Weltgeist sieht Leipsch: Die Sogenannte

Unlängst habe ich vermocht, mich … – doch ich stocke, indem ich das schreibe. Gestern nämlich kam mir ein Buch eines gewissen Wolf Schneider unter die Nase, Deutsch fürs Leben, das von sich behauptet, ein Lehrgang der höheren deutschen Sprache zu sein und worin sich folgende Regel findet: “Mit Wörtern geizen”. Schreiben Sie, steht da, “also nicht: zu diesem Zeitpunkt, sondern: jetzt”, nicht: “keine Seltenheit”, sondern: “häufig”, nicht: “ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig,” sondern: “war ziemlich deutlich” usw. Das Grundprinzip guter Sprache sei, niemals mehr zu schreiben als unbedingt notwendig. Man staunt dann im übrigen, was so alles nicht notwendig ist. Daß diese Regel fischig ist, vermag der Beobachter bereits daran zu erkennen, daß ihr die Kulturabschaffer aller politischen Lager, Puritaner wie Maoisten, Rousseauisten wie Fortschrittler, gleichermaßen und uneingeschränkt Beifall zu spenden geneigt sind (ja! : zu spenden geneigt sind, nicht: spenden). Für die faulsten Exemplare aller Obstkörbe sollte stets ein leerer Korb bereitstehen, in den man sie alle miteinander werfen kann. Kultur ist ihrem Wesen nach konservativ, die Abschaffer von Kultur daher entweder als Fortschrittler oder als Rückschrittler auftreten, meistens doch aber als Fortschrittler. Das Schlechteste läßt sich einmal am besten verkaufen, wenn man es als das Neueste anpreist. Was deutsche Sprache ist, lernt man bei Goethe und Thomas Mann. Es gibt auch andere, bei denen man es lernen kann, aber keinen, der nicht in jene Linie gehörte, die Mann und Goethe, als die zwei Gipfelpunkte, zwischen sich (Karl Kraus, Heine), nach hinten (Wieland, Lessing) und nach vorn (Arno Schmidt, Hacks) spannen. Ich kann der Menschheit nur dringend davon abraten, die Sprache Goethes zu einer Sprache Schneiders werden zu lassen. Stil ist genauer, auf Wirkung hin berechneter Sprachgebrauch. Notwendig an Sprache ist demnach alles, was die vom Autor gewünschte Wirkung erzeugt, und es ist nicht schwer zu begreifen, daß es Situationen gibt, in denen es durchaus angebracht ist, anstelle von “neulich habe ich” “unlängst habe ich vermocht” zu schreiben.

Unlängst also habe ich vermocht, mich über den Wolf Schneider der Malerei, Wolfgang Mattheuer, gar tüchtig zu echauffieren. Der Text, der nun dabei herauskam, war – ich muß es gestehen – eigentlich eine Digression. Mein ursprüngliches Vorhaben hatte ich darin, über meine Leipziger Eindrücke auf ein Phänomen zu sprechen zu kommen, das gemeinhin unter dem Schlagwort Leipziger Schule gefaßt wird und von dem ich behaupte, daß es kein Phänomen, sondern vielmehr ein wahrhaft leerer Begriff ist. Leere Begriffe nützen bestenfalls dem Logiker, und selbst der ist glücklicher, wenn er seinem Existenzquantor kein Negationszeichen voraussschicken muß. Aus Dingen, die existieren, lassen sich besser Ableitungen gewinnen als aus nichtexistenten Dingen. In phänomenologischen Disziplinen (zu welchen auch die Ästhetik zählt) ist der leere Begriff hingegen nicht nur ein Ärgernis, sondern schlechterdings ungestattet. Die Aussage, daß alle Welxen dumm sind, ist für den Logiker, der eher an der Struktur einer Aussage interessiert ist als an der Frage, ob die Dinge, über die geredet wird, tatsächlich existieren, immerhin noch eine Aussage, mit der man operieren kann. Für denjenigen, der berufsmäßig mit den Erscheinungen befaßt ist, ist die Aussage, daß die Leipziger Schule eine gute Schule ist, schlichtweg unsinnig, da sie ja unterstellt, daß eine Leipziger Schule tatsächlich existiert.

Ich habe, wie Sie wohl gemerkt haben, noch eben so verhindern können, das Thema erneut in einer Digression versanden zu lassen, was freilich nicht in jedem Fall bedauerlich wäre; es hängt ja ganz von der Beschaffenheit des Sandes ab. Am Strand von Samoa beispielsweise gibt es nicht ein Korn, das größer ist als die anderen, woran man … Ich rufe mich zur Ordnung. Die Leipziger Schule also, die ich, da ich ihre Existenz bezweifle, die sogenannte Leipziger Schule, oder kürzer und besser: die Sogenannte nennen will, war mir von jeher als Begriff suspekt. Ich erinnere mich meiner ersten Berühungen mit den Erzeugnissen (weiterlesen…)

Von Gäulen und Einhörnern

Die Freiheit der Viehzüchter besteht darin, selbst zu entscheiden, wann es an der Zeit ist, den Gaul, der lahmt, abzuknallen. Wer ein Pferd besitzt, es aufgezogen und genutzt hat, wird sich vom Veterinär beraten lassen, aber es liegt in seinem Ermessen, was er schließlich mit ihm tut. Die Peter Hacks Seite (im folgenden: PHS) hat seit 2005 über gesellschaftliche Aktivitäten zu Peter Hacks berichtet, und nun ist sie tot. Ihre Macher stehen mit einer rauchenden Schrotflinte und einem verlegenen Lächeln neben ihr. Das Vieh war lahm, der Schuß eine Gnade.

Das Schlüsselwort, um die PHS zu erklären, lautet zweimal: Zeit. Einmal im Sinne von: Zeitumstände, zum anderen dann im Sinne von: Arbeitszeit.

Die PHS war ein Kind der Zeit. Sie nahm 2005 den Betrieb auf, und ihr Anspruch, alle gesellschaftlichen Aktivitäten zu Peter Hacks an einem Ort zu spiegeln und die Aufmerksamkeit so zentral zusammenzuführen, ist dieser Zeit entnommen. Damals war das noch nötig. Hacks, der – bei weitem der erfolgreichste Dramatiker der sechziger und siebziger Jahre – sich in den Achtzigern noch einen gewissen Stand in der Gesellschaft hatte erhalten können, war in den Neunzigern vollends ins Abseits geraten. Das erste Dezennium des 21. Jahrhunderts schien dem letzten des 20. folgen zu wollen. Jede Zeit hat ihre Lieblingsfiguren, sagte Hacks einmal mit Blick auf Hartmut Lange. Der nämliche Satz könnte ebenso gut über seinem eigenen Leben stehen, und wen der späte Hacks nicht dadurch verlor, daß er auch in Zeiten der Zerstörung der Vernunft an den ästhetischen Maßstäben der Klassik und an der Erkennbarkeit der Welt festhielt, den vergraulte er durch seine politischen Statements, die für ihn auch den Zweck erfüllt zu haben scheinen, sich die Leute vom Leib zu halten. 2003 starb der Dichter und ließ die Welt in einem grauenhaften Zustand zurück. Als André Thiele 2005 die PHS begründete – ich selbst stieß im Frühjahr 2006 hinzu –, hatte sich daran kaum etwas geändert.

Jede Zeit hat ihre Lieblingsprojekte. André Thiele machte sich daran, einer desinteressierten und desorientierten Gegenwart den Hacks wieder einzutrimmen, und was er erreichen konnte, hat er erreicht. Ich will nicht von einer Renaissance sprechen, weil es hierzu wohl etwas mehr als nur der zehn Inszenierungen pro Spielzeit bedarf, die das Theater der Bundesrepublik aktuell hinbekommt, doch sowohl im kulturellen Leben (Feuilleton, Veranstaltungen) als auch im akademischen Bereich findet Hacks wieder statt. Über 600 Meldungen der PHS pro Jahr sprechen für sich, und die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen ist 2008 und 2009 höher gewesen als je sonst. Diesen Prozeß hat die Seite fünf Jahre lang gespiegelt, und indem sie ihn gespiegelt hat, hat sie ihn befördert. Sie muß das jetzt nicht mehr tun. (weiterlesen…)

Weltgeist sieht Leipsch: Der Jahrhundertkitsch

Es begann eigentlich ganz harmlos. Am letzten Tag der Buchmesse brachte ich die Zeit, die mir bis zum Abend blieb, auf die Weise rum, daß ich mir das von Leipzig ansah, wofür allein es mit Recht berühmt ist: die Werke seiner bildenden Künstler.

Leipzig selbst, man kennt es, reizt kaum zum Verweilen. Selbst wenn man die merkwürdig zielgerichtete Tristesse des Stadtbilds und die puritanische Geschäftigkeit ihrer Bewohner ignoriert, bleibt noch immer präsent, daß diese Stadt der Schoß der deutschen Misere und Unvernunft ist. Ich habe Leipzig einmal die Hauptstadt der romantischen Bewegung genannt, worauf mir die Städtenamen Berlin, Jena und Heidelberg entgegenflogen. Ich leugne auch deren Eignung für diesen Titel nicht, konnte aber mit dem Verweis auf die Bananenrevolution von 1989 und das antibonapartistische Happening von 1813 meine Widerredner zum Schweigen bringen. Volksfeste wider die Gesittung – gibt es romantischeres?

Leipzigs Künstler, sagte ich. Gewiß: auch ihnen haftet hier und da das Leipzighafte an. So habe ich mir etwa nicht erspart, im Vorbeigehen Mattheuers abgeschmackten Jahrhundertschritt einer Betrachtung zu unterziehen. Da stand er, dummdreist, dröhnend und häßlich (weiterlesen…)

Abfahrt

Der Fahrplan steht, und: Bon voyage! Thomas Mann nannte es: Mit dem Bleistift lesen. Was zeigt, daß es zu seiner Zeit noch keine Marker gab. Der erste Schritt auf dem Weg zu einem Lexikon ist das Lesen der Quellen, das – wie wohl deutlich wird – intensive, langsame, gründliche Lesen, das Lesen mit Bleistift und Marker. Ein Bauer fährt nicht mit der Kutsche über seinen Acker, sondern mit dem Pflug. Und das, vielleicht, ist auch mein Credo: Plane wie ein Freiherr, arbeite wie ein Bauer.

Ich habe Ihnen vier Seiten aus den Maßgaben der Kunst abgelichtet, die einen Eindruck davon vermitteln mögen, wie das zugeht:

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