Die Vernunft kann alles auf den Begriff bringen: auch die Unvernunft. Die Unvernunft vermag nichts auf den Begriff zu bringen: nicht einmal die Unvernunft. Die Aufgabe der Vernunft ist folglich, keine Frage unbehandelt zu lassen; was sie nicht klärt, klärt keiner, und was sie geklärt hat, hätte kein anderer klären können. Es gibt keinen Grund für Zurückhaltung. Ihre dumme Schwester schließlich, die Unvernunft, beschränkt sich ja auch nicht und redet ebenso munter über die vernünftigen Dinge wie über die unvernünftigen.

Deswegen muß ein Freund der Vernunft sich gelegentlich auch mit abstoßenden Gegenständen befassen, aber gern tut er das natürlich nicht. Lieber befaßt er sich dem Schönen/Guten/Wahren, und obgleich ein dunkler Raum der Ausleuchtung dringender bedarf als ein heller, so gilt doch, daß selbst ein erhellter Raum nicht alles ohne Weiteres preisgibt. Auch Schatten wollen ausgeleuchtet sein, und Schatten sind nur, wo Licht ist.

Sie merken schon: Ich habe mal wieder was geschrieben und presse mir mit Not ein paar Worte darüber ab, um nicht einfach damit einleiten zu müssen, daß ich mal wieder was geschrieben habe. Ich habe also tatsächlich mal wieder etwas geschrieben, und zwar über den Klassik-Begriff von Peter Hacks – ein Gegenstand, von dem ich nicht zu sagen wüßte, ob es seine hellen oder seine schattigen Seiten sind, die ihn interessanter machen:

http://www.felix-bartels.de/wp-content/uploads/2011/07/Selbst-auf-den-Schultern-der-Gegner.pdf

 

Wie alle Realisten leide ich an der Wahnvorstellung, daß die Welt mich braucht. Vielleicht bin auch ich es, der die Welt braucht. Vielleicht habe ich auch einfach nur lange Weile. Aus irgend einem dieser Gründe wird der Parnaß bald wieder Laut geben.

Sagen Sies ruhig weiter: Der Sheriff ist wieder in der Stadt.

gez. Ihr Bartels

 

Und der Vater lächelt nett:
Ohne Essen ab ins Bett!
An solcherlei Begebenheit
Erlernt das Kind die Sparsamkeit

 

Was sagte Hacks über Hacks? Das:

[...] er ist sicher, daß ihm ein leichtes wäre, die Hacks-Philologie für die nächsten drei Geschlechterfolgen brotlos zu machen. Er unterläßt es [...]

Ich bin nicht ungezogen, wenn ich ihm dennoch keinen Dank zu schulden meine. Die Kunst besteht natürlich darin, einen Dichter besser zu erklären, als er es selbst vermocht hätte. Rechtzeitig zur Frankfurter Messe ist es erschienen, mein Buch zum Verhältnis von Leistung und Demokratie im Werk von Peter Hacks, und liegt ab Montag bereit zur Auslieferung.

Die Untersuchung ist entstanden im Winter 2008/09, und ich habe sie lange zurückgehalten, weil sie als Teil eines größeren Projektes geplant war, dessen Realisierung sich nunmehr aus Zeit- und Kraftgründen zerschlagen hat. Damals konnte ich noch nicht ahnen, daß ihre Veröffentlichung mit einem medialen Rummel um ein ganz ähnliches Thema zusammenfällt. Ich kann indes versprechen: Bei mir geht es kaum um Biologie (gar nicht um Genetik), und der Leistungsträger, wiewohl er in meinem Buch Verteidigung findet, wird nicht zum alleinigen Inhaber des Rechts gemacht. Vermittlung also statt Spaltung. Ich mußte Thilo Sarrazins letztes Buch nicht kennen, um in der Frage, wie die Gesellschaft mit ihren Leistungsträgern und die Leistungsträger mit ihrer Gesellschaft umgehen, zu einem vernünftigen Standpunkt zu kommen. Es bedurfte weder der Anregung noch der Abstoßung durch äußerliche Skandale, sondern einfach eines möglichst gründlichen und möglichst sinnvollen Umgangs mit dem Stoff, an dem ich dieses Thema durchspiele. Und dieser Stoff ist Peter Hacks.

Ich war in meinen Studien des gesellschaftlichen Denkens von Hacks auf den Punkt gekommen, daß seiner Continue reading »

 

Meinethalben dürfte sie gern auch tagsüber fliegen. Aber irgendwann muß sie ja schlafen, die Eule von Attika, und wenn sie schon schlafen muß, dann eben nicht in der Nacht, die ihr eigentliches Element ist. Die Aufgabe der Philosophie ist das Erkennen. Und politische Rücksichten stören beim Erkennen. Natürlich haben auch Erkenntnisse einen politischen Nutzen, aber dazu müssen sie erst einmal Erkenntnisse sein.

Ist es möglich, den Sinn der von Georg Wilhelm Friedrich Hegel am 25. Juni 1820 in die Welt geschleuderten Vorrede zu seinen “Grundlinien der Philosophie des Rechts” noch kürzer zusammzufassen? Kürzer nicht, aber besser: Continue reading »

 

Die Freiheit der Viehzüchter besteht darin, selbst zu entscheiden, wann es an der Zeit ist, den Gaul, der lahmt, abzuknallen. Wer ein Pferd besitzt, es aufgezogen und genutzt hat, wird sich vom Veterinär beraten lassen, aber es liegt in seinem Ermessen, was er schließlich mit ihm tut. Die Peter Hacks Seite (im folgenden: PHS) hat seit 2005 über gesellschaftliche Aktivitäten zu Peter Hacks berichtet, und nun ist sie tot. Ihre Macher stehen mit einer rauchenden Schrotflinte und einem verlegenen Lächeln neben ihr. Das Vieh war lahm, der Schuß eine Gnade.

Das Schlüsselwort, um die PHS zu erklären, lautet zweimal: Zeit. Einmal im Sinne von: Zeitumstände, zum anderen dann im Sinne von: Arbeitszeit.

Die PHS war ein Kind der Zeit. Sie nahm 2005 den Betrieb auf, und ihr Anspruch, alle gesellschaftlichen Aktivitäten zu Peter Hacks an einem Ort zu spiegeln und die Aufmerksamkeit so zentral zusammenzuführen, ist dieser Zeit entnommen. Damals war das noch nötig. Hacks, der – bei weitem der erfolgreichste Dramatiker der sechziger und siebziger Jahre – sich in den Achtzigern noch einen gewissen Stand in der Gesellschaft hatte erhalten können, war in den Neunzigern vollends ins Abseits geraten. Das erste Dezennium des 21. Jahrhunderts schien dem letzten des 20. folgen zu wollen. Jede Zeit hat ihre Lieblingsfiguren, sagte Hacks einmal mit Blick auf Hartmut Lange. Der nämliche Satz könnte ebenso gut über seinem eigenen Leben stehen, und wen der späte Hacks nicht dadurch verlor, daß er auch in Zeiten der Zerstörung der Vernunft an den ästhetischen Maßstäben der Klassik und an der Erkennbarkeit der Welt festhielt, den vergraulte er durch seine politischen Statements, die für ihn auch den Zweck erfüllt zu haben scheinen, sich die Leute vom Leib zu halten. 2003 starb der Dichter und ließ die Welt in einem grauenhaften Zustand zurück. Als André Thiele 2005 die PHS begründete – ich selbst stieß im Frühjahr 2006 hinzu –, hatte sich daran kaum etwas geändert.

Jede Zeit hat ihre Lieblingsprojekte. André Thiele machte sich daran, einer desinteressierten und desorientierten Gegenwart den Hacks wieder einzutrimmen, und was er erreichen konnte, hat er erreicht. Ich will nicht von einer Renaissance sprechen, weil es hierzu wohl etwas mehr als nur der zehn Inszenierungen pro Spielzeit bedarf, die das Theater der Bundesrepublik aktuell hinbekommt, doch sowohl im kulturellen Leben (Feuilleton, Veranstaltungen) als auch im akademischen Bereich findet Hacks wieder statt. Über 600 Meldungen der PHS pro Jahr sprechen für sich, und die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen ist 2008 und 2009 höher gewesen als je sonst. Diesen Prozeß hat die Seite fünf Jahre lang gespiegelt, und indem sie ihn gespiegelt hat, hat sie ihn befördert. Sie muß das jetzt nicht mehr tun. Continue reading »

 

erscheint im Juni 2010. Für den Fall, daß Sie sich fragen, woran ich zur Zeit arbeite:

Landkarte_Cover

Mit den neuesten Methoden der wissenschaftlichen Kartographie erstellt, enthält die Landkarte zugleich zeitlose und allgemeingültige Maßstäbe, die eine Gesamtschau auf die Landschaft ermöglichen, wie sie bislang nur von wenigen Atlanten geleistet wurde. Dabei erfaßt dieses Kartenwerk eine Vielzahl von Wegen und Ortschaften, die bislang in noch keiner Karte verzeichnet gewesen sind, so daß wir meinen, ihm voraussagen zu dürfen, daß es einen neuen Standard setzen wird. Es sollte in keiner Reisebibliothek fehlen.

Sichern Sie sich frühzeitig Ihr Exemplar, und Sie werden nie mehr Ihr GPS verfluchen müssen!  Continue reading »

 

Durchlaufen hab ich die furchtbare Bahn, sagte Klopstock einstens, als er seine Messiade nach Jahrzehnten fertiggestellt hatte. Ich meines Orts habe nicht solange gebraucht, um das, was für Alfred Matusches 100. Geburtstag zu tun war, hinter mich zu bringen, aber ich kann Sie beruhigen: Meine Liebesmüh war ganz so vergebens nicht wie die, die Klopstock mit der Herstellung jenes unlesbaren Dingsbums hatte, das etwas wie eine Ilias der Deutschen werden sollte, dann aber was ganz anderes wurde: ein – nunja – unlesbares Dingsbums.

Matusches Dramen haben dem Klopstockschen Epos immerhin das voraus, daß sie von einem Teil des Publikums gern gelesen werden. Ich will gar nicht scherzen: Matusche ist nicht jedermanns Sache, aber gäbe man ihm die Chance, uneingeschränkt auf das Publikum zu wirken, wäre seine Dramatik heute zumindest von einem hinlänglich großen Teil des Publikums gelesen und geschätzt. Doch an den Theatern geht es um alles mögliche, nur nicht um das Publikum.

Ich sprach gestern Continue reading »

 

Wie ich wohl schon einmal hab fallen lassen, ist mir Goethe nichts Geringeres als ein Gradmesser für Gesittung; das Verhältnis, das ein Mensch zu Goethe hat, verrät nichts anderes als seine Haltung zur Welt überhaupt und den Grad, in dem er dieselbe durchschaut hat. Goethe freilich war nie und ist nicht ohne Fehl, aber er ist viel mehr als ein fehlerloser Pedant, er ist ein Beispiel.

Die Verteidigung Goethes ist das Geschäft eines jeden Menschen von Honnêteté, und für dieses Geschäft ist beinahe jedes Kampffeld geeignet. Neuerdings belehrt mich gar ein Essay meiner Gattin, daß Goethe heute am Yangtsekiang verteidigt wird. Der Text beschäftigt sich mit der Bedeutung des chinesischen Intellektuellen Guo Moruos für die Goetherezeption in China und es heißt dort am Ende:

aber eine von Friedrich Engels geäußerte Bewertung in »Deutscher Sozialismus in Versen und Prosa« hatte das Goethe-Bild radikal verändert. Statt Goethe als vollkommenen Menschen zu sehen, übernahm man nun die Ansicht von dessen Doppelcharakter, dem »genialen Dichter« einerseits und »dem behutsamen Frankfurter Ratsherrnkind resp. Weimarschen Geheimrat« andererseits. Goethes politische Haltungen wurden nie ganz verstanden, wohl aus mangelnder Kenntnis der Verhältnisse im absolutistischen Deutschland und insbesondere in Weimar, aber auch dadurch, daß ein Wort von Engels wie ein Autoritätsargument wirkte, das andersgeartete Untersuchungen lange Zeit verhinderte.

Das ist zwar richtig, aber doch viel zu zart ausgedrückt. Goethe, hätte da stehen müssen, war nicht groß, obwohl, sondern weil er ein Fürstenknecht war. Continue reading »

 

Ohne eine wirkliche Rezension anzustreben, will ich den heutigen Eintrag meines Journals der Besprechung des gestern bereits vorgestellten Buchs widmen.

Dichterliebe ist eine eigentümlich faszinierende Mischung aus gut recherchierter Biographie und ansprechend erzählter Lebensgeschichte: ein biographischer Roman also oder eine kunstvolle Biographie. Es ist eben dieselbe Mischung aus Kunst und Wissenschaft, die den Studien von Heidi Urbahn de Jauregui überhaupt eigen ist. Sie ist in dieser Frage entschieden französisch. Die deutsche Eigenart, alles dem Gedanken unterzuordnen, selbst auf Kosten der Lesbarkeit, ist ihr fremd.

Das Buch nimmt zunächst durch seine inhaltliche Fülle für sich ein. Jeder Mensch von Geschmack liebt Bücher, die nicht müde werden, den Leser mit einer Kanonade vorzüglicher Ideen unter Beschuß zu nehmen. Von diesen vorzüglichen Ideen Continue reading »

 

In der Tageszeitung junge Welt findet sich heute ein Vorabdruck des neuesten Buchs von Heidi Urbahn de Jauregui. Es heißt Dichterliebe und handelt vom Leben und Werk der deutsch-französischen Schriftstellerin Camille Selden alias Elise Krinitz alias Johanna Christiana Müller alias Margot alias Monk alias Sara Dennigson – soweit ich nicht irgend einen ihrer freiwilligen oder unfreiwilligen Namen vergessen habe.

Dichterliebe

Camille Selden ist eine höchst merkwürdige Frauenexistenz aus dem Paris des 19. Jahrhunderts. Sie war Freundin oder Vertraute gleich mehrerer Schriftsteller: Alfred Meißners, Hippolyte Taines und Heinrich Heines. (Natürlich nacheinander, wie sich versteht.) Vor allem als Gebliebte des letzteren Continue reading »

 

Ich werde noch in diesem Sommer eine Rezension der Wiederstedter Elegien schreiben, die uns der Lyriker Ralf Meyer in diesem Frühjahr geschenkt hat– uns heißt hier: der Menschheit.

Trotzdem ziere ich mich nicht, bereits jetzt die Gelegenheit beim Rocke zu packen, auf dieses Wunderwerk menschlichen Vermögens hinzuweisen. Ralf Meyer ist ein Lyriker mit Gedanken und einem schon fast unheimlichen Gefühl für Sprache. Continue reading »

Jun 222009
 

Während die nächste Ausgabe des Hacks-Journals Argos längst in Vorbereitung ist, nutze ich die Gelegenheit, hier noch einmal auf das letzte Heft, Argos 4, hinzuweisen, darin ein Aufsatz von mir enthalten ist, den ich - welch Wunder - für sehr lesenswert halte. Der Titel des Aufsaze lautet: Reichtum und Gleichheit, und der Text beschäftigt sich mit dem Schauspiel Numa, das Peter Hacks 1971 verfaßt hat.

Im Neues Deutschland erschien am 25. März dieses Jahres eine Rezension Continue reading »

© 2011 Neuestes vom Parnassos Suffusion theme by Sayontan Sinha