Mrz 042020
 

Zum neusten Schmerz des Dietmar Hopp

Die DFL bedient sich einer gigantischen Propagandamaschine. Sport1, Sky und Springerblätter, Spieler und Trainer mit Social-Media-Auftritten, Ehemalige an den Mikrophonen, Lokalpolitiker und sogenannte Edelfans. Diese Maschine muss der Liga gar nicht gehören, es sind die gemeinsamen Interessen – wirtschaftliches Anwachsen, Aufstieg in der Fünfjahreswertung, Durchdrücken einer liberalen Agenda –, die das Gleichstreben besorgen. Wie gut geölt der Koloss ist, wird insonders während derjenigen Skandale anschaulich, die an das Innerste des Betriebs rühren.

Vorging: Dietmar Hopp sah sich am Wochenende von Anhängern des FC Bayern geschmäht, Sohn einer Hure zu sein. Das war nicht lieb gemeint, und wahrscheinlich ist es unzutreffend, gleichwohl kaum neu. Es passierte bei mutmaßlich jedem der 198 Heimspiele zuvor, und Hopp dürfte nicht die erste Person in der Geschichte sein, die Schmähungen aus dem Gästeblock vernehmen musste. Dennoch drohte der Schiedsrichter mit Spielabbruch, während der Koloss zum Festspiel der Betroffenheit blies. Didi Hamann hob kurz den Kopf vom Schnapsglas, um »im Namen ganz Fußballdeutschlands« zu sprechen, Rummenigge kuschelte öffentlich mit dem Geschmähten, Fritz Keller stand kurz davor, Amnesty International einzuschalten, und mindestens alle sahen mindestens das Ende der mindestens gesamten Menschheit angebrochen.

Die doppelten Standards sind offensichtlich. Rassistische und antisemitische, misogyne und homophobe Herabsetzungen gehören zum Verkehr auf den Rängen und haben kaum je zu vergleichbaren Reaktionen auf amtlicher Seite geführt. Dazu muss erst das zarte Gemüt eines Milliardärs verletzt sein. Selbst die Bananen, die man Oliver Kahn jahrelang hinterherwarf, waren irgendwann einfach Inventar. Bundesliga ist der Ort, wo Funkeldeutschland von Dunkeldeutschland nichts wissen will.

Wer sich lediglich über laienhaft simulierte Betroffenheit amüsiert und nach dem Kategorischen Imperativ ruft, langt am Kern der Sache vorbei. Die Schmähungen markieren bloß das indiskutable Ende einer zwar breiten, doch nicht organisierten Bewegung des Widerstands. Dieser Widerstand ist so notwendig wie unvermeidlich; Dietmar Hopp nicht Opfer, sondern Aggressor.

Solange man die gesetzliche Lage nicht antastet, bleibt Fußball in Deutschland Vereinssache; also – man mag das mögen oder nicht – demokratisch und volkstümlich. Versuche, die 50+1-Regel zu umgehen, Fußball wie in England zur blank wirtschaftlichen Angelegenheit zu machen, die Clubs mithin dem Willen von Mäzenen auszuliefern, gibt es nicht nur in Hoffenheim. Red Bull züchtet in Leipzig einen Scheinclub heran, bei Hannover 96 und TeBe Berlin sind bescheidenere, der Sache nach ähnliche Versuche gescheitert. Wolfsburg und Leverkusen haben als Konzernclubs Sonderstatus. Hertha unterwirft sich freiwillig und ohne Verletzung einer Regel einem mächtigen Investor, der andernfalls seine Mittel zurückzöge.

Der Kern dieses Konflikts liegt im Versuch einzelner Männer, die Vereine zu reinen Unternehmen zu machen, ihren Unternehmen. Da die Margen im Fußball aber so ungünstig sind wie kaum wo, kann es nicht um Profit allein gehen. Der Kern des Kerns heißt Narzissmus; der Mäzen sucht gesellschaftliche Reputation und das Gefühl der Macht. Es ist eminente Wichtigkeit, die ein Hopp im Angesicht der eigenen Biographie fühlt, und die muss gegenständlich, zu Fußballgeschichte werden. Seine kränkbare Seele mag indessen nicht verstehen, warum die Welt ihn nicht dafür liebt, dass die Eitelkeit ihm eines vernebelten Morgens eingab, sein Heimatkaff in die 1. Liga zu pampern. Folgerichtig fühlen die Fans sich vom Machtgriff bedroht und vom Narzissmus provoziert. Nicht jeder kann es in Begriffe fassen, intuitiv fassen es alle. Im Treiben Dietmar Hopps steckt ein Satz: Ich bin wertvoller als ihr.

Die Hoffenheimer Parallelgesellschaft handelt so. Man lässt den Gästeblock mit lauten Pfeifgeräuschen beschallen, verfolgt Menschen, die ihren Unmut im Stadion äußern, gezielt mit juristischen Mitteln, fordert Kollektivstrafen wie Spielabbrüche und versucht überhaupt jegliche Kritiker mundtot zu machen. Die DFL folgt, weil sie will. Das administrative Vorgehen des Apparats und das manipulative der Propagandamaschine machen zusammen den groß angelegten Versuch, die Zuschauermassen zu dressieren. Ganz ohne die geht es nicht. Sie bezahlen das alles und singen so schön. Man kann die Fans nicht aus dem Fußball treiben, so treibt man ihnen aus, Fans zu sein. Auf die Kontrolle des Spielbetriebs folgt die über die Zuschauerränge.

in: junge Welt v. 4. März 2020.

 

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