Die Eule der Minerva

Meinethalben dürfte sie gern auch tagsüber fliegen. Aber irgendwann muß sie ja schlafen, die Eule von Attika, und wenn sie schon schlafen muß, dann eben nicht in der Nacht, die ihr eigentliches Element ist. Die Aufgabe der Philosophie ist das Erkennen. Und politische Rücksichten stören beim Erkennen. Natürlich haben auch Erkenntnisse einen politischen Nutzen, aber dazu müssen sie erst einmal Erkenntnisse sein.

Ist es möglich, den Sinn der von Georg Wilhelm Friedrich Hegel am 25. Juni 1820 in die Welt geschleuderten Vorrede zu seinen “Grundlinien der Philosophie des Rechts” noch kürzer zusammzufassen? Kürzer nicht, aber besser: (weiterlesen…)

Die Geheimnisse des Fußballs

Es ist an der Zeit, daß das Journal für die elegante Welt, das sich den höheren Sphären verschrieben hat, sich auch einmal mit der wichtigsten Hauptsache der Welt befaßt: mit dem Fußball. Das Fußballspiel verhält sich wie das Absolute bei Hegel; es ist eine höchst erfreuliche Sache und will erkannt sein. Die Sprache wurde den Menschen gegeben, um sich über Fußball zu verständigen. In diesem Spiel wirkt und webt alles fort, was wir schön, gut und wahr nennen. Das Nachdenken über Fußball macht uns zu besseren und weiseren Menschen. Wer den Fußball liebt, kann – Clemens Tönnies einmal ausgenommen – kein schlechter Mensch sein.

Soweit die Hymne. Im vollen Ernst der Überlegung indes taucht die durchaus der Verfolgung werte Frage auf, wie das Fußballspiel gesellschaftlich zu verorten ist. Der Begriff des Sportes ist zwar zutreffend, aber kaum hinreichend. Er erklärt, warum Leute sich körperlich betätigen; er erklärt nicht, warum Leute anderen Leute bei körperlichen Betätigungen zusehen. Der Kontext, in dem solche Schau passiert, zeigt, daß es nicht die bloße Betätigung ist, die fasziniert. Interesse an einem Sport tritt ausschließlich im Zusammenhang mit Wettkämpfen auf. Und das führt auf den Begriff des Agon, der so alt wie die Gesellschaft selbst ist. Der Agon ist ein Element, von dem die gesamte griechische Antike durchdrungen ist. Es sind nicht allein die sportlichen Betätigungen von Olympia, die ja als Paradeigma unserer heutigen Olympischen Spiele hergehalten haben. Die griechische Sprache bereits arbeitet in ihrem regulären Partikel-Gebrauch (men … de … de …) viel stärker mit Entgegensetzungen, opponierenden Perioden, als die Syntax jeder anderen indogermanischen Sprache. Der alte Grieche reiht seine Gedanken wie ein Kampfrichter, der nacheinander die Kontrahenten in die Arena ruft. Welche Eigenart sich natürlich auch in der Rhetorik zeigt, die, begünstigt von politischen und juristischen Umständen (Ekklesia und Dikasterion), jeder Grieche der höheren Gesellschaft zu erlernen hatte und deren Ausübung den Alltag in einem Grad bestimmte, wie es heute kaum noch vorstellbar ist. Oder eben doch vorstellbar. Die Rhetorik, könnte man sagen, hatte in der Antike einen Stellenwert wie in der Jetztzeit der Fußball. Auch sie fand als Wettkampf statt; die Redner lernten, in der Rede die schwächere Sache zur stärkeren zu machen. Der Agon durchdringt die griechische Gesellschaft schließlich so sehr, daß selbst die Ausübung und Herstellung der Kunst im Zusammenhang von Wettkämpfen vonstatten geht. Der berühmte Certamen Homeri et Hesiodi ist vermutlich ohne historisches Vorbild und eine Imitatio des Agons zwischen Aischylos und Euripides in den Aristophanischen Batrachoi, aber zumindest die sind ganz dem Zeitgeist entnommen: Das gesamte attische Theater pflegte in Form des Wettkampfs ausgetragen zu werden. Und damit also bin ich dort, wohin ich gelangen wollte. Die Kunst kann ohne den Wettkampf und der Wettkampf kann ohne die Kunst bestehen, aber jene eigentümliche Vermischung im griechischen Theater zeigt, daß beides einander nicht ausschließt, und der nachhaltige Erfolg der griechischen Kunst legt gar den Verdacht nahe, daß Wettkampf der Kunst förderlich sein kann. Kann auch die Kunst dem Wettkampf förderlich sein? Wieviel Kunst steckt im Fußball, oder anders gesagt: Besteht die Fasziniation am Fußball wirklich allein darin, daß er als Agon ausgetragen wird? Es muß ja doch einen Grund geben, aus dem der Fußball und nicht etwa Gewichtheben oder Tiefsee-Schach jene gigantische Begeisterung in der weiten Welt hervorruft.

Ich wage die Überlegung, daß Fußball zu jener merkwürdigen Gattung der sinnlosen Künste gehört, zu denen auch die Kochkunst und die Architektur zählen. Sinnlos sind sie nicht, weil sie keine (weiterlesen…)

Die Entdeckung des Menschlichen II

Natürlich kann kein Zweifel hinsichtlich der Motive jener nicht nur belgisch und französisch, sondern tatsächlich übergreifend europäisch argumentierenden Politiker bestehen, die gegenwärtig das Verbot durchzusetzen trachten. Sie betrachten den Islam vom Standpunkt des Christentums, mit den Augen des Konkurrenten also, der dort siegen will, wo es der Islam gegenwärtig tut. Und sie sprechen von der christlich-abendländischen Kultur, ganz so, als sei nicht eben diese Kultur, deren Wurzeln nebenbeigesagt bis ins antike Griechenland und nicht nur bis zu Paulus zurückreichen, in ihrem heutigen Bestand das Resultat eines mühevollen Kampfes nicht zuletzt auch gegen diese Religion und ihre Institutionen. Daß das Christentum heute dem Islam als die aufgeklärtere, offenere und gesittetere Religion entgegentreten kann, als eine Religion, die sich dem Weltlichen nicht dumpf entgegenstellt und deren ideeller Gehalt von den größten Denkern der Neuzeit (Spinoza, Leibniz und Hegel) vermittels nichtreligiöser Mittel offenbar gemacht wurde, verdankt es weniger sich selbst als vielmehr dem Umstand, daß ihm dies mühevoll von außen, mit philosophischen und politischen Mitteln, abgerungen wurde.

Unbetroffen von solchen Historika bleibt indes ein praktischer Vorgang im Hier und Jetzt. In der Politik geht es nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft. Nicht Gründe zählen, sondern Folgen. Jedes Mittel, das Gewünschtes herbeiführt, ist recht, gleich, von welcher Seite es kommt. Der muß schon ein ausgemachter Narr sein, der einen Akt des Fortschritts ablehnt, weil die Subjekte, die diesen Akt zur Durchführung bringen, ihn aus den falschen Beweggründen ins Werk setzen. Wann, ließe sich fragen, wäre ein Fortschritt jemals von Akteuren durchgesetzt worden, die diesen Fortschritt im vollen Umfang seines Ernstes begriffen hätten? Und ehrlich: Begreift man denn auf der Linken den Fortschritt tatsächlich besser als in jener christlich-abendländische Kaste, die sich dem Erhalt des Bestehenden, was immer das gerade sei, verschrieben hat? Wenn ich wesentlich öfter über die Linke schimpfe als über das rechte Lager, dann weil die Sorgen der Linken auch die meinen sind. Nur an dem, was man veränderbar und verändernswert glaubt, mäkelt man herum. Mit amusisch-verstockten Christdemokraten, die sich auf eine “christliche Leitkultur” berufen, ohne in ihrem Leben eine Zeile Goethe oder Hegel, Luther oder Schleiermacher gelesen zu haben, gibt es gar nichts zu bereden. Ein anderer Grund der Ungleichverteilung meines Tadels liegt allerdings darin, daß die Linke zu hirnernen Fehlkonstruktionen neigt, wie sie das rechte Lager nur selten nötig hat. Im simpel Affirmativen ist alles klar und ohne Geheimnis. Die unbestimmte Negation kommt immer von hinten durchs Knie. Ich bin noch beim Thema und will hiervon im folgenden zwei Beispiele geben: zwei Argumente, die unter den Äußerungen der letzten Tagen besonders häufig zu vernehmen waren. Das erste Argument richtet sich gegen das Ziel, das zweite gegen die Methode des Verbots. Es ist nicht schwer, beide zu entkräften.

Der liberale Irrsinn hat einige Kommentatoren dazu gebracht, die Behauptung aufzustellen, das Verbot der Burka sei eine Beschneidung der Freiheit; man nehme den Frauen damit das Recht zu entscheiden, in welcher Kleidung sie sich in der Öffentlichkeit zeigen. Dieses Argument funktioniert weder theoretisch noch praktisch. Tieferdenkende wissen, was es mit dem Begriff der Freiheit (weiterlesen…)

Die Entdeckung des Menschlichen I

Das Nachdenken über Sitten und Gebräuche hat immer zwei Seiten, eine theoretische, die danach fragt, woher dieser oder jener Brauch historisch und kulturell kommt, und eine praktische, auf der das Denken der Frage nachgeht, wie gut die Bräuche sind und wohin, wenn man sie ausübt oder nicht ausübt, unsere menschliche Entwicklung geht. Beinahe alle Fehlleistungen, die Kommentatoren bei der Beschäftigung mit sittlichen Fragen unterlaufen, rühren aus der ungleichen Verteilung des Denkens auf diese beiden Seiten. Die Frage nach der Welt, wie sie ist, und die Frage nach der Welt, wie sie sein soll, verhalten sich in aller Regel gegenläufig, und der gemeine Verstand liebt das Denken in Widersprüchen nicht. Er will es einfach und will es rein. Also entscheidet er auch bei der Beurteilung bestimmter Sitten einfach nach seinen ohnehin vorhandenen Neigungen. Ein Brauch ist demnach entweder schlecht und somit durch keinerlei historische Betrachtung zu entschuldigen, oder aber historisch bedingt, und dann verbietet sich ein Werturteil von selbst.

Nicht wenig hängt bei der Entscheidung, ob nun ein ganz bestimmter Brauch schlecht oder historisch bedingt sei, davon ab, wie das urteilende Subjekt zu seinem eigenen Kulturkreis steht. Ein christlich-konservativer Mensch wird alle (gegenwärtigen) Bräuche des Abendlandes für gut und unverzichtbar erklären, während er die Mehrheit der Bräuche des Orients für schlechthin verderblich hält. Ein linker oder liberaler Mensch verhält sich dagegen umgekehrt. Die Negation des Gegenwärtigen (die bei ihm immer absolut ist und nie bestimmt sein kann) zwingt ihn dazu. Einen waschechten Linken erkennen Sie daran, daß er mit Eifer für die Freiheit des Islams kämpft, auch hierzulande seine Frauen zu unterdrücken, und mit demselben Eifer dann die Abschaffung der Ehe  im abendländischen Kulturkreis fordert. Daß die Ehe, wie sie im Okzident von heute modelliert und juristisch bestimmt ist, ein Ausdruck der Gleichberechtigung von Mann und Frau ist (indem sie nämlich beide Seiten rechtlich gleichsetzt, sie gar zu Rechtsvertretern der je anderen ernennt und im Fall der Scheidung die stärkere Partei zum Unterhalt der schwächeren zwingt), spielt bei derartigen Überlegungen keine Rolle. Denn die Ehe, so weiß das Sektenhirn, ist ein Rudiment der patriarchalischen Klassengesellschaft, und was von dort kommt, muß – gleich, welchen Wandel es seitdem vollzogen hat – schlecht sein. Umgekehrt muß alles, womit diese Gesellschaft in Konflikt gerät, Unterstützung erfahren, denn auch dies weiß das Sektenhirn, daß der Feind seines Feindes unbedingt sein Freund sein müsse. So verteidigt der linke Kritiker also das Morgenland gegen das Abendland mit der Begründung, daß das Abendland einst ebenso unerfreuliche Zustände sein Eigen nannte wie das Morgenland noch heute. Sie merken: Um Inhalte geht es bei der Sache überhaupt nicht; es geht um Wohlfühlzonen. Derartiges Denken mit zweierlei Maßstab (weiterlesen…)

Weltgeist sieht Leipsch: Die Sogenannte

Unlängst habe ich vermocht, mich … – doch ich stocke, indem ich das schreibe. Gestern nämlich kam mir ein Buch eines gewissen Wolf Schneider unter die Nase, Deutsch fürs Leben, das von sich behauptet, ein Lehrgang der höheren deutschen Sprache zu sein und worin sich folgende Regel findet: “Mit Wörtern geizen”. Schreiben Sie, steht da, “also nicht: zu diesem Zeitpunkt, sondern: jetzt”, nicht: “keine Seltenheit”, sondern: “häufig”, nicht: “ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig,” sondern: “war ziemlich deutlich” usw. Das Grundprinzip guter Sprache sei, niemals mehr zu schreiben als unbedingt notwendig. Man staunt dann im übrigen, was so alles nicht notwendig ist. Daß diese Regel fischig ist, vermag der Beobachter bereits daran zu erkennen, daß ihr die Kulturabschaffer aller politischen Lager, Puritaner wie Maoisten, Rousseauisten wie Fortschrittler, gleichermaßen und uneingeschränkt Beifall zu spenden geneigt sind (ja! : zu spenden geneigt sind, nicht: spenden). Für die faulsten Exemplare aller Obstkörbe sollte stets ein leerer Korb bereitstehen, in den man sie alle miteinander werfen kann. Kultur ist ihrem Wesen nach konservativ, die Abschaffer von Kultur daher entweder als Fortschrittler oder als Rückschrittler auftreten, meistens doch aber als Fortschrittler. Das Schlechteste läßt sich einmal am besten verkaufen, wenn man es als das Neueste anpreist. Was deutsche Sprache ist, lernt man bei Goethe und Thomas Mann. Es gibt auch andere, bei denen man es lernen kann, aber keinen, der nicht in jene Linie gehörte, die Mann und Goethe, als die zwei Gipfelpunkte, zwischen sich (Karl Kraus, Heine), nach hinten (Wieland, Lessing) und nach vorn (Arno Schmidt, Hacks) spannen. Ich kann der Menschheit nur dringend davon abraten, die Sprache Goethes zu einer Sprache Schneiders werden zu lassen. Stil ist genauer, auf Wirkung hin berechneter Sprachgebrauch. Notwendig an Sprache ist demnach alles, was die vom Autor gewünschte Wirkung erzeugt, und es ist nicht schwer zu begreifen, daß es Situationen gibt, in denen es durchaus angebracht ist, anstelle von “neulich habe ich” “unlängst habe ich vermocht” zu schreiben.

Unlängst also habe ich vermocht, mich über den Wolf Schneider der Malerei, Wolfgang Mattheuer, gar tüchtig zu echauffieren. Der Text, der nun dabei herauskam, war – ich muß es gestehen – eigentlich eine Digression. Mein ursprüngliches Vorhaben hatte ich darin, über meine Leipziger Eindrücke auf ein Phänomen zu sprechen zu kommen, das gemeinhin unter dem Schlagwort Leipziger Schule gefaßt wird und von dem ich behaupte, daß es kein Phänomen, sondern vielmehr ein wahrhaft leerer Begriff ist. Leere Begriffe nützen bestenfalls dem Logiker, und selbst der ist glücklicher, wenn er seinem Existenzquantor kein Negationszeichen voraussschicken muß. Aus Dingen, die existieren, lassen sich besser Ableitungen gewinnen als aus nichtexistenten Dingen. In phänomenologischen Disziplinen (zu welchen auch die Ästhetik zählt) ist der leere Begriff hingegen nicht nur ein Ärgernis, sondern schlechterdings ungestattet. Die Aussage, daß alle Welxen dumm sind, ist für den Logiker, der eher an der Struktur einer Aussage interessiert ist als an der Frage, ob die Dinge, über die geredet wird, tatsächlich existieren, immerhin noch eine Aussage, mit der man operieren kann. Für denjenigen, der berufsmäßig mit den Erscheinungen befaßt ist, ist die Aussage, daß die Leipziger Schule eine gute Schule ist, schlichtweg unsinnig, da sie ja unterstellt, daß eine Leipziger Schule tatsächlich existiert.

Ich habe, wie Sie wohl gemerkt haben, noch eben so verhindern können, das Thema erneut in einer Digression versanden zu lassen, was freilich nicht in jedem Fall bedauerlich wäre; es hängt ja ganz von der Beschaffenheit des Sandes ab. Am Strand von Samoa beispielsweise gibt es nicht ein Korn, das größer ist als die anderen, woran man … Ich rufe mich zur Ordnung. Die Leipziger Schule also, die ich, da ich ihre Existenz bezweifle, die sogenannte Leipziger Schule, oder kürzer und besser: die Sogenannte nennen will, war mir von jeher als Begriff suspekt. Ich erinnere mich meiner ersten Berühungen mit den Erzeugnissen (weiterlesen…)

Weltgeist sieht Leipsch: Der Jahrhundertkitsch

Es begann eigentlich ganz harmlos. Am letzten Tag der Buchmesse brachte ich die Zeit, die mir bis zum Abend blieb, auf die Weise rum, daß ich mir das von Leipzig ansah, wofür allein es mit Recht berühmt ist: die Werke seiner bildenden Künstler.

Leipzig selbst, man kennt es, reizt kaum zum Verweilen. Selbst wenn man die merkwürdig zielgerichtete Tristesse des Stadtbilds und die puritanische Geschäftigkeit ihrer Bewohner ignoriert, bleibt noch immer präsent, daß diese Stadt der Schoß der deutschen Misere und Unvernunft ist. Ich habe Leipzig einmal die Hauptstadt der romantischen Bewegung genannt, worauf mir die Städtenamen Berlin, Jena und Heidelberg entgegenflogen. Ich leugne auch deren Eignung für diesen Titel nicht, konnte aber mit dem Verweis auf die Bananenrevolution von 1989 und das antibonapartistische Happening von 1813 meine Widerredner zum Schweigen bringen. Volksfeste wider die Gesittung – gibt es romantischeres?

Leipzigs Künstler, sagte ich. Gewiß: auch ihnen haftet hier und da das Leipzighafte an. So habe ich mir etwa nicht erspart, im Vorbeigehen Mattheuers abgeschmackten Jahrhundertschritt einer Betrachtung zu unterziehen. Da stand er, dummdreist, dröhnend und häßlich (weiterlesen…)

Eschatologisches I

Die Maya sind ein merkwürdiges Völkchen. Sie wußten nichts von der Welt und kannten doch ihr Ende. Sie hatten einen merkwürdigen Kalender, der das Ende der Welt für den 21. Dezember 2012 vorsah. Leider ereignete sich das Ende dann ein paar hundert Jahre früher, und die wiederkehrenden Götter waren kaum größer als die Maya und sprachen Spanisch. Wie wir aber durch den Echtzeithelden und Träger des Agent-Mulder-Ordens II. Klasse, Erich von Däniken, belehrt sind, muß das Ende der Welt nicht notwendig am 21. Dezember 2012 eintreten. Die Umrechnung des Maya-Kalenders in den unseren könne schließlich auch falsch sein. Baut da schon jemand insgeheim vor für den Fall einer peinlich ausbleibenden Katastrophe am 21. Dezember 2012? Die Grundregel aller geschäftstüchtigen Propheten lautet: Sage nichts voraus, das noch zu deinen Lebzeiten eintreffen müßte. Und überhaupt, 21. Dezember! Hätte man nicht wenigstens bis Weihnachten warten können? Wie? Wer kurz vor dem Ende der Welt noch Weihnachten feiern wolle? Ich natürlich! Und wenn ich wüßte, daß morgen die Welt in tausend Stücke zerbräche, ich zöge noch heute los, eine Schrankwand zu kaufen.

Ja, ich habe es gesehen, das neueste Bildwerk Roland Emmerichs, des amerikanischsten aller Nichtamerikaner. 2012 ist ein spektakulärer Film. Die Story ist genrebedingt gebaut, die Zweitklassigkeit der Darsteller (den stets erstklassigen John Cusack ausgenommen) ist statthaft, denn hier kommt alles auf die Bilder der großen Naturkatastrophe an. Technisch ist der Film vollkommen, die Effekte gekonnt, was nach Maßgabe der naturalistischen Gattung Film bereits hinreichend sein müßte. Bilder zu machen, das ist die eigentliche Tugend des Films. Aber diese eigentliche Tugend ist eben nur bedingt kunstfähig, will sagen: Auch die besten Bilder retten einen Film dort nicht, wo keine gute Handlung sie zusammenhält. Und wie sich an dem technisch gleichfalls Maßstäbe setzenden Avatar sehr gut nachvollziehen läßt, verdrießt selbst bildhafte Perfektion, wenn das Werk sich der läppischen Weltanschauung eines JJ Rousseau bedient und von einer dramatisch äußerst unergiebigen Handlung getragen werden muß.

Natürlich gab und gibt es Einwände gegen 2012. (weiterlesen…)

Was ist ein guter Dialog?

In der Frage, was einen guten Dialog ausmache, steckt zugleich die Frage, woran ein schlechter Dialog kenntlich sei. Ein schlechter Dialog ist einer, dessen Inhalt auch in anderer Form, z.B. in linearer Rede oder in einem Traktat hätte ausgestellt werden können. Wenn, was in einem Dialog verhandelt wird, nicht notwendig in Dialogform verhandelt werden mußte, muß der Dialog als schlecht gelten, gleich wie unterhaltsam, kunstvoll, gedankentief oder originell er im übrigen ist.

Ein guter Dialog kann sich nur dort entwickeln, wo eine geeignete Ausgangslage vorliegt. Eine solche sehe ich allein gegeben, wenn die Positionen aller Teilnehmer, die in einem Dialog aufeinandertreffen, so beschaffen sind, daß erstens keine von ihnen selbst die höchstmögliche Erkenntnis bereits enthält, gedankliche Totalität herzustellen also durchaus erst Aufgabe des lebendigen Dialogverlaufs ist, und wenn sie zweitens einander auf eine solche Art begegnen, daß eine produktive Steigerung über die einzelnen Positionen der Teilnehmer hinaus möglich ist.

Die erste Bedingung ist wichtig, weil in dem Fall, in dem (weiterlesen…)

Den Sternen macht ditt janüscht

Da hat doch unser Bundesdingens Horst Köhler zum 20. Jahrestag des Mauerfalls in seiner Maison de plaisance Bellevue eine Veranstaltung für “Gegner des SED-Unrechts” ausrichten lassen, auf der zwölf Bundesverdienstkreuze an zwölf Bürgerrechtler der DDR-Zeit verschenkt wurden. 12 Kreuze an 12 Bürgerrechtler – offenbar war beides im Dutzend billiger.

Für den Eklat des Abends sorgte Stephan Krawczyk, der – nachdem er zusammen mit Freya Klier seine drittklassige Schmierlyrik vorgetragen hatte – gebeten wurde, die Nationalhymne anzustimmen, und dies tat, indem er sogleich die seit der Nazizeit zu Recht gebannte erste Strophe der Hymne skandierte. Er soll verwundert in die Menge geblickt haben, als er die Tatsache gewahr wurde, daß die übrigen Anwesenden Deutschland nicht von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt sich erstrecken lassen wollten. Und Horst Köhler soll sich dann geräuspert und die Worte gesprochen haben: “Die dritte Strophe bitte.”

Courage, Herr Köhler, Courage! Wir hatten schon Präsidenten, die in dieser Situation sicher reflexhaft mit eingestimmt hätten. Aber Sie brauchen nun auch nicht so pikiert dreinzuschauen, schließlich: Wer sich Straßenköter ins Haus holt, darf sich nicht wundern, wenn es ihn nachher an allen möglichen Stellen juckt.

Sie merken: Gelegentlich, wenn der Wind ungünstig steht, hört man sogar hier oben auf dem Parnassos ein wenig vom alltäglichen Geplänkel, das gemeinhin und in Unkenntnis, was das Wort bedeutet, Politik genannt wird. Meine Freunde wissen, ich halte das übermäßige Bedürfnis zur Tagespolitik, unter dem nicht wenige Menschen hierzulande leiden, für eine Art Charakterschwäche, sehe aber (weiterlesen…)

Über das Bergsteigen

Einen Berg zu besteigen ist wie Dichten. Da ist ein Gebirge. Da sind einige Berge. Jeder Berg ist Teil des Gebirges, aber er steht – gleich den poetischen Gattungen – immer auch für sich. Es gibt stets mehrere Wege nach oben. Es gibt aber an jedem Berg nur einen Weg bis ganz nach oben.

Die Bergsteiger nähern sich dem Berg gewöhnlich von verschiedenen Seiten, meist von derjenigen, auf der sie wohnen, und so nehmen sie also verschiedene Wege nach oben. Von denen, die auf den Wegen treten, die nicht bis ganz nach oben führen, schreiten einige in dem Wissen nach oben, daß sie die Spitze nie erreichen werden, andere hingegen leugnen das und erachten das Ziel ihres Weges für die eigentliche Spitze. Wieder andere leugnen, daß es überhaupt eine Spitze gibt und kraxeln munter um den Berg herum und probieren sich an all den Pfaden aus, die horizontal verlaufen. Und wieder andere bekommen es, sobald sie auf einen Weg treffen, der nach oben führt, mit der Angst zu tun, der Weg könne nicht bis ganz nach oben führen und meiden folglich den wie alle anderen, die nach oben führen.

Es muß jetzt aber noch erwähnt werden, daß jeder Weg auf dem Berg ausgeschildert ist. Schließlich wird der Berg in aller Regel seit Jahrtausenden schon bestiegen. (weiterlesen…)

Der Blinde und die Farbe

Wer gestern auf der zweiten Peter-Hacks-Tagung einen Stuhl besetzt hielt, konnte eines merkwürdigen Schauspiels ansichtig werden: Er konnte sehen, wie ein Sehender unterläßt, einem Blinden zu erklären, was Farbe ist. Gut, mögen Sie sagen, been there, done that. Mag sein, entgegne ich. Aber was interessieren mich Ihre Erfahrungen? Hier geht es um die meinen. Doch der Reihe nach.

Die Peter-Hacks-Tagung ist eine Veranstaltung, deren vornehmes Ziel darin liegt, die Beschäftigung mit dem Dichter Hacks im akademischen Betrieb voranzutreiben, daß sie extensiver und intensiver werde. Für dieses große und schöne Vorhaben bereits sei ihr, d.h. ihren Veranstaltern, ein Dank ausgesprochen, der durch nichts zu mindern ist. Durch andere wissenschaftliche Leistungen, die neben der Peter-Hacks-Tagung vollbracht werden oder noch im Begriffe sind, in das Reich der Tatsachen zu treten, ebenso wenig wie durch all jene Schwierigkeiten und Abstriche, die die Umsetzung eines größeren Vorhabens wohl unvermeidlich mit sich bringt.

Ich lobe ungern. Das hat immer etwas Peinliches, und im übrigen passiert es nicht selten, daß man mit einem Lob den Gelobten überfordert oder auch unterfordert. Beides verdrießt, den Gelobten wie den Lobenden. Aber meine Pflicht zu tun, muß ich natürlich erwähnen, daß auf der gestrigen Peter-Hacks-Tagung sechs Vorträge zu hören waren, von denen einer (weiterlesen…)

Rettet die Wahlen

Diese Sorte Artenschutz haben nicht nur DIE GRÜNEN im Programm. Mich läßt das kalt. Es gibt Tiere, die braucht kein Mensch: Mammuts z.B. oder Delphine. Und Wahlen, die braucht nun wirklich niemand; und diejenigen, die wählen gehen, die am allerwenigsten. (Falls Sie übrigens glauben, daß das, was einer braucht, und das, was einer denkt, daß er es braucht, ohne weiteres identisch ist, lesen Sie ruhig einmal das Polos-Gespräch in Platons Gorgias.)

Von meinem Recht, an den Wahlen dieses Landes nicht teilzunehmen, mache ich seit Perioden unerträglicher Regierungen Gebrauch, nicht erst seit der gegenwärtigen. Und ich lebe gut damit. Es lebt sich einmal besser, wenn man von dem Kakao, durch den man gezogen wird, nicht auch noch trinkt. Ich nenne es nicht nicht wählen, ich nenne es nichtwählen. Sie gehen morgen wählen? Gut, ich gehe nichtwählen. (weiterlesen…)

Die Kunst des performativen Lobens

In der jungen Welt von heute lese ich einen Satz, der die Achtundsechziger Bewegung beschreibt, ohne ihr die mindeste Karikatur anzutun, worin, will ich sagen, diese Bewegung und ihre politische Funktion vollständig aufgeht und doch in ihrem ganzen Elend und ihrer ganzen Läppischkeit festgehalten ist:

[Joseph] Fischer ist einer aus der Garde der Revolutionären Kämpfer in Frankfurt am Main von 1968 und seither politisch festgelegt. Wie die Mehrheit seiner Mitläufer war er für jede Kritik am Kapitalismus zu haben, wenn sie so dämlich war, daß der Kapitalismus im Vergleich zu ihr gut ausschaute.

Der Autor dieser Zeilen zeichnet mit asc – ein Akronym von Arnold Schölzel, des Chefredakteurs der jungen Welt. Schölzel, wie man weiß, ist einer, der seinen Hacks (und durchaus gründlich) gelesen hat. Es überrascht daher kaum, daß es sich bei dem hier zitierten Gedanken um nichts anderes als um die Anwendung einer Bestimmung handelt, die Peter Hacks bereits im Jahr 1980 vorgenommen hatte und die Schölzel mit Sicherheit kennt. Allerdings schrieb Hacks seinerzeit nicht über die Achtundsechziger Bewegung, sondern über die Romantik; er folgte seiner Gewohnheit, politische Gegenwartskämpfe im Gewande historischer Stoffe (in seinen Dramen ebenso wie in der Lyrik, Epik und den Essays) abzuhandeln. Er hielt sich einmal nicht bei den Folgen auf, sondern pflegte an die Wurzel zu gehen, und alle Ereignisse des 20. Jahrhunderts haben ihre Wurzel im 19., dort wurde der Geist gesäht, der im nächsten Säkel Tat werden sollte: Der Faschismus war, ideologisch gesehen, ein Gemisch aus Nietzsche und Gobineau/Chamberlain. Die bürgerliche Gesellschaft verwirklichte sich in der Reinform, in der sie Marx beschrieben hatte, erst im 20. Jahrhundert. Der Sozialismus schließlich war der Kreuzpunkt aus der gesellschaftlichen Umwälzung, die Marx ersonnen, und der politischen Konzeption, die Lassalle (respektive Hegel und Goethe) angedacht hatte. Auch die Bewegung der Achtundsechziger hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert, sie ist das Kind der deutschen Romantik. Hacks also schreibt: (weiterlesen…)

Goethe in China

Wie ich wohl schon einmal hab fallen lassen, ist mir Goethe nichts Geringeres als ein Gradmesser für Gesittung; das Verhältnis, das ein Mensch zu Goethe hat, verrät nichts anderes als seine Haltung zur Welt überhaupt und den Grad, in dem er dieselbe durchschaut hat. Goethe freilich war nie und ist nicht ohne Fehl, aber er ist viel mehr als ein fehlerloser Pedant, er ist ein Beispiel.

Die Verteidigung Goethes ist das Geschäft eines jeden Menschen von Honnêteté, und für dieses Geschäft ist beinahe jedes Kampffeld geeignet. Neuerdings belehrt mich gar ein Essay meiner Gattin, daß Goethe heute am Yangtsekiang verteidigt wird. Der Text beschäftigt sich mit der Bedeutung des chinesischen Intellektuellen Guo Moruos für die Goetherezeption in China und es heißt dort am Ende:

aber eine von Friedrich Engels geäußerte Bewertung in »Deutscher Sozialismus in Versen und Prosa« hatte das Goethe-Bild radikal verändert. Statt Goethe als vollkommenen Menschen zu sehen, übernahm man nun die Ansicht von dessen Doppelcharakter, dem »genialen Dichter« einerseits und »dem behutsamen Frankfurter Ratsherrnkind resp. Weimarschen Geheimrat« andererseits. Goethes politische Haltungen wurden nie ganz verstanden, wohl aus mangelnder Kenntnis der Verhältnisse im absolutistischen Deutschland und insbesondere in Weimar, aber auch dadurch, daß ein Wort von Engels wie ein Autoritätsargument wirkte, das andersgeartete Untersuchungen lange Zeit verhinderte.

Das ist zwar richtig, aber doch viel zu zart ausgedrückt. Goethe, hätte da stehen müssen, war nicht groß, obwohl, sondern weil er ein Fürstenknecht war. (weiterlesen…)

ex oriente lux

Wenn Sie glauben, unser Wahlkampf sei eine Veranstaltung von Schmocks gegen Schmocks um die Gunst von Schmocks, haben Sie vermutlich recht, denn um wessen Gunst in Wahlkämpfen von jeher gefochten wird, das sind nicht die Stamm- oder die Nichtwähler, die ganz genau wissen, was sie wollen, wissen, welchen Idealen sie anhängen und welche politischen Kräfte für die Beförderung dieser ihrer Ideale stehen. Um wen in Wahlkämpfen gekämpft wird, das sind immer nur die sogenannten Wechselwähler, also der am wenigsten gescheite und am leichtesten beeinflußbare Teil der Bevölkerung. Es sind immer die Wechselwähler, die die Wahl entscheiden, und vielleicht ist das schon die ganze Erklärung dafür, daß es sauber geführte Wahlkämpfe, die an die Intelligenz, die Selbstachtung und die Tugenden der Menschen appellieren, anstatt mit ihren Ängsten, Ressentiments und geistigen Grenzen zu spielen, noch nie gegeben hat.

Populismus ist nicht die Perversion der Idee des Parlamentarismus, sondern deren praktische Gestalt. Wer glaubt, daß das eine vom anderen trennbar ist, hat sich selbst sauber abgetrennt: von der Wirklichkeit nämlich.

Indessen gibt es Ausprägungen von Populismus, die den nichtteilnehmenden Beobachter beinahe mit den gewöhnlichen Formen des Populismus zu versöhnen imstande sind. Daß man, solche Formen zu sehen, Deutschland verlassen muß, spricht vielleicht ein wenig für dieses Land. Wie immer: Meiner werten Gattin, die sich in Fernost etwas auskennt, danke ich (weiterlesen…)