Sep 092016
 

»Pride« spielt im Gestern und handelt von heute

(keine Rezension)

Man kann »Pride«, diese sehr britische Komödie, nicht sehen, ohne sich in manchen Momenten enerviert im Sessel hin und her zu wälzen. Man möchte auf Pause drücken, lässt es doch, füllt Whisky nach und schaut kopfschüttelnd weiter. Und einen Moment später schafft der Film spielend, einem die Tränen in die Augen zu treiben. Weils so schön ist, und so traurig. Und gelungen. Obwohl er kitschig ist und naiv, weil er kitschig ist und naiv. Ich rede also von einem wirkungsvollen Stück Kino. Da der Plot ohne Naivität nicht funktionieren könnte und der Film andernfalls Gefahr liefe, in gnadenlos verlaberten, analytisch aufgepumpten Szenen zu ertrinken, tut er gut daran, diese Naivität auch gleich hemmungslos einzusetzen. Continue reading »

Aug 242016
 

Ein Gespenst geht um in Europa. Es trägt eine Burka. Alle Mächte des alten Europa, geistige und materielle, haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet. Und das ist auch gut so.

(1) Offenbar gibt es keine zwei Meinungen bezüglich der Burka selbst. Der Streit geht lediglich um die Frage, wie das, was man nur ablehnen kann, gesellschaftlich zu behandeln ist. Soll man die Burka einfach hinnehmen oder ihr Zeit geben, durch gesellschaftliche Emanzipation zu verschwinden, oder auf Geduld und Aufklärung setzen oder meint man, vor allem mittels gesetzlicher Restriktion das Problem eindämmen zu können. Zwischen diesen Ansätzen etwa bewegen sich die vorgetragenen Ansichten. Kaum jemand kritisiert das angeregte Verbot, weil er die Burka selbst als Wert sähe. Continue reading »

Aug 072015
 

Darf man Israelkritiker kritisieren? Bequeme Argumente für empfindliche Seelen

Es gibt Gedichte, die ersetzen ganze Abhandlungen. So eines von Wiglaf Droste: »Ich höre sie jammern, sie dürften als Deutsche/ In Deutschland nichts gegen Israel sagen.// Das dürfen sie aber, es tun auch fast alle,/ Und können dann nicht mal ein Echo vertragen.« Unfreunde des israelischen Staates müssen jetzt tapfer sein. Wir werden auch heute den Nahostkonflikt nicht klären können. Der Blick sei vielmehr gerichtet auf ein geläufiges Diskursverhalten, von dem ich meine, dass es nicht an den Tag legen kann, wer sich mit Fug gewisse Vorwürfe verbitten will. Continue reading »

Jul 282015
 

»Der Antisemitismus ist nicht der Stein, der gefunden werden muss. Er ist das Wasser, das sich um den Stein legt. Er nimmt jeweils die Form an, die von seiner zeitlichen und örtlichen Umgebung begünstigt wird. Sucht man nach seiner Form, wird man immer den synchronen Abdruck von besonderen gesellschaftlichen Situationen erhalten. Sucht man nach seinem Wesen, wird er seltsam formlos, was seine Bestimmung zu einem unerfreulichen Vorgang macht. Unerfreulich, aber nicht unmöglich.«

Das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus Leipzig organisierte von April bis Juli 2015 eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel »Die Feinde Israels«. Bartels las dort am 21. April 2015 Auszüge aus »Nahost! Nahost! oder Zur Romantik des Weltfriedens«: Continue reading »

Mai 302015
 

Was wäre, wenn plötzlich alle BWL studierten?

Filipp Piatov hat einen Traum

Es gibt Menschen, die gewohnheitsmäßig ihre Probleme zu Problemen von anderen machen. Säuglinge gehören unbedingt in diese Gruppe. Säuglinge und unerfreulich viele Journalisten. Der bald erwachsene Filipp Piatov z.B. hat in der Welt eine Denkschrift gegen das Studieren von Geisteswissenschaften hinterlassen.[1] Sein Vortrag hat den Charme einer Registrierkasse, und die Motivation bleibt kaum verborgen. »Jahrelang musste ich mir anhören«, erläutert der Autor auf Facebook, »wie spießig mein BWL-Studium doch ist.« Darf man sich vorstellen, wie er auf sprudelnden Festen abseits stand, indessen andere seines Alters mit Plänen zum ersten Roman oder geistreichen Exkursen punkten? Darf man bei dem Satz »Das Studium ist kein Selbstfindungstrip« an das szenische Bedauern von Funny van Dannens Anita denken, an den Hohn des Aufsteigers? Wie meistens versäumt Piatov auch in diesem Text nicht, darauf hinzuweisen, daß er Kind von Einwanderen ist. Jeder trägt einen Mythos über sich spazieren, der das eigene Trachten untermauert. Und gerade demjenigen, der sich schwer tut, sein Trachten in theoretische Form zu bringen, hilft es, wenn er das, was er vertritt, wenigstens verkörpert. Piatovs Biographie soll mitteilen: Deutschland ist ein kerngesundes Land; hier kann jeder Tüchtige Erfolg haben. Und kein Zweifel, daß die eigenen Entscheidungen unbedingt auch jedermanns Entscheidungen sein müssen. Continue reading »

Feb 242015
 

Menschen, die mit dem Unterleib denken, gibt es gar nicht so wenige. Da ist nämlich kein günstigerer Nährboden für politische Irrationalität als das Gefühl der Ohnmacht, und ohnmächtig samma alle. Deshalb sind es so viele – und so viele aus der weiß-nichts-kann-nichts-Abteilung. Muss man sich mit ihnen beschäftigen? Nun sicher, es gibt Wichtigeres. Das Weltall zum Beispiel. Doch wenn sie auch nichts zu sagen haben, sie haben dauernd das Wort, und wer redet, hat Macht. Das Problem dabei ist, dass man sich im Verfolgen von Unterleibsgedanken stets vorkommt, als schnüffle man an einer Unterhose. Man fühlt sich wie ein Belästiger, also belästigt. Continue reading »

Dez 062014
 

Über die Gereiztheit des Zoophagen

Die wörtliche Übersetzung von Dioskuren lautet: die Boys von Zeus. M&M wiederum heißt nicht, wie es müsste, Maxeiner & Maxzweier, sondern Maxeiner & Miersch. Der autoritäre Liberalismus ist noch jung und gerade erst dabei, seine Folklore zu entwickeln. Ich bin mir sicher, dass man dereinst, wie heute schon in den MEW, in den MMW blättern wird, und irgendwann im Nachlass mag wohl ein fleißiger Adlatus das unveröffentlichte Vorwort zu einem veröffentlichten Buch entdecken, worin Maxeiner über Miersch oder Miersch über Maxeiner schreibt: »Er war das Genie, wir anderen allenfalls Talente.« Continue reading »

Nov 092014
 

Das geläufige Argument manifester Antizionisten, daß die Juden infolge der Diaspora kein Volk seien und daher nie einen Anspruch auf ein eigenes Land hätten erheben dürfen, sollte in der nachvollziehbaren Absicht, diesem zweckgebunden und willkürlichen Diktum etwas entgegenzusetzen, nicht reproduziert werden. Das geschieht aber dort, wo vom erfundenen Volk der Palästinenser geredet wird. Richtig ist, darauf hinzuweisen, daß die Verwandlung der Araber in die Palästinenser Ende der sechziger Jahre ein doppelter Propagandakniff Arafats war. Erstens sollte die arabische Bevölkerungsgruppe mit der Region verschmolzen werden, indem nicht mehr zwischen Juden und Arabern in Palästina, sondern zwischen Palästinensern und Juden in Palästina unterschieden wurde. Bereits im Namen also wurde der Vorrang beim Anspruch aufs Land kenntlich gemacht. Zweitens ging es darum, die palästinensischen Araber östlich des Jordans, die ihren eigenen Nationalstaat schon 1923 (und zwar fast 80% des ursprünglichen Mandatsgebietes) erhalten hatten, von denen westlich des Jordans zu trennen, weil sich natürlich Terror im Namen eines Volks, das nach wie vor Continue reading »

Okt 152014
 

Ich habe Enzensbergers »Schreckens Männer« gelesen. Er versucht, einen begrifflichen Zusammenhang zwischen dem westeuropäischen Amokläufer und dem islamistischen Attentäter herzustellen und findet den in der Figur des radikalen Verlierers. Das ist weder besonders neu (auch 2005 nicht, als der Essay erschien) noch gut ausgeführt. Der Text ist, ehrlich zu sein, erstaunlich schlecht organisiert und bleibt weit hinter dem Niveau der glanzvollen Stücke in Sammlungen wie »Mittelmaß und Wahn« oder »Politische Brosamen« zurück. Natürlich ist Enzensberger immer etwas brillant, seine Stärke von jeher, Psychologisches anschaulich zu machen; er kann Theorie konkret erzählen. Und das funktioniert auch dann gut, wenn es auf der begrifflichen Ebene nicht funktioniert. Continue reading »

Aug 182014
 

Gelegentlich trifft man dann doch einen, der sich genauso aufführt, wie passionierte Antizionisten es von ihren Feinden insgesamt behaupten. Jennifer Nathalie Pyka nämlich, unbeirrbare Aktivistin der Springerjugend, die ihren Blog unter dem aufschlußreichen Titel »Ahnungslosigkeit trifft Größenwahn« betreibt, hat eine nicht minder engagierte Anna Neubert ausfindig gemacht, die ihr Leben damit verbringt, Juden zum Christentum zu bekehren. Das ist in der Tat ein merkwürdiges Hobby, und jemand, der ihm nachgeht, hätte kaum Anspruch, zum Kreise der Ungestörten gezählt zu werden. Was Pyka dazu einfällt, ist allerdings dies: Continue reading »

Aug 052014
 

Es war der 16. Februar 2011. Koscielny fängt einen diagonalen Paß von Messi an der Strafraumgrenze ab, legt ihn, während Barca nicht energisch genug auf den Umschaltmoment reagiert, nach außen auf Bendtner, der, für Walcott ins Spiel gekommen, weit zurückgezogen steht. Bendtner bringt sich mit wenigen Schritten zu den zentral stehenden Wilshere und Fabregas in eine Dreiecksstellung, die vier kompakt stehende Barcaspieler einschließt, die nun umspielt werden können, gibt einen schnellen horizontalen Paß auf Wilshere, der den Ball mit einer Berührung noch schneller und vertikal auf Fabregas weiterleitet. Der nimmt den Ball in einer Bewegung um 180° mit und spielt einen flachen Paß nach vorn auf den 30 bis 40 Meter vorausgelaufenen Nasri. Die Abwehr Barcelonas ist in nicht mehr als fünf Sekunden überbrückt, ohne daß der Ball den Boden verlassen hätte; lediglich eine Dreiereihe kann Nasri folgen, der keine Mühe hat, in deren Rücken zu spielen, wo Ashavin heranläuft und mit einem ansehnlich gezirkelten Schuß zum 2:1 abschließt. Solche Szenen Continue reading »

Jul 312014
 

Er sitzt und spricht. Fernsehkritik

Der Todenhöfer Jürgen, beständiger Gast in deutschen Talkshows, weil man ja nicht nur Experten einladen kann, sondern auch einen braucht, der das Sentiment bedient und den Authentizitätsfimmel der Marke »Ich war selbst da, habe es mit eigenen Augen gesehen« (und wenn ich ein wenig übertreibe, dann nicht, um Sie zu manipulieren, sondern um den armen Menschen dort eine Hilfe zu sein), der reaktionäre Einpeitscher[1] also, der sich in jeder Sekunde seiner weltpolitischen Bedeutung bewusst und trotzdem immer bescheiden geblieben ist, hatte gestern bei Anne Will[2] einen Traum, wie Gandhi, oder war es Martin Luther King? Mandela? Pol Pot? Egal. 1,8 Millionen Menschen gehen friedlich zur Grenze, ohne Waffen, mit Fahnen, auf denen »Freiheit« steht.

Und was dann? Topfschlagen? Gruppensex? Gemeinsame Koranlektüre? Continue reading »

Jul 302014
 

Niemand ist friedlich. Man kann im Sittlichen nichts tun, erwägen oder unterlassen, das nicht ihm, ihm oder dem da auf die Nerven fallen wird. Schon dadurch, daß wir sind, beleidigen wir, weil jede Haltung, die man irgend einnehmen kann, ihr Gegenteil und damit ihre unversöhnlichen Feinde hat. Den wahrhaft Durchgeknallten erkennt man daran, daß er im besten Glauben betont, wie friedlich er ist. Er tut das unablässig und besonders gern vor dem je nächsten Wutausbruch. Das zwanghafte Versichern, daß man bei all dem Gekeile dennoch den Frieden im Herzen trage, hat etwas von prospektiver Selbstentlastung. Man betont, wie man wäre, wenn nichts wäre. Man ist der friedlichste Mensch der Welt, solange man außer der Welt ist. Continue reading »

Jul 252014
 

 

erstes Kapitel aus: Odysseus wär zu Haus geblieben. Schutzschrift mit Anhang, Berlin (Aurora) 2015. – Erstmals öffentlich gelesen am 15. Juli 2014 in Bonn, Referat für Politische Bildung, Asta der Uni Bonn.

 

Ein Hessel Buntes

Die Welt in Steno

Thales im Brunnen

The Wizard in Front of the Curtain

Die Sehnsucht des Seemanns

Ein Beitrag zur unkritischen Theorie

24. Gesang

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Jul 162014
 

Bei Fußballkommentatoren werde ich immer traurig. Es gibt wohl keinen Berufsstand, dessen Vertreter so durchgehend Ablehnung erfahren. Sogar Investmentbankern, sogar Anwälten, sogar den jeweiligen Vorsitzenden der Grünen wird wenigstens punktuell etwas Unterstützung zuteil.

Natürlich sind sie alle Schmocks. Und natürlich wird man sich darauf einigen können, daß es auch in diesem Berufsstand ein Besser und Schlechter gibt. Daß Bela Rethy vielleicht doch etwas erträglicher ist als der zwanghaft parteiliche Tom Bartels. Oder daß die Inkompetenz eines Thomas Herrmann unerreicht ist, weshalb dieser Berufshysteriker völlig zu Recht beim Spartensender Sport1 sein Dasein fristet. Oder daß man, vor die Wahl zwischen Continue reading »