Von Gäulen und Einhörnern

Die Freiheit der Viehzüchter besteht darin, selbst zu entscheiden, wann es an der Zeit ist, den Gaul, der lahmt, abzuknallen. Wer ein Pferd besitzt, es aufgezogen und genutzt hat, wird sich vom Veterinär beraten lassen, aber es liegt in seinem Ermessen, was er schließlich mit ihm tut. Die Peter Hacks Seite (im folgenden: PHS) hat seit 2005 über gesellschaftliche Aktivitäten zu Peter Hacks berichtet, und nun ist sie tot. Ihre Macher stehen mit einer rauchenden Schrotflinte und einem verlegenen Lächeln neben ihr. Das Vieh war lahm, der Schuß eine Gnade.

Das Schlüsselwort, um die PHS zu erklären, lautet zweimal: Zeit. Einmal im Sinne von: Zeitumstände, zum anderen dann im Sinne von: Arbeitszeit.

Die PHS war ein Kind der Zeit. Sie nahm 2005 den Betrieb auf, und ihr Anspruch, alle gesellschaftlichen Aktivitäten zu Peter Hacks an einem Ort zu spiegeln und die Aufmerksamkeit so zentral zusammenzuführen, ist dieser Zeit entnommen. Damals war das noch nötig. Hacks, der – bei weitem der erfolgreichste Dramatiker der sechziger und siebziger Jahre – sich in den Achtzigern noch einen gewissen Stand in der Gesellschaft hatte erhalten können, war in den Neunzigern vollends ins Abseits geraten. Das erste Dezennium des 21. Jahrhunderts schien dem letzten des 20. folgen zu wollen. Jede Zeit hat ihre Lieblingsfiguren, sagte Hacks einmal mit Blick auf Hartmut Lange. Der nämliche Satz könnte ebenso gut über seinem eigenen Leben stehen, und wen der späte Hacks nicht dadurch verlor, daß er auch in Zeiten der Zerstörung der Vernunft an den ästhetischen Maßstäben der Klassik und an der Erkennbarkeit der Welt festhielt, den vergraulte er durch seine politischen Statements, die für ihn auch den Zweck erfüllt zu haben scheinen, sich die Leute vom Leib zu halten. 2003 starb der Dichter und ließ die Welt in einem grauenhaften Zustand zurück. Als André Thiele 2005 die PHS begründete – ich selbst stieß im Frühjahr 2006 hinzu –, hatte sich daran kaum etwas geändert.

Jede Zeit hat ihre Lieblingsprojekte. André Thiele machte sich daran, einer desinteressierten und desorientierten Gegenwart den Hacks wieder einzutrimmen, und was er erreichen konnte, hat er erreicht. Ich will nicht von einer Renaissance sprechen, weil es hierzu wohl etwas mehr als nur der zehn Inszenierungen pro Spielzeit bedarf, die das Theater der Bundesrepublik aktuell hinbekommt, doch sowohl im kulturellen Leben (Feuilleton, Veranstaltungen) als auch im akademischen Bereich findet Hacks wieder statt. Über 600 Meldungen der PHS pro Jahr sprechen für sich, und die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen ist 2008 und 2009 höher gewesen als je sonst. Diesen Prozeß hat die Seite fünf Jahre lang gespiegelt, und indem sie ihn gespiegelt hat, hat sie ihn befördert. Sie muß das jetzt nicht mehr tun. Der Prozeß erhält sich selbst und ist so umfangreich und vielfältig geworden, daß er längst nicht mehr überschaubar ist. Der Anspruch, alle gesellschaftlichen Aktivitäten an einem Ort zentral zusammenzuführen und zu kommentieren, ist – gleichermaßen unnotwendig wie undurchführbar – obsolet geworden. Die Macher der PHS können sich nun um wichtigere Dinge kümmern. Kurz: Es wurde ein Niveau geschaffen, mit dem man jetzt, weil es nicht mehr erarbeitet werden muß, arbeiten kann. Das Parkett ist gelegt, es darf nun getanzt werden.

Zeit nämlich, so sagte ich, auch in der schnöden Bedeutung von: Arbeitszeit. So schnöde es ist, aber daran hing letztlich alles. Ich selbst habe mich bereits 2008 aus der Redaktion der PHS verabschiedet, um mich verstärkt um die wissenschaftlichen Projekte und ab 2009 auch um Editionen des VAT zu kümmern. Tätigkeiten für den Eulenspiegel Verlag und die Peter Hacks Gesellschaft fielen so nebenbei mit ab. Trotzdem blieb ich der Seite als Berater erhalten, was mich nach wie vor viel Kraft, Zeit und Nerven gekostet hat, denn die Seite war von Anbeginn ein Politikum, wandelnd im Niemandsland zwischen den Schützengräben, die von zugleich verdienstvollen und bornierten Institutionen wie etwa der FAZ und der jungen Welt gegeneinander errichtet wurden. Die seit 2006 deutlich anwachsende gesellschaftliche Aktivität um Hacks einerseits, die Zunahme unserer Eigengewächse (Argos, Hacks-Enzyklopädie, VAT) andererseits, machten spätestens 2008 nötig, einen eigenständigen Redakteur für die Seite zu finden, der den Verleger Thiele, der bis dahin das Meldungswesen in der Hauptsache betrieben hatte, entlasten konnte. Diese Aufgabe übernahm zunächst Leo Schmidt, später dann Stefan Otto. Die Ersparnis an Zeit brachte nun allerdings ein Mehr an Kosten in die Rechnung, und Geld, weiß der Fachmann, ist nichts anderes als geronnene Zeit. Das Ende dieser Sinfonie war, daß wir uns jetzt, im Frühjahr 2010, entschieden haben, den Tagesbetrieb der PHS einzustellen. Der Zeitgeist trauert, der Weltgeist – wer immer das ist – wird es uns danken.

Die PHS ist ein Spiegel, und das bleibt sie auch. Was sie zu sein aufgehört hat, das ist: der Spiegel eines Spiegels. Ein Medium, das Medienvorgänge reflektiert, neigt dazu, den Spezifika jener Medien mehr Aufmerksamkeit zu schenken als der Nachricht, die diese Medien enthalten. Von der Vermittlung und Beurteilung der Nachricht sinkt es herab zur Kritik, zur Medienkritik. Das ist nicht fehlerhaft, das ist zwangsläufig. Jeder Spiegel bricht den Gegenstand, und ein Spiegel, der andere Spiegel spiegelt, bricht den Gegenstand auch dann, wenn er eigentlich versucht, das Abbild auf das Sein zurückzubrechen, ein weiteres Mal. Was er erhält, mag besser sein als das einfach gebrochene Spiegelbild; vom Gegenstand selbst ist es aber weiter weg als je zuvor. Die PHS befindet sich um Umbau. Sie wird keine Meldungen mehr bringen, sondern Mitteilungen. Eine Mitteilung ist eine Nachricht. Eine Meldung ist eine Nachricht von einer Nachricht. Die PHS leistet sich die Kaprice, nur noch über die Ereignisse Mitteilungen zu machen, die  ihr es wert erscheinen. Das sind zunächst und zuerst natürlich Projekte, an denen ihre Mitarbeiter selbst beteiligt sind, das können aber auch Ereignisse sein, die von befreundeteten Institutionen (wie dem Aurora-Verlag oder Peter Hacks Gesellschaft) unternommen werden.

Diese Restruktur schafft neue Freiräume, die wir nutzen können. Neben der Arbeit an der Edition Neue Klassik, dem VAT allgemein und natürlich meinen persönlichen Forschungsprojekten kommt das vor allem dem Journal Argos zugute. Bislang hatte André Thiele die Herausgeberschaft des Argos inne, und Martin Engelmann die Redaktion. Ab dem Herbstheft (No. 7) wird Gunther Nickel, mit dem gerade in editorischer und philologischer Hinsicht eine  große fachliche Kompetenz den Raum betritt, die Herausgabe des Argos übernehmen, während André Thiele sich auf die Position des (natürlich Einfluß nehmenden) Verlegers zurückzieht. Die Redaktion des Argos wird erweitert. Neben Martin Engelmann, dem die Endredaktion und technische Koordination obliegt, treten zwei weitere Redakteure: der bisherige Redakteur der PHS, Stefan Otto, wird das Ressort “Rezensionen & Berichte” übernehmen, und ich werde  mit den Bereichen “Texte” und “Diskussion” die Redaktion der Aufsätze und Essays verantworten. Die Orientierung des Argos geht mehr als bisher auf Originalität. Nachdrucke von Texten wird es nur noch in Fällen besonderer Qualität oder Bedeutung geben; die Regel soll sein, daß die Aufsätze und Essays des Argos Erstveröffentlichungen sind. Ab 2011 soll das Journal zudem nicht mehr halbjährlich, sondern dreimal im Jahr erscheinen.

Ich lese diesen Eintrag eben noch einmal durch und bemerke, daß ich Sie angelogen habe: Wir haben den lahmen Gaul nicht erschossen, wir haben ihn in ein Einhorn verwandelt. Ob uns das etwas mehr Ruhe vor den Tierschützern verschafft, bleibt allerdings abzuwarten.

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