Die Eule der Minerva

Meinethalben dürfte sie gern auch tagsüber fliegen. Aber irgendwann muß sie ja schlafen, die Eule von Attika, und wenn sie schon schlafen muß, dann eben nicht in der Nacht, die ihr eigentliches Element ist. Die Aufgabe der Philosophie ist das Erkennen. Und politische Rücksichten stören beim Erkennen. Natürlich haben auch Erkenntnisse einen politischen Nutzen, aber dazu müssen sie erst einmal Erkenntnisse sein.

Ist es möglich, den Sinn der von Georg Wilhelm Friedrich Hegel am 25. Juni 1820 in die Welt geschleuderten Vorrede zu seinen “Grundlinien der Philosophie des Rechts” noch kürzer zusammzufassen? Kürzer nicht, aber besser: (weiterlesen…)

Von Gäulen und Einhörnern

Die Freiheit der Viehzüchter besteht darin, selbst zu entscheiden, wann es an der Zeit ist, den Gaul, der lahmt, abzuknallen. Wer ein Pferd besitzt, es aufgezogen und genutzt hat, wird sich vom Veterinär beraten lassen, aber es liegt in seinem Ermessen, was er schließlich mit ihm tut. Die Peter Hacks Seite (im folgenden: PHS) hat seit 2005 über gesellschaftliche Aktivitäten zu Peter Hacks berichtet, und nun ist sie tot. Ihre Macher stehen mit einer rauchenden Schrotflinte und einem verlegenen Lächeln neben ihr. Das Vieh war lahm, der Schuß eine Gnade.

Das Schlüsselwort, um die PHS zu erklären, lautet zweimal: Zeit. Einmal im Sinne von: Zeitumstände, zum anderen dann im Sinne von: Arbeitszeit.

Die PHS war ein Kind der Zeit. Sie nahm 2005 den Betrieb auf, und ihr Anspruch, alle gesellschaftlichen Aktivitäten zu Peter Hacks an einem Ort zu spiegeln und die Aufmerksamkeit so zentral zusammenzuführen, ist dieser Zeit entnommen. Damals war das noch nötig. Hacks, der – bei weitem der erfolgreichste Dramatiker der sechziger und siebziger Jahre – sich in den Achtzigern noch einen gewissen Stand in der Gesellschaft hatte erhalten können, war in den Neunzigern vollends ins Abseits geraten. Das erste Dezennium des 21. Jahrhunderts schien dem letzten des 20. folgen zu wollen. Jede Zeit hat ihre Lieblingsfiguren, sagte Hacks einmal mit Blick auf Hartmut Lange. Der nämliche Satz könnte ebenso gut über seinem eigenen Leben stehen, und wen der späte Hacks nicht dadurch verlor, daß er auch in Zeiten der Zerstörung der Vernunft an den ästhetischen Maßstäben der Klassik und an der Erkennbarkeit der Welt festhielt, den vergraulte er durch seine politischen Statements, die für ihn auch den Zweck erfüllt zu haben scheinen, sich die Leute vom Leib zu halten. 2003 starb der Dichter und ließ die Welt in einem grauenhaften Zustand zurück. Als André Thiele 2005 die PHS begründete – ich selbst stieß im Frühjahr 2006 hinzu –, hatte sich daran kaum etwas geändert.

Jede Zeit hat ihre Lieblingsprojekte. André Thiele machte sich daran, einer desinteressierten und desorientierten Gegenwart den Hacks wieder einzutrimmen, und was er erreichen konnte, hat er erreicht. Ich will nicht von einer Renaissance sprechen, weil es hierzu wohl etwas mehr als nur der zehn Inszenierungen pro Spielzeit bedarf, die das Theater der Bundesrepublik aktuell hinbekommt, doch sowohl im kulturellen Leben (Feuilleton, Veranstaltungen) als auch im akademischen Bereich findet Hacks wieder statt. Über 600 Meldungen der PHS pro Jahr sprechen für sich, und die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen ist 2008 und 2009 höher gewesen als je sonst. Diesen Prozeß hat die Seite fünf Jahre lang gespiegelt, und indem sie ihn gespiegelt hat, hat sie ihn befördert. Sie muß das jetzt nicht mehr tun. (weiterlesen…)

Der neue Diercke

erscheint im Juni 2010. Für den Fall, daß Sie sich fragen, woran ich zur Zeit arbeite:

Landkarte_Cover

Mit den neuesten Methoden der wissenschaftlichen Kartographie erstellt, enthält die Landkarte zugleich zeitlose und allgemeingültige Maßstäbe, die eine Gesamtschau auf die Landschaft ermöglichen, wie sie bislang nur von wenigen Atlanten geleistet wurde. Dabei erfaßt dieses Kartenwerk eine Vielzahl von Wegen und Ortschaften, die bislang in noch keiner Karte verzeichnet gewesen sind, so daß wir meinen, ihm voraussagen zu dürfen, daß es einen neuen Standard setzen wird. Es sollte in keiner Reisebibliothek fehlen.

Sichern Sie sich frühzeitig Ihr Exemplar, und Sie werden nie mehr Ihr GPS verfluchen müssen!  (weiterlesen…)

Matuschiade

Durchlaufen hab ich die furchtbare Bahn, sagte Klopstock einstens, als er seine Messiade nach Jahrzehnten fertiggestellt hatte. Ich meines Orts habe nicht solange gebraucht, um das, was für Alfred Matusches 100. Geburtstag zu tun war, hinter mich zu bringen, aber ich kann Sie beruhigen: Meine Liebesmüh war ganz so vergebens nicht wie die, die Klopstock mit der Herstellung jenes unlesbaren Dingsbums hatte, das etwas wie eine Ilias der Deutschen werden sollte, dann aber was ganz anderes wurde: ein – nunja – unlesbares Dingsbums.

Matusches Dramen haben dem Klopstockschen Epos immerhin das voraus, daß sie von einem Teil des Publikums gern gelesen werden. Ich will gar nicht scherzen: Matusche ist nicht jedermanns Sache, aber gäbe man ihm die Chance, uneingeschränkt auf das Publikum zu wirken, wäre seine Dramatik heute zumindest von einem hinlänglich großen Teil des Publikums gelesen und geschätzt. Doch an den Theatern geht es um alles mögliche, nur nicht um das Publikum.

Ich sprach gestern (weiterlesen…)

Goethe in China

Wie ich wohl schon einmal hab fallen lassen, ist mir Goethe nichts Geringeres als ein Gradmesser für Gesittung; das Verhältnis, das ein Mensch zu Goethe hat, verrät nichts anderes als seine Haltung zur Welt überhaupt und den Grad, in dem er dieselbe durchschaut hat. Goethe freilich war nie und ist nicht ohne Fehl, aber er ist viel mehr als ein fehlerloser Pedant, er ist ein Beispiel.

Die Verteidigung Goethes ist das Geschäft eines jeden Menschen von Honnêteté, und für dieses Geschäft ist beinahe jedes Kampffeld geeignet. Neuerdings belehrt mich gar ein Essay meiner Gattin, daß Goethe heute am Yangtsekiang verteidigt wird. Der Text beschäftigt sich mit der Bedeutung des chinesischen Intellektuellen Guo Moruos für die Goetherezeption in China und es heißt dort am Ende:

aber eine von Friedrich Engels geäußerte Bewertung in »Deutscher Sozialismus in Versen und Prosa« hatte das Goethe-Bild radikal verändert. Statt Goethe als vollkommenen Menschen zu sehen, übernahm man nun die Ansicht von dessen Doppelcharakter, dem »genialen Dichter« einerseits und »dem behutsamen Frankfurter Ratsherrnkind resp. Weimarschen Geheimrat« andererseits. Goethes politische Haltungen wurden nie ganz verstanden, wohl aus mangelnder Kenntnis der Verhältnisse im absolutistischen Deutschland und insbesondere in Weimar, aber auch dadurch, daß ein Wort von Engels wie ein Autoritätsargument wirkte, das andersgeartete Untersuchungen lange Zeit verhinderte.

Das ist zwar richtig, aber doch viel zu zart ausgedrückt. Goethe, hätte da stehen müssen, war nicht groß, obwohl, sondern weil er ein Fürstenknecht war. (weiterlesen…)

Dichterliebe II

Ohne eine wirkliche Rezension anzustreben, will ich den heutigen Eintrag meines Journals der Besprechung des gestern bereits vorgestellten Buchs widmen.

Dichterliebe ist eine eigentümlich faszinierende Mischung aus gut recherchierter Biographie und ansprechend erzählter Lebensgeschichte: ein biographischer Roman also oder eine kunstvolle Biographie. Es ist eben dieselbe Mischung aus Kunst und Wissenschaft, die den Studien von Heidi Urbahn de Jauregui überhaupt eigen ist. Sie ist in dieser Frage entschieden französisch. Die deutsche Eigenart, alles dem Gedanken unterzuordnen, selbst auf Kosten der Lesbarkeit, ist ihr fremd.

Das Buch nimmt zunächst durch seine inhaltliche Fülle für sich ein. Jeder Mensch von Geschmack liebt Bücher, die nicht müde werden, den Leser mit einer Kanonade vorzüglicher Ideen unter Beschuß zu nehmen. Von diesen vorzüglichen Ideen (weiterlesen…)

Dichterliebe I

In der Tageszeitung junge Welt findet sich heute ein Vorabdruck des neuesten Buchs von Heidi Urbahn de Jauregui. Es heißt Dichterliebe und handelt vom Leben und Werk der deutsch-französischen Schriftstellerin Camille Selden alias Elise Krinitz alias Johanna Christiana Müller alias Margot alias Monk alias Sara Dennigson – soweit ich nicht irgend einen ihrer freiwilligen oder unfreiwilligen Namen vergessen habe.

Dichterliebe

Camille Selden ist eine höchst merkwürdige Frauenexistenz aus dem Paris des 19. Jahrhunderts. Sie war Freundin oder Vertraute gleich mehrerer Schriftsteller: Alfred Meißners, Hippolyte Taines und Heinrich Heines. (Natürlich nacheinander, wie sich versteht.) Vor allem als Gebliebte des letzteren (weiterlesen…)

Ralf Meyer I

Ich werde noch in diesem Sommer eine Rezension der Wiederstedter Elegien schreiben, die uns der Lyriker Ralf Meyer in diesem Frühjahr geschenkt hat– uns heißt hier: der Menschheit.

Trotzdem ziere ich mich nicht, bereits jetzt die Gelegenheit beim Rocke zu packen, auf dieses Wunderwerk menschlichen Vermögens hinzuweisen. Ralf Meyer ist ein Lyriker mit Gedanken und einem schon fast unheimlichen Gefühl für Sprache. (weiterlesen…)

König Numa

Während die nächste Ausgabe des Hacks-Journals Argos längst in Vorbereitung ist, nutze ich die Gelegenheit, hier noch einmal auf das letzte Heft, Argos 4, hinzuweisen, darin ein Aufsatz von mir enthalten ist, den ich - welch Wunder - für sehr lesenswert halte. Der Titel des Aufsaze lautet: Reichtum und Gleichheit, und der Text beschäftigt sich mit dem Schauspiel Numa, das Peter Hacks 1971 verfaßt hat.

Im Neues Deutschland erschien am 25. März dieses Jahres eine Rezension (weiterlesen…)