Von allen verrückten Schnurren des modernen Antisemitismus weiß ich eine verrückteste. Es ist etwa fünf Jahre her, da schrieb ein Israelkritiker, mit dem ich damals bekannt war, in einem Brief folgenden Gedankengang nieder: Ohne Antisemitismus könne Israel nicht existieren, weshalb er von den Zionisten nicht bekämpft, sondern nach Kräften gefördert werde; die Abschaffung des Staates Israels sei folglich die Voraussetzung für die Abschaffung des Antisemitismus. – Der das schrieb, war kein Nazi, sondern ein Linker; zumindest, soweit es sein Selbstverständnis betrifft. Ich danke dem Vorfall eine wichtige Erkenntnis, auf die ich am Ende zurückkommen werde. Auf den Brief habe ich damals nicht mehr erwidert; mit Antisemiten diskutiert man nicht, man bekämpft sie. Und wenn man, wie ich, das Kämpfen nicht gelernt hat, dann schreibt man ihnen dennoch nicht, sondern bestenfalls über sie.
Vier Jahre später, im Frühjahr 2010, machte sich eine zwielichtige Fronde aus türkischen Faschisten und europäischen Friedenskämpfern auf den Weg, eine Blockade der israelischen Seestreitkräfte zu brechen, deren Zweck ist, den Import waffenfähigen Materials in den Gaza-Streifen zu verhindern. Was mich aufmerken ließ, war nicht die Aktion selbst; sie war deutlich erkennbar als eine militärisch-politische Provokation, bei der Israel, das übrigens bis zuletzt angeboten hatte, die transportierten Hilfsmittel, nach entsprechenden Sicherheitskontrollen, über den Landweg zu ihrem Ziel zu leiten, als Schurkenstaat vorgeführt werden sollte. Israel hat hart reagiert, überhart. Aber eine Blockade ist ein militärischer Akt, und der Angriff gegen eine Blockade ebenfalls. Was haben die Aktivisten denn erwartet, das geschehen werde? Interessant waren die Reaktionen auf Israels Reaktion. Wußte man nicht, worum es ging, mußte man den Eindruck haben, daß der nächste Weltkrieg ausgebrochen war. Die militärische Aktion hatte neun Tote gefordert, und das, obgleich eine hohe Zahl von Besatzungsmitgliedern der »Mavi Marmara« bewaffneten Widerstand gegen die versuchte Enterung geleistet hatte. Was auf dem Schiff stattfand, war ein, wenn auch ungleiches, Kampfgeschehen – kein Massaker und erst recht kein Mord an unschuldigen Zivilisten. Ungeachtet der Tatsachen entwickelte sich hierzulande jedoch innerhalb weniger Tage eine Bewegung des tiefen Mitgefühls, die sich darin einig war, daß Israel sich durch seine Aktion ein weiteres Mal als Apartheidregime, Ziofaschismus, Terrorstaat und was an dergleichen Krawallbegriffen mehr ist entpuppt hatte. Kundgebungen wurden abgehalten, Konferenzen einberufen, Flugschriften in die Welt geschickt, Blogger schrieben sich die Finger wund, politische Gruppierungen jagten Pressemitteilungen durch sämtliche Kanäle, schon zwei Tage nach dem Vorfall erschienen Artikel in Tageszeitungen, deren Verfasser ganz genau Bescheid wußten, daß die israelische Version komplett erlogen und die Version der Aktivisten rundum wahr sei, auf der Internetplattform Facebook tauchten – als Krönung des antiisraelischen Happenings – binnen weniger Stunden zahllose Palästinaflaggen als Nutzerbilder auf, deren Träger ihre Seiten mit spontanem Beifall für Erdoğans Performance und wüsten Aufforderungen an den israelischen Staat, sich doch bitte endlich aufzulösen, anfüllten. Es war insbesondere der Eindruck dieser Vorgänge, der mich mißtrauisch machte. Ein halbes Jahr zuvor hatte ein Luftangriff der Bundeswehr bei Kunduz um die 150 – und zwar tatsächlich unschuldige – Opfer gefordert, und keiner dieser empathischen Zeitgenossen war auch nur für einen Tag mit einer afghanischen Flagge unterwegs gewesen, keiner hatte es für nötig gehalten, die üblichen Gepflogenheiten der Kritik zu sprengen, indem er z.B. die Auflösung des angreifenden Landes, der Bundesrepublik Deutschland nämlich, gefordert hätte. Offenbar, sagte ich damals, gelten für Israel andere Maßstäbe, und ich hatte große Lust, eine längere Abhandlung zu schreiben. Manchmal braucht man aber mehr als einen Anlaß.
Es sind merkwürdige Fügungen. Im Zusammenhang mit meinen Studien zu Saul Ascher hatte ich die letzten Monate das zweifelhafte Vergnügen, den Antisemitismus des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu studieren. Ich las Autoren wie Arndt, Fries und Rühs; Brentano, Savigny und Arnim; Buchholz, Paalzow und Grattenauer. Und natürlich den unvergeßlichen Johann Gottlieb Fichte, der bereits 1793 erwog, allen Juden über Nacht die Köpfe abzuschneiden, ehe sie das Bürgerrecht erhalten sollten. Ich verfiel auf die Idee, einen längeren Aufsatz zum Antisemitismus der deutschen Romantik zu schreiben, weil ich zu meiner Überraschung in dem haßerfüllten Wirrwarr Möglichkeiten der Strukturierung erkannte. Zur selben Zeit nahm ich auch die Gedanken aus dem Sommer des letzten Jahres wieder auf, meine Beobachtungen nämlich zum gegenwärtigen Nahostkonflikt und dem Verhältnis der deutschen Linken zu diesem Konflikt niederzuschreiben. Das diente der Selbstverständigung und war nicht zur schnellen Veröffentlichung vorgesehen. Inmitten dieser Arbeit erschien nun am 18. Mai dieses Jahres eine Studie1 zum Antisemitismus in der Partei DIE LINKE (PDL). Die Autoren Samuel Salzborn und Sebastian Voigt stellen die Frage, wie schlimm es steht, und kommen zu dem Schluß, daß es sehr schlimm steht.
Die Studie, um es gleich zu sagen, ist keine Glanzleistung. Die Autoren erzählen kaum Neues, verstehen wenig von der Theoriegeschichte des Marxismus, geben die internen Flügelkämpfe der PDL nur sehr unvollkommen wieder und zeigen stellenweise ein außerordentliches Unvermögen zu differenziertem Denken.2 Von einer geradezu pennälerhaften Weinerlichkeit ist der Titel der Untersuchung: »Antisemiten als Koalitionspartner?« – Selbst das Urteil im Kachelmann-Prozeß ist interessanter als die Frage, wer hierzulande mit wem koaliert. Bei allen Einwänden, die man ihrer Methode und ihrer Detailarbeit machen kann, muß man allerdings konzedieren, daß die Beobachtungen der Autoren sich nicht ignorieren lassen, und wem Ähnliches an der PDL bislang noch nicht aufgefallen ist, der hat entweder ein Problem mit den Augen oder damit, das Gesehene zu verarbeiten. Die Beispiele der Studie (auch wenn nicht alle von ihnen etwas taugen) ließen sich beliebig vermehren – mit Vorgängen aus der Zeit vor ihrem Abschluß ebenso wie aus der Zeit danach. Man muß nicht die neuesten Untaten z.B. der Frau Inge Höger nacherzählen, die ja offenbar, trotz ihres gesetzten Alters, eine Art Jean d’Arc der Friedensbewegung zu werden anstrebt, denn ihre Umtriebe in und außerhalb des Frauendecks sind in letzter Zeit weidlich bekannt gemacht, und man kann mit den Ereignissen ohnehin kaum Schritt halten: Während man noch damit beschäftigt wäre, ausführlich zu berichten, wie z.B. die Knesset-Abgeordnete Hanin Zoabi am Abend des 5. April 2011 in der Ladengalerie der jungen Welt unter den wohlwollenden Augen Frau Högers verkündete, es gehe nicht um die Gleichberechtigung in Israel, sondern um den Kampf gegen Israel, schnürt die mutige Inge bereits ihren Seesack, um auch in diesem Sommer wieder am fröhlichen Selbstmordkommando türkischer Faschisten mit Kurs auf die Levante teilzunehmen. Vielleicht bleibt auch noch etwas Zeit, die antisemitischen Gesänge über den Feldzug nach Chaibar zu lernen, mit denen die Massen im Hafen von Istanbul auch dieses Jahr wieder das Auslaufen der Schiffe begleiten werden.3
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Wer über den Nahostkonflikt schreibt, muß damit leben, daß er von einer Sache handelt, über die seit längerer Zeit schon alles gesagt ist: alles Vernünftige und alles Unvernünftige. Das macht es so unerquicklich, sich mit dem Konflikt auseinanderzusetzen. Wir halten uns für abgebrüht, realistisch und können doch nicht verhindern, im Innersten zu glauben, daß jedes Problem, wenn es nur einmal erkannt wurde, auch gelöst werden kann. Am Nahostkonflikt verdrießt, daß er erkannt und trotzdem unlösbar, daß er, genauer, als unlösbar erkannt ist. Unlösbar zumindest in den Grenzen unserer Epoche. Der Konflikt ist eine tragische Verschränkung zweier Rechtsansprüche (des palästinensischen und des israelischen), von denen keiner zurückweisbar ist. Durch die Unlösbarkeit erhält die Debatte der Nahostfrage ihre Irrationalität. Gewöhnlich rettet sich der menschliche Verstand angesichts einer Aporie in ein Einerseits-Andererseits. Komplexität zeugt Angst vor der Entscheidung, und die wieder theoretische Indifferenz. Im Nahostkonflikt erleben wir die gegenteilige Wirkung: Obwohl alle Welt die Verschränkung beider Interessenskomplexe wahrnimmt und die Ursachen der Entwicklung sattsam bekannt sind, besteht die überwältigende Mehrheit der Menschen darauf, anstelle des Einerseits-Andererseits ein Entweder-Oder zu setzen. Das ist theoretisch ebenso unergiebig wie die Indifferenz, politisch ist es gefährlicher, da es doch nichts anderes bedeutet als die Forderung, sich die Subjektivität einer der beiden Seiten vollständig zueigen zu machen. »Die Gründe«, schreibt Moishe Postone, »für die jüdische Massenunterstützung des Zionismus zu verstehen hat nicht notwendigerweise zur Folge, zionistische Politik zu akzeptieren und zu entschuldigen. Genauso wenig, wie Verständnis für die Reaktionen der Palästinenser auf Jahrzehnte zionistischer Unterdrückung, Einverständnis mit der Politik radikaler Nationalisten [...] bedeutet. Es ist wirklich nicht schwer, solche Unterscheidung zu machen. Das also kann nicht das Problem sein.« Es braucht nicht viel, um zu erkennen, daß der wirkmächtigste Grund für die vorherrschende Einseitigkeit der Urteile in der Ungeheuerlichkeit der jüdischen Geschichte liegt. Die Welt enthält Vorgänge, die von einer solchen Grausamkeit und Irrationalität sind, daß sie heftige Reaktionen hervorrufen, und diese Reaktionen schlagen, je nach Charakterbildung, in die eine oder in die andere Richtung aus. Der eine reagiert auf die Schrecknisse der Schoah mit der Haltung, den Opfern müsse nun jegliche Handlung – gleich, wohin diese führt – gestattet sein; der andere reagiert darauf mit der Forderung, gerade aufgrund ihrer besonderen Geschichte als Opfer seien die Juden in der Pflicht, auf ewig selbstlos und friedlich zu sein. Derartige Borderline-Argumente machen die Diskussion nicht eben leichter. Und in aller Regel schreibt, wer über den Nahostkonflikt schreibt, folglich über die Rezeption des Konflikts, also nicht, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, sondern um seine Mitmenschen zur Vernunft zu bringen.
Womit wir wieder bei den Genossen der PDL wären. Antisemitismus ist kein Problem der LINKEN, sondern ein Problem der Linken. Nicht aller Linken und nicht der Linken ausschließlich, aber der Linken doch insoweit, als man längst nicht mehr von vermehrten Ausnahmen sprechen kann, sondern ein Strukturproblem annehmen muß. Bekannt ist das schon länger, doch wen nicht schon Jean Amérys Kritik des »ehrbaren Antisemitismus«4 wenigstens zum Nachdenken gebracht hat, den wird wohl auch kaum schwereres Geschütz, das seit Améry ja oft aufgefahren wurde, nachdenklich machen. Am Ende schreibt man für die sehr geringe Menge von Menschen, die sich tatsächlich von Argumenten beeinflussen läßt.5 Das ist nicht viel, aber genug, die Mühe auf sich zu nehmen. Ich leide gewiß nicht an einem Hang, Linke in die Pfanne zu hauen. Soweit es ihre allgemeinen Ziele angeht – soziale Gerechtigkeit, Bekämpfung der Armut, Frieden – sympathisiere ich mit der linken Bewegung, obgleich ich, da mir handfeste Begriffe lieber sind als schwammige, es vorziehe, von Vergesellschaftung statt sozialer Gerechtigkeit, Beförderung des Reichtums statt Bekämpfung der Armut und staatlicher Souveränität statt Frieden reden. Wohl weiß ich auch, daß diese begriffliche Schwammigkeit – in der Außenpolitik wie in der Innenpolitik – eines der Hauptprobleme der linken Bewegung ausmacht. Ich halte es aber für falsch, über eine nicht nur falsche, sondern auch gefährliche Entwicklung hinwegzusehen, und die Entwicklung, die die linke Bewegung in der Nahostfrage genommen hat und zu nehmen fortfährt, ist außerordentlich gefährlich – gefährlich auch für sie selbst. Obgleich der Nahostkonflikt – wie alle außenpolitischen Themen – für die deutschen Verhältnisse kaum mehr als eine Nebenfrage ist, enthält er aufgrund der besonderen Beziehung der Deutschen zum jüdischen Volk genügend Sprengkraft, die Linke zu spalten. Er hat das bereits um 1990 herum bewirkt, durch den Bruch zwischen der Kritischen Linken, die meist die antideutsche genannt wird, mit der traditionellen, antiimperialistisch orientierten Linken. Damals hat die Kritische Linke sich praktisch aus der linken Bewegung ausgeschlossen, wonach diese, begünstigt auch durch die Reunion der ost- und westdeutschen Linken, immer geschlossener in ihrer Haltung gegen Israel zusammenfand. Das Resultat ist, daß die einzige politische Bewegung, die innerhalb Deutschlands gegen den Abbau des Sozialstaats, für eine gerechte Verteilung des Reichtums und eine nichtkriegerische Außenpolitik eintritt, sich durch ihre Position zu Israel unbrauchbar macht. Sie zieht dadurch noch mehr Verwirrte an als ohnehin schon und stößt wiederum vernunftbegabte Wesen ab. Nicht jedes klaren Kopfes Schmerzgrenze ist so hoch, daß er auf Dauer eine antisemitische Denkkultur in der Bewegung ertragen kann, auch wenn diese Bewegung in anderen politischen Fragen nicht fehlgeht.
Bleiben wir noch etwas bei der neuen Geschlossenheit. Nach 1990 sehen wir eine bemerkenswerte Reunion der vormals gespaltenen Linken in Deutschland. Als der Sozialismus noch eine weltpolitische Tatsache war, spaltete sich die Linke in einen Teil, der ihm anhing, und einen, der in den sozialistischen Staaten eine Entartung von der sozialistischen Idee feststellte. Damals war es wenigstens eine Hauptfrage, an der die Linke sich entzweite, und bei ihr ließ sich sogar etwas denken: Man konnte am Verhältnis von marxistischer Ideologie und sozialistischer Wirklichkeit auf philosophische Ideen kommen, etwa die Frage stellen, wie das Gewollte sich zum Machbaren verhält. Der Nahostkonflikt ist bloß politisch und, was seine Rezeption betrifft, eher psychologisch als philosophisch interessant. Er klebt am arabischen Boden, und es läßt sich kaum eine über diesen Anlaß hinaus gültige Erkenntnis aus ihm ableiten. In der Zeit nach 1990 fand die Linke, die über die Bewertung der sozialistischen Geschichte nach wie vor streitet, an der Nahostfrage wieder zusammen. Dabei brachte jede Seite das Ihre mit ein: Die Orthodoxen (DKP, SED-PDS etc.) brauchten nach dem Ende des Sozialismus eine neue Materie, auf die sie ihre positiven Hoffnungen richten konnten, und fanden diese in den politischen Bewegungen Libanons und des besetzten Palästina, die sie bis heute als Freiheitsbewegung mit Fortschrittspotential mißdeuten. Die Häretiker (maoistische, trotzkistische Gruppen, Antifa, Neue Linke usf.) brauchten ein neues Feindbild, weil das alte ihnen mit dem real existierenden Sozialismus abhanden gekommen war, und sie fanden es im US-Imperialismus, mit dem sie Israel ohne weiteres identifizieren. Beide Tendenzen bestanden auch vor 1990 schon, aber durch den Wegfall der Hauptfrage des Sozialismus wurden sämtliche zuvor hieran ausgelebten Bedürfnisse auf den Nahen Osten gelenkt. Der Kampf gegen Israel wurde mehr noch als zuvor zum zentralen Thema der Linken; der antiimperialistische Kampf ersetzt heute – in der Innenpolitik zunehmend, in der Außenpolitik durchweg – den Klassenkampf.
Die geschlossene Unterstützung, die die palästinensische Bewegung seitens der deutschen Linken erfährt, ist deswegen bemerkenswert, weil die politischen Ziele dieser Bewegung – abgesehen vom Ziel der Unabhängigkeit selbst – sehr weit von dem entfernt sind, was unter Linken gemeinhin als wünschenswert oder statthaft gilt. Zu keiner Zeit haben die tonangebenden Organisationen der PLO, geschweige denn die Hamas, auch nur Ansätze dessen gezeigt, was Linke beim antiimperialistischen Kampf von Nationalbewegungen zu erwarten pflegen: einen Umschlag vom Nationalen ins Revolutionäre oder Fortschrittliche. Was bei China, Cuba oder Vietnam geschehen ist, hat in der persisch-arabischen Welt in keinem einzigen Fall funktioniert. Dort hatte jede Form des Widerstands gegen die Hegemonialmächte USA oder Europa immer nur zu einer vermehrten Reaktion und Rückwärtsgewandtheit geführt. Und insbesondere der Antisemitismus, der in früheren Jahrhunderten, wenn zwar nicht unvorhanden, so doch deutlich weniger aggressiv war, ist innerhalb der Ummah, nach dem Islam selbst, zum wichtigsten ideologischen Element, zur konsensfähigen Bindekraft geworden – der Antisemitismus, und nicht, wie oft behauptet, lediglich der Antiisraelismus.
Natürlich – obwohl auch das vorkommt – ist kaum ein Vertreter der linken Bewegung gedankenlos genug, von bedingungsloser Solidarität mit der palästinensischen Bewegung zu sprechen, aber man hat bekanntlich immer zwei Meinungen: eine, die man äußert, und eine, die man durch seine Handlungen ausdrückt. Die Handlungen der Friedensbewegung sprechen eine eindeutige Sprache: Ihr nachvollziehbares Mitleid mit dem palästinensischen Volk setzt sich direkt in eine bedingungslose Beihilfe jedweder antiisraelischen Aktivität um, anstatt daß die Solidarität an Bedingungen geknüpft würde wie etwa eine aktive Bekämpfung des Antisemitismus, die Gleichberechtigung der Geschlechter oder erkennbare Ansätze einer Säkularisierung und Aufklärung. Von all dem ist das werdende Palästina weit entfernt und, sagen wir es genauer: entfernt es sich immer mehr.6 Wenn, wie häufig in Texten und Reden linker Organisationen, verkündet wird, daß der Frieden im Nahen Osten am besten durch die Unterstützung der palästinensischen Bewegung erreichbar sei, ist das ein Ausmaß an Realitätsverdrängung, wie es kaum noch zu überbieten ist. Wir reden von der Bewegung eines Volks, das den Antisemitismus mit der Muttermilch aufsaugt, von einem dichten Netz aus Lügen, die im Familienkreis, in Medien, Politik und öffentlichen Lehranstalten täglich verbreitet werden; wir reden von Dreijährigen, die bereits wissen, daß Juden Affen und Schweine sind, vom Bestsellerstatus solcher Schmöker wie der »Protokolle der Weisen von Zion« und »Mein Kampf«, von Menschen, die fest an die Ritualmordlegende glauben; wir reden mithin von einer durch diese Menschen gewählten Regierung, die all das ernsthaft zur Begründung ihres politischen Handelns heranzieht, in deren berüchtigter Charta die Ausrottung des jüdischen Volks gefordert wird und die – auch das ein Zeichen ihrer geistigen Verfassung – dabei ernstlich auf die Hilfe von Bäumen und Bergen rechnet, wie uns Artikel 7 mitteilt. Die Charta, so glauben viele Hamas-Versteher, sei heute nicht mehr gültig. Ich frage besser nicht, woher sie denn das nun wieder wissen – weder gab es jemals eine öffentliche Revision der Charta, noch sind in den konkreten Regierungshandlungen auch nur Ansätze einer andersartigen Politik zu erkennen – und zitiere statt dessen aus einer am 28. Februar 2010 gehaltenen Rede von Abdallah Jarbu’, dem stellvertretenden Religionsminister der Hamas-Regierung: »[Die Juden] kranken an einer geistigen Verwirrung, weil sie Diebe sind und Aggressoren. Ein Dieb oder ein Aggressor, der Besitz oder Land stiehlt, entwickelt eine seelische Verwirrtheit und Gewissensqualen, weil er etwas genommen hat, das ihm nicht gehörte. Sie gerieren sich vor der Welt, als hätten sie Rechte, aber in Wahrheit sind sie fremde Bakterien – eine Bazille ohne Gleichen in der Welt. Nicht ich bin es, der das sagt. Der Koran selbst sagt, daß sie ohne Gleichen sind: ›Du wirst sehen, daß die stärksten Feinde der Gläubigen die Juden sind.‹ Möge Er diese schmutzigen Menschen auslöschen, die weder Religion noch Gewissen haben. Ich klage jeden an, der an normale Beziehungen mit ihnen glaubt, es gutheißt, daß man sich mit ihnen an einen Tisch setzt, oder glaubt, daß sie zur menschlichen Gattung gehören. Sie gehören nicht dazu. Sie sind keine Menschen. Sie haben keine Religion, kein Gewissen und keine moralischen Werte.«7
Man kann nur ahnen, welches Ausmaß an Verdrängung nötig ist, all diese Umstände bei der Urteilsfindung aus der Rechnung zu streichen. Daß trotz dieser Evidenzen die Bündnisfähigkeit der palästinensischen Bewegung nicht angezweifelt wird, mag zum Teil an der tatsächlich weit verbreiteten Unkenntnis der islamistischen Bewegung, ihrer genauen Ziele, ihrer geistigen und politischen Verfassung liegen. Aber die Unkenntnis erklärt lediglich, warum es vielen Linken so leicht fällt, ihr Weltbild nach ihren Neigungen einzurichten. Nicht erklärt sie, warum es ausgerechnet der arabische Raum ist, auf den die Hoffnungen sich dergestalt richten.
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Die Antwort liegt – auch das ist keine Neuigkeit – in der antiimperialistischen Ideologie, die in der traditionellen Linken das vorherrschende Konzept bei der Beurteilung außenpolitischer Vorgänge ist. In ihr gibt es eine klare Zuweisung, der zufolge Israel und die USA imperialistische Mächte sind, während der Iran und die arabischen Staaten als – tatsächliche oder potentielle – Speerspitze des Kampfes gegen den Imperialismus aufgefaßt werden. Es ist nicht der heimliche Wunsch nach Judenfeindschaft, der die Linke auf die Gegenseite von Israel treibt, sondern die Beobachtung, daß Israel im Nahostkonflikt der stärkere Gegner ist. Ein guter Linker, wie man weiß, ist stets auf seiten der Schwachen; Inhalte spielen dabei keine Rolle (weswegen ja auch ein nicht geringer Teil Linksgesinnter sich in der Zeit des Sozialismus auf seiten der Opposition wiederfand, die gegen die Voraussetzung dessen wirkte, was Linke im allgemeinen anzustreben glauben). Das schlichte Licht vermag nicht, einen Komplex von Widersprüchen als gesamten zu beleuchten und über seine sinnvolle Weiterentwicklung nachzudenken; so richtet es sich darauf, innerhalb des Komplexes Punkte zu finden, an die es sich halten kann. Die Haltung läßt sich auch einfacher ausdrücken: Ein guter Linke versucht stets die Frage zu beantworten, wer der Gute ist. Und gut also ist, wer nicht stark ist. Aus der Ablehnung des Starken folgt die Annahme aller ihm unterlegenen Gegner. Das Kalkül des Antiimperialismus ist die Hauptfeindlogik, derzufolge der Feind des eigenen Feindes ein Freund sein müsse und jeder noch so minimale Konsens recht ist, um Bündnisse gegen den erklärten Hauptfeind einzugehen. Diese Denkweise ließe sich auf alle möglichen Regionen der Welt anwenden, doch das Reizvolle des Nahostkonflikts liegt darin, daß in ihm der Krieg gegen den US-Imperialismus ohne weitere Vermittlung ausgetragen wird. Die antiimperialistische Bewegung könnte z.B. auch eindeutig Stellung zu Tschetschenien oder den gegenwärtigen Vorgängen in Nordafrika beziehen; allein, an diesen Konflikten läßt sich nicht immer eindeutig ausmachen, auf welcher Seite die USA tatsächlich stehen, und so findet die deutsche Linke in diesen Fragen nie zu einer geschlossen Haltung und kann z.B. Gaddafi nicht auf die geschlossene Unterstützung der antiimperialistischen Bewegung rechnen. Im Nahen Osten sind die Zuweisungen unkompliziert: Es gibt eine US-Front, eine offene Gegenfront (Iran, Syrien etc.) sowie abhängige oder besetzte Länder der Region (Irak, Saudi-Arabien usf.), die wahlweise als Kollaborateure oder als gezwungene Opfer betrachtet werden können. Die Fehleinschätzung der Linken besteht darin, diesen Konflikt als einen Krieg zwischen einem Unterdrücker und einem Unterdrückten zu interpretieren, anstatt in ihm einen Konkurrenzkampf von Machtblöcken zu erkennen. Auch über die Unzulänglichkeiten dieser Vorstellung ist schon oft geschrieben worden; ich selbst vermeine, was die außenpolitische Konzeption betrifft, vier wesentliche Fehlleistungen der antiimperialistischen Theorie zu erkennen.
Erstens. Was in der Theorie des Antiimperialismus geistig vor sich geht, ist: Die Verwandlung eines konkreten und vielseitigen Phänomens, das als Resultat einer geschichtlichen Entwicklung vor uns liegt, in ein abstraktes Gebilde. Das ist streng genommen der Vorgang jedweden Denkens, aber die Frage ist, ob man sich dessen bewußt ist und inwieweit man den Vorgang kontrolliert, um nicht das Wesen mit der Sache verwechseln. Aus dem Nahostkonflikt in all seiner Bedingtheit und Komplexität wird ein allgemeines Verhältnis zwischen einem Unterdrücker und einem Unterdrückten herausgemendelt. Zunächst wird ein lebendiges Ding auf eine bestimmte Seite reduziert, dann die Behauptung aufgestellt, daß diese Seite die Hauptsache oder das Wesen des Dings sei, und damit schließlich die Verwandlung des Dings selbst in seine Seite vollzogen. So entsteht das abstrakte Gebilde, was in der Betrachtung fortan an die Stelle des lebendigen Dings tritt. Getilgt wird damit zugleich jeglicher historische Zusammenhang, in dem das Ding steht, und aus einem konkret-politischen Phänomen wird ein zeitloses Gebilde. Genau das passiert in der antiimperialistischen Theorie bei der Betrachtung des Nahostkonflikts. Exemplarisch für diesen Vorgang ist etwa die weitverbreitete Klassifikation des Zionismus als Ausdruck imperialen Weltmachtstrebens des jüdischen Finanzkapitals. Aus dem Umstand, daß sich in der zionistischen Bewegung auch Kapitalisten befanden und daß sich Teile der Bewegung, weil sie ohne eine Macht im Rücken ihr Ansinnen nie hätte durchsetzen können, mit dem britischen Kolonialreich verbündeten, das seinerseits nicht eindeutig zum Zionismus stand, sondern aus taktischen Gründen zwischen der jüdischen und palästinensischen Seite lavierte, wird in der Perspektive des Antiimperialismus jene abstrakte Zuschreibung, die – den peinlichen Umstand ignorierend, daß der Zionismus selbst die Ideologie eines unterdrückten Volkes ist – aus jedem jüdischen Siedler einen Agenten des British Empire oder gar des vorausgedachten Imperialismus Israels macht. Aber Israel, versichern die Antiimperialisten, ist der Aggressor, auf den die Panarabische Union lediglich reagiert habe. Im Anfang, soll das wohl heißen, schuf Gott das Jahr 1947, in dem die Juden Palästina raubten. Auch wenn kaum einer verrückt genug wäre, es offen auszusprechen, in ihren politischen Urteilen über den Nahostkonflikt stellen sich die meisten Linken, als habe es weder die Jahrhunderte währende Judenverfolgung in Europa noch einen Antisemitismus im Nahen Osten vor der Gründung des Staats Israel gegeben. Hier ist am Werk, was man im Deutschen Idealismus Verstandesdenken genannt hat, das, wie Hegel weiß, nichts anderes als die Form des gemeinen Menschenverstandes ist, eines »zu Aberglauben an Abstraktionen heraufgebildete(n)« Geistes. Verstandesdenken ist das Gegenteil der Vernunft. Durch die Verwandlung der Sache in ein abstraktes Gebilde und die folgende Verwechslung dieses ideellen Geschöpfs mit der Sache selbst, tritt eine Erleichterung beim Urteilen ein. Wo Tatsachen nicht mehr zur Kenntnis genommen werden, ein verwickeltes Verhältnis auf eine einfache Formel heruntergebrochen wurde und die verschiedenen Rücksichten, die man im konkreten Denken zu machen hätte, überflüssig geworden sind, urteilt man schwungvoller und stets so, wie die eigene Neigung es ohnehin wünscht, denn auf der abstrakten Ebene gibt es keine Hindernisse, die sich dieser Neigung entgegensetzen könnten. Erträglich noch, wenn sich Verstandesdenken in seiner Unschuld an unwichtige Fragen macht. Wo es um nichts geht, irrt es einfach nur. Da allerdings, wo einiges auf dem Spiel steht, kann es durchaus gefährlich werden. Die Forderung nach der Aufgabe der Wehrhaftigkeit eines unterdrückenden Staates klingt als Forderung eben deutlich harmloser als ihre Übersetzung in das praktische Leben, indem man sich nämlich vergegenwärtigt, daß das Ende der Wehrhaftigkeit Israels die systematische Ermordung und Vertreibung der Juden im Nahen Osten zum Ergebnis hätte.
Zweitens. Der Antiimperialismus heutiger Prägung ist ein Erbstück aus der Epoche des Kalten Kriegs. Geistig ist er kein Element des Marxismus, sondern des Leninismus. Für Marx war der geschichtliche Fortschritt noch eine Größe, die sich als Ausdruck ökonomischer Entwickeltheit vollzieht; Produktivkraftentwicklung und Entwicklung der Produktionsverhältnisse stehen in einem klaren Ursache-Wirkungs-Verhältnis, und ganz folgerichtig finden wir bei Marx einen ausgeprägten Eurozentrismus, häufige Parteinahme gegen »kleine Nationen« sowie einen positiven Bezug auf den Kolonialismus, der als barbarische Form des geschichtlichen Fortschritts gewürdigt wird. Lenin kehrte diese Tendenz um, ohne freilich Marxens Theorie als solche anzugreifen.8 Er hatte zu erklären, warum der geschichtliche Entwicklungssprung zum Sozialismus sich zuerst in Rußland vollzogen hatte, wo die gesellschaftliche Entwicklung weniger weit fortgeschritten war als in Europa. Lenins Antwort bestand in der Formel, daß die Kette eben dort reiße, wo sie am schwächsten ist. Damit hatte er dem rein ökonomischen Modell, das Marx vertrat, eine politische Erklärung geschichtlicher Prozesse entgegengesetzt, machte aber zugleich deutlich, daß dennoch ein gewisses Niveau in der gesellschaftlichen Entwicklung gegeben sein müsse, damit der politische Fortschritt sich vollziehen kann. Politische Sprünge, heißt das, sind also am ehesten in den instabilen Teilen der hochentwickelten Welt zu erwarten. Stalin, der Erfinder des Leninismus, charakterisierte die Epoche des 20. Jahrhunderts anhand dreier Widersprüche: dem zwischen Kapital und Arbeit (der allein schon durch die Existenz kapitalistischer Produktionsverhältnisse gegeben ist), dem zwischen verschiedenen imperialistischen Mächten (die Lenin »verfeindete Brüder« genannt hatte) und dem zwischen den imperialistischen Mächten und den kolonialen oder halbkolonialen Ländern.9 In der dritten Figur, dem Widerspruch zwischen Imperialismus und kleinen Nationen, liegt die geistige Saat der antiimperialistischen Bewegung. Die politische Maxime des Leninismus lautet, die Widersprüche des Imperialismus für die eigenen Zwecke zu nutzen, einen Gewinn daraus zu ziehen und die verschiedenen Kräfte gegeneinander auszuspielen. Durch den heutigen Antiimperialismus erhält dieses Verfahren eine weitere Wendung. Das Ausnutzen der Widersprüche wird ersetzt durch Solidarisierung mit den sogenannten kleinen Nationen. Anstelle eines politischen Kalküls tritt das Mitgefühl. Der nationale Kampf, für Lenin immer nur als Mittel des sozialen Fortschritts statthaft, wird zum Selbstzweck, und wir beobachten, wie eine Linke, die sich stets als internationalistisch und sozial verstanden hat, auf dem Gebiet der internationalen Verhältnisse ausschließlich noch in völkischen Kategorien denkt.
Drittens. Diese Wendung von einem machtpolitischen Kalkül hin zu einem unbestimmten, irrationalen, völkisch-freiheitlichen Gefühl der Verbundenheit mit der schwächeren Seite des Konfliktes bedingt auch einen Verlust an politischem Realismus insgesamt. Ohne Lenins oder seiner Nachfolger Entscheidungen in jedem Punkt für richtig zu halten: Es gibt einen Unterschied zwischen der damaligen Lage und der Lage von heute. Die sozialistische Bewegung von damals war stark, die heutige Linke ist schwach. Damals konnte man sich die Bündnispartner aussuchen, ihnen Bedingungen diktieren und die Widersprüche zwischen den verschiedenen Lagern ausnutzen. Die heutige Linke – die deutsche und erst recht die im Nahen Osten ansässige – besitzt keinen Einfluß und wird, wenn überhaupt, lediglich mitgezogen. Wahrscheinlicher wird sie im Falle eines Sieges der Nationalbewegung an den nächsten Bäumen aufgehängt, weswegen es um so merkwürdiger ist, mit welchem Enthusiasmus sie sich in die Querfront mit den reaktionären Kräften der orientalischen Welt begibt. Man geht kein Bündnis mit einem stärkeren Gegner ein, auch nicht gegen einen noch stärkeren Gegner. Stellen Sie sich vor, Sie sind aufgrund unangenehmer Verwicklungen zur Teilnahme an einem Duell gegen zwei andere Herren genötigt und sind der schlechteste Schütze der drei Kontrahenten. Und angenommen, man ist so fair und gewährt Ihnen deshalb den ersten Schuß. Sie müßten ein außerordentlicher Pinsel sein, wenn Sie diesen nicht in die Luft abgäben. Sie werden keinem Ihrer beiden Gegner den gefährlicheren Konkurrenten aus dem Weg räumen, weil es in diesem Fall ganz sicher um Sie geschehen wäre. Was ihnen bleibt, ist die Hoffnung, daß sich Ihre Konkurrenten gegenseitig ausschalten, und das erreichen Sie am besten dadurch, daß Sie sich aus dem Duell heraushalten, solange Sie dabei nichts zu gewinnen haben. – Jede Metapher hat ihre Grenzen. Diese hier sollte nur das Irrationale in der Strategie der linken Kräfte für den Nahen Osten deutlich machen. Die übermäßige Bündnisfreude führt, wo sie nicht auf Ignoranz beruht, zu einer absurden Apologie. Wenn etwa der für Marxisten durchaus relevante Vorwurf, die islamistische Bewegung betreibe einen reaktionären, antisäkularen, religiösen Krieg, laut wird, verweisen die Apologeten darauf, daß es nicht die Form (Religion) sei, sondern der Inhalt (Politik), was bewertet werden müsse. Damit wird das eigentliche Verhältnis auf den Kopf gestellt, denn gerade der Inhalt, das konkret politisch Gewollte der antiisraelischen Koalition im Nahen Osten, ist, was keinesfalls vereinbar mit marxistischen Vorstellungen sein kann. Noch gut, wenn der Fortschritt in skurriler Gestalt daherkommt. Aber was da kommt, ist nicht der Fortschritt. Solidarisierung mit der palästinensischen Bewegung, will ich sagen, wäre nur dort sinnvoll, wo die Kräfte ausreichten, diese Bewegung nach links zu ziehen: weg vom Fundamentalismus hin zur sozialen Emanzipation. Was gegenwärtig passiert, ist, daß diese Bewegung die Linke nach rechts zieht. Die vollkommene Preisgabe übrigens eigener Ziele zugunsten der Erhaltung eines Bündnisses, aus dem sich nicht der geringste Gewinn ziehen läßt, nennt man, wenn ich nicht sehr irre, Opportunismus.
Viertens. Die Annahme der antiimperialistischen Bewegung ist, daß es einen antiimperialistischen Kampf gibt. Es gibt ihn aber seit 1990 nicht mehr. In der Zeit des Kalten Kriegs bedeutete die Bekämpfung des US-Imperialismus die Stärkung des sozialistischen Machtblocks; ich will nicht soweit gehen, das Bündnis der Warschauer Vertragsstaaten mit den arabischen Mächten wünschenswert zu nennen, aber die Sowjetunion war in diesem Bündnis der stärkere Partner, und das ändert machtpolitisch, wie gesagt, so ziemlich alles. Der antiimperialistische Kampf vor 1990 war tatsächlich ein antiimperialistischer Kampf: ein Kampf gegen den Imperialismus. Der antiimperialistische Kampf von heute ist nichts als ein leeres Wort. Die großen Machtblöcke in der gegenwärtigen Weltlage sind der russisch-osteuropäische, der mittel-westeuropäische, der chinesische, der amerikanisch-transatlantische und der persisch-arabische. Der westeuropäische konstituiert sich vor allem über Deutschland und Frankreich, meist unter Ausschluß Englands, das sich im transatlantischen Block mit den USA und einigen osteuropäischen Staaten (die sich im anderen Fall an Rußland halten) zusammenfindet. Alle diese Blöcke gehen teils Bündnisse ein, teils führen sie gegeneinander offene oder verdeckte Kriege, wobei auch Bündnisse selbst nur eine besondere Art verdeckter Kriege sind. Es gibt zwischen Staaten keine Zuneigung aus Zuneigung; Bündnisse entstehen dort, wo man sich etwas davon verspricht. Stark einander entgegen stehen der arabische und der amerikanische Block. Europa dagegen – wirtschaftlich stärker als alle anderen Blöcke – hat das Problem der politischen Uneinheit. Während die USA, China und Rußland als Dominatoren auftreten und sich kleine Partner um sie scharen, ist Europa ein Gebilde mehr oder weniger gleichstarker Kräfte, das sich mit jedem Bündnisfall neu erfinden muß. Folglich steht es meistens, uneins mit sich, zwischen den anderen Machtblöcken und ist – im geistigen Sinne – selbst eine Art Schlachtfeld der anderen Blöcke. Hier prallen die Ideologien der verschiedenen Imperialblöcke aufeinander, und jeder von diesen hat auf der europäischen Bühne seine gefügigen Handpuppen, die einen Kampf um die Köpfe austragen. Vermutlich ist es nirgends wichtiger, den Kampf um die Köpfe zu gewinnen als in Europa, das genauso stark beeinflußbar ist, wie es selbst Einfluß ausüben kann. Zu diesem Phänomen muß auch die Linke sich verhalten, und sie tut das, indem sie den Kampf gegen den US-Imperialismus in den Mittelpunkt rückt. Der Kampf gegen einen der imperialistischen Blöcke bedeutet aber, wie sich unschwer denken läßt, immer nur die Stärkung der anderen Blöcke. Und das hat mit dem Kampf gegen den Imperialismus etwa so viel zu tun wie die Weigerung, bei Shell zu tanken, mit dem Kampf gegen den Kapitalismus. Es ist rational nicht im mindesten zu erklären, warum die Linke derart viel Energie darauf verwendet, einen Wechsel in den Machtverhältnissen jener »verfeindeten Brüder« herbeizuführen. Im allgemeinen wissen Linke, wie es um die arabischen Länder steht. Sie wissen, daß dort dieselben Kapitalstrukturen und aggressiven Machtbestrebungen gegeben sind wie in den westlichen Ländern. Sie wissen auch, daß dort Hierokratien herrschen, Frauen diskriminiert, Homosexuelle verfolgt, Todesstrafe und Folter praktiziert werden, daß, mit einem Wort, all jene Elemente niederer Gesittung am Werk sind, die man z.B. den USA, soweit man sie dort findet, sehr gern vorwirft. Sie wissen schließlich, daß der Antikommunismus, ebenso wie der Antisemitismus und der Antiamerikanismus, ein integraler Bestandteil der islamistischen Bewegung ist. Doch all das stört sie nicht, wenn sie nach Kräften die arabischen oder iranischen Großmachtbestrebungen im nahöstlichen Raum ignorieren und sich stellen, als seien die Armeen der nahöstlichen Staaten bloße Instrumente einer Emanzipationsbewegung gegen einen transatlantischen Pakt von Unterdrückern.
Die politische Haltung der antiimperialistischen Bewegung, läßt sich zusammenfassen, ist der Opportunismus. Das ist um so bemerkenswerter, als diese Bewegung sich selbst als äußerst kämpferisch versteht und jegliche Abweichung von sich grundsätzlich als opportunistisch, revisionistisch etc. brandmarkt. Man könnte sie daher präziser als links-opportunistisch zu bezeichnen, was ein Widerspruch in sich ist, aber arm an innerer Widersprüchlichkeit ist die Ideologie des Antiimperialismus ja, wie wir sahen, durchaus nicht. Ihr Opportunismus ist einer, der keiner sein will, es aber vermöge der vertretenen Inhalte doch ist: ein rebellischer, ein ehrbarer Opportunismus. Die Antiimperialisten lösen diesen Widerspruch aber weder, noch vermitteln sie ihn; sie leben ihn aus. Da der Imperialismus das höchste Stadium des Kapitalismus ist, müsse, so glauben sie, der antiimperialistische Kampf die höchste Form des antikapitalistischen Kampfs sein. Abgesehen davon, daß nicht recht ersichtlich ist, warum das aus dem folgen soll – auch einen großen Baum fällt man schließlich an der Wurzel –, wird der Unsinn der Maxime erst richtig deutlich, wenn man sie auf die Innenpolitik überträgt. Demnach wäre die höchste Aufgabe der Linken, gegen die imperialistischen Formen zu kämpfen, gegen die Monopole und das Finanzsystem also, und nicht gegen die Kapitalform als solche. Der ungemütliche Kapitalismus soll beseitigt und der gemütliche wieder eingeführt werden. Da paßt es ins Bild, daß eine große Fraktion innerhalb der antiimperialistischen Bewegung den außenpolitischen Opportunismus tatsächlich auf ihre innenpolitischen Positionen ausgeweitet hat und dort ähnliches vertritt; hierzu gehören u.a. das Netzwerk Attac, das die gesellschaftlichen Probleme dadurch für lösbar hält, daß man die Finanzmärkte kontrolliert, und die PDL, deren Mitglieder mehrheitlich – und durchaus auch innerhalb ihres antiisraelischen Flügels – mit der Idee einer Gesellschaft jenseits von Kapitalstrukturen nicht mehr allzuviel anfangen können. Eine andere Fraktion innerhalb der antiimperialistischen Bewegung macht sich dadurch auffällig, daß sie, soweit es innere Angelegenheiten betrifft, einen rigorosen Kurs verfolgt, sich als revolutionär versteht und folglich Revisionismus, Zentrismus, Opportunismus, Reformismus und dergleichen ablehnt. Zu dieser Richtung gehören alle orthodox-marxistischen Gruppierungen außerhalb (DKP, MLPD etc.) und innerhalb der PDL (marx21, Kommunistische Plattform)10, wobei zu bemerken ist, daß diese Organisationen bezüglich der Frage, was denn nun konkret revisionistisch, zentristisch usw. sei, durchaus uneinig sind. Sie alle haben aber gemein, daß sie einen konsequenten politischen Kurs verfolgen, der zu einer fundamental neu strukturierten Gesellschaftsformation führen soll. So konsequent diese Gruppierungen jedoch im »nationalen Klassenkampf« sind, so flexibel sind sie im internationalen. Ihr Regelwerk ist einfach: Im Nationalen fühlen sie international, und im Internationalen national. Der Sieg der nationalen Befreiungsbewegung, versichern diese Gruppierungen, ist die Voraussetzung für den gesellschaftlichen Fortschritt. Gott allein weiß, woher sie diese Weisheit nehmen. Wenn wir schon einen Blick in die Geschichte werfen, dann müssen wir auch so ehrlich sein zuzugeben, daß in der Mehrheit der Fälle aus der Nationalen Befreiung ehemaliger kolonialer oder halbkolonialer Länder nicht der Fortschritt, sondern vielmehr eine Vermehrung des Rückschritts gefolgt ist. Es gibt, will ich sagen, überhaupt keinen Hinweis darauf, daß der Sieg einer Nationalfront den Fortschritt wahrscheinlicher macht. Was speziell den Nahen Osten betrifft, habe ich ehrlich gesagt Schwierigkeiten, mir vorzustellen, daß mit einem vollständigen Sieg der Ummah die Chancen auf einen gesellschaftlichen oder politischen Fortschritt im mindesten gehoben würden. Ich habe eher die Vermutung, daß nicht nur das jüdische Volk mit Vertreibung oder Vernichtung zu rechnen hätte, sondern auch den linken Kräften dort ähnliches drohte.
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Wer die antiimperialistische Ideologie verteidigen will, kann vorbringen, daß sie, auch wenn ihre theoretische Verfassung entsprechende Entgleisungen begünstigt, keine Form des Antisemitismus ist. Zu den zwei klassischen Zielen des Antisemitismus – dem einzelnen Juden und dem (Welt-)Judentum – ist seit 1947 ein drittes getreten: der israelische Staat. Die antiimperialistische Bewegung richtet sich gar nicht gegen den einzelnen Juden, kaum (und wenn, dann in Entgleisungen) gegen das Judentum; sie richtet sich fast ausschließlich gegen Israel. Das unterscheidet sie vom Antisemitismus im Nahen Osten, in dem Juden, Judentum und Israel gleichermaßen Haßobjekt und Ziel der Vernichtung sind. Auch von den Quellen, die sich geschichtlich für den Antisemitismus feststellen lassen, sind im Fall des Antiimperialismus nicht alle heranziehbar. Ich wage, sechs zu unterscheiden: (1) die Xenophobie, die vor allem durch Siedlung oder Ansiedlung jüdischer Minderheiten entsteht (mit entsprechenden Zuweisungen: Armut, Pest, Brunnenvergiftung usf.); (2) die religiöse Ablehnung (im Christentum bedingt durch die Kreuzigung Jesu, deren moderne Projektion die Ritualmordlegende ist); (3) die Kritik der europäischen Aufklärung, deren Vorwurf sich auf den (überlebensstrategisch unvermeidlichen) Separatismus der Juden und den partikularen Charakter der jüdischen Religion (Kritik der Zeremonialgesetze etc.) richtete; (4) den Judenhaß der Romantik, die in Opposition zu Napoleon und den Deutschen Bundesstaaten die Judenemanzipation zu Beginn des 19. Jahrhunderts angreift, was als Ausdruck ihrer Gegnerschaft zur modernen Staatsbildung verstanden werden kann (exemplarisch hierfür die Jud-Süß-Sage, in der der Jude Oppenheimer zugleich Kaufmann als auch Ratgeber des absolutistischen Fürsten ist); (5) den biologisch oder rassistisch begründeten Antisemitismus, der die Juden zu Untermenschen oder, wie heute im Nahen Osten, zu Affen und Schweinen erklärt; (6) den Haß gegen das gesellschaftlich Mächtige der europäischen Neuzeit, das in der Figur des Juden eine konkrete Verbildlichung findet. Während der Antisemitismus des Nahen Ostens lediglich auf eine der genannten Quellen (die Aufklärung) nicht zurückgreift und sich so – in dem erkennbaren Bedürfnis, alles mitzunehmen, was irgend greifbar ist – als wüstes Aggregat nicht konsistenter Anwürfe gegen das Judentum erweist, tritt im Antiimperialismus der linken Bewegung nur eine der genannten Quellen, und natürlich nicht in unvermittelt judenfeindlicher Form, in Wirkung: die Abneigung gegen das gesellschaftlich Mächtige, die ja gewissermaßen die konstituierende Stimmung dieser Bewegung ist.
Die heute weit verbreitete Vorstellung, die linke Bewegung sei deswegen durchweg antisemitisch, wird abgeleitet aus einem hochgescheiten Essay von Moishe Postone über das Verhältnis von Faschismus und Antisemitismus11, durch den eine neue Denkbewegung innerhalb der Linken ausgelöst wurde. Postone, der differenzierter argumentiert als die meisten seiner Ausleger, machte sich auf die Suche nach den ideologischen Wurzeln des modernen Antisemitismus der Nazizeit und rät davon ab, den Faschismus allein in Bezug auf seine Funktion für den Kapitalismus verstehen zu wollen.12 In der Folge entdeckt er eine zugrundeliegende ideologische Struktur, die den Antisemitismus hervorgerufen habe und stellt fest, daß dieser sich in seiner Bildung vom bloßen Rassismus oder dem Sündenbockmuster unterscheide; er habe sich vorrangig als Rebellion verstanden und vollziehe sich als eine doppelte Übertragung antikapitalistischer Ressentiments. In einem ersten Schritt steht zunächst das Unvermögen, Erscheinung und Wesen des Kapitalismus auseinanderzuhalten: Der Haß gegen den Kapitalismus richtet sich auf die abstrakten Seiten des Kapitals – auf Ware, Geld und Finanzsystem, kurz: auf die Zirkulationssphäre. Damit wird zwischen einem guten, produzierenden und einem schlechten, nicht wertschöpfenden Kapitalismus unterschieden. Man kennt diese begriffspolitische Trennung sowohl aus der Nazizeit, wo zwischen einem (deutschen) »schaffenden Kapital« und einem (jüdischen) »raffenden Kapital« ein regelrechter Gegensatz konstruiert wurde, als auch aus der gegenwärtigen Kritik der linken Bewegung am Finanzsystem, deren Vorwurf ebenfalls auf den Umstand zielt, daß Wertmassen nur verschoben und nicht geschaffen werden. Nicht daß der Finanzkapitalismus unmenschlich, sondern daß er parasitär sei, ist der – und nicht erst seit der letzten Finanzkrise – am häufigsten geäußerte Vorwurf. In einem zweiten Schritt entsteht nun im Bewußtsein der bloß erscheinungsbezogenen Kapitalkritik das Bedürfnis, jene abstrakten Formen des zirkulierenden Kapitals in einem lebendigen Begriff zu vergegenständlichen, entsteht also eben das, was Marx bezüglich Ware, Geld und Kapital einen Fetisch nannte: die Bildung einer konkreten Gestalt, die ein abstraktes Verhältnis zu verkörpern hat. Diese Gestalt wurde bei den Nazis der Jude und ist in der heutigen Linken der Manager bzw., da der Zirkulation noch näher, der Investmentbanker, die alle in der Tat gemein haben, daß man sie am liebsten mit Heuschrecken vergleicht. Was also von Postone deduziert wird, ist ein Antisemitismus ohne Antisemiten, eine Struktur, von der der Judenhaß lediglich Ausdruck, nicht aber das Wesen ist; man spricht folglich vom strukturellen Antisemitismus. Postones Theorie hat Stärken und Schwächen. Ich will, so kurz ich kann, beides beleuchten und täte es nicht, wenn ich nicht vermeinte, daß diese Betrachtungen hier weiterhelfen.
Richtig ist, daß die Juden sich über Jahrhunderte der Verfolgungen Überlebenstechniken (Separatismus, wirtschaftliche Stärke v.a.) angeeignet haben, die ihnen die Möglichkeit verschafften, in der Diaspora zu überleben und ihre kulturelle Identität zu wahren. Aus dem Ensemble der Judenbilder des Antisemitismus ist daher das des starken, hinterlistigen Juden, der mit seinen politischen und finanziellen Mitteln Einfluß auf die Gesellschaft nimmt, nicht wegzudenken. Andere Rassismen richten sich stärker gegen die Minderwertigkeit der betreffenden Völker, und man kann z.B. die Überlegung anstellen, ob das Bild des jüdischen Untermenschen nicht ein Versuch der Naziideologen war, die Angst vor dem starken Judentum umzuleiten (man kann, man muß es nicht.) Diese Angst vor der jüdischen Kontrolle zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des neuzeitlichen Antisemitismus von Eisenmenger bis Fichte, von Rühs bis Wagner, von Hitler bis Hassan al-Banna.
Dieselbe Angst nun kennen die Linken auch. Ihr unbestimmter Antikapitalismus, ihre Neidideologie, das Reduzieren der Klassenfrage auf den abstrakten Gegensatz von Arm und Reich, die Intelligenzfeindlichkeit, der Demokratiefetisch – all das kommt aus jener Stimmung der Linken gegen alles, was in irgendeiner Weise besonders oder mächtig ist. Diese Stimmung ist von wahrhaft demokratischer Art: Die Gleichheit artikuliert sich gegen die Individualität und den Reichtum; sie ist, wenn man so will, das emotional-theologische Fundament der linken Bewegung. Der Marxismus hat es geschafft, an die Stelle dieser Emotionalität Begriffe zu setzen: Es geht nicht gegen den Reichtum, sondern gegen die Ausbeutung, nicht gegen die politische Macht, sondern gegen politische Macht in den Händen des Kapitals, nicht gegen den einzelnen Kapitalisten, sondern gegen das Kapitalverhältnis insgesamt. Durch diese Griffe ist es der marxistischen Theorie gelungen, jene Irrationalität in rationale Gedanken zu überführen. Aber was dennoch nie ganz beseitigt werden kann, ist eben die zugrundeliegende Psychologie, das subjektive Bedürfnis, die Haltung, die beim Menschen insgesamt ausgebildet wird und nicht nur Ergebnis von Denkprozessen ist. Es sei eine nie endende Aufgabe, sich zu zwingen, von jener die eigentlichen Verhältnisse vereinfachenden, fetischbeladenen Politikauffassung wegzukommen, hin zu einer begrifflichen Erfassung der Verhältnisse, also jenen Kampf mit sich selbst zu führen, den viele Linken vor allem deswegen verlieren, weil sie ihn nicht einmal annehmen. Man erkennt hier viel vom Konzept des Antiimperialismus wieder, dessen theoretische und praktische Schwächen ich oben beschrieben habe. Soll man es für Zufall halten, daß es im Angesicht zahlloser nationaler Emanzipationskämpfe auf dem Erdball, von denen nicht wenige deutlich rabiater geführt werden als der in Israel, ausgerechnet dieser ist, der die Herzen der antiimperialistischen Bewegung so aufrührt? Der Staat Israel ist als solches ein Haßobjekt, und der Generalvorwurf an ihn lautet in der Tat, daß er wehrhaft ist und von dieser Fähigkeit Gebrauch macht. Ginge es allein um die Verhältnismäßigkeit der militärischen Mittel, wäre das Ausmaß der antiisraelischen Kritik gar nicht zu erklären, ebenso wenig der Umstand, daß die fortgesetzte – und ganz sicher nicht immer verhältnismäßige – Selbstverteidigung Israels als grundlose Aggression gegen ein notleidendes, sich lediglich verteidigendes Volk dargestellt wird. Wir sprechen von einer Denkstruktur, die Schuld konkret zuweist, nicht das Kapitalverhältnis kritisiert, sondern bestimmte Kapitalisten, sich folglich auch nicht gegen die gesellschaftlichen Zustände im Nahen Osten richtet, sondern gegen einen bestimmten Staat dieser Region, den sie als Alleinschuldigen ausmacht. Der Kampf gegen ganz bestimmte Konzerne (an die 1995 von der ökologischen Bewegung in Gang gesetzte Anti-Shell-Kampagne ist ja bereits erinnert worden, gegenwärtig ließen sich etliche Atomkraft nutzende Energielieferer aufzählen), gegen den Stand der Manager, gegen den Stand der selbständigen Produzenten (das Kleinbürgertum), gegen das Finanzkapital, die Israel-Lobby bis hin zu jüdischen Gemeinden in der Welt und exportierende israelische Firmen (wie zuletzt in Bremen, wo Angehörige der PDL Deutsche dazu aufriefen, nicht bei Israelis zu kaufen13) – all das ist derselbe Brei in unterschiedlichen Schüsseln.
Der Antiimperialismus, es läßt sich nicht leugnen, ist die außenpolitische Praxis jener Denkstruktur, die Postone beschrieben hat. Aber die Struktur, das ist nicht der Antisemitismus. Weder gilt, daß die Struktur selbst schon Antisemitismus ist, noch gilt, daß jede Form des Antisemitismus – und sei es genauer der moderne – seinen Grund in dieser Struktur hat. Nicht jeder Trottel ist ein Antisemit, nicht jeder Antisemit ein Trottel. Gegen Postones Theorie spricht also, was bei jeder Theorie als Makel empfunden werden muß: Sie erklärt ihren Gegenstand nicht vollständig. Gegen sie spricht ferner, daß sie von dem wegführt, was Postone gerade zu erreichen bestrebt war: eine spezifische Erklärung des Judenhasses. Und schließlich spricht dagegen, falls dergleichen gegen eine Theorie sprechen kann, die Praxis, die aus ihr folgt. Ich erkläre mich.
Postone springt ein wenig zwischen zwei Ebenen: Kapital-Kritik und Macht-Kritik. Letztere, meine ich, liegt tiefer. Der undurchdachte, aggressionsgeladene Antikapitalismus ist selbst nur ein Ausdruck der tiefergehenden Anti-Macht-Phantasie der Linken, die ich oben beschrieben habe. Die Macht-Kritik gründet letztlich in der Abneigung der Menge gegen den Einzelnen. Genauer gegen den herausragend befähigten Einzelnen, gegen politische, militärische oder wirtschaftliche Macht, mithin gegen Intelligenz. Auch Intellektuellenfeindlichkeit ist eine Quelle des Antisemitismus, und Intellektualität ist eine Spielart von Macht. Im klassischen Judenbild des Antisemitismus taucht neben dem politischen Intriganten und dem wirtschaftlichen Blutsauger auch der jüdische Intellektuelle auf, der zwar nicht Brunnen, aber Köpfe vergiftet. Im ideologischen Geflecht der Linken tritt der Intellektuelle als Kleinbürger auf, als potentieller Gegenspieler des Volks, dessen Äußerungen unbedingt mit Vorsicht begegnet werden muß. Extreme Formen der Intelligenzfeindlichkeit von links sind in der Geschichte Albaniens, Chinas und – falls die unter die linke Bewegung fällt – Kambodschas zu beobachten. Wir kennen auch heutige Formen von Macht-Haß: gegen Intellektuelle, Manager, Politiker oder TV-Prominente, die insbesondere durch die Medien befördert werden. Wir erinnern uns unzähliger medialer Hinrichtungen öffentlicher Personen, in denen sich – geschickt moderiert zumeist von der Roten Gruppe des Springer Verlags – jahrelang angestauter Neid Entladung verschaffte. Das alles ist irgendwie ein Feld, und dann wieder nicht. Ich will sagen: Postones Gedanken führen, per Implikation, die Struktur des Antisemitismus auf eine Tiefe zurück, die so allgemein ist, daß sie sich auf alles Mögliche anwenden ließe. Der Judenhaß wird damit eine Spielart von vielen. Umgekehrt reduziert sich im strukturellen Antisemitismus das lebendige Phänomen Antisemitismus auf eine, wenn auch wichtige, seiner Seiten. Postone selbst hat sich von seinem brillanten Gedanken zur Einseitigkeit verführen lassen: »Allen Formen des Antisemitismus«, schreibt er, »ist eine Vorstellung von jüdischer Macht gemein.« Das stimmt ganz offenkundig nicht. Weder gilt es für die xenophobische noch für die rassistische und erst recht nicht für die aufklärerische Begründungsform des Antisemitismus. Über die religiöse Begründung ließe sich immerhin nachdenken, obgleich hier das Motiv des mächtigen Juden eher akzidentiell ist. Der Kern der Ritualmordlegende z.B. ist nicht die Stärke der Juden, sondern deren Niedertracht, und auch die Kreuzigung Jesu – um eines von Postones Beispielen zu entkräften – ist kein Akt, zu dem besondere Fähigkeiten vonnöten gewesen wären. Einen Heiland ans Kreuz nageln kann jeder; das ist überhaupt keine Kunst. Was den Antisemitismus der Romantik betrifft, so halte ich für möglich, ihn als antizipierte Angst vor dem einflußreichen Judentum und vielleicht als eine Art Frühform des strukturellen Antisemitismus zu verstehen. Immerhin ist der – nach meiner Kenntnis – früheste Vertreter des strukturellen Antisemitismus mit Friedrich Buchholz ein Zeitgenosse der Romantiker. Auch für die Gefühlslage der heutigen Israelkritik gilt, daß sie viele psychologische Wurzeln hat. Der Haß gegen das zirkulierende Kapital ist nur eine davon. Es sind meistens Reflexe: klassisch-antisemitische, die auch vor der Nazizeit schon wirksam waren, solche, die in den gegenwärtigen Verhältnissen des Nahen Osten begründet liegen, und so verrückt es klingt: Selbst der Abscheu vor dem Judenmord der Nazis ist eine Quelle heutiger Israelfeindschaft. Ein solches Erbe belastet. Der Deutsche, sagt ein geflügeltes Wort unserer Tage, wird den Juden niemals verzeihen, was er ihnen angetan hat.
In gewisser Weise ist Postones Theorie, sobald sie nicht nur gebildet wird, sondern auch in die Anwendung tritt, das umgekehrte Quidproquo dessen, was sie beschreibt: Der Verwechslung der Erscheinung mit dem Wesen setzt sie die Verwechslung des Wesens mit der Erscheinung entgegen. Das Resultat ist ein Wesen, aus dem jene Besonderheit, die die Erscheinung zur Erscheinung macht, getilgt ist, ein falsches Wesen also, das, wie Daniel Rapoport schreibt, den Judenhaß »seines Spezifikums, nämlich gegen die Juden gerichtet zu sein, enthebt«.14 Wollte man stänkern, könnte man sich zum Bonmot herablassen, Postones Theorie sei genauso abstrakt wie der Gegenstand, den sie beschreibt. Aber der Witz an der Ideologiekritik ist ja gerade, daß in ihr die historisch-konkrete Verumständung außer Betracht ist und der Gegenstand, den zu beschreiben sie sich vornimmt, vermittels der Beschreibung, als ein überzeitliches Gebilde, erst geschaffen wird. Ich sage nicht, daß mit diesem Verfahren keine Erkenntnisse möglich sind, sehe aber nicht ein, warum eine Theorie immer entweder ideologiekritisch oder aber historisch fundiert sein soll. Doch auch auf der rein psychologischen Ebene bleiben Makel. Der Rekurs auf die Struktur ist korrekt ausgeführt, nur darf man aus dem Umstand, daß Antisemitismus (unter anderem) von einer gedanklich schlecht verarbeiteten Gesellschaftskritik ermöglicht wird, nicht den Schluß ziehen, daß jede gedanklich schlecht verarbeitete Gesellschaftskritik dynamei antisemitisch sei. Damit aus Einfalt Antisemitismus werden kann, muß mindestens Bosheit und in der Regel doch ein Vernichtungswunsch hinzutreten, der sich entweder direkt als solcher zu erkennen gibt oder auf Forderungen abhebt, die de facto Vernichtung bedeuten. Dummheit ist wirklich nicht ein so absonderliches Phänomen, daß man hinter ihr stets die übelste Absicht vermuten müßte.
Ein Blick in die politische Praxis bestätigt diesen Argwohn. Die Anhänger Postones und der Kritischen Theorie, die sich einiges darauf zugute halten können, die intellektuell-sentimentalen Mechanismen der Traditionslinken durchschaut zu haben, laufen Gefahr, an ihrer Schlauheit zu verblöden. Durch die Figur des Antisemitismus ohne Antisemiten – geübte Vertreter der Kritischen Linken sprächen hier, ginge es nicht ausgerechnet gegen ihre eigene Auffassung, von einer Verharmlosung des Holocaust – braucht einer heute nichts mehr gegen Juden zu haben, um als Antisemit zu gelten. Er muß lediglich ein Feind des Finanzwesens sein, und so wird aus dem berechtigten Vorwurf, daß die Ablehnung des Finanzsystem im Kern eine indirekte Apologie des Kapitals ist (weil alles, was nicht an die Wurzel der Sache geht, dieselbe nicht wirklich in Frage stellt), gleichfalls eine Apologie des bestehenden Systems, in der jeder Investmentbanker zum Verfolgten wird und jeder Manager nachgerade zum Opfer des Judenmords. Ähnliches gilt auf der internationalen Ebene, wo die Kritische Linke aus dem akzidentiellen Bündnis der USA mit Israel – hierin übrigens ganz einig mit der antiimperialistischen Bewegung – eine Identität herausliest und aus dieser Erkenntnis als conversio simplex die Parole Antiamerikanismus = Antisemitismus ableitet. In der III. Internationale gab es auch ein schönes Wort: »trotzkistisch-faschistisch«. Ich will nicht behaupten, daß diese Sorte Verbindung das schlechthin Unverbindbare zusammenbringt. Natürlich gab es Trotzkisten, die zu Faschisten wurden, wie es auch Gestalten gibt, deren Antiamerikanismus antisemitische Wurzeln hat. Aber der Grund, aus dem ihre Gegner jene begriffliche Verbindung zur Anwendung bringen, liegt doch ganz offenkundig darin, vom weniger Verwerflichen auf das Verwerfliche zu kommen. Sind Antiamerikanismus und Antisemitismus erst einmal als Zwillingsbrüder oder Momente einer gemeinsamen Entwicklungslinie dargestellt, ist es nun auch nicht mehr nötig, den Feind, den ich suche, dort zu schlagen, wo ich ihn treffe, weil ich ihn ja überall treffe, wo immer ich eben hinschlage. In der Folge steht jede Kritik an der Politik der Vereinigten Staaten (auch an solchen Maßnahmen, die z.B. Israel schaden) im Verdacht, antisemitisch motiviert zu sein, und es tritt die verrückte Lage ein, daß eine sich als wahrhaft marxistisch verstehende Bewegung ihre Hauptaufgabe in der Verteidigung bestimmter Kapitalformen und bestimmter imperialistischer Machtblöcke zu erblicken vermeint. Die Kritische Linke wird somit zum Spiegelbild der Traditionslinken, genauer: der verblödete Teil der einen spiegelt den blöden Teil der anderen, und von Spiegelbildern weiß man, daß sie in der Gestalt identisch, aber seitenverkehrt sind. Es ist folgerichtig, daß ein Teil der Kritischen Linken von der Ablehnung des Antiamerikanismus zu einer US-patriotischen Haltung übergegangen ist. Das – um das Bild zu Ende zu malen – ist die Sorte, die glaubt, man könne den Kapitalismus dadurch besiegen, daß man ausschließlich bei Shell tankt. Die letzte Konsequenz dieses Weges ist die Verteidigung des Okzident (mitsamt seinem Kapitalismus) nicht nur gegen jegliche Anwürfe aus dem Orient (der nicht minder kapitalistisch ist), sondern auch gegen jede Idee einer alternativen, z.B. sozialistischen, Gesellschaftsstruktur. Justus Wertmüller hat dieses Bewußtsein einmal schön zum Ausdruck gebracht: Die Kritik des Kapitalismus könne, wenn überhaupt, nur auf Basis des Kapitalismus, aus ihm selbst heraus erfolgen. In diesen Zusammenhang paßt es dann auch, wenn im Umfeld der Bahamas aus Israelsolidarität eine fundamentale Kritik nicht nur des Islamismus, sondern des Islam wird und sich hinter den freundlichen Israelflaggen ganz ordinäre Ausländerfeindlichkeit zu erkennen gibt – ein politisches Profil, das man bereits von der nicht-völkischen Rechten kennt, die sich in Netzwerken wie der Achse des Guten zusammenfindet, wo man schon mal Rechtspopulisten wie Geert Wilders verteidigt15, während ein renommierter Wissenschaftler wie Wolfgang Benz, der sicher mehr zum Verständnis des Antisemitismus beigetragen hat als alle Neocon-Autoren zusammengenommen, dafür angegriffen wird, daß er auch islamfeindliche Positionen für rassistisch hält.16 Gern schreiben Leute wie Broder, Wertmüller etc. über die Gefahr einer neuen Querfront aus der Traditionslinken und der völkischen Rechten, die sich über die Ablehnung Israels konstituieren könnte; weniger oft hört man von ihnen freilich, daß eine Querfront mit derselben völkischen Rechten sich auch über die Ablehnung des Islam und die Verteidigung des Abendlandes herstellen ließe, in der dann sie der Partner wären.
Seien wir realistisch: Die eine wie die andere Querfront wird sich in Deutschland nicht herstellen. Dazu sind die Gräben zwischen der nicht-völkischen Rechten, der völkischen Rechten, dem rechten Flügel der Kritischen Linken, der antiimperialistischen Fraktion der Traditionslinken und den Islamisten in Deutschland viel zu tief, sind ihre sonstigen Meinungsverschiedenheiten zu groß. Die wenigen Versuche, die tatsächlich unternommen wurden – etwa die im Umfeld des Verlags Kai Homilius mit seiner Gallionsfigur Jürgen Elsässer –, sind zum Scheitern verurteilt und stoßen in allen Lagern auf heftige Ablehnung. Wenn ich von der Gefahr einer Querfront spreche, dann meine ich eine Querfront ex parte: ein vorauseilendes Annähern an die Positionen anderer politischer Lager zum Zwecke der Bündnisfähigkeit, getragen von der opportunistischen Hauptfeindlogik (Feind des Feindes plus Minimalkonsens), die zwar nicht zu einem tatsächlichen Bündnis führt, aber auch ohnedies verheerende weltanschauliche Deformationen anrichtet.
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Es ist wirklich nicht schwer, eine kritische Haltung zur israelischen Politik einzunehmen, ohne dabei in den Sumpf einer Querfront zu geraten. Voraussetzung hierfür ist einerseits die Bereitschaft, politische Fragen konkret zu beurteilen und nicht den abstrakten Regeln einer Bündnislogik zu folgen, und zum anderen die Kontrolle solcher Gefühle wie Mitleid, Empörung usf., die sich bei politischen Fragen umgehend einstellen und die in kollektiven Zusammenhängen zu Stimmungen werden. Solche Stimmungen können sich zu ganzen Weltanschauungen ausformen, wobei allerdings bezüglich der Israelkritik der antiimperialistischen Bewegung die Frage interessant ist, ob hier die Bündnisbereitschaft Ergebnis der Stimmung oder die Stimmung Resultat der Bündnisbereitschaft ist. Man darf, bei aller wechselwirkenden Befruchtung, wohl annehmen, daß die Stimmung zuerst kommt und das Bündniskalkül ihr folgt. Der sich exstatisch entladende Haß gegen Israel, den man in den zahllosen mündlichen und schriftlichen Statements der antiimperialistischen Bewegung – und gewiß nicht nur ihres Fußvolkes, sondern auch einiger ihrer entwickeltsten Köpfe – eindrucksvoll beobachten kann und der sich nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Art der Äußerungen zu erkennen gibt, zeigt, daß die antizionistische Haltung stark emotional aufgeladen ist. Das Erste und Wichtigste, leite ich hieraus ab, ist die Bekämpfung jener Emotionalität. Falsche Logik läßt sich widerlegen, aber die Widerlegung wird nur von denen akzeptiert werden können, die kein unbewußter Affekt und keine Stimmung, daran hindert, den Gedanken zuzulassen, daß 1 und 1 möglicherweise doch 2 macht. Natürlich argumentiert man auch gegen eine Stimmung mit der Vernunft, aber man argumentiert anders, wenn es darum geht, zunächst einmal irrationale Motive aus dem Weg zu räumen, bevor die Vernunft selbst wirksam werden kann.
Die sogenannte Israelkritik ist kein Monolith. Dieser Umstand ist nicht zuletzt deswegen zu beachten, weil es inzwischen noch mehr als die proisraelische Fraktion die antiisraelische ist, die das Gegenteil behauptet. Nicht einmal die Hardliner unter den Israelfreunden sind verrückt genug, die Behauptung aufzustellen, jede Kritik an Israel sei antisemitisch; die Hardliner unter den Israelkritikern aber tun das durchaus, indem sie etwa behaupten, Israel dürfe hierzulande generell nicht kritisiert werden, obgleich das ganz offenkundig nicht stimmt, wie nicht nur sie selbst, sondern auch die deutschen Medienorgane täglich aufs neue beweisen. Es gibt kein Land, das in der deutschen Öffentlichkeit auch nur annähernd so oft und deutlich kritisiert wird wie Israel; diese Sachlage sollte im Gedächtnis behalten, wer sich fragt, wie weit das Messen mit zweierlei Maß und die Bereitschaft, über Tatsachen hinwegzusehen, bei vielen Kritikern Israels inzwischen geht. Sich gegen Israel zu positionieren reicht hier nicht; man muß es im Gewand des Tabubrechers tun, des einsamen Kämpfers gegen einen (nicht bestehenden) Konsens, und es wird den nichtteilnehmenden Beobachter nicht wundern, wenn jene Tabubrecher dann große Schwierigkeiten haben, zwischen Israelkritik und Israelkritik zu unterscheiden, dem Irrglauben also anhängen, daß jeder, der nicht explizit »Juden« oder »Judentum« sagt, sondern nur »Israel« oder »Zionismus«, auch gleich kein Antisemit sei.
Ich halte die Unterscheidung dreier Weisen von Israelkritik für sinnvoll: partikulare, antizionistische und antisemitische Kritik. Partikular ist jede Kritik, die sich auf bestimmte Maßnahmen und durchaus auch auf bestimmte strategische Ausrichtungen bezieht.17 Antizionismus ist gegeben, wo Kritik am Anspruch des jüdischen Volks geübt wird, einen jüdischen Staat besitzen zu wollen. Antisemitismus liegt vor, wo die Kritik sich gegen die Existenz des Staates Israel bzw. solche Maßnahmen, die seine Existenz garantieren, richtet. Diese Unterscheidung deutet bereits an, daß es in der Praxis schwer wird, genau zwischen Antizionismus und Antisemitismus zu unterscheiden. Wer wissen will, wie es sich mit dem Antizionismus verhält, muß wissen wollen, was der Zionismus ist.
Der Zionismus ist ein Teil der europäischen Nationalstaatsbewegung, ihn aber ausschließlich als diesen Teil sehen hieße, die Besonderheiten seines Zustandekommens ignorieren. Immerhin liegt in dieser Perspektive schon einmal das Zugeständnis, daß der Zionismus – anders als seine heutigen Gegner glauben – keine besonders perfide Idee ist, vergleichbar etwa den Rassentheorien der Nazis, sondern eben eine Gründungsideologie unter vielen in der europäischen Geschichte. Ohne den Zusammenhang des Zionismus mit der Ausbildung der europäischen Nationalstaaten zu leugnen, muß aber berücksichtigt werden, daß er verspätet auf der weltgeschichtlichen Bühne erscheint. Die großen Nationen – ausgenommen Deutschland – besitzen ihren Nationalstaat seit (und dank) dem frühen Absolutismus. Das 19. Jahrhundert ist bereits eine Epoche der Nachzügler, und selbst der schwerfällig sich ausbildende Nationalgeist der Deutschen ist, wenn auch nicht umfassend, schon zu Klopstocks Zeiten präsent (bevor er sich dann bei Arndt, Fichte und Jahn, freilich in grotesker Form, voll entfaltet). Der jüdische Nationalgedanke ist jedoch selbst dann, wenn man ihn am deutschen oder irischen mißt, verspätet. Das liegt meines Erachtens weniger darin begründet, daß die Juden im 19. Jahrhundert noch mit der Erlangung der Bürgerrechte beschäftigt waren, denn auch in den westeuropäischen Regionen, wo sie das Bürgerrecht schon länger besaßen, faßt die Idee eines jüdischen Nationalstaats das ganze Jahrhundert hindurch nicht Fuß. Immerhin liegt eine Gemeinsamkeit mit den Nationalideologien der Iren und der Deutschen darin, daß auch die jüdische aus einer oppositionellen Stellung heraus gebildet wurde. Aber bei der Opposition, in der das jüdische Volk sich befand, ging es eher darum, das Überleben des Volkes zu garantieren, als lediglich darum, diesem Volk Unabhängigkeit zu verschaffen. Das zeigt sich in den zwei besonderen Umständen des 19. Jahrhunderts, die die Entstehung des Zionismus begünstigt haben: in der schleichenden Reformation des jüdischen Glaubens und der Verschärfung des Antisemitismus. Die Wirkung der Haskala und des reformierten Judentums war, obgleich unbeabsichtigt, daß die Religion an Bindekraft für das jüdische Volk verlor. Das orthodoxe Judentum, als notwendige Form des Überlebens, war ein Resultat der Diaspora, welcher Zusammenhang sich im orthodoxen Glauben dahin verkehrte, daß die Diaspora als die notwendige Lebensform des jüdischen Volkes postuliert wurde und das Volk nicht eher als bis zur Ankunft des Messias nach Israel zurückkehren dürfe. Durch Kritik der Aufklärer und Reformer an den Zeremonialgesetzen, dem Talmud und in einigen Fällen sogar an der Tora entstand die Gefahr, daß die Emanzipation in Assimilation übergehen, daß das jüdische Volk seine kulturelle Identität verlieren könnte. Der Zionismus trat in diese Freistelle und setzte an die Stelle der nicht haltbaren Orthodoxie den Gedanken der jüdischen Nation, die damit die Religion als Leitgedanken des kulturellen Selbstbewußtseins ablöste. Insofern ist der Zionismus eine Fortsetzung der jüdischen Reformation und Aufklärung, eine Form folglich der jüdischen Emanzipation. Dadurch, daß er ein Volk zur Nation bildete und die Säkularisierung beförderte, wirkte er fortschrittlich. Diese Fortschrittlichkeit ist historisch, und machte sie allein das Wesen des Zionismus aus, wäre er heute weitgehend Geschichte. In seinem anderen Grund, dem Antisemitismus, liegt jedoch, warum der Zionismus heute keine Anstalten macht abzutreten oder sich zu mäßigen. Auf dieser Seite des Problems stellt sich die Frage nach dem Fortschritt nicht; es geht um Notlagen, und Not erzeugt Notwendigkeiten. Der Zionismus ist eine Kampfform, herausgebildet in einer Epoche, in der die seit Jahrhunderten immer wieder ausbrechende Judenfeindschaft in Europa, vor allem im slawischen Raum, bedrohliche und kontinuierliche Aktivitäten hervorbrachte, in der der Antisemitismus sich, vor allem in Deutschland, auf den Boden eines rassistischen Kalküls gestellt hatte, in der, läßt sich sagen, Wort und Tat des europäischen Antisemitismus die in Europa lebenden Juden zum Umdenken, zum Handeln zwangen. Auch deshalb ist es ein einziger Hohn, wenn heutige Kritiker Israels gegen den Zionismus vorbringen, er sei älter als der Faschismus. Der Rassenwahn der Nazis kam nicht aus dem Nichts; er bereitete sich von langer Hand im 19. Jahrhundert vor, und wer etwa die Schriften eines gewissen Hartwig von Hundt-Radowsky liest, wird sich fragen, was am etwa 100 Jahre späteren »Mein Kampf« eines gewissen Adolf Hitler so außerordentlich neu gewesen sein soll. Und auch der arabische Antisemitismus, wenngleich er, wie kein zurechnungsfähiger Beobachter bestreiten wird, durchaus von der Siedlungspolitik der zionistischen Juden befördert und verstärkt wurde, kann nicht einfach nur als Reaktion auf die zionistische Bewegung gesehen werden. Die Damaskus-Affäre liegt lange vor der Ansiedlung der europäischen Juden im Nahen Osten, und das Wachstum des Antisemitismus in der Region stellt sich zunächst als ordinäre Xenophobie einer Mehrheit gegenüber einer rasch wachsenden Minderheit dar. Mit Balfour beginnt sich das freilich zu ändern, aber auch dieser Vorgang ist kein Anfang, sondern nur eine Etappe in der Gründungsgeschichte Israels, ganz wie auch die innige Beziehung zwischen der stärksten Fraktion der palästinensischen Bewegung, insbesondere ihres Führers al-Husseini, mit dem deutschen Nazireich oder die Tatsache, daß die Möglichkeit eines palästinensischen Staats 1947/48 von der palästinensischen Befreiungsbewegung selbst, die sich – im Gegensatz zu den jüdischen Vertretern – nicht mit einem Kompromiß abfinden wollte, verspielt wurde.
Differenziertes Denken muß fähig sein, zwischen Ursache und Funktion zu unterscheiden. Auch wenn der Zionismus heute von der politischen Rechten Israels instrumentalisiert wird, ist er in seinem Ursprung nicht die chauvinistische Ideologie eines imperialistischen Staates, sondern die Nationalidee eines unterdrückten Volkes. Auch der Islam wird von den heutigen arabischen Staaten für partikulare Interessen benutzt, ohne daß diese Nutzung etwas an seinem Ursprung ändert. Natürlich ist es richtig, nicht nur zu fragen, was der Zionismus ist, sondern auch, was er wurde. Und natürlich hat man selbst dann, wenn man ganz unbefangen und ohne alle historische Umsicht fragt, was der Zionismus heute ist, die Pflicht, seine sämtlichen Funktionen, und möglichst im Zusammenhang, darzustellen. So und nur so ist Kritik am Zionismus möglich. Die Grenze zwischen einer solchen Kritik und einem antisemitisch motivierten Antizionismus zieht sich wie natürlich an der Frage des Existenzrechts von Israel. Selbst die fundamentalste Kritik an Staaten wie den USA oder der BRD wird von den Traditionslinken nicht in die Form einer Verneinung der Existenz gebracht. Dort spricht man wie selbstverständlich von der Umstrukturierung der Gesellschaft. Allein bei Israel scheint man darauf versessen zu sein, die soziale Frage national zu stellen. Es ist wirklich schrecklich einfach: Wer das Existenzrecht von Israel nicht anerkennt, die Abschaffung dieses Staats fordert oder ihm seine Wehrfähigkeit nehmen will, ist ein Antisemit, gleich, aus welchen Gründen er zu argumentieren glaubt. Alle politischen Vorgänge, die darauf hinauslaufen, das jüdische Volk zu schwächen, sind eine – und keineswegs hypothetische – Gefahr für das Leben von Juden in und außerhalb Israels. Wer konkret entsprechende Forderungen stellt, muß sich den Vorwurf des Antisemitismus gefallen lassen. Der sich als Antizionismus deklarierende Antisemitismus ist verräterisch in seiner Ausführung: wenn an Israel andere Maßstäbe angelegt werden als an andere Staaten, wenn gegen militärische Aktionen Israels heftiger und ausgiebiger polemisiert wird als gegen die Aktionen jeder anderen Regierung, wenn Israel die alleinige Schuld am Nahostkonflikt zugeschoben wird, wenn bedingungslose Solidarisierung mit den antiisraelischen Kräften gefordert wird, wenn die konkret-politischen Forderungen der antiisraelischen Kräfte ausgeblendet, beschönigt oder bagatellisiert werden, wenn die Existenz des israelischen Staats als ein zu korrigierender Fehler der Geschichte ausgegeben wird, wenn der Staat Israel als rassistisch konstituiert und die Gleichsetzung folglich Israels mit dem deutschen Nazireich als legitim deklariert wird, wenn die Politik der israelischen Rechten mit dem Staat Israel gleichgesetzt wird und die Juden insgesamt – im Staat Israel wie im Rest der Welt – stets als Einheit aufgefaßt und kollektiv für die politischen Vorgänge in Nahost verantwortlich gemacht werden – in all diesen Fällen ist Antisemitismus im Spiel, sei es bewußt, unbewußt oder – was meistens der Fall ist – halbbewußt. Man kann antisemitisch sein, ohne es zu wissen; durch die Art, wie man denkt und durch das, was man glaubt; antisemitisch, sagte ich oben, in der Ausführung. In der Ausführung aber, sagte Hegel vor mehr als 200 Jahren, liegt das Wesen einer jeden Philosophie. Und was für die Philosophie gilt, gilt erst recht für die Ideologie, denn die Ideologie ist nichts als ihre Ausführung.
Man könnte über jeden der eben aufgeführten Punkte eine umfangreiche Abhandlung schreiben, und ich will nicht ausschließen, daß sich bei längerem Nachdenken noch weitere Punkte finden ließen, an denen man, wie an einem Haken, den Antisemitismus im Geflecht des Antizionismus zu fassen bekommt. Das wichtigste Schibboleth heutiger Israelfeinde ist die Forderung der sogenannten Einstaatenlösung. Es ist bezeichnend, daß innerhalb der israelkritischen Linken – und je radikaler die Position, desto inniger – die Zweistaatenlösung häufig abgelehnt wird, denn für diese Ablehnung gibt es keine rationalen Gründe. Ginge es tatsächlich um die Emanzipation der Palästinenser, wäre die Zweitstaatenlösung das natürliche Ziel, und dieses Ziel hätte außerdem für sich, daß die israelische Regierung es akzeptieren würde. Ein eigener, souveräner Staat – ist es nicht das, was das palästinensische Volk will und verdient hat? Doch viele deutsche Israelkritiker fordern mit Vehemenz jenen binationalen Staat, in dem Palästinenser und Juden gemeinsam und – natürlich – demokratisch leben und der dann – natürlich – Palästina heißen muß. Die Lust an der Einstaatenlösung erklärt sich daraus, daß ein solcher gemeinsamer Staat niemals Israel sein könnte. Es geht darum, den einzigen jüdischen Staat aus der Region zu entfernen, und dieser Wunsch ist so intensiv, daß seine Verfechter völlig aus den Augen verlieren, wieviel auch ganz praktisch gegen eine Einstaatenlösung spricht und wie sehr dieser scheinbar fromme Wunsch an der Wirklichkeit vorbeigeht. Die Einstaatenlösung ist einfach ein anderer Ausdruck für die Vernichtung Israels, die Beseitigung also der einzigen Zone auf der Welt, in der Juden vor allen Verfolgungen geschützt sind, die sich aus keinem anderen Grund an ihnen vollziehen als dem, daß sie Juden ist. Was immer Israel sonst noch ist, es ist immer auch dieser Ort der Zuflucht, und der Gedanke, daß die Juden in Israel diese Möglichkeit preisgeben sollten, ist ebenso feindselig wie illusorisch.
Seien wir fair: Natürlich billigt fast jeder Antizionist den Juden ein Lebensrecht im Nahen Osten zu. Was die Juden, seine Gnade zu erhalten, einzig tun müssen, ist, sich wehrlos den dort ansässigen Kräften auszuliefern, deren konsensfähige Raison die Vernichtung oder Vertreibung des jüdischen Volks vom »arabischen« Boden ist. Der feste Glaube der Antizionisten, daß der arabische Antisemitismus – sofern seine Existenz überhaupt konzediert wird – keinen anderen Grund hat als das Wirken des Zionismus, läßt die Antizionisten in dem Glauben, ein einseitiges Waffenstrecken Israels führe unmittelbar oder in kürzester Zeit zum Frieden in der Region und nicht etwa zu Völkermordexzessen. Naivität ist das bei weitem freundlichste Wort für Gemeingefährlichkeit.
Aber Naivität ist etwas für Kinder. Es gibt ein Alter, da hört man auf, einfach Ergebnis der Erziehung zu sein, die man genossen hat. Man ist seinerzeit mit größter Selbstverständlichkeit in der Ablehnung Israels aufgewachsen. Man wußte, daß der Zionismus eine zu verurteilende und jedenfalls rassistische Ideologie ist; man glaubte auch dann, ihn beseitigen zu müssen, wenn man wenigstens die Existenz Israels selbst nicht in Frage stellte. Man hatte dem Staat gegenüber, seiner Politik wie seiner Verfassung, eine äußerste Skepsis an den Tag zu legen und tat es bereitwillig. In dieser Frage ist – eigenartig genug – zwischen der ostdeutschen und westdeutschen Sozialisation kein Unterschied. Die Emanzipation von diesen Vorstellungen geschieht, wenn sie denn geschieht, in Ost wie West unter denselben Ausgangsbedingungen. Es kostet Mühe, sich von Irrtümern, mit denen man aufgewachsen ist, zu lösen; das gilt vor allem dann, wenn man sich in diesem Prozeß von Vernunft leiten läßt. Von einem Schwachsinn in den folgenden zu kippen ist ganz leicht. Die vernunftgemäße Lösung vom Antizionismus heißt nicht Zionismus; sie bedeutet vielmehr, sich dem Phänomen des Zionismus mit Nüchternheit zu nähern, es historisch und psychologisch einzuordnen, mithin praktisch zu beurteilen. Es geht nicht darum, alles zu dulden. Erklären bedeutet nur dann Dulden, wenn sich in der Erklärung die Notwendigkeit des zu erklärenden Sachverhalts erweist. Der Zionismus existiert, weil es den Antisemitismus gibt, nicht umgekehrt. Eine Welt ohne Zionismus ist nur vorstellbar unter der Voraussetzung, daß kein Antisemitismus mehr existiere. Aber eine Welt ohne Antisemitismus, das wäre wie eine Welt ohne Dummheit, will sagen: ein erfreulicher Gedanke, aber es fällt schwer, an seine Realisierbarkeit zu glauben.
Der Antizionismus selbst erscheint zunächst als unproblematisch. Schnell begreift man, daß diese Ideologie veritablen Antisemiten eine Gelegenheit bietet, ihre Bedürfnisse auszuleben, ohne sich direkt als Antisemiten offenbaren zu müssen, aber man neigt dazu, das für eine Randerscheinung zu halten, die bei einiger Aufmerksamkeit kontrollierbar ist. Was immer die Entwicklung der letzten Jahre sonst bewiesen hat, die Unrichtigkeit dieses Gedankens gehört dazu. Eine kaum noch zu übersehende Tatsache ist, daß die antizionistische Bewegung in ihren Verhaltensweisen und erkennbaren Motiven mehrheitlich dahin geraten ist, daß sie nicht Maß noch Differenz aufrecht zu halten versteht und oftmals in den einzelnen Momenten ihrer Kritik kaum zu unterscheiden weiß, gegen wen sie sich richtet: gegen Likud, Israel oder das Judentum überhaupt. Im Antizionismus vermischen sich all jene Unterscheidungen zu einem diffusen Aggregat, und eine rationale Betrachtung der Gründe und Möglichkeiten des Nahostkonflikts ist längst einer Stimmung gewichen, die von denen, die sie befallen hat, nicht kontrolliert werden kann. Aus dieser irrationalen Gefühlslage erklären sich all jene merkwürdigen Verhaltensweisen heutiger Israelkritiker, die kaum untereinander konsistent und noch weniger mit einem insgesamt rational fundierten Kalkül in Einklang zu bringen sind. Auch wegen dieser jüngeren Entwicklung muß man sich die Frage stellen, ob der Antizionismus wirklich nur ein Vorwand für Antisemiten ist, oder nicht auch aus sich selbst heraus – ohne von außen herangetragene Absichten – eine gewisse Gefahr zum Abdriften in antisemitische Denkstrukturen enthält. Das mindeste, was sich sagen läßt, ist dies, daß der Antizionismus selbst dort, wo er mit größter Vorsicht gegen ein Abdriften in antisemitische Verhaltensweisen betrieben wird, die eigentlichen Verhältnisse auf den Kopf stellt. Er beschränkt sich ja nicht darauf – was, als Beispiel einer partikularen und im übrigen zutreffenden Kritik, durchaus statthaft wäre –, dem Zionismus eine Teilschuld am Nahostkonflikt zuzuschreiben oder ihn als den Antisemitismus nicht nur bekämpfende, sondern zum Teil auch befördernde Strategie hinzustellen, sondern in der Wahrnehmung der Antizionisten ist der Zionismus, wo nicht überhaupt das einzige, so doch jedenfalls das größte Problem im Nahostkonflikt, dessen hauptsächlicher Verursacher und eigentlicher Aggressor. Auch dort, wo dem Zionismus seine historische Verursachung durch eine Jahrhunderte währende Judenverfolgung zugebilligt wird, wird dieser Vergangenheit das Bild einer verkehrten Gegenwart entgegengesetzt, in der der Jude kein Verfolgter mehr und der Staat der Juden ein Täterstaat geworden ist; ganz so, als sei es möglich, in der Geschichte einen Schnitt zu setzen, von wo aus ein Vorgang sich ganz ohne Rücksicht auf das zuvor Vorgefallene ereignen könne, ganz so mithin, als sei der arabische Antisemitismus nichts anderes als die geistige Form eines unterdrückten Volkes und nicht etwa dies der Fall, daß den seit dem späten 19. Jahrhundert sich im arabischen Raum ansiedelnden Juden mit einem (sittengeschichtlich durchaus erklärbaren) Fremdenhaß begegnet wurde, dem die Siedlermentalität der Neuankömmlinge freilich auch bald in nichts nachstand. Dadurch aber, daß der Antizionismus den Juden eine Wahl zubilligt, den Arabern jedoch nicht, indem er jene als Aggressoren und diese als Reagierende ausgibt, enthält er selbst die Implikation, der Zionismus sei die Ursache des heutigen Antisemitismus. Der praktische Schluß ist dann, daß die Abschaffung des Staates Israel die notwendige Bedingung für die Beseitigung des Antisemitismus ist.
Sie verstehen jetzt, warum ich Ihnen am Anfang die Schnurre jenes verrückten Querfrontlers erzählt habe. Nicht wenige Antizionisten leben in genau diesem Glauben, manche drücken sich drastischer aus, andere mit Vorsicht; das ist eine Frage der Begabung, nicht der Gesinnung. Aber wenn dieser Glaube an den selbstverschuldeten Antisemitismus kein Antisemitismus sein soll, was überhaupt ließe sich dann noch als antisemitisch bestimmen? Im klassischen Antisemitismus, wie man weiß, ist der Jude an allem schuld. Die heutige Spielart des Antisemitismus ist, den Juden, wenn schon an nichts anderem, doch wenigstens die Schuld am Antisemitismus zu geben. In dieser Argumentation steckt ausnahmsweise kein Fehler; sie folgt aus den gesetzten Prämissen, die einem hartnäckigen Geschichtsrevisionismus entnommen sind. Wenn also Antizionismus nicht in Antisemitismus umschlägt, dann gerade dort, wo Antizionisten ihre Logik nicht konsequent verfolgen, weil ihnen eine gesunde Intuition oder eine politische Vorsicht raten, zurückhaltend zu sein. Hier sind Inkonsequenz und moralische Skrupel das, was Schlimmeres verhindert. Das Beste freilich wäre, die ganze Denkweise gar nicht erst zuzulassen und an ihrer Stelle eine konkret-historische und die politischen Gegebenheiten berücksichtigende Analyse zu pflegen. Doch wenn man schon dazu nicht fähig ist, ist doch beruhigend, wenn es wenigstens moralische Skrupel sind, die antisemitische Entladungen verhindern.
NOTEN
- http://www.fr-online.de/blob/view/-/8467798/data/5567691/-/Studie+Antisemitismus+in+der+Linkspartei.pdf [↩]
- Die theoretische Unbeschlagenheit – oder sollte ich sagen: politische Interessiertheit? – der Studie zeigt sich insbesondere in dem grob und viel zu kurz gearbeiteten historischen Abriß, in dem mit der Neuen Linken und der Staatsideologie der DDR zwei sehr verschiedene Phänomene en bloc abgehandelt werden. Auch ich denke, daß die DDR – die Bündnispflicht des Warschauer Vertrags einmal beseite gelassen – sich in der Nahostfrage falsch positioniert hat, denke aber auch, daß dieser Fehler aus einer ideologiebedingten Naivität herrührte und von bösen Absichten weit entfernt war. Wie stumpfsinnig allerdings, wenn die Autoren diesem Staat unterstellen, sein Antifaschismus sei eine »Legitimationsideologie« gewesen. Die Gründer der DDR, die mehrheitlich aus dem Exil, den Zuchthäusern oder KZs zurückgekehrt waren, haben für ihren Antifaschismus mit ihrer eigenen Haut gerade gestanden; sie brauchten ihn nicht zu suchen, um ihre Herrschaft zu legitimieren, weil sie ihn bereits eigentümlich besaßen und in ihrem Selbstverständnis immer Antifaschisten waren. Es wundert nicht, daß man von interessierter Seite der DDR selbst ihren Antifaschismus noch vorwirft. Die Autoren nehmen hier den Faden eines Ralph Giordano auf, der an der DDR tatsächlich zu kritisieren weiß, daß sie den Antifaschismus verordnet habe. Sie liegen übrigens richtig, wenn Sie vermuten, daß im Fall, der Antifaschismus wäre in der DDR nicht verordnet gewesen, Giordanos Kritik darin bestanden hätte, daß er nicht verordnet war. Bei allem, was sie sonst trennt: Die DDR hat mit Israel gemein, daß der Haupteinwand ihrer Gegner darin liegt, daß sie überhaupt jemals in die Existenz getreten ist. [↩]
- Die Ereignisse sind sogar noch schneller als erwartet. Die Tatsache, daß, während ich eben diesen Text abschließe, bekannt wird, daß die – zugegebenermaßen – verrückte Führung der PDL ihrer – zugegebenermaßen – vernagelten Folklore-Fraktion die Aktionseinheit mit türkischen Faschisten untersagt hat, veranlaßt mich nicht, den Absatz mit einem anderen Ausblick abzuschließen. Wenn zwar meine Prognose durch das Reiseverbot für Inge Höger aus dem Reich des Wirklichen verwiesen ist, so ändert das nicht das Geringste an ihrer Wahrheit. [↩]
- Jean Améry: Der ehrbare Antisemitismus, in: Die Zeit v. 25. Juli 1969. [↩]
- Was mich rein technisch, ganz unabhängig von den Inhalten also, beeindruckt, ist die Resistenz, mit der seitens vieler Linker ungemütliche Argumente selbst dann noch abgewehrt werden, wenn sie nicht vom Klassenfeind kommen; ein Verhalten, das die Überzeugung verrät, man selbst – denn man steht ja auf der richtigen Seite – könne in keinem Punkt irren und ein Gedanke, der nicht vom eigenen Standort aus gewonnen wurde, sei unter keinen Umständen jemals einer weiteren Überlegung wert. Der parteieinheitliche Reflex der PDL etwa auf die zuletzt erhobenen Vorwürfe lautete: Kritik an Israel ist nicht antisemitisch. Das ist eine Aussage, der man vernünftigerweise nur zustimmen kann; leider paßt sie nicht auf die Frage, die im Raum steht. Es geht doch längst nicht mehr darum, ob Kritik an Israel als solche antisemitisch sei, sondern darum, wann Kritik an Israel antisemitisch wird. Die Verteidiger der PDL, wenn sie zuletzt unisono mit jenem Argument auf die Vorwürfe reagiert haben, begeben sich also noch nicht einmal auf das Niveau der Debatte, ganz zu schweigen davon, daß sie dieses irgend überstiegen. Statt dessen wird jeder Anwurf, gleich von welcher Seite er erhoben wird, als aus derselben Ecke kommend denunziert: als antideutsch oder prokapitalistisch. Es scheint gerade so, als könnten sich viele Freunde der PDL nicht vorstellen, daß man diese Partei auch von einer anderen Seite als von rechts unter Beschuß nehmen kann. Natürlich läßt sie sich, und zwar mitsamt ihrem linken Flügel, ebenso von links kritisieren, von der Mitte – der wahren, nicht derjenigen, die sich gegenwärtig dafür hält – ganz zu schweigen, denn die PDL ist eine sozialdemokratische, also opportunistisch und populistisch agierende Partei. Doch für die Freunde der PDL ist jede Kritik an ihrem merkwürdig wuchernden Antizionismus ein weiterer Beleg für die Umtriebe des bürgerlichen Lagers, außerhalb dessen zu stehen sie ernsthaft glauben. Es ist vielleicht nicht immer einfach, gegnerische Positionen richtig einzuordnen, aber wenn jemand grundsätzlich nicht in der Lage ist, die verschiedenen Seiten, von denen aus er angegriffen wird, zu unterscheiden, legt das den Verdacht nahe, daß er seinen eigenen Standort nicht kennt. [↩]
- Ein Beispiel für zahllose: 2007 führte die Regierung im Gaza eine Justizreform durch, nach der das Auswendiglernen von Korankapiteln Straferlaß bringt. Fünf Korankapitel ersparen ein Jahr Haft. Das wußten Sie nicht? Stellen Sie sich einmal ganz unbefangen vor, welch ein Sturm der Entrüstung nicht nur bei linken Organisationen, sondern überhaupt in den deutschen Medien losgebrochen wäre, wenn die Regierung Israels ein Gesetz erlassen hätte, demzufolge das Erlernen des Pentateuchos Hafterlaß verschafft. [↩]
- http://www.memritv.org/clip/en/0/0/0/0/0/0/2415.htm; vgl. auch seine am 19. März 2010 gehaltene Rede: http://www.memritv.org/clip/en/2430.htm [↩]
- vgl. z.B. LW 22, 347–350. [↩]
- vgl. z.B. SW 6, 127f. [↩]
- Ganz scharf läßt sich diese Grenze indes nicht ziehen, da sie nicht nur durch die meisten Parteien, sondern auch durch viele einzelne Personen hindurchgeht. Die DKP z.B. hat es geschafft, bei ihrer Gründung 1968 zugleich einen Kommunismus zu wollen als auch eine »antimonopolistische Demokratie« zu fordern, womit eine der klassischen Phrasen des Antiimperialismus etabliert wurde. Wenn F. Scott Fitzgerald schreibt, daß die wahre Probe des erstklassigen Denkens darin bestehe, zwei gegensätzliche Ideen im Gehirn zu behalten und dennoch weiterhin zu funktionieren, dann stimmt das durchaus, soweit es das erstklassige Denken betrifft, aber es bleibt doch der Umstand, daß das einfältige Denken nichts anderes tut als genau das. Das Ansammeln disparater Ideen im selben Kopf, der dann mit seinen krausen Gedanken irgendwie durch den Alltag kommt, ist keine Kunst, sondern in der Tat die geistige Form des Opportunismus. Die Kunst beginnt erst dort, wo einer versteht, die widersprechenden Ideen angemessen zu vermitteln, wozu natürlich auch die Erkenntnis gehört, daß bestimmte Ideen sich gar nicht miteinander vermitteln lassen. Fitzgerald entschuldigt ein wenig, daß er die DKP nicht gekannt hat, ein natürlicher Vorzug, um den ihn die heutige Welt beneiden muß. [↩]
- Moishe Postone: Anti-Semitism and National Socialism, in: New German Critique 19 (1980), S. 97–115. [↩]
- Das schwierige Erbe der Dimitroffschen Faschismusdefinition ist, daß sowohl ihre Gegner als auch ihre Verfechter den Fehler machen, sie für eine universelle Erklärung zu halten. Die Definition ist dort sinnvoll, wo man ihre Geltung beschränkt, und sie wird falsch, wo man versucht, den Faschismus als Phänomen insgesamt unter ihren Begriff zu bringen. Erstens beschreibt sie nicht den Ursprung des Faschismus, sondern seine Funktion, zweitens beschreibt sie von den verschiedenen Funktionen des Faschismus nur eine (nämlich die auf den Klassenkampf bezogene) und drittens gilt sie für den Faschismus an der Macht, den man vom Faschismus als politischer Bewegung und von der faschistischen Ideologie unterscheiden muß. Es ist unvermeidlich, daß dort, wo Dimitroffs Definition allein waltet, eine gewisse Schwäche in der Theorie entstehen muß, mithin eine Unfähigkeit, neuere Phänomene, wie etwa den arabischen Antisemitismus, richtig einzuordnen. [↩]
- Was den Boykott israelischer Waren betrifft, so finde ich weniger die Reminiszenz an das Deutsche, kauft nicht bei Juden! problematisch, und auch der Umstand, daß es Deutsche sind, die zu diesen Boykotten aufrufen, zeugt eher von einem Mangel an Fingerspitzengefühl als von veritabler Bosheit. Was der Sache eine antisemitische Note gibt, ist der zugrunde liegende Gedankengang: Der Boykott, der die Regierung Israels treffen soll, trifft in Wahrheit israelische Staatsbürger, die auf die Art für die Politik ihrer Regierung haften sollen. Hierin kehrt ein klassisches Element des Antisemitismus wieder, nach dem das Judentum stets als, wo nicht gar verschworene, so doch gleichstrebende Gemeinde aufgefaßt wird und jeder Jude die Taten eines anderen Juden unbedingt billige. Ich erinnere mich einer TV-Diskussion, in der der arglose Israelkritiker Norbert Blüm den durchaus nicht arglosen, aber doch jedenfalls für die Regierungspolitik Israels nicht verantwortlichen deutschen Staatsbürger Michel Friedman anläßlich des Umstands, daß Israel einen UN-Kommissar nicht ins Land gelassen hatte, anfuhr: »Was habt ihr …« und »Laßt den rein …«. In der Rage ist man manchmal ehrlicher als in Besonnenheit, und zu den wenigen Sachen, die Friedman wirklich kann, gehört, einen Gegner in Rage zu bringen. Die Pathologie, die Blüm ebenso wie auch besagte Angehörige der Bremer PDL zu erkennen geben, hat Saul Ascher bereits 1818 auf den Punkt gebracht: »Es herrscht im allgemeinen der Wahn, daß in den Juden der Jude überhaupt enthalten sei, daß sie sich nicht belügen, betrügen, verleumden und verfolgen, denn man hält sie für ein Ganzes, für einen Leviathan, und wo, fügt man corollarisch hinzu, ist das Wesen, das in seinen eigenen Eingeweiden mit dem Dolch wühlt?« (Saul Ascher: Flugschriften. Theoretische Schriften. Band 1, Mainz 2011, S. 209f.) Ich habe diese Stelle kürzlich einem ebenfalls arglosen Kritiker Israels gezeigt, und seine Reaktion lautete wirklich: »Das denken sie aber auch selbst.« – »Sie«, das meint: die Juden. [↩]
- Daniel Rapoport: Die reizlose Seite des Humanismus, in: Argos 5 (2009), S. 165–197, hier: 175; siehe auch: http://das-blaettchen.de/2010/03/die-reizlose-seite-des-humanismus-oder-zum-verhaeltnis-von-juden-und-ddr-1116.html [↩]
- Daß die Achsen-Autorin Vera Lengsfeld – folgend offenbar dem Leitgedanken: Gesegnet sei, was nicht links ist – mit großem Verständnis das Schicksal des Massenmörders Demjanjuk beschrieben hat, ist wohl ein Einzelfall. Sie muß für einen kurzen Augenblick vergessen haben, daß es einen Unterschied zwischen der völkischen und der nicht-völkischen Rechten gibt. [↩]
- vgl. Wolfgang Benz: Hetzer mit Parallelen, in: Süddeutsche Zeitung v. 4. Januar 2010 (http://www.sueddeutsche.de/politik/antisemiten-und-islamfeinde-hetzer-mit-parallelen-1.59486). [↩]
- Exemplarisch zu bleiben: Es läßt sich alles kritisieren, was den Konflikt mehr fördert als entschärft, mehr Leid anrichtet als verhindert; so etwa die Siedlungspolitik unter Sharon, Unverhältnismäßigkeit bei militärischen Gegenschlägen oder das starre und auch Gebietstausch ausschließende Beharren auf den Grenzen von 1967. So übrigens auch die Zulassung der Hamas zu den Wahlen von 2006. [↩]
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