Was sagte Hacks über Hacks? Das:
[...] er ist sicher, daß ihm ein leichtes wäre, die Hacks-Philologie für die nächsten drei Geschlechterfolgen brotlos zu machen. Er unterläßt es [...]
Ich bin nicht ungezogen, wenn ich ihm dennoch keinen Dank zu schulden meine. Die Kunst besteht natürlich darin, einen Dichter besser zu erklären, als er es selbst vermocht hätte. Rechtzeitig zur Frankfurter Messe ist es erschienen, mein Buch zum Verhältnis von Leistung und Demokratie im Werk von Peter Hacks, und liegt ab Montag bereit zur Auslieferung.
Die Untersuchung ist entstanden im Winter 2008/09, und ich habe sie lange zurückgehalten, weil sie als Teil eines größeren Projektes geplant war, dessen Realisierung sich nunmehr aus Zeit- und Kraftgründen zerschlagen hat. Damals konnte ich noch nicht ahnen, daß ihre Veröffentlichung mit einem medialen Rummel um ein ganz ähnliches Thema zusammenfällt. Ich kann indes versprechen: Bei mir geht es kaum um Biologie (gar nicht um Genetik), und der Leistungsträger, wiewohl er in meinem Buch Verteidigung findet, wird nicht zum alleinigen Inhaber des Rechts gemacht. Vermittlung also statt Spaltung. Ich mußte Thilo Sarrazins letztes Buch nicht kennen, um in der Frage, wie die Gesellschaft mit ihren Leistungsträgern und die Leistungsträger mit ihrer Gesellschaft umgehen, zu einem vernünftigen Standpunkt zu kommen. Es bedurfte weder der Anregung noch der Abstoßung durch äußerliche Skandale, sondern einfach eines möglichst gründlichen und möglichst sinnvollen Umgangs mit dem Stoff, an dem ich dieses Thema durchspiele. Und dieser Stoff ist Peter Hacks.
Ich war in meinen Studien des gesellschaftlichen Denkens von Hacks auf den Punkt gekommen, daß seiner eigenwilligen Klassentheorie eine funktionale (also im Grunde ideelle) Struktur zugrunde liegt. Die Klassen, merkte ich, erfüllen bei Hacks verschiedene Funktionen, die das Gesamtgebilde der Gesellschaft und seine Bewegung (also die Entwicklung des Sozialismus in der DDR) erklären und begründen konnten. Nichts weniger ist, was der Dichter Hacks in der Tat unternimmt, und es ist eines der Ziele meines Buchs zu zeigen, mit welchem Erfolg. Die Besonderheit der Studie liegt darin, die Verbindung hergestellt zu haben zwischen dem Staatsdenken, der gesellschaftlichen Theorie der Klassen und dem idellen Verhältnis von Leistung und Demokratie. Diese Elemente stehen durch das Werk und das Denken von Hacks miteinander in einem Zusammenhang, und insbesondere für das dramatische Werk gilt, daß es von diesen Verhältnissen in weiten Teilen durchdrungen ist und ohne ihr Verständnis nicht vollends verstanden werden kann.
In der Einleitung wird der Sinn der Studie in vier Fragen verdichtet: Wieviel Genie verträgt die Gesellschaft? Wieviel Gesellschaft verträgt das Genie? Kann ein Staat auf Leistungsträger verzichten? Kann er mit ihnen rechnen?
Diese Fragen eröffnen gleichsam einen Bezug des Dichters zu seiner Zeit, und da der Dichter Peter Hacks ist, ist die Zeit, von der gehandelt wird, die Epoche des Sozialismus, jene historische Erscheinung also, von der sich wohl sagen läßt, daß sie diejenige ist, über die die Menschheit bislang am wenigsten herausgebracht hat und über die mehr Unsinn die Runde macht als über jede andere Epoche. Kann ein Buch über Hacks da helfen? Kunst ist eine Form der Aneignung von Welt, und es gibt keine Aneignung, die ihren Gegenstand nicht bricht, die ihn nicht verändert, indem sie ihn sich aneignet. Dieser Umstand macht allerdings beides erfahr- und begreifbar: Vom Brechenden kann man auf das Gebrochene, und vom Gebrochenen auf das Brechende schließen. So ist Leistung und Demokratie zugleich ein Beitrag zum Verständnis von Peter Hacks und der Gesellschaft, in der er lebte.
Inhalt:
I. Wovon die Rede ist
II. Frühe Spuren
III. Held und Menge
1. Eröffnung des indischen Zeitalters
2. Moritz Tassow
3. Ein Gespräch im Haus Stein
IV. Held und Helden
1. Die Binsen
2. Omphale
V. Helden und Menge
1. Numa
2. Prexaspes
VI. Der Dichter und seine Zeit
——
Felix Bartels
Leistung und Demokratie
Genie und Gesellschaft im Werk von Peter Hacks
Edition Neue Klassik, Nr. 3
Mainz: VAT Verlag André Thiele 2010
190 S., Klappenbroschur, 12.90 EUR
ISBN 978-3-940884-41-1
3 Responses to “Leistung und Demokratie”
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[...] Hacks, besser gesagt: Die »Struktur hinter der Struktur« im Werk von Peter Hacks. Hören wir den Autor: Die Untersuchung ist entstanden im Winter 2008/09, und ich habe sie lange zurückgehalten, weil [...]
Sehr geehrte Frau Carlhoff,
ob ich vor dem Hintergrund meiner Autorenschaft ausgerechnet an dem “offen-siv”-Artikel “Der Kampf um die Emanzipation der Frau” wirklich Sprachkritik betreiben würde, bleibe dahingestellt.
So viel jedenfalls will ich Ihnen zugute halten: Ihre ist die originellste Ausrede, zu Hacks dumm bleiben zu wollen, die bisher vorliegt.
Rotfront!
Ihr Andre Thiele
Um dieses dick auftragende Lob etwas zu relativieren: Das meiste, was zu Hacks bislang geschrieben wurde, war auch vor meinem Buch schon leeres Gerede und bleibt es unvermindert. Das indes, was davor kein leeres Gerede war, bleibt auch nach meinem Buch substantiell genug.
Natürlich glaube ich, daß mein Buch gut ist. Ich hätte es sonst kaum geschrieben. Aber mir fallen Namen ein, deren Leistungen die meine überragen (Schütze z.B., um nur den wichtigsten zu nenen).
Was das Urteil von Frau Carlhoff angeht: Vom Inhalt eines Verlagstextes auf die Lesenswertheit eines Buchs zu schließen ist eine Kunst, die selbst ich nicht verstehe.