Nov 082009
 

Wer gestern auf der zweiten Peter-Hacks-Tagung einen Stuhl besetzt hielt, konnte eines merkwürdigen Schauspiels ansichtig werden: Er konnte sehen, wie ein Sehender unterläßt, einem Blinden zu erklären, was Farbe ist. Gut, mögen Sie sagen, been there, done that. Mag sein, entgegne ich. Aber was interessieren mich Ihre Erfahrungen? Hier geht es um die meinen. Doch der Reihe nach.

Die Peter-Hacks-Tagung ist eine Veranstaltung, deren vornehmes Ziel darin liegt, die Beschäftigung mit dem Dichter Hacks im akademischen Betrieb voranzutreiben, daß sie extensiver und intensiver werde. Für dieses große und schöne Vorhaben bereits sei ihr, d.h. ihren Veranstaltern, ein Dank ausgesprochen, der durch nichts zu mindern ist. Durch andere wissenschaftliche Leistungen, die neben der Peter-Hacks-Tagung vollbracht werden oder noch im Begriffe sind, in das Reich der Tatsachen zu treten, ebenso wenig wie durch all jene Schwierigkeiten und Abstriche, die die Umsetzung eines größeren Vorhabens wohl unvermeidlich mit sich bringt.

Ich lobe ungern. Das hat immer etwas Peinliches, und im übrigen passiert es nicht selten, daß man mit einem Lob den Gelobten überfordert oder auch unterfordert. Beides verdrießt, den Gelobten wie den Lobenden. Aber meine Pflicht zu tun, muß ich natürlich erwähnen, daß auf der gestrigen Peter-Hacks-Tagung sechs Vorträge zu hören waren, von denen einer Continue reading »

Sep 262009
 

Diese Sorte Artenschutz haben nicht nur DIE GRÜNEN im Programm. Mich läßt das kalt. Es gibt Tiere, die braucht kein Mensch: Mammuts z.B. oder Delphine. Und Wahlen, die braucht nun wirklich niemand; und diejenigen, die wählen gehen, die am allerwenigsten. (Falls Sie übrigens glauben, daß das, was einer braucht, und das, was einer denkt, daß er es braucht, ohne weiteres identisch ist, lesen Sie ruhig einmal das Polos-Gespräch in Platons Gorgias.)

Von meinem Recht, an den Wahlen dieses Landes nicht teilzunehmen, mache ich seit Perioden unerträglicher Regierungen Gebrauch, nicht erst seit der gegenwärtigen. Und ich lebe gut damit. Es lebt sich einmal besser, wenn man von dem Kakao, durch den man gezogen wird, nicht auch noch trinkt. Ich nenne es nicht nicht wählen, ich nenne es nichtwählen. Sie gehen morgen wählen? Gut, ich gehe nichtwählen. Continue reading »

Sep 212009
 

In der jungen Welt von heute lese ich einen Satz, der die Achtundsechziger Bewegung beschreibt, ohne ihr die mindeste Karikatur anzutun, worin, will ich sagen, diese Bewegung und ihre politische Funktion vollständig aufgeht und doch in ihrem ganzen Elend und ihrer ganzen Läppischkeit festgehalten ist:

[Joseph] Fischer ist einer aus der Garde der Revolutionären Kämpfer in Frankfurt am Main von 1968 und seither politisch festgelegt. Wie die Mehrheit seiner Mitläufer war er für jede Kritik am Kapitalismus zu haben, wenn sie so dämlich war, daß der Kapitalismus im Vergleich zu ihr gut ausschaute.

Der Autor dieser Zeilen zeichnet mit asc – ein Akronym von Arnold Schölzel, des Chefredakteurs der jungen Welt. Schölzel, wie man weiß, ist einer, der seinen Hacks (und durchaus gründlich) gelesen hat. Es überrascht daher kaum, daß es sich bei dem hier zitierten Gedanken um nichts anderes als um die Anwendung einer Bestimmung handelt, die Peter Hacks bereits im Jahr 1980 vorgenommen hatte und die Schölzel mit Sicherheit kennt. Allerdings schrieb Hacks seinerzeit nicht über die Achtundsechziger Bewegung, sondern über die Romantik; er folgte seiner Gewohnheit, politische Gegenwartskämpfe im Gewande historischer Stoffe (in seinen Dramen ebenso wie in der Lyrik, Epik und den Essays) abzuhandeln. Er hielt sich einmal nicht bei den Folgen auf, sondern pflegte an die Wurzel zu gehen, und alle Ereignisse des 20. Jahrhunderts haben ihre Wurzel im 19., dort wurde der Geist gesäht, der im nächsten Säkel Tat werden sollte: Der Faschismus war, ideologisch gesehen, ein Gemisch aus Nietzsche und Gobineau/Chamberlain. Die bürgerliche Gesellschaft verwirklichte sich in der Reinform, in der sie Marx beschrieben hatte, erst im 20. Jahrhundert. Der Sozialismus schließlich war der Kreuzpunkt aus der gesellschaftlichen Umwälzung, die Marx ersonnen, und der politischen Konzeption, die Lassalle (respektive Hegel und Goethe) angedacht hatte. Auch die Bewegung der Achtundsechziger hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert, sie ist das Kind der deutschen Romantik. Hacks also schreibt: Continue reading »

Aug 282009
 

Wie ich wohl schon einmal hab fallen lassen, ist mir Goethe nichts Geringeres als ein Gradmesser für Gesittung; das Verhältnis, das ein Mensch zu Goethe hat, verrät nichts anderes als seine Haltung zur Welt überhaupt und den Grad, in dem er dieselbe durchschaut hat. Goethe freilich war nie und ist nicht ohne Fehl, aber er ist viel mehr als ein fehlerloser Pedant, er ist ein Beispiel.

Die Verteidigung Goethes ist das Geschäft eines jeden Menschen von Honnêteté, und für dieses Geschäft ist beinahe jedes Kampffeld geeignet. Neuerdings belehrt mich gar ein Essay meiner Gattin, daß Goethe heute am Yangtsekiang verteidigt wird. Der Text beschäftigt sich mit der Bedeutung des chinesischen Intellektuellen Guo Moruos für die Goetherezeption in China und es heißt dort am Ende:

aber eine von Friedrich Engels geäußerte Bewertung in »Deutscher Sozialismus in Versen und Prosa« hatte das Goethe-Bild radikal verändert. Statt Goethe als vollkommenen Menschen zu sehen, übernahm man nun die Ansicht von dessen Doppelcharakter, dem »genialen Dichter« einerseits und »dem behutsamen Frankfurter Ratsherrnkind resp. Weimarschen Geheimrat« andererseits. Goethes politische Haltungen wurden nie ganz verstanden, wohl aus mangelnder Kenntnis der Verhältnisse im absolutistischen Deutschland und insbesondere in Weimar, aber auch dadurch, daß ein Wort von Engels wie ein Autoritätsargument wirkte, das andersgeartete Untersuchungen lange Zeit verhinderte.

Das ist zwar richtig, aber doch viel zu zart ausgedrückt. Goethe, hätte da stehen müssen, war nicht groß, obwohl, sondern weil er ein Fürstenknecht war. Continue reading »

Aug 182009
 

Wenn Sie glauben, unser Wahlkampf sei eine Veranstaltung von Schmocks gegen Schmocks um die Gunst von Schmocks, haben Sie vermutlich recht, denn um wessen Gunst in Wahlkämpfen von jeher gefochten wird, das sind nicht die Stamm- oder die Nichtwähler, die ganz genau wissen, was sie wollen, wissen, welchen Idealen sie anhängen und welche politischen Kräfte für die Beförderung dieser ihrer Ideale stehen. Um wen in Wahlkämpfen gekämpft wird, das sind immer nur die sogenannten Wechselwähler, also der am wenigsten gescheite und am leichtesten beeinflußbare Teil der Bevölkerung. Es sind immer die Wechselwähler, die die Wahl entscheiden, und vielleicht ist das schon die ganze Erklärung dafür, daß es sauber geführte Wahlkämpfe, die an die Intelligenz, die Selbstachtung und die Tugenden der Menschen appellieren, anstatt mit ihren Ängsten, Ressentiments und geistigen Grenzen zu spielen, noch nie gegeben hat.

Populismus ist nicht die Perversion der Idee des Parlamentarismus, sondern deren praktische Gestalt. Wer glaubt, daß das eine vom anderen trennbar ist, hat sich selbst sauber abgetrennt: von der Wirklichkeit nämlich.

Indessen gibt es Ausprägungen von Populismus, die den nichtteilnehmenden Beobachter beinahe mit den gewöhnlichen Formen des Populismus zu versöhnen imstande sind. Daß man, solche Formen zu sehen, Deutschland verlassen muß, spricht vielleicht ein wenig für dieses Land. Wie immer: Meiner werten Gattin, die sich in Fernost etwas auskennt, danke ich Continue reading »

Jul 302009
 

Vor genau 80 Jahren, am 30. Juli 1929, wurde Werner Tübke geboren. Er feiert heute folglich seinen 80. Geburtstag, und es ist traurig, daß wir ihn ohne ihn feiern müssen.

Werner Tübke, Selbstbildnis

Werner Tübke, Selbstbildnis

Andererseits: Der Tod von Klassikern ist ihre eigentliche Geburt, und daß Werner Tübke ein Klassiker ist, daran hat schon zu seinen Lebzeiten kaum einer gezweifelt. Ich zögere nicht, Tübke den größten Maler des 20. Jahrhunderts zu nennen. Es ist wohl weniger schwer, der größte Maler des 20. Jahrhunderts zu sein als z.B. des 16., aber immerhin hat das 20. auch ein Genie wie Dali hervorgebracht, der handwerklich vollkommen ist und an dem einzig ein gewisser Hang zur inneren Leere verdrießt. In Tübkes näherem Umfeld befanden sich Künstler, die nicht unbedingt zu den schlechtesten ihrer Zeit zählen, wie etwa Zander, Heisig und Mattheuer. Man mag sie derselben Schule zurechnen oder nicht, man mag einem jeden von ihnen seine eigene Unüberholbarkeit Continue reading »

Jul 282009
 

Das Nachdenken über die Systemfrage hat die Erkenntnis erbracht, daß es kein absolutes Besser oder Schlechter gibt, sondern daß Systeme immer nur im Licht bestimmter Ziele besser oder schlechter sind. Was an einem System als besser oder schlechter angesehen werden muß, liegt also in den Interessen und Bedürfnissen des jeweiligen Menschen, der es bewertet. Er entscheidet, welchen Zielen er den Vorrang gibt, welche ihm zweitrangig und welche ihm überhaupt nicht erstrebenswert scheinen. Die Politik, will ich damit sagen, steht von Anfang bis Ende unter dem Vorzeichen der Subjektivität, denn in ihr verfolgen Menschen ihre Interessen, und Interessen sind subjektiv.

Der Marxismus nimmt gern für sich in Anspruch, den Sozialismus von einer Utopie zur Wissenschaft entwickelt zu haben. Sofern sich dieser Gedanke auf die Methode bezieht, ruht in ihm eine gewisse Wahrheit, und ich sage das eingedenk der Tatsache, daß weißgott nicht alles, was marxistisch daherkommt oder auch marxistisch ist, gleich wissenschaftlich genannt werden kann (es ist eine Eigenheit der marxistischen Tradition, gern “wissenschaftlich” anstelle von “politisch” zu sagen; das Theorem der Einheit von Wissenschaftlichkeit und Parteilichkeit ist an Dummheit wohl kaum zu überbieten; vielleicht ist es deswegen so irrsinnig beliebt bei denen, die von Wissenschaft keinen Schimmer haben). Was indes vom Übergang der Utopie zur Wissenschaft unbetroffen bleibt, ist das Ziel des Handelns, der eigentliche Grund der politischen Bewegung. Continue reading »

Jul 262009
 

Peter Hacks besaß eine erstaunliche Fähigkeit. Er konnte komplizierte Sachverhalte in Formeln auf den Punkt bringen. Diese Gabe verlor sich auch dann nicht, wenn die Formeln falsch waren. Ich bitte, richtig verstanden zu werden: In gewissem Sinn sind Formeln immer falsch, weil sie nicht genug Raum bieten, einen wirklichen Widerspruch und also einen wirklichen Zusammenhang auszudrücken. Selbst von den guten und treffenden Formeln gilt, daß sie immer eine andere Seite haben, der auch ein wenig Wahrheit anhaftet. Aber die Formel, von der wir hier reden, ist nicht nur insofern falsch, als sie einseitig ist, sondern sie ist falsch, weil sie falsch ist. Es gibt hierfür zwei Gründe, und den ersten der beiden will ich heute benennen (der zweite folgt in Teil III).

Das heißt, Hacks selbst hat ihn im Grunde schon einmal, und auch wieder hübsch formelhaft, benannt: Continue reading »

Jul 242009
 

Ich lese an Memoiren oder Biographien eigentlich nur solche, die spannende Persönlichkeiten betreffen. Von Leuten also wie Cäsar, Bismarck oder Ulbricht. Ich käme im Traum nicht auf die Idee, die Memoiren von Egon Krenz zu lesen. Auf ihn trifft nun wirklich, was Stefan Heym in einem seiner berüchtigten Amokurteile gleich über die ganze DDR sagte: er ist eine Fußnote in der Geschichte. Dabei fällt es durchaus schwer zu entscheiden, was hierfür eher den Ausschlag gibt, die historische Situation, in der Krenz nach oben gespült wurde, oder die Person Krenz. Es kann als kaum mehr als Zufall gewesen sein, der mich über eine Passage aus Krenzens jüngst erschienenen Gefängnis-Notizen stolpern machte:

Peter Hacks beschrieb vor einigen Jahren: „Diesem Land ist weggenommen worden ein schlechter Sozialismus und gegeben worden ein schlechter Kapitalis­mus“. Er glaube, dass die Leute lernen, dass der „schlechteste Sozialismus immer noch besser ist als der beste Kapitalismus.“ Hacks vertraut darauf, dass die Men­schen lernfähig sind. Er hat Recht behalten. Überdies haben die Ostdeutschen einen großen Vorteil: Sie haben zwei gesellschaftliche Systeme erlebt. Sie können verglei­chen.

Was für ein Absatz! Die Weltgeschichte applaudiert. Der Applaus ist unbeschreiblich laut und stürmisch. Ich habe also die Höflichkeit, einen weiteren Absatz zu warten, bis der Beifall versiegt. Man kommt bei dem Lärm ohnehin nicht zu Wort.

Nun, ein kurzer Absatz, er war so kurz wie der Beifall, und der war eben so kurz, wie er laut war. Er starb just in dem Moment, als man im Auditorium begann, über den Inhalt des Gesagten nachzudenken. Continue reading »

Jul 182009
 

Der Wert einer Gesellschaft läßt sich darin messen, wie sie mit ihren Werten umgeht, mithin darin, was sie für Werte erachtet. Werte sind nicht nur Zeichen, die sich auf Registrierkassen abbilden lassen. Ein Wert ist immer unersetzbar. Wäre er ersetzbar, wöge er nicht, was er wiegt. Denn nur, was kann, was kein anderes kann, verdient, Wert genannt zu werden. Werte erlangt man seltener, als man sie verteidigt. Jeder geschichtliche Abschnitt – der eine, mag sein, mehr als der andere – hat dem Schatz der Menschheit bisher Werte hinzufügen zu können. Und ein jeder hat mehr Werte von seinen Vorgängern übernommen, als er selbst hervorbrachte. Der vernunftgemäße Zustand der Menschheit ist daher die Verteidigung der Werte.

Die Gefahr, bereits gesicherte Werte zu verlieren, ist groß. Viel größer als man denkt. Es gibt viele Beispiele, an denen man das zeigen kann. Meines ist die Überlieferung literarischer Werte. Continue reading »

Jul 172009
 

Zwölf Meter im Quadrat, ein Laken, Wein
Und über uns das Weltall stürzt nicht ein.

endet eines seiner schönsten Gedichte. Man wünscht, die Welt wäre wirklich so. Aber das eben ist, was Kunst macht: sie macht uns wünschen. Und sei es nur Glück wünschen wie in diesem Fall dem Rainer Kirsch, einem großen Lyriker, der heute seinen 75. Geburtstag feiert.

Daß hinter dem Lyriker Kirsch auch immer ein Kopf steckte, der ebenso wichtige Gedanken aus seinem Dichten zog wie er auch sein Dichten gedanklich untermauerte, wurde oft übersehen. Zu oft. Vielleicht ist es das traurige Schicksal der Lyriker, daß niemand ihnen glaubt, daß sie hinter ihren Versen auch noch Gedanken haben. Es geistert beim Worte Lyriker im Common Sense weithin das Bild eines ganz naturwüchsigen Poeten um, der seine Dichtung eher intuitiv, ganz ungedanklich, ausschließlich im Affekt hervorbringt und der keiner anderen Reflexionen fähig ist als der allersubjektivsten. Das mag sicher auf die meisten der gegenwärtigen Lyriker treffen; ihre Gedichte sind ja dann auch entsprechend. – Auf Kirsch trifft es nicht.

Aus diesem Grund möchte ich den Anlaß des Jubiläums nicht mit einem Kirsch-Gedicht begehen, sondern mit einer theoretischen Reflexion, die Rainer Kirsch im Januar 1980 in einem Interview mit Rüdiger Bernhardt in die Welt gesetzt hat und von der ich meine, daß sie den klassischen Kunstgedanken auf makellose Weise zur Anschauung bringt: Continue reading »

Jul 142009
 

Es ist, wie es oft ist. Die Wirklichkeit mit ihrem Hang zu traurigen Angeboten stellt uns vor Alternativen, deren Abgeschmacktheit auch davon nicht verdeckt wird, daß in der Regel die eine der beiden Möglichkeiten etwas wählbarer ist als die andere. Die Religion, habe ich gestern gesagt, kann nur begriffen werden, wenn sie nicht gelehrt wird. Dasselbe gilt nun auch von der Ethik. Daß der Religionsunterricht heute allmählich durch den Ethikunterricht ersetzt wird und dieser Prozeß – hört es, Freunde in Bayern, und zittert – nicht aufzuhalten ist, mag vom Standpunkt der Gesittung ein Fortschritt sein; vom Standpunkt der Bildung ist es gehuppt wie gesprungen.

Das Thema der Ethik ist das menschliche Verhalten. Menschliches Verhalten kommt aus Gewohnheit. Gewohnheit kommt aus Praxis. Handlungen also sind es, die zu Haltungen führen. Wer anhaltend auf eine bestimmte Weise handelt, wird endlich ein auf diese Weise Beschaffener sein. Wer anhaltend fleißig ist, wird ein Fleißiger (indem Sinne, daß er den Fleiß als Haltung ausbildet und so von selbst fleißig ist). Dispositionen sind weder angeboren (wie Affekte) noch absolut (wie objektive Gegebenheiten). Was gut, schlecht, nützlich oder sinnlos ist, das lernt man nicht auf der Schulbank, sondern in der praktischen Erprobung der Ziele und Wege. Und der beste Ort, um das Leben zu proben, ist einmal das Leben.

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Jul 132009
 

Es gibt gute Gründe, Berlin zu verabscheuen. Zum Beispiel die Menschen, die dort leben. Es gibt aber auch gute Gründe, Berlin zu mögen. Zum Beispiel die Menschen, die dort leben. Ich weiß das genau, denn ich muß unter ihnen leben und habe so ihre merkwürdige Weise, diese Läppischkeit und Lebensgröße in einem, frei Haus. Berlin ist wohl der Ort in Deutschland, der das Provinzielle am gründlichsten aus sich ausgeschlossen hat, wobei das nicht heißt, daß er es vollständig verbannt hätte. Mein Lob ist, wie angedeutet, ein relatives Lob. Aber im Vergleich wird man glücklich. Man freut sich, daß man nur im kleinen Elend lebt und das größere an einem vorbeigegangen ist.

Es gibt hierfür unzählige Beispiele, und eines davon ist die Pro-Reli-Kampagne und die trockene Absage, die Berlin diesem anmaßenden Begehren erteilt hat. Bereits die Ausgangslage, das also, wogegen diese Kampagne zu Felde zog, macht den Unterschied zwischen Berlin und den meisten anderen Orten Deutschlands deutlich. In Berlin hat der Religionsunterricht nicht wie in vielen anderen Bundesländern den Rang eines regulären Pflichtfachs, von dem man Continue reading »

Jul 112009
 

Das Schöne an guten Gedanken ist, daß sie verräterisch sind und alle Elemente, die sie enthalten müssen, um gut zu sein, auch enthalten. Gute Gedanken sind nicht bestechlich, und sie können sich sogar gegen den richten, der sie ausspricht. Ein Jäger weiß, wovon ich rede: Selbst ein Blattschuß erzeugt einen Rückstoß. Ein guter Jäger aber ist einer, der auf solche Unannehmlichkeiten keine Rücksichten nimmt. Und für einen guten Gedanken würde ein guter Denker selbst seine Großmutter an den bösen Wolf verkaufen.

Sehr geschäftstüchtig in diesem Sinn ist Stuart Hall:

In jedem von uns steckt ein Stück eines dogmatischen Linken, das vor unserem Bewußtsein Grenzposten steht, bestimmte wesentliche, aber unbequeme Tatsachen aus unserem Gedächtnis streicht, bestimmte Fragen für indiskutabel erklärt, keinerlei Seitensprünge erlaubt und dazu beiträgt, bestimmte automatische und unhinterfragte Reflexe beizubehalten.

Was Hall hier dazu bringt, den linken Dogmatiker Continue reading »

Jul 092009
 

Folgenden Absatz habe ich mit eigenen Augen im Editorial der Präsentation des Dramen-Kanons von Marcel Reich-Ranicki gelesen:

Gelegentlich hört man, es sei nicht immer ganz leicht, ein Stück zu lesen. Denn der Autor, der doch im Theater die Hilfe eines Regisseurs, der Schauspieler und eines Bühnenbildners in Anspruch nimmt, appelliert beim lesenden Publikum stets an dessen Vorstellungsgabe. Das ist schon richtig, aber die hohe, die ganz große Freude bereitet immer jene Literatur, deren Lektüre auch etwas mühevoll ist. Ob wohl Hegel daran dachte, als er provozierend schrieb, das Drama sei »die höchste Stufe der Poesie und der Kunst überhaupt«?

Ich halte eigentlich Continue reading »