Jun 112017
 

Ich begrüße es, dass mehr und mehr mutige Menschen hervortreten und über ihr Leid berichten. Es soll ja keiner auf die Idee kommen, dass in Deutschland nur der Kampf gegen den Antisemitismus bekämpft wird. Auch Öko-Kritiker wie Miersch sind ganz vorn bei den Opfern. Und man muss ihn für seinen Mut, sein Taktgefühl und seine Bescheidenheit bewundern, sich selbst in diesen Kontext zu bringen. Continue reading »

Jan 052017
 

Dass wir sowas wie einen Agrarminister haben, merkt man immer erst dann, wenn mal wieder einer einen Bock geschossen hat. Unvergessen an dieser Front bleibt Karl-Heinz Funkes spanischer Trochäus: »Oldenburger Butter / Hilft dem Vater auf die Mutter«, bei dem verkorkste Metrik und bierseliger Sexismus eine formidable Einheit machen. Nun hat einer namens Christian Schmidt (nicht zu verwechseln mit dem bekannten Autor Christian Y. Schmidt) die Welt von seiner Existenz in Kenntnis gesetzt, indem er ankündigte, im Fall veganer Wurstprodukte gegen die Bezeichnung ›Wurst‹ vorgehen zu wollen, denn die sei … ja was? Irreführend. Ich finde zwar, auch nicht mehr als die Bezeichnung ›Minister‹, aber was weiß ich schon. Continue reading »

Dez 182016
 

Ein Klassiker mittlerweile ist auch die Klage darüber, wie sehr die Titanic sich doch verändert habe. Mitunter wird dieser Stoßseufzer der beengten Seele begleitet von der etwas scheinheiligen Frage, ob Satire vielleicht doch nicht alles dürfe, oder von derselben Intention, nur noch verdruckster, nämlich der Aussage, dass Satire ganz gewiss alles dürfe, sich jedoch disqualifiziere, wo sie gewisse Geschmacksgrenzen sprengt oder dumm ist oder ungerecht oder einfach zufällig irgendwas lächerlich macht, was der vorgeblich kategorische Kritiker persönlich gern hat.  Continue reading »

Dez 072016
 

Der linke Flügel des rechten Rands der nicht-linken Liberalen in Deutschland hat jetzt ein Autorenblog ins Leben gerufen, das uns als »Salonkolumnisten« fortan sicher noch ganz mächtig beschäftigen wird. Der Kalauer im Titel ist so schlecht, dass er von mir sein könnte. Immerhin. Ihr Manifest scheint dagegen ernstgemeint zu sein. Ist aber genau so lustig. Continue reading »

Sep 232016
 

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Gewiss, dieser Schnappschuss, der zur Zeit die Runde macht, als handle es sich um den sterbenden Soldaten von Guernica, ist ungerecht. Er sagt eigentlich gar nichts, außer man möchte, dass er was sagt. Wir sehen, dass zwei politische Gegner, zwei Konkurrenten, am Rande einer Talkshow sitzen und lachen. Wir wissen nicht, was sie davor taten, und nicht, was danach. Dieses Bild zweier Rechtspopulistinnen herumzureichen ist selbst populistisch. Denn ebenso wie gilt, dass Bilder mehr Macht und Wirkung als Worte haben, ebenso ist wahr, dass im Kampf um Wahrheit und Wirklichkeit immer die Worte über die Bilder siegen. Wenn man sie denn lässt. Wer Bilder anstelle von Worten bemüht, setzt sich dem Verdacht aus, seinen Gedanken und seiner Sprache nicht hinreichend zu vertrauen. Das Bild schlägt sich im Zweifel immer auf die falsche Seite, weil es, anders als die Sprache, nie nicht-einseitig sein kann und an allem scheitert, was komplexer, vermittelter und widersprüchlicher ist als eine noch so exemplarische Aufnahme eines Moments, in dem – sonst wäre es keiner – die Zeit stillestehen muss. Nur was – was nur fehlt hier beim Gipfeltreffen dieser beiden Politikerinnen?, die wie kaum jemand anders zur Zeit die Wut der Straßen und Kneipen artikulieren und mehr (Wagenknecht) oder weniger (Petry) begabt und mit mehr (Petry) oder weniger (Wagenknecht) Authentizität dem einfachen Pinsel vom Gehsteig das Wort aus dem Mund nehmen, das er selbst nie darin hatte. Was fehlt? – die Worte natürlich:

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Aug 242016
 

Ein Gespenst geht um in Europa. Es trägt eine Burka. Alle Mächte des alten Europa, geistige und materielle, haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet. Und das ist auch gut so.

(1) Offenbar gibt es keine zwei Meinungen bezüglich der Burka selbst. Der Streit geht lediglich um die Frage, wie das, was man nur ablehnen kann, gesellschaftlich zu behandeln ist. Soll man die Burka einfach hinnehmen oder ihr Zeit geben, durch gesellschaftliche Emanzipation zu verschwinden, oder auf Geduld und Aufklärung setzen oder meint man, vor allem mittels gesetzlicher Restriktion das Problem eindämmen zu können. Zwischen diesen Ansätzen etwa bewegen sich die vorgetragenen Ansichten. Kaum jemand kritisiert das angeregte Verbot, weil er die Burka selbst als Wert sähe. Continue reading »

Jan 282016
 

Der Kinskiwert, zentrale Messgröße für alle Medienmenschen, erlaubt eine Beurteilung des medialen Effekts einer Person, der in reziproker Relation zum gesellschaftlichen Effekt steht. Der Kinskiwert misst aggressives & exaltiertes Auftreten, das eine nicht vorhandene Substanz so offensichtlich kaschiert, dass selbst beholfene Mitmenschen gelegentlich auf die Idee kommen, es müsse doch mehr dahinter stecken. Continue reading »

Sep 012013
 

Und Hege wer? Wenn ich was schönes lesen will, lese ich Gerhard Henschel, der das Machwerk dieser sprachlich und gedanklich überforderten Betriebsnudel in Titanic 03/2010 auf trefflichste verrissen hat. Alles im Universum hat einen höheren Zweck. Henschel zu einem schönen Text veranlaßt zu haben ist der eine Punkt im Leben der Helene Hegemann, der diese traurige Existenz dann vielleicht doch nicht so ausschließlich überflüssig macht.

Überhaupt, wer will so ungenügsam sein und sagen, Erledigungen solle man von Karl Kraus besorgen lassen oder gar nicht? Wenn Kraus nicht zur Hand ist, tut es auch Lessing, der 1751 Klopstocks »Ode an Gott« lakonisch-trocken verrissen hat (»… und anstatt, daß ein anderer Dichter, welcher in ähnlichen Umständen war, seine poetische Klage mit einem ›Soll ich meine Doris missen? etc.‹ anfing, so erschüttert ihn [Klopstock] ein stiller Schauer der Allgegenwart Gottes …«). Oder Wiglaf Droste, der Continue reading »

Jan 202013
 

»Die zurückliegenden Wochen haben bewiesen: Jakob Augstein führt ganz Deutschland am Gängelband und gefährdet den ohnehin brüchigen Landesfrieden. Wenn er anruft, beugt das Feuilleton seinen Willen. Die Angriffe durch Broder (Welt)Trampert (konkret)Gärtner (Titanic) und das Simon-Wiesenthal-Centre sind wahrscheinlich von Augstein selbst inszeniert worden, denn er hat ganz offenkundig den größten Nutzen von dieser Kampagne. Und was man mit dem Geld, das Augstein als Verleger zusammenrafft, so alles Continue reading »

Aug 262012
 

Es gibt gute Gründe, vor allem Schalke 04 den Abstieg zu wünschen. Die wenigsten davon haben mit Fußball zu tun. Schlechtes Ballspiel pflegen andere Vereine auch. Worin Schalke führt, das ist jene Pest, die man Fankultur nennt. Heute weiß man doch, wie Fußball allein genießbar ist: mit ausgesuchten Teilnehmern vor einem Großbildschirm bei teurem Rotwein und Vivaldi. Wenn das Geld für den Rotwein nicht reicht, tut es auch eine VIP-Loge im Stadion. Es sind die Stehplätze, die den Fußball zerstören, und ganz Schalke ist nichts als ein riesenhaft ausgewachsener Stehplatz. Die Seelenlage des Schalkers ist mit schlicht noch zu kompliziert umschrieben. Aber es ist nicht einmal Continue reading »

Jun 152012
 

Dulden muß der Mensch, sagt Shakespeare, aber er hätte ruhig hinzufügen können, daß für gewöhnlich gerade diejenigen, die am meisten der Duldung bedürfen, selbst am wenigsten duldsam sind. Gelassenheit ermöglicht sich leichter von oben, und ganz folgerichtig existiert zwar das Wort Giftzwerg, nicht aber das Wort Giftriese. Der Feuilletonist & Discjockey Reinhard Jellen z.B. ist auch so einer, um dessentwillen die moderne Logik nicht hätte erfunden werden müssen, da bei ihm der Existenzquantor und das Prädikat Giften schlechthin in eins fallen. Nur, wenn er giftet, lebt er, und solange er lebt, wird er giften. Das Resultat fühlt sich denn auch danach an. Die eitle Esoterik, mit der Jellen als Rezensent bzw. Verfasser seiner Wochenendkolumne in der jungen Welt auftritt, seine penetrant belehrende Unduldsamkeit gegen alles, was er nicht gleich versteht, sein intellektualistisches Gegockel, das den Continue reading »

Okt 152009
 

… und am siebten Tag sprach Gott der Herr zu Adam: Ich habe dich gemacht, und edel bist du, hilfreich und gut. Und tust nur, was dir richtig erscheint, und richtig erscheint dir, was du, ohne alle Rücksicht auf dich selbst, für richtig hälst. Und ich habe dir ein Weib gemacht, das genau ist wie du. Wahrlich, groß seid ihre beide und gleicht mir in vielem. Damit aber die Menschen dieses mein großartiges Werk in seiner ganzen Wahrheit und Größe erkennen mögen, werde ich hingehen und einen anderen Menschen machen, einen, der sich von dir und deinem Weib unterscheidet, einen, dem immer nur das richtig erscheint, was ihm selbst am liebsten ist, und der unfähig ist, etwas als wahr zu erkennen, das nicht dem entspricht, was ihm selbst frommt. Er soll aber auch unfähig sein, sein Eigenes als Eigenes zu erkennen. Er soll ganz abhängig sein von seinesgleichen und dem, was ihm Continue reading »