Bartels spricht

Letzte Woche wurde ich von der Hacks-Seite gebeten, ein Interview zu den Perspektiven des Hacks-Lexikons, an dem ich gegenwärtig arbeite, zu geben. Ich bin dem vor ein paar Tagen nachgekommen, nun ist es veröffentlicht und so veröffentliche ich es auch hier:

www.peter-hacks.de Bis vor kurzem haben Sie unter dem Begriff Hacks-Enzyklopädie z.B. auf der Domain www.hacks-enzyklopaedie.de eine Reihe von Büchern zu Hacks angekündigt. Können Sie uns bitte kurz erläutern, was Sie unter der Hacks-Enzyklopädie verstehen?

Felix Bartels Die Idee zur Hacks-Enzyklopädie ist entstanden zu einem Zeitpunkt, an dem eine philologische Grundlagenarbeit zum Dichter Hacks nicht nur kaum vorhanden, sondern auch nicht absehbar war. Wir wollten das ändern, Peter Hacks also biographisch, begrifflich und werkbezogen urbar machen. Er tritt ja immer in einer Form an die Leser. Die Form gefällt natürlich, aber Wissenschaft beginnt dort, wo nicht nur die Erscheinung konsumiert, sondern ihr auch dahinter gekommen wird.

www.peter-hacks.de Und hierzu sollte die Hacks-Enzyklopädie dienen?

Felix Bartels Wir hatten fünf Bereiche, die den Gegenstand Hacks abdecken sollten: ein Begriffslexikon, um das Denken von Hacks lexikalisch aufzuschlüssen, einen Bereich zum poetischen Werk, worin sämtliche Dramen von Hacks in den bekannten Aspekten (Entstehungsgeschichte, Inhalt, formale Struktur, Deutungsansätze, Rezeption usf.) behandelt werden sollten, als dritte Abteilung eine Bibliographie mit beigeordneten Sonderverzeichnissen (Vertonungen, Verfilmungen, Aufführungen etc.); schließlich noch für die biographische Erschließung das ehrgeizige Vorhaben einer Tag-für-Tag-Chronik sowie ein Lexikon der Personen, die in Hacksens Leben, Denken oder Schaffen eine wichtige Rolle spielten. Intern war uns bezüglich der Chronik und des Personenlexikons klar, dass es eigentlich so gut wie unmöglich ist, das zu realisieren, weil uns dazu einfach die Zeit und die Mittel fehlten, aber wir wollten nicht tiefer zielen als auf das beste Denkbare, und denkbar war das eben alles.

www.peter-hacks.de Sie wollten den ganzen Hacks in einem?

Felix Bartels In fünf Teilen, ja. Aber wir wollten nicht ein Ding gebären, mit dem dann alles zu Hacks gesagt sei. Wir wollten eine Grundlage legen, auf der man arbeiten kann. Das ist weniger eine Sache der Meinung als des Wissens, und das Wissen sollte aber gültig sein für Leben, Werk und Denken von Peter Hacks. Die Hacks-Enzyklopädie war nicht gedacht als ein Anspruch auf Deutungshoheit, sondern als ein Zusammentragen und Systematisieren des damals an allen möglichen und unmöglichen Stellen verstreuten Materials.

www.peter-hacks.de Wann begann das?

Felix Bartels Die Idee zur Hacks-Enzyklopädie entstand im Laufe des Jahres 2006; ihr Urheber war André Thiele. Geplant war das ursprünglich als Doppelsitzer: Begriffslexikon und Werkkommentar. Damit ist er im Frühjahr 2006 an mich heran getreten. Nach einigen Überlegungen, an denen auch Daniel H. Rapoport beteiligt war, kamen dann die anderen drei Bereiche hinzu.

www.peter-hacks.de Nahm das sofort konkrete Formen an?

Felix Bartels Das ging sehr langsam, weil wir alle eigentlich bis zum Hals in allen möglichen anderen Tätigkeiten standen, was sich ja bis heute nicht so recht geändert hat. Zunächst war die Hacks-Enzyklopädie als reines Online-Projekt geplant. Das war die Idee, die Klassik mit romantischen Mitteln zu befördern. Ausgangspunkt war die Überlegung, dass es ein Hacks-Publikum gibt. Und dieses Hacks-Publikum wolle, so der Gedanke, mehr als nur konsumieren. Aber beide Überlegungen waren falsch. Erstens gibt es kein Hacks-Publikum. Das was es gibt, ist ein sehr treuer, aber überschaubarer Leserkreis, der sich, trotz verhältnismäßig hoher Präsenz des Themas Hacks in den Medien, nur sehr langsam vergrößert. Und zweitens ist die Idee eines aktiven Publikums wirklich weit von dem entfernt, womit man vernünftigerweise rechnen kann.

www.peter-hacks.de Wieso sollte man damit nicht rechnen können?

Felix Bartels Ich habe damals gesagt, die Tugend des Inhalts sei die Vielfalt, die der Form die Einheit. Das meint, die Forschung darf sich keinem Gedanken a priori verschließen; viele Perspektiven und reichhaltiges Material bereichern den Erkenntnisprozess, aber am Ende muss immer ein Geist stehen, der die Sache zusammenfasst. Wissenschaft bedeutet auch, den Gegenstand formal zu bewältigen, und die Frage der Darstellung ist keine Nebenfrage. Das Problem ist nun: ein Kopf kann, wenn er gut ist, in sich durchaus eine gewisse Vielfalt herstellen, unterschiedliche Perspektiven einnehmen, die Dinge gedanklich in Bewegung setzen und an einzelnen Momenten der Bewegung verharren. Umgekehrt kann aber eine Vielzahl von Köpfen, sofern sie miteinander denken müssen, die Einheit niemals herstellen, weil jeder Kopf seine eigene Einheit hat, und die Sache sich, anders als bei der bloßen Aufnahme von Material und Perspektiven, nicht addieren oder separat halten lässt. Mit einem Kopf die Vielfalt denken ist also nur schwierig, mit vielen Köpfen die Einheit denken ist dagegen unmöglich.

www.peter-hacks.de Nun ist doch aber das gar nicht das Problem gewesen. Es war ja nicht so, dass die Hacks-Enzyklopädie sich vor Zulauf nicht retten konnte.

Felix Bartels Sie haben mich ertappt. Ich habe über ein Problem geredet, das eigentlich nicht vorhanden war, das aber vorhanden gewesen wäre, wenn wir das Projekt auf diese interaktive Weise betrieben und Zulauf bekommen hätten. Wir haben im Peter-Hacks-Forum, das – obgleich für uns in der Hauptsache ein internes Arbeitsinstrument – auch einen öffentlichen Publikumsverkehr zuließ, einige Ansätze hiervon erlebt, aber es stimmt schon: In der Hauptsache äußerte sich das Publikum, indem es Fragen stellte wie: Wann erscheint denn nun die Hacks-Enzyklopädie? Warum tut sich da in letzter Zeit so wenig? – Das Publikum will nicht arbeiten, es will konsumieren. Das ist seine Bestimmung, und bezogen auf die war es da von Beginn an klüger als wir.

www.peter-hacks.de Was war die Konsequenz?

Felix Bartels Die Konsequenz war, dass wir ein interaktives Webprojekt in ein echtes Editionsprojekt umwandelten. Die Hacks-Enzyklopädie war nun der Titel einer fünfteiligen großen Buchausgabe. Die Idee der Interaktivität haben wir nicht ganz aufgegeben, weil wir einfach die Möglichkeit, dass auf diese Weise ein fähiger Kopf zu uns stößt, nicht ungenutzt fahren lassen wollten. Doch im wesentlichen haben wir die Fleiß- und vor allem Fußarbeit selbst erledigt. Ronald Weber hat die Bibliographie, Annette Lose das Vertonungsverzeichnis vorgelegt. Das sind unwahrscheinliche Fleißarbeiten, die eigentlich die Arbeit von vier bis fünf Leuten beansprucht hätten.

www.peter-hacks.de Der Webauftritt der Hacks-Enzyklopädie ist nun aber offline gegangen. Heißt das, Sie haben dieses Ziel aufgegeben?

Felix Bartels Wir haben es modifziert, der Lage angepasst. Aufgegeben haben wir eigentlich gar nichts. Doch wir haben die Sache so umstrukturiert, dass wir das, was machbar ist, schaffen, bei dem, was nicht machbar ist, aber auch scheitern können, ohne dass es ein großes Unglück gibt. Konkreter: Wenn man eine geschlossene Edition angeht, dann muss alles stimmen; der Anfang muss so sein, dass er sich fortsetzen lässt, und das Ende muss erreichbar sein. Man kann nicht eine fünfbändige, hochwertig aufgemachte Edition beginnen, und dann nur die Bände 1, 3 und vielleicht noch 4 vorlegen. Wir mussten die Form also öffnen. Die Hacks-Enzyklopädie wird nicht mehr der Titel einer Edition, sondern ein mehr oder weniger institutionelles Dach, ein personeller Verbund sein, unter dessen Obhut die bereits bekannten Bemühungen weiterverfolgt werden, deren Publikation aber jeweils selbständig sein soll.

Wir wollen das Begriffslexikon vorlegen, doch es soll nicht Begriffslexikon heißen und der erste Teil der Hacks-Enzyklopädie sein, sondern es wird als selbständige Publikation unter dem Titel Hacks-Lexikon ediert werden. Als nächstes werden wir dann den Band angehen, der die Bibliographie und die Sonderverzeichnisse enthält. Diese beiden Bücher sind zunächst machbar, weil wir sie ganz aus eigener Kraft schaffen können. Der dritte Schritt wäre dann der Band, der sich mit Hacksens dichterem Werk beschäftigt. Aber diese Sache ist so aufwendig, dass sie ohne Fördergelder und einen großzügig angelegten Zeitplan nicht zu bewältigen ist. Wir haben weder die finanziellen Mittel für ausgedehnte Forschungsaufenthalte in Marbach noch die manpower, über Jahre das unzählige Material zusammenzutragen, das gewöhnlich durch 100 Jahre philologischen Betrieb zusammengetragen wird. Wir wollen gern tun, was wir können, aber wir werden keine großen Mühen darauf verschwenden, bevor wir nicht wissen, dass wir die Sache auch zum Ende bringen können. Anders gesagt: Wie wir das schaffen können, darüber denken wir nach, wenn es ansteht, und die Realisierung der ersten beiden Bände ist von diesen Überlegungen ganz unbetroffen. Sie sehen: Die Hacks-Enzyklopädie ist nicht wirklich gestorben. Sie ist unser scheintotes Kind, das im Sarg erwacht, aber nicht dort verendet, sondern sich wie Windle Poons aus dem Grab schaufelt. Und wie heißt dort so schön: Tot, ja! – Fort, nein!

www.peter-hacks.de Sprechen wir über das Hacks-Lexikon, das nun als erstes realisiert werden soll. Wie soll man sich das vorstellen? Was wird das sein?

Felix Bartels Das Hacks-Lexikon wird nichts anderes tun als seine zahlreichen Namensvetter: Höffes Aristoteles-Lexikon, Eislers Kant-Lexikon, Cobbens Hegel-Lexikon, Wilperts Goethe-Lexikon usf. Wir haben den Titel bewusst in derselben Weise gebildet, weil das der Maßstab ist, an dem wir uns orientieren wollen. Peter Hacks war ein außerordentlich theoretischer Dichter. Seine Dichtung ist (ohne gefühlsarm zu sein) sehr stark gedanklich begründet. Er steht da durchaus mit Goethe, Schiller und Wieland auf Augenhöhe. Jeder, der Hacks ein bisschen gelesen hat, weiß, dass er ein Weltbild hatte und dass er das auch durchaus in Ordnung zu halten bestrebt war. Hacks war ein Systematiker, ohne jedoch ein System vorzulegen. Und hier setzt das Hacks-Lexikon an. Die lexikalische Form ermöglicht nicht die Darstellung eines Systems, und das wäre auch eine Aufgabe, die ich nie hätte tun wollen. Es erschiene mir irgendwie unanständig hinzugehen und zu sagen: Seht her, das ist das System Hacks, und nun, da ihr es kennt, braucht ihr ihn selbst nicht mehr zu lesen; ihr habt etwas, das viel näher an der Wahrheit ist als seine eigenen, oft pointierten, oft bildhaften, auf umwegige Beweisführungen verzichtenden theoretischen Äußerungen. Das, wie gesagt, ist nicht, was das Hacks-Lexikon möchte oder auch nur leisten kann. Ein Lexikon hat seine Lemmata, und diese bilden immer eine besondere Perspektive. Wenn das Hacks-Lexikon am Ende, sagen wir: 300 Begriffsartikel versammelt, dann sind das 300 Augenpaare, die von verschiedenen Orten her denselben Gegenstand betrachten. Die werden alle möglicherweise etwas anderes sehen, aber so wie unser Gehirn die beiden Bilder unserer beiden Augen zu einem zusammenrechnet, so kann der Leser des Hacks-Lexikons die Zusammenhänge herstellen, die ihm helfen, Hacks zu verstehen.

www.peter-hacks.de Sie betrachten das Hacks-Lexikon also als ancilla philologiae?

Felix Bartels Es wäre Teil der Philologie, aber es ist natürlich ein literaturwissenschaftliches Hilfsmittel. So wie eine Bibliographie oder eine Biographie. Aber anders als diese und gleich jener soll es jedoch ein reines Hilfsmittel sein. Es gibt ja unzählige Meinungsverschiedenheiten zu Hacks – wie überhaupt zu allen interessanten Gegenständen. Und das ist auch in Ordnung so. Da debattieren doch Leute miteinander, die vollkommen unterschiedliche Dinge vorhaben. Es gibt politische Orientierungen, allgemeine menschliche Haltungen, und die schließen einander oft aus, und solche Widersprüche zeigen sich eben in den Tätigkeiten der Leute, und bei Philologen also in ihren Urteilen. Ich sehe da mehr als zwei oder drei Gruppen, aber die Fraktionen bleiben dennoch überschaubar, und natürlich gibt es auch die zwei großen Lager, die es immer gibt: diejenigen, die den Forschungsgegenstand nutzen wollen, um ihre Kämpfe auszutragen, die sich also mit einem äußerlichen Interesse dem Dichter Hacks nähern und ihn instrumentalisieren, und dann gibt es diejenigen, die an der Wahrheit interessiert sind, die also ohne jede Rücksicht das herausarbeiten, was an dem Gegenstand Beschaffenheit ist. Diese Auseinandersetzungen wird es immer geben, und sie machen – egal welchen Dichter man jetzt nimmt – den Hauptbetrieb der Philologie aus. Ich will das, wie gesagt, nicht tadeln; solche Kämpfe müssen ausgetragen werden, und es bringt ja nichts, das Unvermittelbare zu vermitteln. Aber es macht doch ein Unterschied, aus welchen Gründen man miteinander streitet. Es passiert gegenwärtig oft genug, dass sich Leute in zeit- und kraftaufwendige Debatten verstricken, die im Grunde eigentlich keine Meinungsverschiedenheit haben. Das rührt in den meisten Fällen einfach aus unterschiedlichen Wissensständen. Es ist ja sinnlos, wenn zwei über einen Begriff streiten und beide etwas ganz anderes darunter verstehen. Das Hacks-Lexikon könnte, wenn es denn gut erarbeitet ist und vom Publikum und der Fachwelt bereitwillig angenommen wird, helfen, das gesamte Niveau, den Boden, auf dem diese Debatten ausgetragen werden, anzuheben. Es könnte durch saubere Begriffsarbeit zahlreiche Missverständnisse eliminieren und so dafür sorgen, dass die Leute beginnen, sich in der Hauptsache wegen der Dinge streiten, über die sie wirklich Meinungsverschiedenheiten haben.

www.peter-hacks.de Eine Verständnishilfe also. Erschöpft sich hierin der Sinn des Hacks-Lexikons?

Felix Bartels Ich denke zunächst, dass der Inhalt, der sich in dem Lexikon finden wird, als solcher interessant ist. Das, was Hacks wusste, lohnt zu wissen. Und ebenfalls lohnt – auch wenn man sie nicht in jedem Fall teilt –, seine Gedankengänge kennen und verstehen zu lernen. Davon abgesehen jedoch ist das Hacks-Lexikon wirklich nichts weiter als eine Verständnishilfe. Dieser Dichter, der in seiner Dichtung (bei aller Besonderheit des poetischen Verfahrens) immer auch zugleich sein Weltbild ausdrückte, wird erheblich besser verstanden, wenn man einen begrifflichen Zugang zu ihm hat. Diesen Zugang kann das Hacks-Lexikon leisten, und weil selbst ausgesprochene Hacks-Kenner die gewaltige Menge an theoretischen Äußerungen von Hacks nicht bis ins letzte überblicken, kann das Hacks-Lexikon nicht nur dem Anfänger, sondern auch dem Kenner eine gute Hilfe und ein ständiges Arbeitsmittel werden. Die Erkenntnisarbeit nimmt es dem Leser allerdings nicht ab; die muss er immer noch selbst leisten.

www.peter-hacks.de Dann nehmen wir mal einen Hacksschen Begriff, der einigermaßen beziehungsreich ist, den Begriff der Gattung etwa. Das Hacks-Lexikon wird nun, wenn ich Sie richtig verstehe, in einem Artikel alle wichtigen Aussagen von Hacks zum Gattungsbegriff zusammentragen. Der Begriff wird in dem Artikel zusammenhängend behandelt werden. Ist damit denn nicht die Erkenntnisarbeit, von der Sie sagen, dass sie offen bleibe, bereits geleistet? Welche Erkenntnisarbeit bliebe denn dann noch offen?

Felix Bartels Ja, z.B. die Anwendung der im Hacks-Lexikon erarbeiteten Erkenntnisse. Das Lexikon kann auf bestimmte Muster im Hacksschen Denken hinweisen, aber diese dann im Werk von Hacks zu finden und – sehr wichtig – die Kenntnis dieses allgemeinen Musters mit der konkreten Form des Kunstwerks richtig zu vermitteln (also nicht dem Kunstwerk das Muster „reinzudrücken“, sondern es so aus ihm hervorzuholen, wie es in ihm steckt), das kann das Hacks-Lexikon dem Leser natürlich nicht abnehmen. Aber auch, was die Binnenbeziehungen des Hacksschen Denkens angeht, kann und soll das Lexikon nicht das letzte Wort sein. Auch Hacks war – bei aller seiner Bemühung, sein Denken einheitlich und rein zu halten – ständig im Fluss; viele seiner Auffassungen wandelten sich im Laufe der Zeit. Das Hacks-Lexikon kann den diachronen Zusammenhang der Begriffe – also die Frage, wie diese geworden sind – aufgrund seiner lexikalischen Form und der damit verbundenen Beschränkung nicht in gleicher Weise leisten wie ein entsprechender Fachaufsatz oder eine Monographie. Diese Aufgabe soll es auch gar nicht übernehmen. Drittens haben wir uns schweren Herzens entschiedenen, eine wichtige Forschungsleistung unberührt zu lassen: die Traditionsbezüge des denkenden Dichters Hacks. Wenn Sie z.B. einen für Hacks so eminent wichtigen Begriff wie Ideal nehmen, dann ginge einiges an Platz und Zeit dafür drauf zu zeigen, wo Hacks diesen Begriff herhat, wo seine Differenzen zu Kant, Schiller, Goethe, Hegel, Marx und Bloch liegen und wo er diesen Denkern folgt. Oder nehmen Sie Hacksens Differenzierung zwischen einfacher Nachahmung der Natur, Stil und Manier. Dass diese Begriffsbildung eigentlich von Goethe übernommen ist, interessiert natürlich durchaus. Aber das Hacks-Lexikon soll auf die Erforschung dieser und ähnlicher Tradtionsbeziehungen verzichten, es soll die immanenten Beziehung des Hacksschen Denkens aufzeigen, also nicht mehr bieten als eine solide erarbeitete, gewissenhaft zusammengestellte und behutsam kommentierte Doxographie.

www.peter-hacks.de Warum diese letzte Einschränkung?

Felix Bartels Weil wir dadurch eine Tür aufstießen, die wir nicht mehr schließen könnten. Unsere Heizkörper reichen nicht aus, um auch den angrenzenden Raum zu erwärmen. Zumindest nicht innerhalb dieses Jahres. Zeit ist ja ein ganz wesentlicher Punkt. Hätte ich Zeit und Geld für drei Jahre, dann könnte ich die Begriffe erarbeiteten und sie anschließend gegen das traditionelle Gefüge halten, in dem Hacks sich bewegt hat. Das ist zwar gut verortbar: griechische Antike, europäischer Absolutismus und deutsch-sowjetischer Sozialismus; aber zum einen bilden auch diese nicht alle historischen Orte, zu denen Hacks seine Traditionsbeziehungen spannte, und zum anderen sind diese drei Topoi ja nun auch nicht eben klein, und gerade weil ich persönlich besagte Epochen ganz gut kenne, weiß ich, was für eine eminente Arbeit es wäre, z.B. einen historisch-kritischen Kommentar der Maßgaben der Kunst zu verfassen. Unter drei Jahren vollzeitiger Arbeitszeit braucht man da gar nicht erst anzufangen. Das Hacks-Lexikon soll aber nicht irgendwann erscheinen, sondern nach Möglichkeit am Ende dieses Jahres. Wir sind da in einem gewissen Zwang. Regelmäßig erhalten wir Nachfragen, wann denn nun mit dem Begriffslexikon zu rechnen ist. Wir haben seit 2007 versprochen, dass es kommt, und wir wollen nicht immer nur versprechen, dass es etwas kommt, wir wollen diese Versprechen auch halten.

www.peter-hacks.de Wäre die Erforschung der Traditionsbeziehungen von Hacks vielleicht ein Projekt für die Zeit nach dem Erscheinen des Hacks-Lexikons?

Felix Bartels Ja, vielleicht. Die Basis wäre mit dem Lexikon ja gelegt. Das könnte der Ausgangspunkt für eine umfassende Untersuchung sein. Aber das ist Zukunftsmusik.

www.peter-hacks.de Das Lexikon soll noch in diesem Jahr erscheinen. Sie sagten vorhin, ihm folgen werde ein Band, in dem Ronald Webers Hacks-Bibliographie und Annette Loses Hacks-Vertonungen zusammengefasst werden. Nun sind die beiden Bücher bereits 2008 und 2009 in der Edition Neue Klassik erschienen. Wie rechtfertigen Sie einen so baldigen Neudruck?

Felix Bartels Die Lage ist ja ein bisschen anders. Beide Projekte sind von Beginn an für die Hacks-Enzyklopädie geplant worden. Dieser Sammelband war geplant als dritter Teil der Enzyklopädie, sollte also nach unseren Planungen 2011 erscheinen. Wir haben jetzt 2010. Der Weber war bereits im Frühjahr 2008 fertig. Wir wollten einfach nicht eine solch wichtige und schwere Arbeit, die vielen Forschern ein sehr nützliches Arbeitsmittel geworden ist, so lange unveröffentlicht liegen lassen. Also haben wir uns für eine Einzelveröffentlichung entschieden. Für Annette Loses Vertonungsverzeichnis gilt dasselbe. Es war wichtig, dass das unter die Leute kommt. Und nun ist es wichtig, dass wir das vollenden, was wir ursprünglich vorhatten. Wir wollen einen Sammelband, in dem sich also wertvolle Verzeichnisse finden, die ein Forscher, der sich mit Hacks beschäftigt, bei seiner Arbeit hinzuziehen will. Wir hatten ursprünglich viele Ideen für Verzeichnisse; einige davon haben sich bei weiterem Nachdenken als nicht so sinnvoll erwiesen. Geblieben sind jetzt sicher vier: Erstens die Bibliographie, die im Sammelband überarbeitet, aktualisiert und auch in der Struktur verbessert erscheinen wird; zweitens der Komplex um die Vertonungen, der im Grunde Verzeichnisse beinhaltet, die das Auftauchen von Hacks in anderen Medien spiegeln (so neben den Vertonungen die Verfilmungen, die erschienenen Tonträger, die produzierten Hör- und Fernsehspiele etc.), und auch von diesen Verzeichnissen gilt natürlich, dass sie überarbeitet und erweitert erscheinen werden; drittens eine Synchronopse der Werke und Schriften von Peter Hacks, geordnet, soweit möglich, nach Entstehungszeit; und viertens ein vollständiges Verzeichnis aller Inszenierungen von Hacks-Bühnenwerken an deutschsprachigen Spielstätten. Die Teile drei und vier wären sogar gänzlich neu, denn das eine wie das andere ist bislang noch nicht publiziert worden. Es gibt auch noch weitere Überlegungen; z.B., wenn Marbach das gestattet, ein Verzeichnis aller Briefpartner von Hacks. Aber die vier genannten Komplexe scheinen mir bereits hinreichend attraktiv zu sein für eine geschlossene Ausgabe in einem Band.

www.peter-hacks.de Zum Abschluß noch eine Frage: Sie haben für Juni dieses Jahres Ihr Buch angekündigt, „Die Landkarte und die Landschaft“. Werden Sie dafür neben der Arbeit am Lexikon Zeit haben?

Felix Bartels Das sieht nicht so aus. Das Buch ist zwar zu einem beträchtlichen Teil fertig, und natürlich ist es kein angenehmes Gefühl, wenn man umfangreiche Untersuchungen, die man – sonst dächte man kaum daran, sie zu publizieren – für wertvoll hält, zurückhalten muss, obwohl sie bereits fertig sind. Aber das Buch ist nicht abgeschlossen und kostete mich jetzt eine Mühe, die ich erst nach dem Lexikon wieder zur Verfügung hätte.

www.peter-hacks.de Also erscheint Ihre „Landkarte“ wann?

Felix Bartels So Gott will, im Laufe des Jahres 2011. Aber ich verspreche nichts. Für sowas wird man ja am Ende doch nur gehenkt.

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Interview, gegeben am 26. Januar 2010

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  • [...] gewährt. Hier also, als Auszug von meiner Wandtafel, mein Arbeitsplan für die Fertigstellung des Hacks-Lexikons (und wenn Sie den Eindruck haben, daß meine Handschrift derjenigen von Peter Hacks gleich, dann [...]

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