Gezwitscher

Wenn der Medienbetrieb dem Medienbetrieb vorwirft, daß er ein Medienbetrieb ist, wird es lustig.

Verfolgt man ein bisschen die wallenden Wörtermengen in den Feuilletons dieser Republik

schreibt in kaum minder wallenden Wortmengen der gleichfalls betriebsimmanente Matthias Biskupek in seiner neuesten Eulenspiegel-Kolumne (1/2010), in der er mich schon 2006 einmal einen “Jungphilosophen” genannt hat, was, wie ich vermute, nur zur Hälfte liebenswürdig gemeint war. Nun schießt er erneut in meine Richtung, wenngleich auch nicht direkt gegen mich. Anlaß ist ihm das 100. Jubiläum von Alfred Matusche, über das zu schreiben, als es sich ereignete, Biskupek versäumt hat. So muß das herhalten, was immer herhalten muß, wenn ein Medium mit seiner Betrachtung zu spät kommt: Die Betrachtung der Betrachtungen. Dabei will ich Biskupek in dem, was er sagt, gar nicht widersprechen. Er lobt unsere Editionen (Dramen und Festschrift) und spottet über die Worthülsen, die das Feuilleton zum 100. Geburtstag verbreitet hat; ersteres ist brav – schließlich haben wir unzählige Stunden Arbeit in ein Projekt gesteckt, dessen Resultat sich wirklich sehen lassen kann –, und letzteres ist im Angesicht solch unsäglicher Wortmeldungen wie etwa der von Maxine Herder oder der von Jürgen Serke kaum übertrieben zu nennen.

Das läuft also gut vom Stapel, aber dann nimmt die Titanic irgendwie die falsche Ausfahrt:

Das erste abgedruckte Stück heißt »Das Lied meines Weges«. Herausgeber Fischborn wandelte diesen Titel zu »Das Lied seines Weges« (ebenfalls VAT) und sammelte darunter Texte einer Festschrift. Die ist nur broschiert und mit 300 Seiten nicht ganz so umfangreich wie die Dramensammlung, doch was die sechzehn Mitstreiter, Matusche-Forscher und Nachlass-Verwalter mitteilen, ist ein beachtliches Stück Theater-, Kultur- und Landesgeschichte. [...] Natürlich fehlt auch eine Bemerkung wie »Matusche war so etwas wie der Wittgenstein der DDR« nicht. Ich warte darauf, wann man mal liest: Der X oder die Y sind so etwas wie der Matusche (bzw. Hacks, Strittmatter, Christa Wolf) der ehemaligen BRD. Doch dafür ist in den wallenden Wörtermengen der Feuilletons kein Platz.

Warten kann man auf vieles. Nur was man erwarten kann, darüber gehen die Meinungen vielleicht doch auseinander. Natürlich ist der Tag noch fern, da man Wittgenstein den Matusche des Harbsburger Reiches nennen wird, so weit vielleicht, (weiterlesen…)

Was ist ein guter Dialog?

In der Frage, was einen guten Dialog ausmache, steckt zugleich die Frage, woran ein schlechter Dialog kenntlich sei. Ein schlechter Dialog ist einer, dessen Inhalt auch in anderer Form, z.B. in linearer Rede oder in einem Traktat hätte ausgestellt werden können. Wenn, was in einem Dialog verhandelt wird, nicht notwendig in Dialogform verhandelt werden mußte, muß der Dialog als schlecht gelten, gleich wie unterhaltsam, kunstvoll, gedankentief oder originell er im übrigen ist.

Ein guter Dialog kann sich nur dort entwickeln, wo eine geeignete Ausgangslage vorliegt. Eine solche sehe ich allein gegeben, wenn die Positionen aller Teilnehmer, die in einem Dialog aufeinandertreffen, so beschaffen sind, daß erstens keine von ihnen selbst die höchstmögliche Erkenntnis bereits enthält, gedankliche Totalität herzustellen also durchaus erst Aufgabe des lebendigen Dialogverlaufs ist, und wenn sie zweitens einander auf eine solche Art begegnen, daß eine produktive Steigerung über die einzelnen Positionen der Teilnehmer hinaus möglich ist.

Die erste Bedingung ist wichtig, weil in dem Fall, in dem (weiterlesen…)

Der neue Diercke

erscheint im Juni 2010. Für den Fall, daß Sie sich fragen, woran ich zur Zeit arbeite:

Landkarte_Cover

Mit den neuesten Methoden der wissenschaftlichen Kartographie erstellt, enthält die Landkarte zugleich zeitlose und allgemeingültige Maßstäbe, die eine Gesamtschau auf die Landschaft ermöglichen, wie sie bislang nur von wenigen Atlanten geleistet wurde. Dabei erfaßt dieses Kartenwerk eine Vielzahl von Wegen und Ortschaften, die bislang in noch keiner Karte verzeichnet gewesen sind, so daß wir meinen, ihm voraussagen zu dürfen, daß es einen neuen Standard setzen wird. Es sollte in keiner Reisebibliothek fehlen.

Sichern Sie sich frühzeitig Ihr Exemplar, und Sie werden nie mehr Ihr GPS verfluchen müssen!  (weiterlesen…)

Der Berg – dein Freund

Unlängst ging vor, daß meine Aufmerksamkeit durch zwei südstämmige Freunde auf den Wildbach-Toni gelenkt wurde, als welcher nun seinerseits durch einen Satz auffiel, dessen Genialität unzweifelhaft ist:

Wenn man sich an die Regeln hält, ist der Berg euer Freund.

Jeder Bergsteiger weiß: Wer den Berg bezwingen will, muß sich an seine Regeln halten. Wären unsere Politiker, Dichter und Denker ebenso einsichtig wie unsere Bergsteiger, dann … Ja, was dann? Wenn alle wären wie der Berg, bräuchten wir keine Berge mehr.

Überhaupt, der Berg – was für eine Metapher: einzeln, groß, ewig. All das, was zu verehren Grund besteht. Und so passierte es denn, daß sich zwischen ein paar Leuten der Ehrgeiz entwickelte, Berg-Aphorismen zu schmieden. Das Ergebnis der ersten (und mit Sicherheit auch letzten) Runde gebe ich hier gern wieder:

Der Berg und seine Regeln:

Die erste und einfachste Regel des Bergs lautet: Sei sein Freund!

Der Berg macht die Regeln.

Wenn ihr die Regeln macht, seid ihr Berg.

Doch Achtung: Nur Berge können Regeln machen.

Volkstümlich:

Wenn sich zwei streiten, dann freut sich der Berg.

Berg und Berg gesellt sich gern.

Was du nicht willst, daß man dir tu, das läßt dein Freund der Berg nicht zu. (weiterlesen…)