Nov 212017
 

 

Branagh bleibt, wie er ist

 

Wer sich vergleicht, wird verglichen. Lumets »Mord im Orient-Expreß« (1974) ist aus zwei Gründen schwer zu schlagen. Er hat ein unüberbietbares und nicht erst durch den Weihrauch des zeitlichen Abstands großes Ensemble, und er verändert die Anlage der Figur Poirot nicht, die durch ihre Autorin vorgegeben ist. Branaghs »Mord im Orient-Express« (2017) scheitert daran, dass er besser sein will als Agatha Christie. Continue reading »

Aug 072017
 

Erste Überlegungen zu Sorrentinos »The Young Pope«

Und plötzlich ist da dieser junge Papst, der als Waisenkind aufgewachsen ist, die Eltern aber nicht verloren hat, sondern von ihnen verstoßen wurde, der die Liebe folglich im Leeren sucht, während er zugleich Liebe zurückweist, der als Mensch mit steter Ironie und eher modern auftritt, in seiner Kirchenpolitik aber das genaue Gegenteil ist, der eine Fluppe nach der nächsten raucht, ganz so, als wolle er im aufsteigenden weißen Rauch immer wieder den siegreichen Moment des Konklaves festhalten. Warum ist das alles so gut, so gut gedreht, so gut erzählt, warum beschäftigt es einen so nachhaltig?

Der Teufel weiß es und kann es nicht begründen. Gott kann es begründen, weiß es aber nicht. Von den ganz weltlichen Dingen nämlich Continue reading »

Mai 082017
 

Vor fünf Jahren starb der Zeichner und Kinderbuchautor Maurice Sendak

Künste können nicht miteinander. Wo zwei sich treffen, muss eine regieren. Was aber fängt jemand an, der beides ist, Maler und Poet? Biographisch bleibt bei Maurice Sendak kein Zweifel: Er hat manchmal gedichtet und immer gemalt. Die Poesie begleitet ihn eine Weile, dann nicht mehr. In den letzten 30 Jahren seines Lebens schreibt er zwei Bücher, eins davon selbst. Continue reading »

Feb 222017
 

 

Villeneuves »Arrival«

Wer breitbeinig flaniert, lädt dazu ein, dass man ihm in die Kniekehlen tritt. »Arrival«, dieser Film über die Sprache, das Universum und den ganzen Rest, scheint viel zu wollen. Daher darf man auch mehr von ihm wollen. Indessen ist, wer nicht vorhat, ihn wie einen gewöhnlichen Film zu behandeln, gezwungen anzugeben, wie er Filme gewöhnlich behandelt. Continue reading »

Jan 102017
 

Vor 90 Jahren hatte Fritz Langs »Metropolis« Premiere.

Wer den Film gesehen hat, ist selbst schuld

 

Der Stummfilm ist eine Laune der Natur. Ein unvollständig zur Welt gekommenes Genre, das nach kurzer Blüte vom Tonfilm verdrängt wurde. Möglich, dass auch das an Langs »Metropolis« verdrießt, der ungeheuer aufgepumpt noch einmal alles herausholte, was an Tugenden und Macken in der untergehenden Kunstform steckte. Ein wenig Unsicherheit mag hier bleiben, da der Film nicht vollständig erhalten ist und die hinzugeführten Elemente der spät restaurierten Fassung von 2010 stark gelitten haben. Obgleich statt der Lang-Fassung also bloß eine Langfassung greifbar ist, scheint heute ein wenigstens ungefährer Eindruck dessen möglich, was am 10. Januar 1927 bei der Premiere über die Leinwände ging. Continue reading »

Sep 302016
 

Ich habe überhaupt nichts gegen Adaptionen. Jedenfalls nie, solange ich sie noch nicht gesehen habe. Bei »Ben Hur« z.B. ist schwer vorstellbar, dass die Vorlage (ich rede von Wylers Monster) überhaupt untertroffen werden kann. Dieser Film mit seinen 11 Oscaren nimmt sich mit verstörender Offenheit das Recht heraus, sein Publikum zu langweilen, und wär doch ein Meisterwerk, wenn man die meterschindenden Passagen, die Overtüren, Zwischenspiele, das sinnlose Herumstehen oder -laufen der Figuren aus ihm entfernte. Wenn man den wuchtigen jüdischen Racheplot nicht mit der christlichen Ödnis von Vergeben und Erdulden verpanscht hätte. 222 Minuten ließen sich problemlos auf 120 zusammenkürzen, und herauskäme ein Film, den man sich mehr als einmal ansehen kann. Auch das Remake, das jetzt ansteht, wird jene Macken nicht ganz loswerden können (sie liegen ja schon im Stoff selbst, Ben Hur ohne Jesus wäre nicht Ben Hur), aber es ist schwer vorstellbar, dass es ähnlich sadistisch gegen sein Publikum sein könnte. Continue reading »

Sep 092016
 

»Pride« spielt im Gestern und handelt von heute

(keine Rezension)

 

Man kann »Pride«, diese sehr britische Komödie, nicht sehen, ohne sich in manchen Momenten enerviert im Sessel hin und her zu wälzen. Man möchte auf Pause drücken, lässt es doch, füllt Whisky nach und schaut kopfschüttelnd weiter. Und einen Moment später schafft der Film spielend, einem die Tränen in die Augen zu treiben. Weils so schön ist, und so traurig. Und gelungen. Obwohl er kitschig ist und naiv, weil er kitschig ist und naiv. Ich rede also von einem wirkungsvollen Stück Kino. Da der Plot ohne Naivität nicht funktionieren könnte und der Film andernfalls Gefahr liefe, in gnadenlos verlaberten, analytisch aufgepumpten Szenen zu ertrinken, tut er gut daran, diese Naivität auch gleich hemmungslos einzusetzen. Continue reading »

Aug 272016
 

Über Doping und was die Leute daran stört

Nämlich gar nichts

Beginnen wir mit dem Eigenartigen. Niemand interessiert sich für Doping. Der Satz muss für wahr gelten, denn während tatsächlich sehr oft über Doping gesprochen wird, beweist die Art, wie es geschieht, dass Doping selbst überhaupt kein Thema ist und im Reden darüber ganz andere Probleme bearbeitet werden. Ich versuche, mich verständlich zu machen. Es sollte nicht länger dauern als ein 3000-Meter-Lauf. Continue reading »

Jul 012016
 

Menschen, weiß man, sind oft nicht schlau. Deswegen können Hersteller wie Bitburger überhaupt bestehen. Ich habe noch nie Bitburger getrunken, so schlecht ist dieses Bier. Seine Werbemenschen haben das erkannt und richten sich – darin Nutella ähnlich – gleich ganz auf den depravierten Teil der Bevölkerung aus. Die aktuelle Kampagne zeigt Spieler und Fans jubelnd mit verzerrtem Gesicht, wie man es sonst nur von BSE-Patienten oder Thomas Müller kennt. Darüber prankt der Schriftzug »Wenn aus 80 Millionen ein Team wird«. Ich gestehe, dass mich dieses Plakat geärgert hat. Ich fühle mich impertinent vereinnahmt. In der Welt, die es behauptet, stehen alle Deutschen wie natürlich hinter ihrer Mannschaft. Continue reading »

Jun 232016
 

Obgleich Mehmet Scholls Behauptung, er habe noch nie so viele Chancen in einer Halbzeit gesehen, eher lächerlich ist, darf man zugeben, dass die deutsche Elf gegen Nordirland ein herausragendes Spiel aufgezogen hat. Sie sorgte fürs Spiel, die nordirischen Fans für die Stimmung, was deutsche Fans und nordirische Spieler von der Pflicht mitzutun enthob. Saubere Arbeitsteilung soweit. Continue reading »

Jun 152016
 

Fußball ist, wenn 22 Menschen gegen einen Ball treten und Holland gewinnt. Wenn Holland nicht gewinnt, war es kein Fußball. Folglich. Und in der Tat ist diese EM so attraktiv wie ein Losentscheid. Dass sie so wenig rührt, liegt aber nicht bloß am Fehlen Oranjes, das einmal mehr in voller Schönheit an hauseigenen Rhythmusstörungen gescheitert ist. Am neuen Modus etwa, der das Teilnehmerfeld aufbläht und die Auslesefunktion der Vorrunde abschwächt, was die kleinen und destruktiv spielenden Mannschaften bevorteilt. Die bisherigen Spiele waren denn auch danach. Continue reading »

Feb 072016
 

Eine Gruppe zieht durch die Wildnis. Einer wird verletzt, und die Gruppe dadurch gefährdet. Soll er zurückgelassen werden, damit die Gruppe überlebe? Soll man ihn durchbringen und die Gruppe so gefährden? Das ist das Setting von Brechts »Jasager & Neinsager«. Das ist auch das Setting von »The Revenant«, jenem Filmstück, in dem der hier sinnlos verschwendete DiCaprio den halbtoten und mühsam ins Leben zurückkeuchenden Trapper Hugh Glass spielt. Wo Brecht sich dem gedanklichen Potential des Stoffs stellt, wenn auch etwas schematisch und abgezogen, erledigt »The Revenant« diesen eigentlich interessanten Teil der Geschichte – die Möglichkeit nämlich, das Kollektiv als allmählich in sich entzweites zu zeigen – innerhalb weniger Minuten. Was vorausging, war eine selten mehr als träge Einleitung. Was folgte, ein nicht enden wollendes Schnauf- und Kriechdrama. Continue reading »

Dez 272015
 

Ich habe gerade rückblickend die Filmstarts dieses Jahres überflogen. Ich finde es schwach wie lange keines. Eingeschlossen einen Bond, der schon dadurch enttäuscht, dass er hinter den gut etablierten Stil der jüngeren Filme zurückfällt und wieder an die dümmliche Blofeld-Ästhetik der frühen Jahre anknüpft. Und einen Star Wars, den man vermittels Nullideen auferstehen ließ, wie etwa des noch-noch-größeren Todessterns oder des Zurückholens bekannter Gesichter und Motive mit der Brechstange, während die Fabel dem Zuschauer durch die Hirnlappen flutscht, da sie keine Widerhaken und nichts Besonderes hergibt. Eingeschlossen auch »Bridge of Spies«, der einen hervorragenden Ansatz ab etwa der Hälfte der Handlung grandios verspielt, sobald der Anwalt nämlich als Unterhändler in Ostberlin eintrifft, wo alle so unfassbar flach und falsch wird (mit Winterwetter am 13. August und anderen Späßen), dass man die DDR-Episoden von MacGyver noch vorzöge. Selbst der Antikommunismus war schon mal unterhaltsamer. Continue reading »

Dez 012015
 

De Gruyter macht gerade eine atemberaubende Rabattaktion für alle, die dort mal irgend publiziert haben. Nun muss ich mich zusammenreißen, nicht zu viele Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Und euch, meinen teuren Mitmenschen, sei gesagt, dass der Odysseus auch ohne Rabatt ganz hervorragend zum Weihnachstsgeschenk taugt. Er hat nämlich eine abwaschbare Oberfläche, von der sich Kerzenwachs problemlos entfernen lässt, und seiner Umschlagästhetik tun ein paar Wachsspuren dann auch keinen Abbruch mehr.

9783359025375 Continue reading »