Das Nachdenken über Sitten und Gebräuche hat immer zwei Seiten, eine theoretische, die danach fragt, woher dieser oder jener Brauch historisch und kulturell kommt, und eine praktische, auf der das Denken der Frage nachgeht, wie gut die Bräuche sind und wohin, wenn man sie ausübt oder nicht ausübt, unsere menschliche Entwicklung geht. Beinahe alle Fehlleistungen, die Kommentatoren bei der Beschäftigung mit sittlichen Fragen unterlaufen, rühren aus der ungleichen Verteilung des Denkens auf diese beiden Seiten. Die Frage nach der Welt, wie sie ist, und die Frage nach der Welt, wie sie sein soll, verhalten sich in aller Regel gegenläufig, und der gemeine Verstand liebt das Denken in Widersprüchen nicht. Er will es einfach und will es rein. Also entscheidet er auch bei der Beurteilung bestimmter Sitten einfach nach seinen ohnehin vorhandenen Neigungen. Ein Brauch ist demnach entweder schlecht und somit durch keinerlei historische Betrachtung zu entschuldigen, oder aber historisch bedingt, und dann verbietet sich ein Werturteil von selbst.
Nicht wenig hängt bei der Entscheidung, ob nun ein ganz bestimmter Brauch schlecht oder historisch bedingt sei, davon ab, wie das urteilende Subjekt zu seinem eigenen Kulturkreis steht. Ein christlich-konservativer Mensch wird alle (gegenwärtigen) Bräuche des Abendlandes für gut und unverzichtbar erklären, während er die Mehrheit der Bräuche des Orients für schlechthin verderblich hält. Ein linker oder liberaler Mensch verhält sich dagegen umgekehrt. Die Negation des Gegenwärtigen (die bei ihm immer absolut ist und nie bestimmt sein kann) zwingt ihn dazu. Einen waschechten Linken erkennen Sie daran, daß er mit Eifer für die Freiheit des Islams kämpft, auch hierzulande seine Frauen zu unterdrücken, und mit demselben Eifer dann die Abschaffung der Ehe im abendländischen Kulturkreis fordert. Daß die Ehe, wie sie im Okzident von heute modelliert und juristisch bestimmt ist, ein Ausdruck der Gleichberechtigung von Mann und Frau ist (indem sie nämlich beide Seiten rechtlich gleichsetzt, sie gar zu Rechtsvertretern der je anderen ernennt und im Fall der Scheidung die stärkere Partei zum Unterhalt der schwächeren zwingt), spielt bei derartigen Überlegungen keine Rolle. Denn die Ehe, so weiß das Sektenhirn, ist ein Rudiment der patriarchalischen Klassengesellschaft, und was von dort kommt, muß – gleich, welchen Wandel es seitdem vollzogen hat – schlecht sein. Umgekehrt muß alles, womit diese Gesellschaft in Konflikt gerät, Unterstützung erfahren, denn auch dies weiß das Sektenhirn, daß der Feind seines Feindes unbedingt sein Freund sein müsse. So verteidigt der linke Kritiker also das Morgenland gegen das Abendland mit der Begründung, daß das Abendland einst ebenso unerfreuliche Zustände sein Eigen nannte wie das Morgenland noch heute. Sie merken: Um Inhalte geht es bei der Sache überhaupt nicht; es geht um Wohlfühlzonen. Derartiges Denken mit zweierlei Maßstab ist aber nur bedingt Ausdruck einer schlechthin gestörten Bewußtseinslage, sondern eben und leider die Weise, in der der gemeine Verstand, der zu einem einheitlichen Weltbild ab einem bestimmten Umfang seines Wissens nicht mehr fähig ist, die Wirklichkeit begreift. Mag er nun affirmativ oder negativ gestimmt sein; letzteres gereicht gewöhnlich zu den größeren Fehltritten. In der Tat hat die Fähigkeit zur Negation mit dem Denken in Widersprüchen nicht mehr zu tun als die Fähigkeit zur Affirmation. Die Affirmation, auf sich allein gestellt, ist nur ein Schatten des Denkens. Und die isolierte Negation ist dann der Schatten dieses Schattens. Weise am Weisen ist seine Fähigkeit zur Vermittlung.
Ich rede, wie oft, nicht ohne konkreten Anlaß. Ein äußerer Anlaß, das im Vorbeigehen, ist ein zufälliger, aber kein schlechter Filter. Schriebe ich jeden klugen Gedanken, den ich habe, nieder, ich käme nicht mehr zum Denken. Der Anlaß also, der mich bewegt, ist die Entscheidung des Parlaments von Belgien, das öffentliche Tragen der Burka unter Strafe zu stellen. Ähnliches bahnt sich derweil auch in Frankreich an. Ich versuche, wie hoffentlich aus dem oben Gesagten deutlich wird, bei meinen Urteilen stets beides, die historische Verumständung und den transzendenten Wert des jeweiligen Brauchs, seine Ursachen und seine Folgen also, zu berücksichtigen. Hegelianer, der ich bin, weiß ich, daß die Einsicht in das Unvermeidliche mit dem Gegenwärtigen Versöhnung schafft. Die praktische Seite des Verstehens ist Resignation. Auch weiß ich wohl, wenn ich Herder folge, daß eine jede Kultur ihr eigenes Fundament und ihren eigenen Klang hat, daß es also kaum statthaft ist, einen fremden Ort von einem anderen Ort aus als ihm selbst zu beurteilen. Ähnlich verfahre ich auch bei geschichtlichen Urteilen, indem ich jede Epoche zunächst und vor allem an ihren eigenen Bedingungen messe. Und doch liegt in dieser rein theoretischen Haltung die Gefahr, alles zu verstehen und zu entschuldigen. Der Mensch ist das Tier, das will. Er allein sieht die Welt nicht ausschließlich, wie sie ihm erscheint, sondern sieht an ihr auch, wie sie sein soll. In diesem Sollen aber drückt er sein eigenes Wesen aus, und eine Betrachtung der Weltgeschichte zeigt, daß es in ihr ganz offenkundig nicht allein darum geht, daß Dinge sich aus objektiven Gründen ereignen, sondern daß auch die Geschichte selbst eine Art Gang zum Menschlichen ist. Sie mag dabei sprung- und wechselhaft sein, sich innerhalb ihres Gangs auch einmal zurückentwickeln, aber aufs Ganze gerechnet wurde sie bislang stets nur erträglicher und menschenähnlicher. Es lebt sich heute vergnüglicher als im Mittelalter, und in der Antike war man fröhlicher als zu jenen grauenhaften Zeiten der Urgesellschaft, die nur ein Sozialromantiker wie Rousseau zu einer Zeit der Idylle und des Friedens mißdeuten konnte.
Indem der Mensch also an einen geschichtlichen Stoff mit dem Anspruch des Menschlichen herantritt, ihn entsprechend beurteilt und im Fall der Fälle sein Ins-Nichts-mit-ihm ausspricht, kann er, selbst wenn er irrt, nie ganz irren. Besser jedoch, er irrt nicht. Der von beschränkten Fortschrittlern immer wieder in den Verdacht der Fortschrittsfeindlichkeit gesetzte Hegel schreibt 1817:
Altes Recht und alte Verfassung sind ebenso schöne, große Worte, als es frevelhaft klingt, einem Volke seine Rechte zu rauben. Allein ob das, was altes Recht und Verfassung heißt, recht oder schlecht ist, kann nicht aufs Alter ankommen; auch die Abschaffung des Menschenopfers, der Sklaverei, des Feudaldespotismus und unzähliger Infamien war immer ein Aufheben von etwas, das ein altes Recht war.
Ich war, um zur Sache zu kommen, schon ein wenig erstaunt – in dem Grade, in dem man über Dinge erstaunt sein kann, die man eigentlich erwartet hat, deren Absurdität aber doch so groß ist, daß man, wenn sie dann eintreten, doch nicht anders kann als aufzumerken – ich war also routiniert überrascht, daß ausgerechnet von den Linken, deren Zugang zur Wirklichkeit doch eher der kritische, also der subjektive, eher urteilende als erkennende, ist, das Verbot des öffentlichen Tragens der Burka mehrheitlich kritisiert wurde. Der Brauch der Burka, der selbst innerhalb des Islams mehrheitlich eher Ablehnung als Zustimmung erfährt, widerspricht einigen Zielen, die die Linke für unverzichtbar erklärt hat, etwa der Freiheit des Einzelnen, der Gleichheit der Menschen und der Beseitigung der Unterdrückung des weiblichen Geschlechts.
Kann die Ablehnung dieses Verbots seitens der meisten Linken tatsächlich ihren einzigen Grund darin haben, daß es mit dem belgischen Parlament eine westeuropäische und also imperialistische Institution war, die es ausgesprochen hat? Es scheint so. Kein Zweifel, daß die Linke, einmal angenommen, der feudale Brauch des Rechts der ersten Nacht hätte sich, wie auch immer, bis in unsere Tage gerettet und wäre in West- und Mitteleuropa eine zwar nicht eben gern gesehene, aber doch gestattete Gepflogenheit, geschlossen und ohne zu zögern dem gesetzlichen Verbot dieses Brauchs zustimmte, sobald die Möglichkeit zum Verbot auch nur greifbar würde. Im Fall der Burka tut sies nicht.
Was höre ich, mein Vergleich sei anachronistisch? Mittelalterliche Bräuche passen nicht in unser Zeitalter und zum Niveau, das unsere Gesittung heute erreicht hat? Ja, sehen Sie, genau das ist der Grund, aus dem ich rate, in Bezug auf die Burka von jenem Herderschen Relativismus, der einfach alles gestattet, weil es irgendwo oder irgendwann Gepflogenheit war, ein wenig mehr Abstand zu nehmen, als man das als vielduldender Freund der Menschheit sich angewöhnt hat. Es gibt gute Gründe, die Burka als einen Grenzfall zu betrachen. Anders als das Minarett oder das Kopftuch ist sie kein harmloses Element eines freien Ausübens von Religion, das zu gestatten natürlich keine Verhandlungssache, sondern eine Selbverständlichkeit ist. Die Burka ist kein Symbol der Unterdrückung, sie ist selbst Unterdrückung, ein reales Element zur Unterwerfung des weiblichen Geschlechts. Sie erniedrigt die Frauen, indem sie sie in ein mobiles Gefängnis zwingt, dem sie allein innerhalb ihrer immobilen Gefängnisse entrinnen können. Sie setzt die Frauen ihren Männern gegenüber in einen minderen Status, verhindert ihren gesellschaftlichen Verkehr, den Austausch mit anderen als nur Ihresgleichen. Sie hindert schließlich die betroffenen Frauen daran, einem Grundbedürfnis nachzukommen, das nicht spezfisch kulturell, sondern allgemein menschlich ist: der Wunsch, sich herzuzeigen als das, was man ist bzw. als das, was man scheinen will. Dieser Beschnitt des Bedürfnisses nach Individualität und Sich-Herzeigen ist vielleicht der am schwersten zu greifende, aber er ist doch trotzdem nicht weniger eine Beschneidung des Menschlichen als die zuvorgenannten Seiten dieser Unterdrückung. Die Überwindung dieses Brauchs wäre somit für die Betroffenen im doppelten Sinne des Wortes eine Entdeckung des Menschlichen.
2 Responses to “Die Entdeckung des Menschlichen I”
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“Sie hindert schließlich die betroffenen Frauen daran, einem Grundbedürfnis nachzukommen, das nicht spezfisch kulturell, sondern allgemein menschlich ist: der Wunsch, sich herzuzeigen als das, was man ist bzw. als das, was man scheinen will.”
Daher dürfte wohl gerade die Sympathie vieler Linker (nennen wir sie doch beim Wort: Idealisten, Hippies, Autonome, kurz: Commünisten) zur Burka stammen. Die Pöbel-Linke hat es nunmal nicht gerne individuell; sie will die gleichgemachte, ununterscheidbare, tumbe Masse – ihre modischen Vorlieben nicht nur in der Szene (alle laufen in denselben Klamottenmodellen herum, Vorbild Bundeswehr), sondern erst recht bei ihren Demonstrationen, zeigen das in frappierender Weise: ein „schwarzer Block“ (Anarchodeutsch) in dem jeder einzelne – zum bloßen Atom gemacht – in die Burka des kleinen linken Mannes verpackt ist: dem schwarzen Kapuzenpullover plus Vermummungsschal, Sonnenbrille oder Cap. Die “Autonomen”, das sind die Terror-Palästinenser Mitteleuropas – der individuphobe, bedürfnisfeindliche, brandschatzende Mob. Kein Wunder, dass die rechtsradikalen Autonomen sich inzwischen genauso kleiden. Auf Hässlichkeit konnte man sich unter Arschlöchern nämlich schon immer einigen.
Zum Vergleich:
Burka: http://dailytalk.blueblog.ch/files/images/2007/4/mob18_1177770442.jpg
Kapu: http://www.taz.de/uploads/hp_taz_img/xl/schwarzer_block_dpa.jpg
Allgemein neigt die Linke eher zur demokratischen als zur freiheitlichen Seite, das ist richtig. Da geht das Kollektive vor, und das Individuelle hat ein wenig das Nachsehen. Und trotzdem beruft sie sich ja immer auf Marx, der als Ziel jene “Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist” (MEW 4, 482), ausgegeben hat. (Die Frage, ob diese Auffassung von Marx zu seinen besseren gehört, lassen wir aus Gründen der marxistischen Nächstenliebe einmal unberührt.)
Der Eintrag hat noch einen zweiten Teil, worin die Argumentation der Verbotsgegner einer Betrachtung unterzogen wird. Es ist nämlich wirklich so, daß einige Kommentatoren aufgetreten sind, die sich auf die freie Entfaltung des Menschen berufen haben; das Verbot des öffentlichen Tragens der Burka hindere die Frauen in ihrer Freiheit, ihrer Kleiderwahl usw. usw.