Der Berg – dein Freund

Unlängst ging vor, daß meine Aufmerksamkeit durch zwei südstämmige Freunde auf den Wildbach-Toni gelenkt wurde, als welcher nun seinerseits durch einen Satz auffiel, dessen Genialität unzweifelhaft ist:

Wenn man sich an die Regeln hält, ist der Berg euer Freund.

Jeder Bergsteiger weiß: Wer den Berg bezwingen will, muß sich an seine Regeln halten. Wären unsere Politiker, Dichter und Denker ebenso einsichtig wie unsere Bergsteiger, dann … Ja, was dann? Wenn alle wären wie der Berg, bräuchten wir keine Berge mehr.

Überhaupt, der Berg – was für eine Metapher: einzeln, groß, ewig. All das, was zu verehren Grund besteht. Und so passierte es denn, daß sich zwischen ein paar Leuten der Ehrgeiz entwickelte, Berg-Aphorismen zu schmieden. Das Ergebnis der ersten (und mit Sicherheit auch letzten) Runde gebe ich hier gern wieder:

Der Berg und seine Regeln:

Die erste und einfachste Regel des Bergs lautet: Sei sein Freund!

Der Berg macht die Regeln.

Wenn ihr die Regeln macht, seid ihr Berg.

Doch Achtung: Nur Berge können Regeln machen.

Volkstümlich:

Wenn sich zwei streiten, dann freut sich der Berg.

Berg und Berg gesellt sich gern.

Was du nicht willst, daß man dir tu, das läßt dein Freund der Berg nicht zu. (weiterlesen…)

Über das Bergsteigen

Einen Berg zu besteigen ist wie Dichten. Da ist ein Gebirge. Da sind einige Berge. Jeder Berg ist Teil des Gebirges, aber er steht – gleich den poetischen Gattungen – immer auch für sich. Es gibt stets mehrere Wege nach oben. Es gibt aber an jedem Berg nur einen Weg bis ganz nach oben.

Die Bergsteiger nähern sich dem Berg gewöhnlich von verschiedenen Seiten, meist von derjenigen, auf der sie wohnen, und so nehmen sie also verschiedene Wege nach oben. Von denen, die auf den Wegen treten, die nicht bis ganz nach oben führen, schreiten einige in dem Wissen nach oben, daß sie die Spitze nie erreichen werden, andere hingegen leugnen das und erachten das Ziel ihres Weges für die eigentliche Spitze. Wieder andere leugnen, daß es überhaupt eine Spitze gibt und kraxeln munter um den Berg herum und probieren sich an all den Pfaden aus, die horizontal verlaufen. Und wieder andere bekommen es, sobald sie auf einen Weg treffen, der nach oben führt, mit der Angst zu tun, der Weg könne nicht bis ganz nach oben führen und meiden folglich den wie alle anderen, die nach oben führen.

Es muß jetzt aber noch erwähnt werden, daß jeder Weg auf dem Berg ausgeschildert ist. Schließlich wird der Berg in aller Regel seit Jahrtausenden schon bestiegen. (weiterlesen…)

Mythologie: Gottes Werk und Gottes Beitrag

… und am siebten Tag sprach Gott der Herr zu Adam: Ich habe dich gemacht, und edel bist du, hilfreich und gut. Und tust nur, was dir richtig erscheint, und richtig erscheint dir, was du, ohne alle Rücksicht auf dich selbst, für richtig hälst. Und ich habe dir ein Weib gemacht, das genau ist wie du. Wahrlich, groß seid ihre beide und gleicht mir in vielem. Damit aber die Menschen dieses mein großartiges Werk in seiner ganzen Wahrheit und Größe erkennen mögen, werde ich hingehen und einen anderen Menschen machen, einen, der sich von dir und deinem Weib unterscheidet, einen, dem immer nur das richtig erscheint, was ihm selbst am liebsten ist, und der unfähig ist, etwas als wahr zu erkennen, das nicht dem entspricht, was ihm selbst frommt. Er soll aber auch unfähig sein, sein Eigenes als Eigenes zu erkennen. Er soll ganz abhängig sein von seinesgleichen und dem, was ihm (weiterlesen…)

Also sprach Bartels

In einem Anfall von Bekennersucht …

Ach, ich hatte einfach mal Lust, den FAZ-Fragebogen zu beantworten. Im Fall die FAZ einmal auf die Idee kommt, mich zu befragen, ich aber gerade keine Zeit habe, mag sie sich die Antworten gern hier herauskopieren. (Soweit mein Beitrag zur Open access-Bewegung; alles weitere kostet …)

Was ist für Sie das grösste Unglück: Daß mein Tag nicht 48 Stunden hat.

Wo möchten Sie leben: “möchten” ist gut

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück: Zu tun, was man kann, und zu können, was man tut.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten: Was für eine Frage! die entschuldbaren natürlich.

Ihre liebsten Romanhelden: (weiterlesen…)

Vorbote des Untergangs

Ich rätsele ja immer noch über das Abhängigkeitsverhältnis: Folgt der Untergang des Abendlandes dem Untergang des Sozialismus, oder dieser jenem? Ich habe bislang eigentlich eher die erste Variante favorisiert, bin aber nun eines Reliktes ansichtig geworden, das mich zweifeln läßt.

Recto:

DDR-Orden

Verso: (weiterlesen…)

Was weh tut, ist noch da

Mohammed war ein Prophet,
Der vom Fußballspielen nichts versteht.
Doch aus all der schönen Farbenpracht
Hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht.

Wie der Kundige umgehend an der dilettantischen Handhabung des Metrums, der hemdsärmeligen Gedankenführung und der ungechlachten Wortwahl erkannt haben dürfte, handelt es sich hierbei um eine Stelle aus der Vereinshymmne des Fußballclubs Schalke 04. Unkundigen sei erklärt, daß Schalke 04 so etwas wie den Bodensatz der deutschen Fußballkultur darstellt. Der durchschnittliche Schalkefan spricht kein Hochdeutsch, verfügt (sofern dies Verbum in diesem Zusammenhang anbebracht ist) über einen etwa kniehohen Bildungsstand und trägt jeden Samstag eine Aldi-Tüte (blau-weiß) voller Bierdosen in ein Ding, das er Schalke-Arena nennt, woselbst er sich den Inhalt der Dosen im Laufe von 90 Minuten samt und sonders hinter seinen Schnurrbart kippt. Ist er mit Saufen und Grölen fertig, ordnet er sich gekonnt das fettige Haar und kehrt nach Hause zurück, wo eine Dame auf ihn wartet, die meist auf den Namen Monika hört. Er ist mit einem Wort das ganze Gegenteil von mir und blickt in Folge dieser Eigenschaften verächtlich auf die Fans anderer Vereine herab, die, wie er glaubt, allesamt Etepetete und keine “echten” Fußballfans sind. Man muß allerdings einmal die Fans anderer Vereine gesehen haben, um ganz erahnen zu können, was ein Schalkefan so für Etepetete hält.

Fußball, will ich damit sagen, könnte eine schöne Sache sein, gäbe es keine Fußballfans. Aber es gibt auch schlimmeres als Fußballfans; religiöse Eiferer z.B. Also haben sich kürzlich ein paar Muslime (weiterlesen…)

Substitution

Ich bin nun wirklich nicht für eine Sorte von Atheismus bekannt, der einfach nur ein anderes Wort für Geistlosigkeit ist. Die Erkenntnis, daß Gott nicht existiert, ist ganz billig zu haben, aber wie alle billigen Waren muß man auch diese zuvor von den Filzläusen befreien. Meine Erfahrung ist, daß Theologen in der Regel klüger sind als Atheisten, und meine Vermutung ist, daß das nicht darin liegt, daß es klüger ist, kein Atheist zu sein, sondern darin, daß es klug ist, den Atheismus allein keineswegs schon für eine Leistung zu halten. Erst wenn man in der Lage ist, den weltanschaulichen Gehalt, den die Religionen über die Jahrtausende angehäuft, transportiert und bewahrt haben, sich als Nicht-Gläubiger anzueignen, wenn man also zu einem Atheismus gefunden hat, der nicht bloß darin zufrieden ist, das Religiöse zu negieren, wird man die Religion wirklich überwunden haben. Der platte Atheismus dagegen ist nichts anderes als selbst eine Religion, abzüglich des geistigen Gehalts, wie sich versteht, und somit also dümmer noch als jede Religion, den Buddhismus freilich, in dem nun wirklich gar nichts enthalten ist, ausgenommen.

Und wie sich also aus dem heraus gleichfalls versteht, bin ich in der Tendenz eher zur Verteidigung eines Evangelisten aufgelegt als zu seinem Tadel. Und doch gibt es Passagen, bei denen selbst mir der Glaube abhanden kommt; hierzu z.B. zählt das berühmte Wort des Johannes, 1, 1-2:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort, und dasselbe war im Anfang bei Gott.

Ich bin ratlos. Soll man da wirklich mit dem Verstand rangehen? (weiterlesen…)

Ruf zur Ordnung

Ich habe es gestern wirklich etwas übertrieben: In aller Hast schrieb ich meinen Eintrag; zur Zeit ja schaffe ich es noch, täglich einen zu schreiben. Die Frequenz wird über kurz oder lang sicher sinken, schon weil die Zeit, die mir meine Arbeit läßt, obgleich mein Eifer unvermindert ist, eigenartigerweise immer geringer wird.

Natürlich ist dieses Journal im Verhältnis zu meiner wirklichen Arbeit sekundär. Doch zur Korrektur des hier Geschriebenen sollte dann wohl doch genug Zeit sein. So flatterte mir gestern ein Poem meines lieben und überaus talentierten Freundes Konrad Astfalck ins Haus: (weiterlesen…)

Ich und Kant

Ja, ich und Kant, nicht: Kant und ich.

Das war nie eine besondere Liebesgeschichte. Natürlich ist man als normaler Mensch geradezu verpflichtet, sich für Kant zu interessieren, und so gab und gibt es auch bei mir ein stets lebhaftes Interesse an ihm. Allerdings starb das immer in dem Maße, in dem ich dann diesem Interesse Folge leistete und ihn las. Und es wuchs genau in dem Maße, in dem ich es dann wieder nicht tat. Es ist, als wäre da eine Stahlfeder zwischen uns, Kant und mir, pardon: mir und Kant: Repulsion und Attraktion sinken jeweils in genau dem Maße, in dem man diesen Strebungen nachgegeben hat. Die Lektüre erzeugt Abstinenz und umgekehrt. Allein deswegen also schon, weil ich unfruchtbare Bewegung und Entwicklung zu unterscheiden weiß, bin ich mit Kant nicht gut Freund. (weiterlesen…)

Leicht zu verstehen, leicht zu lösen, schwer zu machen

Das Große kommt meist in Verpackung des Kleinen ins Haus. Es gibt, will ich sagen, Anlaß und Ursache. Der Anlaß mag läppisch scheinen, wenn die Ursache es nicht ist, ist auch er es nicht. So denn wohl auch in jenem Problem, das mir nicht erst seit heute morgen auf die Nervenbahnen drückt. Ich nenne es einmal das Brötchen-Problem, und es läßt sich in einem Satz zusammenfassen: Es ist nicht mehr möglich, in Berlin ohne erhebliche Mühe genießbare Brötchen zu bekommen.

Wer wissen will, wie ein Problem zu beheben ist, muß wissen wollen, worin seine Ursache liegt. (weiterlesen…)

Es dämmert …

Als aber die frühgeborene erschien, die rosenfingrige Eos …

Aller Anfang ist schwer, heißt es, und müßte doch heißen: Aller Anfang ist falsch. Der Anfang ist eine widersinnige Sache, in der gesetzt wird, was doch erst späterhin erlangt werden kann. Vielleicht war es dieser Gedanke, der Parmenides zu jenem Ausspruch brachte, wonach dorthin, von wo aus er anfange, er jedenfalls auch wieder zurückkehren werde. Fasse ich spätere Philosophen ins Auge, die ebenfalls die Frage nach dem Anfang gestellt haben – Aristoteles etwa, Kant und Hegel - so sehe ich, daß auch sie es darin nicht viel weiter gebracht haben als Parmenides. Mag sein, sie haben die Frage bereichert; die Antwort nicht. (weiterlesen…)