Apr 122019
 

»Niemandsland«

Dass der deutsche Verleihtitel den zeitlichen Ausdruck in eine räumliche Metapher überträgt, mag dem Notstand geschuldet sein, im Deutschen keine griffige Entsprechung für »Aftermath« zu haben. Jenes Nachwirken als höchst aktives Fortwirken der Vergangenheit im Gegenwärtigen meint in diesem Film zweierlei: die politische Situation nach dem 2. Weltkrieg und den Seelenzustand einer Frau, die ihr Kind verloren hat. Der in Hamburg stationierte Offizier Lewis Morgan erhält Besuch von seiner Frau Rachael. Die britische Armee beschlagnahmt die Villa des Architekten Stefan Lubert als Wohnraum für das Paar, doch Lewis schlägt vor, dass Lubert und seine Tochter Freda mit ihnen unter einem Dach wohnen bleiben. Ziemlich bald verlieben sich Rachael und Lubert, am Hass der strammen Freda und dem Desinteresse des stets beschäftigen Lewis vorbei.

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Mrz 282019
 

»Ein Gauner & Gentleman«

Vermutlich war der notorische Bankräuber Forrest Tucker einfach ein glücklicher Mann – wenn nämlich Glück bedeutet zu tun, was man kann, und zu können, was man tut. Auch Robert Redford kann, was er tut, tut aber künftig nicht mehr, was er kann. Jener Tucker soll, wie man hört, die letzte Rolle seiner Laufbahn werden. Dass der große Schauspieler aufhört mit einem Mann, der nicht aufhören konnte, ist die erste Pointe dieses provokativ gemütlichen Films. Der Originaltitel übrigens erinnert gleichfalls eine Figur, die in ihrer Berufung kein Ende finden wollte: Hemingways ewigen Fischer Santiago.

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Mrz 202019
 

»Der junge Hacks«

Die beharrliche Ungnade, mit der Peter Hacks das eigene Frühwerk beiseiteließ, ist ein Glücksfall dieser Edition. Gerade weil kaum einer der zwischen 1945 und 1955 entstandenen Texte in die 2003 besorgte Ausgabe letzter Hand gelangt ist, lässt sich das frühe Werk vom Rest derart sauber scheiden. 500 Gedichte, 37 dramatische Texte, 18 Hörspiele, 24 Stücke für den Kinderfunk, dutzende Studien, Essays, Feuilletons und Rezensionen, mehrere hundert Briefe und biographische Dokumente erscheinen jetzt als nie oder nie wieder gedruckte.

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Mrz 182019
 

Und gelegentlich wird jemand erschossen: »Wintermärchen«

Der Titel drängt sich auf. Man denkt an Deutschland, Heine, das dumme Sommermärchen von 2006 und müsste noch am ehesten jenes kaum bekannte, späte Drama Shakespeares erinnern, worin gleichfalls das Politische hinterm Persönlichen verschwindet. Denn das passiert in diesem Film, und allein seine Atmosphäre – die hektische Kameraführung, die karge Beleuchtung, worin der Eindruck eines nie enden wollenden Novembers entsteht – wird dem Titelmotiv gerecht. Der Rest hängt so im Raum.

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Mrz 152019
 

»Destroyer«

Der Star ist nicht die Mannschaft. Nicht das Drehbuch. Nicht die Regie. Der Star ist der Star. Es ist Nicole Kidman. Ausgerechnet sie, die ewig junggebliebene, makellose, die oft ihr Können bewiesen hat, behauptet sich hier ganz gegen ihr Profil. Weiblichkeit soll unterm Spiel vergraben werden, Ekel ist kalkuliert, wie zuletzt bei Melissa McCarthy in »Can You Ever Forgive Me«. Es mag Härteres gegeben haben. Nie, meine ich, wurde eine bis auf den Grund zerstörte, von Schuldgefühl zersetzte Persönlichkeit so intensiv und einnehmend gespielt wie in »Destroyer«.

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Mrz 082019
 

»The Sisters Brothers«

Gewiss, das ist ein weiteres Exemplar aus der langen Reihe ›Der ganz ganz andere Western‹. Was noch nichts heißt. Wer heute Western macht, muss abliefern, und Jacques Audiard liefert ab. Seine Adaption von Patrick deWitts groteskem Roman »The Sisters Brothers« geht nach jeder Seite hin auf: erzählerisch, psychologisch, philosophisch und als Kunstwerk.

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Mrz 072019
 

»White Boy Rick«

Dass ein Film ratlos macht, ist eines; was ganz anderes, wenn nicht einmal das noch stört. »White Boy Rick«, dem biographischen Picture des seinerzeit minderjährigen Drogenhändlers Rick Wershe, gelingt das Kunststück, eine außergewöhnliche Story belanglos bis zur Gleichgültigkeit zu machen. Im gemächlich verrottenden Detroit der 80er wird Richard, genannt Rick, zum Informanten des FBI. Die Operation gerät außer Kontrolle, als er tiefer in die Geschäfte einsteigt. Der neue Reichtum heilt zunächst einige Familienprobleme, doch schließlich wird Rick verhaftet und trotz Minderjährigkeit verurteilt.

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Feb 232019
 

Wie jedes Jahr, mehr um die Langeweile zu verscheuchen als deswegen, weils tatsächlich relevant wäre, hier was zum heraufziehenden Inferno. Ein Filmpreis, der sich Oscar nennt, hat ohnehin verloren. Gewisse Aufregungen verstehe ich einfach nicht.

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Feb 202019
 

»Vice – Der zweite Mann«

Es beginnt 1950 in Wyoming, wo die Welt nicht heil, aber noch in Ordnung war. Der Landarbeiter Dick Cheney gerät betrunken in eine Polizeikontrolle. Es ist der Moment, in dem sich sein Leben ändert. Seine Frau Lynne stellt ihn vor die Wahl: Entweder mache er was aus sich, oder sie werde ihn verlassen. So lernt er bei Donald Rumsfeld das Handwerk einer Politik ohne Inhalt. Ein halbes Dutzend Wahlperioden später erkennt er in George W. Bush einen gut zu führenden Frontmann, hinter dem er als Schattenpräsident das Land regieren kann. Dick trifft auf Doof, das ist die Lesart.

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Feb 152019
 

»Alita: Battle Angel«

Robert Rodriguez verwirklicht in »Alita: Battle Angel«, nach Kishiro Yukitos Manga-Serie »Ganmu«, ein altes Vorhaben James Camerons. Der, leider, zieht vor, drei weitere »Avatar«-Filme zu produzieren, hat aber wenigstens das Drehbuch geschrieben. Rodriguezʼ Absicht, keinen Rodriguez-, sondern einen Cameron-Film zu drehen, bringt Licht in ein hartnäckiges Dunkel. Nicht Mangel an Talent hat, wie wir lange dachten, Rodriguez zu jenem legendär schlechten Regisseur gemacht, sondern ein Mangel an Geschmack. Unterstellt er sein Handwerk, wie nun, dem Willen eines ästhetisch erprobten Verstands, vermag er durchaus Schönheit und Klasse in die Welt zu werfen.

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Feb 072019
 

»Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt«

Die unbestreitbare Schönheit dieses Films konzediert, scheint nicht verkehrt, anstelle einer Rezension die gesamte Reihe in Blick zu nehmen. Dean DeBlois selbst gibt an, dass er mit den drei Filmen eine übergreifende Story erzählen will. Gelungen ist ihm viel mehr als das. »Drachenzähmen« zeichnet, vielleicht unwillentlich, ein Sittenbild dieser Epoche. Im Kunstwerk decken sich Absicht und Ergebnis nie ganz. Erzähler packen die Welt oft intuitiv und könnten es nicht begrifflich machen. Zum anderen folgen sie der Logik des Erzählens, wodurch sie unvermeidlich Bedeutung herstellen. »In der Kunst«, schreibt Peter Hacks, »verändern Sachverhalte ihr Wesen; sie hören auf zu sein und fangen an zu bedeuten.« Wie Literatur übersetzt Film Strukturen der Wirklichkeit in Ideenstrukturen. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie gut er das tut.

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Jan 282019
 

»The Favourite – Intrigen und Irrsinn«

Wenn Yorgos Lanthimos bislang für ein Kino stand, in dem Stil vor Substanz kommt, scheint sich das in »The Favourite« umzukehren. Das soll nicht sagen, dass die künstlerischen Mittel hier weniger effektvoll wären als etwa in »The Lobster« (2015) oder »The Killing of a Sacred Deer« (2017). Die Musik schwankt zwischen Harmonie und schriller Beklemmtheit, die Kamera reproduziert diese Stimmung durch nicht vorhersehbare, impulsive Fahrten sowie einen häufigen Wechsel von Weitwinkel und Fisheye auch bei Innenszenen. Die Beleuchtung nutzt, inspiriert von Kubricks Arbeit an »Barry Lyndon« (1975), ausschließlich natürliche Lichtquellen, was der Orientierung im Raum oft nicht zuträglich ist.

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Jan 242019
 

Tschechow auf DVD: »The Seagull«

Den Spoiler gleich vorwegzunehmen: Auch dieser Adaption gelingt nicht, Tschechows ursprüngliche Intention umzusetzen. »Die Möwe« war gedacht als bittere Komödie über das sich an sich selbst langweilende Bürgertum. Doch Tschechows Absicht, seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben, hat es nie bis ins Stück geschafft. Die Charaktere mögen miese Typen sein, es sind doch Charaktere. Keine halbwegs redliche Inszenierung könnte das verdecken, und da es dem Stück andererseits an oberflächlichem Witz fehlt, fällt jede Auslegung, von Stanislawski bis in die Gegenwart, fast zwingend aufs Betrübliche zurück.

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Jan 192019
 

»Fahrenheit 11/9«

Im Juli 2016, als praktisch alle Umfragen eine Niederlage des Kandidaten Trump anzeigten, sagte Michael Moore dessen Sieg voraus. Rufer in der Wüste gibt es wie Sand daselbst. Doch hier war kein Kokettieren mit einer Außenseitermeinung im Spiel, kein Berauschen am Szenario eines Hampelmanns im Weißen Haus, der dem Kapitalismus endlich das passende Gesicht gebe, kein Clinton-ist-eigentlich-schlimmer-Unsinn, keine Verwechslung des übergreifenden Interesses am Weltfrieden mit der partikularen Position der imperialistischen Macht Russland gegen die imperialistische Hegemonialmacht USA. Moores Text nannte fünf substantielle Gründe. In »Fahrenheit 11/9« liegt jetzt der Versuch vor, diese Gründe retrospektiv auszubreiten. Aus »5 reasons why Trump will win« wurde »How the fuck did this happen?«

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Jan 112019
 

»Ben Is Back«

Sonderbar, dass Drogenfilme so wenig abhängig machen. Sie sind zumeist langweilig, und das auch noch aus Gründen, denn es gibt durchaus Spannenderes als Hängern dabei zuzusehen, wie sie in Löcher fallen. Ein Charakter, der bei Dingen scheitert, die andere einfach Alltag nennen, sonst aber wenig Bemerkenswertes an sich hat, bedarf entweder einer dynamischen Handlung, wie z.B. in »Trainspotting« (1996), die dann allerdings den gebotenen Ernst sabotiert. Oder einer Aufwertung durch herausragende Fähigkeiten, wie etwa bei Sherlock Holmes, dem Urbild des verrückten Genies – als der Form, worin der Common Sense das Außergewöhnliche noch eben erträgt. »Ben is Back« bezieht seine Kraft weder von der Handlung noch von seinem Titelhelden, sondern daraus, dass der Suchtfall als Anlass dient, die gesamte Familie einem Tox-Screen zu unterziehen.

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