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Mit steter Unruhe
Zum 100. Geburtstag des Dramatikers Alfred Matusche
Jubiläen haben keine innere Bedeutung. Ob einer vor 100 Jahren geboren wurde oder vor 99 Jahren und 366 Tagen, es macht in Hinblick auf die Sache keinen Unterschied. Doch gibt es Punkte, an denen wir Anlaß haben anzuhalten, uns umzuwenden und die Frage zu stellen, was in der abgelaufenen Zeit passiert ist und was wir für den, dessen Geburtstag gefeiert wird, getan haben. Wenn etwa ein Dichter, an dessen Bedeutung kein Zweifel bestehen kann, 100 Jahre nach seinem Geburtstag immer noch für tot gehalten wird, dann muß man sich fragen, ob man wirklich alles richtig gemacht hat. Alfred Matusche ist heute vor 100 Jahren geboren worden; er war ein bedeutender Dichter, und er wird heute weitgehend für tot gehalten. Ein Zustand, den zu ändern auch eine Frage der Selbstachtung ist.
Ich darf also vorstellen: Matusche, Alfred; geboren am 8. Oktober 1909 in Leipzig. Der Vater fällt im 1. Weltkrieg, die Mutter versorgt mit Heimarbeit die Familie. Für Alfreds literarisches Interesse bringt sie kein Verständnis auf; eines verrückten Tages soll sie alle Bücher, die ihr Sohn mit dem selbstverdienten Geld gesammelt hatte, verbrannt haben, um zu verhindern, daß er weiterhin durch nächtliches Lesen die Stromrechnung belastet. 1923 beginnt Matusche eine Lehre als Schlosser, fällt jedoch in die Arbeitslosigkeit, nimmt ein technisches Studium auf, das er aus der Entscheidung heraus abbricht, sich ganz dem Dichten zu widmen. Ab 1925 erscheinen Lyrik und kurze Prosatexte in Zeitungen; Matusche arbeitet für den Rundfunk. Er beginnt, sich politisch zu verorten, bei den Linken natürlich. Gelegentlich ist er auf Wanderschaft, zu einem steten Leben kann er sich nicht entschließen. Mit der Machtübernahme der Nazis wird seine literarische Entwicklung unterbrochen. Im Zusammenhang einer Hausdurchsuchung, mit folgender Vernehmung durch die Gestapo, werden die literarischen Arbeiten Matusches vollständig vernichtet. Der Dichter ist auf den Anfang zurückgeworfen und zur Untätigkeit gezwungen. Dem Fronteinsatz im 2. Weltkrieg kann er sich, obgleich rekrutiert, entziehen. Nach 1945 arbeitet Matusche wieder für den Leipziger Rundfunk. Sein erstes Stück, »Welche, von den Frauen?«, entsteht 1952. Drei Jahre später wird mit »Die Dorfstraße« am Deutschen Theater Berlin zum ersten Mal ein Matusche-Stück aufgeführt. Weitere Uraufführungen folgen, allerdings zögerlich und oft erst Jahre nach der Entstehung. 1959 zieht Matusche in die Umgebung Berlins, er arbeitet als Dramaturg für das Maxim Gorki Theater Berlin und das Hans-Otto-Theater Potsdam. Hier entstehen die meisten seiner Stücke, darunter seine besten: »Der Regenwettermann« (1965), »Die Nacht der Linden« (1965/66) und »Kap der Unruhe« in einer ersten Fassung (1966). 1969 zieht Matusche nach Karl-Marx-Stadt, wo er als Dramaturg tätig wird. Kurz vor seinem Tod erhält er den Lessing-Preis der DDR und erlebt, schwerkrank und in Begleitung zweier Ärzte, die Uraufführung seines Stücks »Van Gogh«. Am 31. Juli 1973 stirbt der Dichter.
Wie bereits dieser Lebenslauf zeigt, lag eine Schwierigkeit, die sich von Beginn an mit der Erscheinung Matusches bot, in dem Umstand, daß dieser ein Wanderer nicht nur im örtlichen Sinne war, sondern auch einer zwischen den Zeiten. Der Dichter war kein Kind der DDR; er näherte sich ihr von außen, brachte sein Denken und Sentiment bereits voll ausgebildet in sie mit. Als junger Mensch der zwanziger Jahre ist er wesentlich durch diese Zeit geprägt. In seinen Dramen bleibt der Einfluß von Hauptmann und Barlach, von Naturalismus und Expressionismus durchgängig spürbar. Aus dieser Lage fiel er in die dreißiger Jahre, worin sein Dichten und somit seine dichterische Entwicklung unterbrochen wurde. Diese Zeit muß, was ohnehin an Rigorosität im Wesen Matusches vorhanden war, noch verstärkt haben. Schließlich fällt er in einem Alter, in dem andere beginnen, ihr Reifewerk zu bilden, in die gänzlich neuen Umstände der DDR hinein und muß bzw. darf dort eine Art zweites Debüt als Dichter geben. Die Chronologie seiner Stücke zeigt, wie sich der Dramatiker allmählich der DDR und ihren eigentümlichen Fragen nähert. Das Verhältnis von Dichter und Zeit, wohl immer schwierig, verliert hier bis zum Schluß seine Spannung nicht. Ohne Zweifel hatte Matusche es schwer mit seiner Zeit, doch eine Zeit, die es nicht schwer mit einem wie Matusche gehabt hätte, ist schlechterdings nicht denkbar. Zu stark war seine Eigenwilligkeit, sein Beharren auf Autonomie, sein vollkommener Unwille zu Kompromissen. In gewisser Hinsicht vermag diese Haltung zu beeindrucken. Alfred Matusche ist eine Persönlichkeit, wie sie auch zu seiner Zeit schon rar geworden war und der man im Angesicht der Unterwerfung, die dem Einzelnen heute vom Willen der Mehrheit abverlangt wird, mit der größten Hochachtung gedenken muß: ein ausschließlich von innen geleiteter Mensch, dessen Denken durch sich und nicht von seiner Umgebung bestimmt ist. Matusche war etwas wie der Wittgenstein der DDR; sehr eigen, sehr privat, aber offenkundig geleitet von einem unverstellbaren moralischen Kompaß, den er mit äußerster Konsequenz verfolgt, so konsequent, daß es der Außenwelt schon wieder als Asozialität erscheinen muß, obgleich es doch im Kern zutiefst sozial gedacht und gefühlt ist.
Keine Haltung, die nicht absurd würde, wo sie absolut gesetzt ist. Was im Widerschein des demokratischen Meinungszwangs wohltuend souverän und individuell wirkt, stößt in Bezug auf das gesellschaftliche Ganze leicht an seine Grenzen. Unfähigkeit zu Kompromissen, Sturheit und Subjektivität Continue reading »