ulbricht zugleich links und rechts zu überholen. Links, indem er die Vergesellschaftung der Produktion über dasjenige Maß hinaus, das vom Standpunkt der Produktivität sinnvoll ist, vollzog, die privaten und halbstaatlichen Betriebe einstanzte und eine entsetzliche Gleichmacherei in der Lohn- und Preispolitik betrieb, die jede Stimulation von Leistung ausschloß; rechts, indem er die Konsumtion zum Hauptziel der Wirtschaft machte, so daß das Ungleichgewicht zwischen Akkumulation und Konsumtion die Volkswirtschaft in eine abwärts gerichtete Spirale zog, aus der sie nicht mehr herauskam.
Als Egon Krenz 1989 an die Macht gelangte, waren alle Messen gesungen. Dort, soviel ist sicher, war nun wirklich nichts mehr zu retten. Und deswegen ist Krenzens Entscheidung, den Vorgängen von 1989 keine Gewalt entgegenzusetzen, die richtige gewesen. Alle Fehler, die gemacht wurden, sind schon viele Jahre zuvor gemacht worden. Der Befehl, nicht zu schießen, war eine richtige Entscheidung in einer falschen Situation.
3 Responses to “Und nochmal Krenz”
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[...] Honecker hatte das Kunststück fertigebracht, Ulbricht zugleich links und rechts zu überholen. Links, indem er die Vergesellschaftung der Produktion über dasjenige Maß hinaus, das vom Standpunkt der Produktivität sinnvoll ist, vollzog, die privaten und halbstaatlichen Betriebe einstanzte und eine entsetzliche Gleichmacherei in der Lohn- und Preispolitik betrieb, die jede Stimulation von Leistung ausschloß; rechts, indem er die Konsumtion zum Hauptziel der Wirtschaft machte, so daß das notwendige Gleichgewicht zwischen Akkumulation und Konsumtion die Volkswirtschaft in eine abwärts gerichtete Spirale zog, aus der sie nicht mehr herauskam. [...]
Warum versteh ich das Geschreibsel nicht?
Ich hätte da so eine Theorie …