Die Eule der Minerva

Meinethalben dürfte sie gern auch tagsüber fliegen. Aber irgendwann muß sie ja schlafen, die Eule von Attika, und wenn sie schon schlafen muß, dann eben nicht in der Nacht, die ihr eigentliches Element ist. Die Aufgabe der Philosophie ist das Erkennen. Und politische Rücksichten stören beim Erkennen. Natürlich haben auch Erkenntnisse einen politischen Nutzen, aber dazu müssen sie erst einmal Erkenntnisse sein.

Ist es möglich, den Sinn der von Georg Wilhelm Friedrich Hegel am 25. Juni 1820 in die Welt geschleuderten Vorrede zu seinen “Grundlinien der Philosophie des Rechts” noch kürzer zusammzufassen? Kürzer nicht, aber besser: (weiterlesen…)

Die Geheimnisse des Fußballs

Es ist an der Zeit, daß das Journal für die elegante Welt, das sich den höheren Sphären verschrieben hat, sich auch einmal mit der wichtigsten Hauptsache der Welt befaßt: mit dem Fußball. Das Fußballspiel verhält sich wie das Absolute bei Hegel; es ist eine höchst erfreuliche Sache und will erkannt sein. Die Sprache wurde den Menschen gegeben, um sich über Fußball zu verständigen. In diesem Spiel wirkt und webt alles fort, was wir schön, gut und wahr nennen. Das Nachdenken über Fußball macht uns zu besseren und weiseren Menschen. Wer den Fußball liebt, kann – Clemens Tönnies einmal ausgenommen – kein schlechter Mensch sein.

Soweit die Hymne. Im vollen Ernst der Überlegung indes taucht die durchaus der Verfolgung werte Frage auf, wie das Fußballspiel gesellschaftlich zu verorten ist. Der Begriff des Sportes ist zwar zutreffend, aber kaum hinreichend. Er erklärt, warum Leute sich körperlich betätigen; er erklärt nicht, warum Leute anderen Leute bei körperlichen Betätigungen zusehen. Der Kontext, in dem solche Schau passiert, zeigt, daß es nicht die bloße Betätigung ist, die fasziniert. Interesse an einem Sport tritt ausschließlich im Zusammenhang mit Wettkämpfen auf. Und das führt auf den Begriff des Agon, der so alt wie die Gesellschaft selbst ist. Der Agon ist ein Element, von dem die gesamte griechische Antike durchdrungen ist. Es sind nicht allein die sportlichen Betätigungen von Olympia, die ja als Paradeigma unserer heutigen Olympischen Spiele hergehalten haben. Die griechische Sprache bereits arbeitet in ihrem regulären Partikel-Gebrauch (men … de … de …) viel stärker mit Entgegensetzungen, opponierenden Perioden, als die Syntax jeder anderen indogermanischen Sprache. Der alte Grieche reiht seine Gedanken wie ein Kampfrichter, der nacheinander die Kontrahenten in die Arena ruft. Welche Eigenart sich natürlich auch in der Rhetorik zeigt, die, begünstigt von politischen und juristischen Umständen (Ekklesia und Dikasterion), jeder Grieche der höheren Gesellschaft zu erlernen hatte und deren Ausübung den Alltag in einem Grad bestimmte, wie es heute kaum noch vorstellbar ist. Oder eben doch vorstellbar. Die Rhetorik, könnte man sagen, hatte in der Antike einen Stellenwert wie in der Jetztzeit der Fußball. Auch sie fand als Wettkampf statt; die Redner lernten, in der Rede die schwächere Sache zur stärkeren zu machen. Der Agon durchdringt die griechische Gesellschaft schließlich so sehr, daß selbst die Ausübung und Herstellung der Kunst im Zusammenhang von Wettkämpfen vonstatten geht. Der berühmte Certamen Homeri et Hesiodi ist vermutlich ohne historisches Vorbild und eine Imitatio des Agons zwischen Aischylos und Euripides in den Aristophanischen Batrachoi, aber zumindest die sind ganz dem Zeitgeist entnommen: Das gesamte attische Theater pflegte in Form des Wettkampfs ausgetragen zu werden. Und damit also bin ich dort, wohin ich gelangen wollte. Die Kunst kann ohne den Wettkampf und der Wettkampf kann ohne die Kunst bestehen, aber jene eigentümliche Vermischung im griechischen Theater zeigt, daß beides einander nicht ausschließt, und der nachhaltige Erfolg der griechischen Kunst legt gar den Verdacht nahe, daß Wettkampf der Kunst förderlich sein kann. Kann auch die Kunst dem Wettkampf förderlich sein? Wieviel Kunst steckt im Fußball, oder anders gesagt: Besteht die Fasziniation am Fußball wirklich allein darin, daß er als Agon ausgetragen wird? Es muß ja doch einen Grund geben, aus dem der Fußball und nicht etwa Gewichtheben oder Tiefsee-Schach jene gigantische Begeisterung in der weiten Welt hervorruft.

Ich wage die Überlegung, daß Fußball zu jener merkwürdigen Gattung der sinnlosen Künste gehört, zu denen auch die Kochkunst und die Architektur zählen. Sinnlos sind sie nicht, weil sie keine (weiterlesen…)

Die Entdeckung des Menschlichen II

Natürlich kann kein Zweifel hinsichtlich der Motive jener nicht nur belgisch und französisch, sondern tatsächlich übergreifend europäisch argumentierenden Politiker bestehen, die gegenwärtig das Verbot durchzusetzen trachten. Sie betrachten den Islam vom Standpunkt des Christentums, mit den Augen des Konkurrenten also, der dort siegen will, wo es der Islam gegenwärtig tut. Und sie sprechen von der christlich-abendländischen Kultur, ganz so, als sei nicht eben diese Kultur, deren Wurzeln nebenbeigesagt bis ins antike Griechenland und nicht nur bis zu Paulus zurückreichen, in ihrem heutigen Bestand das Resultat eines mühevollen Kampfes nicht zuletzt auch gegen diese Religion und ihre Institutionen. Daß das Christentum heute dem Islam als die aufgeklärtere, offenere und gesittetere Religion entgegentreten kann, als eine Religion, die sich dem Weltlichen nicht dumpf entgegenstellt und deren ideeller Gehalt von den größten Denkern der Neuzeit (Spinoza, Leibniz und Hegel) vermittels nichtreligiöser Mittel offenbar gemacht wurde, verdankt es weniger sich selbst als vielmehr dem Umstand, daß ihm dies mühevoll von außen, mit philosophischen und politischen Mitteln, abgerungen wurde.

Unbetroffen von solchen Historika bleibt indes ein praktischer Vorgang im Hier und Jetzt. In der Politik geht es nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft. Nicht Gründe zählen, sondern Folgen. Jedes Mittel, das Gewünschtes herbeiführt, ist recht, gleich, von welcher Seite es kommt. Der muß schon ein ausgemachter Narr sein, der einen Akt des Fortschritts ablehnt, weil die Subjekte, die diesen Akt zur Durchführung bringen, ihn aus den falschen Beweggründen ins Werk setzen. Wann, ließe sich fragen, wäre ein Fortschritt jemals von Akteuren durchgesetzt worden, die diesen Fortschritt im vollen Umfang seines Ernstes begriffen hätten? Und ehrlich: Begreift man denn auf der Linken den Fortschritt tatsächlich besser als in jener christlich-abendländische Kaste, die sich dem Erhalt des Bestehenden, was immer das gerade sei, verschrieben hat? Wenn ich wesentlich öfter über die Linke schimpfe als über das rechte Lager, dann weil die Sorgen der Linken auch die meinen sind. Nur an dem, was man veränderbar und verändernswert glaubt, mäkelt man herum. Mit amusisch-verstockten Christdemokraten, die sich auf eine “christliche Leitkultur” berufen, ohne in ihrem Leben eine Zeile Goethe oder Hegel, Luther oder Schleiermacher gelesen zu haben, gibt es gar nichts zu bereden. Ein anderer Grund der Ungleichverteilung meines Tadels liegt allerdings darin, daß die Linke zu hirnernen Fehlkonstruktionen neigt, wie sie das rechte Lager nur selten nötig hat. Im simpel Affirmativen ist alles klar und ohne Geheimnis. Die unbestimmte Negation kommt immer von hinten durchs Knie. Ich bin noch beim Thema und will hiervon im folgenden zwei Beispiele geben: zwei Argumente, die unter den Äußerungen der letzten Tagen besonders häufig zu vernehmen waren. Das erste Argument richtet sich gegen das Ziel, das zweite gegen die Methode des Verbots. Es ist nicht schwer, beide zu entkräften.

Der liberale Irrsinn hat einige Kommentatoren dazu gebracht, die Behauptung aufzustellen, das Verbot der Burka sei eine Beschneidung der Freiheit; man nehme den Frauen damit das Recht zu entscheiden, in welcher Kleidung sie sich in der Öffentlichkeit zeigen. Dieses Argument funktioniert weder theoretisch noch praktisch. Tieferdenkende wissen, was es mit dem Begriff der Freiheit (weiterlesen…)