Apr 082017
 

Manche Witze klingen wie Witze, sind aber gar keine. Die Deutschen, schrieb ich letzten Sommer, sind ein Volk von 80 Millionen Bundestrainern, und die Antideutschen eines von 10.000 Geostrategen. Das größte Elend ist die Bescheidwisserei. Die ist keine exklusive Eigenschaft dieses Milieus, aber gerade diese Beziehung ist, wie ich meine, sehr erhellend.

Friedensbewegung und Bellizismus unterscheiden sich sehr in ihrer Tendenz, im Kalkül kaum. Ich zweifle nicht einmal an der Echtheit des Gefühls. Der Friedensbewegte sehnt sich vielleicht wirklich nach Frieden, der Bellizist hat vielleicht wirklich Mitleid mit den Opfern all jener Regime in der Welt, die ihre Repressionen auch unterm Mantel eines Friedensvertrags fortsetzen. Ich verstehe beide Gefühle, ich teile sie.

Es geht um Erkenntnis. Der exponierte Vertreter beider Richtungen ist daran kenntlich, dass er im Ablauf eines Tages geschätzte 192 Zeitungsartikel oder Blogposts liest und sichere 384 davon kommentiert und weiterverbreitet. Er weiß Bescheid, wo nicht einmal die Analysten in Langley Genaues wissen. Er weiß auch genau, wie der ganze Mist gelöst werden kann. Es ist im Grunde nicht erklärbar, warum er nach all den Jahren noch keinem renommierten Thinktank vorsitzt oder regelmäßig bei strategischen Besprechungen der Exekutive konsultiert wird. An seinem Willen kann es nicht liegen, denn offenkundig sieht er sich als eine Art Politikberater (wenn er bellizistisch ist, westlicher Regierungen, wenn er friedensbewegt ist, aller anderen). Zweifeln kennt er allenfalls als Verzweifeln, an der Dummheit seiner Gegner nämlich, die ihm wiederum daran kenntlich sind, dass sie entweder nicht gelesen haben, was er gelesen hat, oder es nicht richtig zu deuten verstehen. Sein Urteil ist stets partikular, weil die Lösbarkeit der Situation erhalten bleiben muss. Aporien kennt er nicht, weil er sie nicht mag.

Die Friedensbewegung scheut den Blick aufs Ganze, da sie die Schuld einer Partei zuschieben muss, bloß nicht irgendeiner, sondern erwartbar der konsensfähigen, weil stärksten Gruppe. Sie redet grundsätzlich immer erst dann von »Krieg«, wenn die Amerikaner sich darin einschalten. Wenn ein Konflikt ohne amerikanische Beteiligung beim besten Willen nicht mehr ignoriert werden kann, wird er als von den Amerikanern verursacht hingestellt, entweder politisch oder geheimdienstlich, und wenn auch das alles nicht funktioniert, findet sich gewiss irgend eine private Sicherheitsfirma oder ein Waffenhänder aus den USA, um die bekannte Gleichung herzustellen.

Der Bellizismus überführt diese partikulare Auffassung, die Schuld zuweist, wo eine komplexe Lage begriffen werden müsste, in eine Hoffnung auf die bezichtigte Partei. Der Term ist derselbe, nur das Vorzeichen ändert sich. Er gleicht der Friedensbewegung darin, dass er einen einzelnen Akteur aus dem Gesamtzusammenhang holt und ihm eine Rolle zuschreibt, die diesen unvermeidlich überfordern muss. Die Amerikaner müssen damit beide Rollen spielen, Sündenbock und Heiland. Die Erwartung der Erlösung jedoch verschiebt die Schuldzuweisung bloß in die Zukunft. Nämlich als Vorwurf, nicht genügend getan zu haben. Die Kritik der Bellizisten an der Regierung Obamas holt ihre Energie aus dieser Enttäuschung.

Bellizismus ist der Glaube, die Krisen und Kriege des Nahen Ostens oder Nordafrikas lassen sich durch Bombardements und Besatzungen effektiv lösen; dieser Glaube ist ohne vorsätzliche Oberflächlichkeit nicht zu haben, und die Bescheidwisserei mit ihren 192 Artikeln pro Tag schafft Ersatz durch Menge, wo Tiefe mit Absicht gemieden wird. In jenen Kriegen und Krisen drückt sich indessen ein internes Problem der kapitalistischen Struktur im Weltmaßstab aus. Kapitalismus kann keinen Reichtum ohne Armut, keinen Gewinner ohne Verlierer produzieren. Das bereits bringt die Konflikte und letztlich auch deren konkrete Ausformungen (die Despoten, Warlords und Ideologien des Elends) hervor. Kriege können den einen Despoten durch den anderen, eine Autokratie durch eine Hiero- oder simpler Oligarchie ersetzen, den einen Irrsinn gegen den anderen austauschen. Man kann Assad beseitigen und damit den Weg für den IS ebnen – das Chaos, der Terror, das Elend bleibt, und es wechselt allenfalls das ausführende Personal.

Bellizisten spucken aus, wenn sie dergleichen hören. Sie können einem genau erklären, warum das Konzept, den Irak zu zivilisieren, an Obama gescheitert ist und nicht etwa an seinem Vorgänger Bush. Sie werden auch in zwanzig Jahren genau erklären können, warum alle ihre heutigen Vorschläge gescheitert sind. Es liegt an den Menschen nämlich. Politik geht überhaupt nur ohne Menschen …

Die Ansicht, dass die Amerikaner die Schuld an jenem Ganzen tragen, dessen Teil sie bloß sind, ist die eine Form des zu kurz geratenen Denkens, zu dem die Hoffnung, dieselben Amerikaner können dasselbe Ganze durch irgendwelche Mittel lösen, die den Rahmen dieses Ganzen nicht sprengen, nichts anderes als den Kontrapost ausmacht. Ideologien sind nie Einzelkinder. Wo eine entsteht, muss eine andere entstehen. Wo die andere sich bewegt, bewegt sich bald auch die eine.

Das Schlauseinwollen, jene Bescheidwisserei, ist nicht einfach eine falsche Haltung, sondern tief motiviert. Es geht darum, dass diese Leute – die Friedensbewegten & die Bellizisten – partout nicht ertragen können, einmal ratlos zu sein. Irgendwas nicht zu wissen, einmal keine Lösung zu haben, das ist ihnen das schlimmste. Also schreiben sie lieber verkürztes Zeug, ehe sie zugeben, dass auch sie eine irre Lage nicht unirre machen können.

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