Feb 082018
 

Die Dokumentation »Playing God« macht Kenneth R. Feinberg zur Charaktermaske des Monats

Ein Mann sitzt vorm stumm laufenden Fernseher, es spielt Musik. Er liebe den Kontrast. Natürlich, sein Beruf ist ja die Vermittlung. Was er nicht sagt: Die Musik überspielt den Ton. Endlich wird nicht mehr geredet. Leider hört er dabei nicht auch selbst auf zu reden.

Was tut Ken Feinberg? Man ruft ihn, wenn Lagen eingetreten sind, deren juristische Folgen auch für Konzerne fatal wären. Das ist die erste Pointe, die sich der Dokumentation entnehmen lässt. Solange tausende Arbeiter oder kleine Konsumenten in Not geraten, bedarf es keiner Vermittlung. Die wird erst dann nötig, wenn auch Konzerne betroffen sind. Gegründet wird dann ein Fond, bezahlt vom Staat natürlich. Feinberg ist kein Vermittler, er schützt große Unternehmen vorm Gegenschlag durch die von ihm Geschädigten.

Auch er aber will Mensch bleiben, und so nah, wie die Kamera ihm kommt, wirkt er nichtmal unsympathisch. Er öffnet sein Herz, ist aufgeräumt, verbindlich. Kein Ressentiment durchweht seinen Atem. Eine Charaktermaske zum Knuddeln. Die Grausamkeit wird nicht geleugnet, aber Herrgott: »So funktioniert das System!«

Die Blase platzt bereits im ersten Drittel, der vom juristischen Nachspiel der Anschläge am 11. September handelt. Im Auftrag der Regierung entwickelt Feinberg eine Formel, dernach das Leben eines Bankers mehr Entschädigung gebietet als das eines Feuerwehrmanns. Man braucht nicht viel Phantasie, die Reaktionen der Öffentlichkeit auf dieses Verfahren vorzuahnen.

Nirgends deutlicher zeigen sich die beiden großen Schwächen dieser übrigens sensibel und szenisch schön gesetzten Dokumentation. Die erste liegt darin, dass die gesamte Darstellung bloß mimetisch ist. Es reden ausschließlich involvierte Subjekte, kein Kommentar, keine sprachliche Hinführung. Die Filmerin kann sich hinter die Figuren zurückziehen, was ebenso bescheiden wirkt, wie es Universalität andeutet. Das kann aber nur glücken, wo das Verhältnis der sprechenden Subjekte von Beginn sinnvoll arrangiert ist, wie im Spielfilm, oder dort, wo die Subjekte etwa auf Augenhöhe sind. Feinberg steckt alle in die Tasche, »Playing God« bleibt asymmetrisch.

Und darin liegt ihre zweite Schwäche. Die Kollision lügt sich um zum Kampf zwischen Vernunft und Gefühl. Feinberg als Sachwalter der Öffentlichkeit; die begreife seinen Job, die Betroffenen naturgemäß nicht immer. Das System, heißt das, ist objektiv, die unter ihm Leidenden subjektiv. Die Irrationalität des Systems selbst steht nicht zur Verhandlung. Dass der Wert eines Menschenlebens überhaupt taxiert wird, erscheint erst in einer Gesellschaft natürlich, die alles in Wert verwandelt, besondere Qualität also bloß quantitativ ausdrücken kann, als mehr oder weniger. Und hoffnungslos verwoben ist damit die tatsächlich objektive Notwendigkeit einer Entschädigungszahlung mit der vermeintlich objektiven, die jeweilige Höhe der Entschädigung in den einzelnen Fällen gegeneinander abzuwägen. Dieses innere Gebrechen, das sich als Gesundheit ausgibt, bleibt in »Playing God« unverhandelt.

 

zuerst in: ND v. 8. Februar 2018 (»Eine Charaktermaske zum Knuddeln«)

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