Die Eule der Minerva

Meinethalben dürfte sie gern auch tagsüber fliegen. Aber irgendwann muß sie ja schlafen, die Eule von Attika, und wenn sie schon schlafen muß, dann eben nicht in der Nacht, die ihr eigentliches Element ist. Die Aufgabe der Philosophie ist das Erkennen. Und politische Rücksichten stören beim Erkennen. Natürlich haben auch Erkenntnisse einen politischen Nutzen, aber dazu müssen sie erst einmal Erkenntnisse sein.

Ist es möglich, den Sinn der von Georg Wilhelm Friedrich Hegel am 25. Juni 1820 in die Welt geschleuderten Vorrede zu seinen “Grundlinien der Philosophie des Rechts” noch kürzer zusammzufassen? Kürzer nicht, aber besser: (weiterlesen…)

Der Blinde und die Farbe

Wer gestern auf der zweiten Peter-Hacks-Tagung einen Stuhl besetzt hielt, konnte eines merkwürdigen Schauspiels ansichtig werden: Er konnte sehen, wie ein Sehender unterläßt, einem Blinden zu erklären, was Farbe ist. Gut, mögen Sie sagen, been there, done that. Mag sein, entgegne ich. Aber was interessieren mich Ihre Erfahrungen? Hier geht es um die meinen. Doch der Reihe nach.

Die Peter-Hacks-Tagung ist eine Veranstaltung, deren vornehmes Ziel darin liegt, die Beschäftigung mit dem Dichter Hacks im akademischen Betrieb voranzutreiben, daß sie extensiver und intensiver werde. Für dieses große und schöne Vorhaben bereits sei ihr, d.h. ihren Veranstaltern, ein Dank ausgesprochen, der durch nichts zu mindern ist. Durch andere wissenschaftliche Leistungen, die neben der Peter-Hacks-Tagung vollbracht werden oder noch im Begriffe sind, in das Reich der Tatsachen zu treten, ebenso wenig wie durch all jene Schwierigkeiten und Abstriche, die die Umsetzung eines größeren Vorhabens wohl unvermeidlich mit sich bringt.

Ich lobe ungern. Das hat immer etwas Peinliches, und im übrigen passiert es nicht selten, daß man mit einem Lob den Gelobten überfordert oder auch unterfordert. Beides verdrießt, den Gelobten wie den Lobenden. Aber meine Pflicht zu tun, muß ich natürlich erwähnen, daß auf der gestrigen Peter-Hacks-Tagung sechs Vorträge zu hören waren, von denen einer (weiterlesen…)

Unterweisung in das Unlehrbare II

Es ist, wie es oft ist. Die Wirklichkeit mit ihrem Hang zu traurigen Angeboten stellt uns vor Alternativen, deren Abgeschmacktheit auch davon nicht verdeckt wird, daß in der Regel die eine der beiden Möglichkeiten etwas wählbarer ist als die andere. Die Religion, habe ich gestern gesagt, kann nur begriffen werden, wenn sie nicht gelehrt wird. Dasselbe gilt nun auch von der Ethik. Daß der Religionsunterricht heute allmählich durch den Ethikunterricht ersetzt wird und dieser Prozeß – hört es, Freunde in Bayern, und zittert – nicht aufzuhalten ist, mag vom Standpunkt der Gesittung ein Fortschritt sein; vom Standpunkt der Bildung ist es gehuppt wie gesprungen.

Das Thema der Ethik ist das menschliche Verhalten. Menschliches Verhalten kommt aus Gewohnheit. Gewohnheit kommt aus Praxis. Handlungen also sind es, die zu Haltungen führen. Wer anhaltend auf eine bestimmte Weise handelt, wird endlich ein auf diese Weise Beschaffener sein. Wer anhaltend fleißig ist, wird ein Fleißiger (indem Sinne, daß er den Fleiß als Haltung ausbildet und so von selbst fleißig ist). Dispositionen sind weder angeboren (wie Affekte) noch absolut (wie objektive Gegebenheiten). Was gut, schlecht, nützlich oder sinnlos ist, das lernt man nicht auf der Schulbank, sondern in der praktischen Erprobung der Ziele und Wege. Und der beste Ort, um das Leben zu proben, ist einmal das Leben.

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Unterweisung in das Unlehrbare I

Es gibt gute Gründe, Berlin zu verabscheuen. Zum Beispiel die Menschen, die dort leben. Es gibt aber auch gute Gründe, Berlin zu mögen. Zum Beispiel die Menschen, die dort leben. Ich weiß das genau, denn ich muß unter ihnen leben und habe so ihre merkwürdige Weise, diese Läppischkeit und Lebensgröße in einem, frei Haus. Berlin ist wohl der Ort in Deutschland, der das Provinzielle am gründlichsten aus sich ausgeschlossen hat, wobei das nicht heißt, daß er es vollständig verbannt hätte. Mein Lob ist, wie angedeutet, ein relatives Lob. Aber im Vergleich wird man glücklich. Man freut sich, daß man nur im kleinen Elend lebt und das größere an einem vorbeigegangen ist.

Es gibt hierfür unzählige Beispiele, und eines davon ist die Pro-Reli-Kampagne und die trockene Absage, die Berlin diesem anmaßenden Begehren erteilt hat. Bereits die Ausgangslage, das also, wogegen diese Kampagne zu Felde zog, macht den Unterschied zwischen Berlin und den meisten anderen Orten Deutschlands deutlich. In Berlin hat der Religionsunterricht nicht wie in vielen anderen Bundesländern den Rang eines regulären Pflichtfachs, von dem man (weiterlesen…)

Über das Unendliche II

Ein anderer Sinn, in dem sich das Unendliche verstehen läßt, ist der, daß die Dinge auch etwas wie eine Unendlichkeit im Endlichen besitzen. Es ist aber, wie sogleich festgehalten sei, eher eine praktische Unendlichkeit denn eine theoretische.

Unendlichkeit im Endlichen, das bedeutet: ein endliches Ding teilt sich genau genommen nicht in Definition und Akzidens, also in sein Wesentliches und Unwesentliches. Streng genommen gibt es an ihm nichts Unwesentliches. Alles, was an ihm ist, trägt zu seinem besonderen Charakter bei. Hierzu zählen neben seinen immanenten Eigenheiten auch die Beziehungen, die das Ding zu anderen Dingen eingeht. Hierzu zählen sogar die unzähligen nicht erfaßbaren Möglichkeiten, die an ihm unrealisiert blieben; denn alle Möglichkeiten eines Dings (weiterlesen…)

Über das Unendliche I

Der Professor Lesch betont immer, daß wir nur Innenarchitektur des Universums betreiben können. Wir können, soll das heißen, weder wissen, was zeitlich vor der Entstehung desselben passiert ist, noch können wir wissen, was räumlich außerhalb desselben ist. Denn bezogen auf das Universum gibt es ein Vor und ein Außerhalb in unserem zeitlich-räumlichen Sinne nicht. Das Universum, will das wohl sagen, ist nicht unendlich.

Wenn Philosophen allerdings von Unendlichkeit sprechen, meinen sie etwas anderes als die Physiker. Physiker wissen viel über die Natur; von der Welt verstehen sie wenig. Der höchste Begriff vom Sein fordert Totalität, d.h.: die Welt als solche läßt sich nur als Einheit denken. Totalität, wenn sie auf das Sein bezogen ist, besitzt aber (weiterlesen…)

Probieren oder Studieren?

Jeder Mensch, ob er will oder nicht, muß sich ein Bild von der Welt machen. Jedes Bild, ob sein Schöpfer es will oder nicht, behauptet eine Einheit. Wir können die Welt nur als Einheit auffassen, wie verschiedenartig immer die Strukturen sein mögen, die wir innerhalb des Bildes zulassen. Die Weltbilder unterscheiden sich nicht darin, daß sie eine Einheit der Welt behaupten oder nicht, sondern allein dadurch, wie weit die in ihnen behauptete Einheit der Wirklichkeit gerecht wird.

Es ist natürlich, daß man nicht mit ausgereiften Modellen debütieren kann. Jeder Gedanke bedarf der Probe. Ein Weltbild, da es aus vielen Gedanken besteht, bedarf vieler Proben. Es wird sich, will es den Geistesstand seines Schöpfers verkörpern, im Laufe dieser Proben an vielen Stellen ändern müssen. Diese Änderungen (weiterlesen…)

Drei Definitionen des Menschlichen

Die Frage, ob in der Philosophie Entwicklung, d.h. Bewegung im Sinne eines Ganges vom Niederen zu Höhern, stattfindet, dürfte wohl kaum eine sein, auf deren Beantwortung sich die Menschen einmal werden einigen können. Es gibt gute Gründe, sie mit ja zu beantworten, und es gibt gute Gründe, ihre endgültige Beantwortung vielleicht noch etwas auszusetzen. Und es gibt gute Gründe anzunehmen, daß dieses Noch eines von Dauer und also eigentlich nur ein vermeintliches Noch ist (denn ein Noch, das immer gilt, verliert seine Geltung). Sicher zumindest scheint, daß, wenn Entwicklung in der Philosophie statthat, sie von anderer Art ist als die naturwissenschaftlich-technische, die weitgehend linear verläuft, und auch anders als die gesellschaftliche, die über Negationen vermittelt ist, doch über größere Zeiträume hinweg – zumindest bis dato – stets noch Verbesserung der menschlichen Lebenslage bewirkt hat. Die Philosophie dagegen setzt vielmehr in längeren Abständen ihre Highlights und scheint in den Zwischenzeiten vorzüglich damit beschäftigt zu sein, gegen diese Gipfelpunkte zu rebellieren, vulgo: sich zum Esel zu machen. (weiterlesen…)

Die Trägheit des Stoffs

Ein jedes Lehrbuch über das Tanzen sollte so beginnen: Der menschliche Körper ist das größte Hindernis beim Tanzen.

In der Weltgeschichte wieder müßte man sagen: Was dem Menschen bei der Durchsetzung seiner Interessen im Wege steht, das sind vor allem die menschlichen Interessen.

Überhaupt aber gilt: Schuld hat immer die Materie.

Materie ist der Inbegriff des Daseins, und das Dasein hat an sich, daß es auch im günstigsten Fall nicht so vollkommen sein kann, wie es sich ideell denken läßt. Leibniz hat darüber ein dickes Buch geschrieben: (weiterlesen…)

Es dämmert …

Als aber die frühgeborene erschien, die rosenfingrige Eos …

Aller Anfang ist schwer, heißt es, und müßte doch heißen: Aller Anfang ist falsch. Der Anfang ist eine widersinnige Sache, in der gesetzt wird, was doch erst späterhin erlangt werden kann. Vielleicht war es dieser Gedanke, der Parmenides zu jenem Ausspruch brachte, wonach dorthin, von wo aus er anfange, er jedenfalls auch wieder zurückkehren werde. Fasse ich spätere Philosophen ins Auge, die ebenfalls die Frage nach dem Anfang gestellt haben – Aristoteles etwa, Kant und Hegel – so sehe ich, daß auch sie es darin nicht viel weiter gebracht haben als Parmenides. Mag sein, sie haben die Frage bereichert; die Antwort nicht. (weiterlesen…)