Aug 012019
 

»Love after Love«

Der Titel des Films zitiert den Titel eines der schönsten Gedichte des 20. Jahrhunderts: »Love After Love« von Derek Walcott, das von der Beziehung spricht, die ein Mensch zu sich selbst hat. Davon, dass man irgendwann lerne, sich als Freund zu behandeln, dass der Blick in den Spiegel Betrachter und Betrachteten eins werden lasse, dass beide folglich das eigene Glück im Glück des Anderen finden. Man werde den Fremden wieder lieben lernen, der man selbst einmal war, der einen immer liebte und den man missachtet hat für einen anderen. Für den, meint das, der man hat werden wollen und der man nun, vielleicht, mehr oder weniger geworden ist. Eben deswegen, weil man heute als ein anderer in der Welt steht, kann man sich wieder lieben. Denn man ist immer schon beides, Eigenschaft und Wille, Wirklichkeit und Selbstbild. Im Alter wächst die Möglichkeit, sich mit sich selbst zu versöhnen, ohne Unsicherheit und das Gefühl drohenden Rückfalls auf sein jüngeres Ich zu blicken. Das Gedicht schließt mit dem Rat, den persönlichen Krempel von den Bücherregalen zu entfernen. Wer, will das wohl sagen, das Eigene in Ordnung bringt, braucht nicht mehr die Welt damit zu belasten, hat folglich erstmals die Chance, sie zu sehen als das, was sie ist.

Von diesem vielschichtigen, dialektischen Gedankengeflecht bewahrt Russell Harbaughs Film praktisch nichts, und das wäre keiner Erwähnung wert, wenn er sich nicht selbst, durch die Wahl des berühmten Titels, diesem Vergleich ausgesetzt hätte. Ganz durchschnittlich, in jede Richtung unausgereizt bleiben alle Ereignisse. Das stört nicht weiter, denn niemand interessiert sich für die Untiefen von Menschen, die schon an der Oberfläche uninteressant sind. Und wenn sie wenigstens liebenswert wären, doch »Love After Love« hat einen empfindlichen Überhang an unsympathischen Menschen; seine Focus-Figur, verkörpert von Chris OʼDowd (nach »Juliet, Naked« und »The Programm« prädestiniert für Ich-gegen-den-Rest-Charaktere), ist ein regelrechter Kotzbrocken.

Vorgeht das: Suzanne (Andie MacDowell) hat ihren Mann Glenn (Gareth Williams) verloren. Während Sohn Chris (James Adomian) weiter an seinen Lebenszielen laboriert, nimmt Sohn Nicholas (Chris OʼDowd) seiner Mutter übel, dass sie nach dem Tod des Vaters andere Beziehungen sucht. Zugleich trennt er sich von seiner eigenen Frau Rebecca (Juliet Rylance), indessen er bei anderen Frauen auch kein Glück findet. Mehr passiert nicht.

Man gewinnt eine Ahnung, warum der Film sich so spröde gibt. Die Kamera schafft keinen Sinn für die Szene, die Schnitte sind hart und überspringen oft ohne Vermittlung zeitliche und räumliche Distanzen, so dass Ereignisse, zwischen denen Tage liegen, wie Teile einer Szene scheinen. Immer wieder muss man sich reinfinden in das Gezeigte. Das Aufspalten von Erzählung und Geschehen lässt die gesamte Story fragmentarisch werden. Mag dahinter auch ein Gedanke stehen, ist doch offensichtlich, dass hier durch Irritation am Formalen verdeckt wird, dass kaum Mitteilenswertes vorhanden ist. Tatsächlich besteht der Film zur guten Hälfte aus Szenen, in denen Menschen um einen Tisch sitzen und essen. Das verhält sich in Fontanes »Stechlin« nicht anders, bloß was für ein Gefälle ist das. Dort ging es um die Gedanken eines Zeitalters, hier um im Kindheitstrotz klebengebliebene Erwachsene, eben jenen Krempel also, den fortzuräumen Walcott einst empfohlen hat.

Man mag, wenn man will, mit Rücksicht auf sein Poem und den doppelten Sinn des Titels eine Bedeutung im familiären Geplänkel sehen – ›love after love‹, das kann so viel bedeuten wie ›eine Liebe nach der nächsten‹ oder aber ›die Liebe nach der Liebe‹ (der großen/ersten/wahren). So wie Nicholas ganz im Sinne der ersten Bedeutung die Liebhaberinnen und Ehefrauen wechselt, lässt Suzannes Suchen einer Liebe nach der großen zu ihrem Mann sich im Sinne der zweiten Bedeutung verstehen. Auch eine ödipale, allerdings recht einseitige Beziehung von Nicholas zu seiner Mutter wird angedeutet, was die infantile Liebe zur eigenen Mutter als die große Liebe auffasst, nach der nichts mehr kommen kann und an der alles spätere gemessen wird. Nur wird nichts davon wirklich zum Gedanken gebracht, was in einem Film, der solcherart aufs Gedankliche zielt, durchaus ein Makel ist. Die ursprünglichste Bedeutung von ›love after love‹, nämlich die Liebe nach der Liebe zu sich selbst, dem primäre Narzissmus, von der Walcotts Gedicht letztlich handelt, wird in diesen Film denkbar einfältig ausgespielt. Man sieht Trotz ohne Anspruch, Resignation ohne Verlust, Fall ohne Fallhöhe. Nur viel Ärger um nichts. Dabei wäre nichts leichter gewesen. Man hätte bloß Nicholas als gesellschaftlichen Menschen zeigen müssen, mit Ideen und Zielen.

Es gibt eine Szene, recht weit zum Ende hin, die einen 6-minütigen Stand-Up-Auftritt des anderen Sohns Chris zeigt. Dort auf der Bühne macht er Witze über Gott, die Welt und seine Familie. Er scheint etwas gefunden zu haben, was er kann und gut ankommt. Die Szene wirkt wie ein Fremdkörper, aber sie ist recht eigentlich die schönste des Films. Hier, nachdem wir den privaten Unrat dieser Familie 70 Minuten ertragen durften, sehen wir, wie dieser Unrat zu Kunst wird. Derart aufgehoben wird Schmerz zu Heiterkeit und wächst die Erzählung wenigstens einmal über ihre malkontente Antriebslosigkeit hinaus. Dass das ganz beiläufig und nicht am Hauptcharakter passiert, ist typisch für diesen Film.

»Love After Love«
USA 2017
Regie: Russell Harbaugh
Drehbuch: Russell Harbaugh, Eric Mendelsohn
Darsteller: Andie MacDowell, Chris OʼDowd, Juliet Rylance
Länge: 91 Minuten
Starttermin: 1. August 2019

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in: ND v. 1. August 2019.

»Love After Love«

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