Feb 052014
 

Klassik, durchaus ein historisches Phänomen, ist zugleich eine Art, die Welt zu begreifen, und daher über ihr Vorhandensein hinaus maßgeblich. Es bedarf nicht notwendig einer klassischen Lage oder der Herstellung klassischer Kunstwerke, um die Idee der Klassik, in Gestalt des klassischen Denkens nämlich, zu erhalten. Klassik zeugt sich fort im Urteil, was ja auch eine Art des Betreibens ist.

Die Elemente der Klassik sind bekannt: Affirmation, Aufhebung der Tradition, Idealismus und Vermittlung. Das klassische Denken ist affirmativ in dem Sinne, daß es nicht bei der Verneinung des Üblen stehenbleibt, sondern Negationen als bestimmte setzt, und nur in der konkreten Entgegensetzung Zufriedenheit erhält. Es bricht daher auf eine Weise mit der Tradition, die zugleich eine Art Fortsetzung derselben ist. Sein Zugriff auf die Welt ist spekulativ, und es glaubt an die Möglichkeit, mittels Continue reading »

Okt 192013
 

Ich habe nichts gegen die Linke. Ich habe vielleicht was gegen die Linken. So genau weiß ich das nicht. Ich bin ja selbst einer, aber ein genervter. Die Linken, finde ich, dürften ruhig etwas linker sein. Ihr eigentümlicher Mangel – die Unfähigkeit, mit dem Bestehenden zurechtzukommen – hat sich in ein penetrantes Arrangement mit den plattesten Umständen der Gegenwart gewandelt, doch sie wären keine Linken, wenn nicht selbst dieser bedingungslose Pragmatismus noch auf ganz dogmatische Weise vollzögen würde. Continue reading »

Aug 292013
 

Thieles gestriger FAZ-Artikel, in dem er mich und andere über-, unter- oder beiordnet, hat mich von der Arbeit abgehalten. Ich denke, da stimmt was nicht. Er teilt, es zusammenzufassen, die Zeitgenossen, die sich positiv auf Hacks beziehen, in drei Gruppen ein: Imitatoren, Dogmatiker und Denkende. Imitatoren, die einen bloß intuitiven Zugang zu Hacks haben und allein an der poetischen oder weltlichen Haltung des Dichters interessiert sind; Dogmatiker, die den reinen, den wahren Hacks gleich einer Säule in die Landschaft stellen und ihn gegen jegliche Anwürfe von außen verteidigen; und Denkende, die die affirmative Aneignung des Dichters durchlaufen haben, doch über ihn hinausgegangen sind. Modelle müssen ja gar nicht bis ins letzte stimmen, aber sie sollten arbeitsfähig sein. Thieles Einteilung ist in sich stimmig, büßt aber bei der Reichweite. Continue reading »

Mai 242013
 

In jeder Familie gibt es eine Tante, die die Feiern mit sich und ihrem hysterischen Narzißmus vollmacht. Sie verteilt staubige Kekse und dünkt sich darob als Wohltäterin, obwohl keiner die essen will und Zuneigung als Gegengabe verlangt ist. Sie hält sich, gleichsam emotionaler Scheitelpunkt und moralischer Taktgeber, für das Herzstück der Sippe und will unablässig alle in bierzeltselige Eintracht miteinander bringen, ohne zu bemerken, daß sie selbst die triftigste Ursache für den sich fortsetzenden Unfrieden ist. Wir alle haben so eine Tante; sie heißt Martha, Gertrud oder Günter. Wir alle Continue reading »

Nov 292012
 

Kriegszeit im Nahen Osten ist Zeit für Gefühle. Hier fast noch mehr als daselbst. Europa ist ein Irrenhaus, worin man den Nahostkonflikt nicht einfach behandelt, sondern an ihm nachweist, wer man ist. Worin man sich nicht einfach den Kopf über seine Lösung zerbricht, sondern ihn darin als Gradmesser des Weltfriedens gleichsam neu erfindet. Das ist so krank, wie es sich anhört. Wofern nicht bereits das übermäßige Interesse an diesem Komplex verdächtig sein sollte, mag doch wenigstens die Zwanghaftigkeit, mit der die Bekenntnisse vorgebracht werden, nachdenklich machen. Bekenntnisse kosten, anders als Argumente, gar nichts. Was keinen Preis hat, hat vermutlich auch keinen Wert. Die populärste Form, Israel und seine Lage zu kommentieren, ist das Bekenntnis. Es fällt, zugegeben, einigermaßen schwer, zwischen IDF-Kitsch und Palästina-Folklore etwas Haltung zu bewahren. Das Ausstellen von Wimpeln und Symbolen ist – wie das Herumziehen in Gruppen – ein Zeichen intellektueller Unsicherheit, obgleich sich auch Brüder von der ausgeschlafenen Fraktion gelegentlich dazu hinreißen lassen, eine Fahne zu schwenken, und sei es nur – wie sie sich selbst versichernd einreden – zur Provokation. But stupid is as stupid does. Continue reading »

Aug 222012
 

Wenn Familien Kaffee kochen:

Erledigendes zur Partei Die Linke

Über die PDS hat schon Steve McQueen das Nötige mitgeteilt: Es habe da einen Mann gegeben, der durch die Wüste ritt und sich plötzlich nackt auszog, um auf einen Kaktus zu springen. Befragt, warum er das getan habe, antwortete er, er habe das damals für eine prima Idee gehalten. Vermutlich hat Gregor Gysi es tatsächlich für eine gute Idee gehalten, seinen Verein mit der WASG fusionieren zu lassen. Im Westen würde man, das war abzusehen, kurz- bis mittelfristig nicht Fuß fassen können. Den Status einer Regionalpartei galt es zu brechen, und das schien mit den vom Westen kommenden Fragmenten der Sozialbewegung möglich. Also vollzog man 17 Jahre nach der feindlichen Übernahme der DDR durch die BRD denselben Vorgang noch einmal im Kleinen. Heute sieht die PDS, aufgegangen in der PDL und darin von schwächeren, aber durch Anzahl überlegenen Westverbänden unterworfen, in ein schwarzes Loch, das sie ihre Zukunft nennt. Die Umfragen im Westen sind auf den alten Stand zurückgegangen, doch dafür hat man nun die Pest an Bord: friedensbewegte Altlinke, Gewerkschaftler und Trotzkisten. Der Parteitag von Göttingen[1] wäre eine gute Gelegenheit gewesen, sich zu trennen. Allein, wozu? Continue reading »

Jun 152012
 

Dulden muß der Mensch, sagt Shakespeare, aber er hätte ruhig hinzufügen können, daß für gewöhnlich gerade diejenigen, die am meisten der Duldung bedürfen, selbst am wenigsten duldsam sind. Gelassenheit ermöglicht sich leichter von oben, und ganz folgerichtig existiert zwar das Wort Giftzwerg, nicht aber das Wort Giftriese. Der Feuilletonist & Discjockey Reinhard Jellen z.B. ist auch so einer, um dessentwillen die moderne Logik nicht hätte erfunden werden müssen, da bei ihm der Existenzquantor und das Prädikat Giften schlechthin in eins fallen. Nur, wenn er giftet, lebt er, und solange er lebt, wird er giften. Das Resultat fühlt sich denn auch danach an. Die eitle Esoterik, mit der Jellen als Rezensent bzw. Verfasser seiner Wochenendkolumne in der jungen Welt auftritt, seine penetrant belehrende Unduldsamkeit gegen alles, was er nicht gleich versteht, sein intellektualistisches Gegockel, das den Continue reading »

Okt 222011
 

Günter Grass hat ein Problem

Unfähigkeit ist ein furchtbarer Antrieb
Peter Hacks

Theorien, die von Stalin in die Welt gesetzt wurden, tragen am Schicksal, schon deswegen als falsch zu gelten, weil es Stalin war, der sie in die Welt gesetzt hat. So wenig fair es ist, eine Theorie für ihren Urheber büßen zu lassen, doch die These vom Sozialfaschismus ereilte ein noch tragischeres Los: Vom Rest der Welt wird sie abgelehnt, da sie von Stalin stammt; von den Stalinisten wird sie abgelehnt, weil Stalin ab 1935 den braven Dimitroff die theoretisch unsinnige, aber politisch opportune Einheitsfrontthese an die Stelle der alten Theorie setzen ließ. Obgleich aber die Sozialfaschismusthese nicht abgelehnt wird, weil sie falsch ist, ist sie falsch. Sie reicht nicht hin, den Faschismus theoretisch zu erfassen. Nicht nur, weil sie mit einem unvollständigen Begriff arbeitet, sie behauptet auch hinter dem Treiben der Weimarer Republik ein konzertiertes Vorgehen, das offenkundig nie vorlag. Continue reading »

Jul 112011
 

Antiimperialismus und Judenhass

 

»… laßt uns Kerzchen anzünden für die Verarschten und Ausgebluteten, die mit uns sonst nichts weiter zu tun haben, als daß wir sie erlösen wollen, laßt uns ganz viel davon reden, wie die ›westliche Kultur‹ die ›anderen Kulturen‹ unterdrückt und ausbeutet, die irgendwie unschuldiger, erdnaher, niedlicher sind, von so ein bißchen Klitorisrausschneiden, Steinigen und Frauen-in-den-Sack-Stecken mal abgesehen. Mit Sitting Bull, Geronimo und den Taliban gegen Thomas Jefferson, so stellen die sich das vor.«

Dietmar Dath

 

Von allen verrückten Schnurren mitteleuropäischer Nahostfolklore weiß ich eine verrückteste. Es kann keine fünf Jahre her sein – vielleicht war es kurz nach dem Krieg im Libanon –, da schrieb mir einer, mit dem ich bis dahin bekannt war, folgenden Gedankengang nieder: Ohne Antisemitismus könne Israel nicht existieren, weshalb er von den Zionisten nicht bekämpft, sondern nach Kräften gefördert werde; die Abschaffung des Staates Israel sei folglich die Voraussetzung für die Abschaffung des Antisemitismus. Der das schrieb, war offenkundig kein Logiker, aber auch kein Nazi. Er war ein Linker, zumindest im Selbstverständnis. Ich danke dem Vorfall eine wichtige Erkenntnis, auf die ich am Ende zurückkommen werde. Auf den Brief damals habe ich nicht mehr erwidert. Mit Antisemiten diskutiert man nicht, man bekämpft sie. Und wenn man, wie ich, das Kämpfen nicht gelernt hat, dann schreibt man ihnen dennoch nicht, sondern bestenfalls über sie. Continue reading »

Sep 262009
 

Diese Sorte Artenschutz haben nicht nur DIE GRÜNEN im Programm. Mich läßt das kalt. Es gibt Tiere, die braucht kein Mensch: Mammuts z.B. oder Delphine. Und Wahlen, die braucht nun wirklich niemand; und diejenigen, die wählen gehen, die am allerwenigsten. (Falls Sie übrigens glauben, daß das, was einer braucht, und das, was einer denkt, daß er es braucht, ohne weiteres identisch ist, lesen Sie ruhig einmal das Polos-Gespräch in Platons Gorgias.)

Von meinem Recht, an den Wahlen dieses Landes nicht teilzunehmen, mache ich seit Perioden unerträglicher Regierungen Gebrauch, nicht erst seit der gegenwärtigen. Und ich lebe gut damit. Es lebt sich einmal besser, wenn man von dem Kakao, durch den man gezogen wird, nicht auch noch trinkt. Ich nenne es nicht nicht wählen, ich nenne es nichtwählen. Sie gehen morgen wählen? Gut, ich gehe nichtwählen. Continue reading »

Jul 282009
 

I. Einleitung

Die Versuchung, »Die Gräfin Pappel«[1] autobiographisch zu lesen, ist groß. Wenn ihr im folgenden widerstanden werden soll, dann nicht schlechthin, sondern in einer bestimmten Hinsicht. Die »Gräfin Pappel« ist kein Schlüsselroman, sie ist, was mehr ist, ein Märchen. Zwar: Sie wurde 1992, also in der letzten Lebensphase ihres Verfassers gedichtet, und die Lebensgeschichte ihres Helden weist in der Tat zu viele Parallelen zur Lebensgeschichte ihres Verfassers auf, als daß man das Autobiographische bei einer Deutung außer acht lassen könnte: Wie Philibert hat Peter Hacks in jungen Jahren die Welt, in der er aufwuchs, verlassen, wie diesem wurde ihm die Welt, in die er fortging, zerstört, wie dieser weigerte er sich, nach der Zerstörung seiner Wahlheimat in der neuen, d.h. in der alten Welt anzukommen. Die Fabel, könnte man meinen, bildet eins zu eins die Biographie des Dichters Peter Hacks ab. Und auch in den Einzelheiten findet sich Continue reading »

Jul 242009
 

Ich lese an Memoiren oder Biographien eigentlich nur solche, die spannende Persönlichkeiten betreffen. Von Leuten also wie Cäsar, Bismarck oder Ulbricht. Ich käme nicht auf die Idee, die Memoiren von Egon Krenz zu lesen. Auf ihn trifft nun wirklich, was Stefan Heym in einem seiner berüchtigten Amokurteile gleich über die ganze DDR sagte: Er ist eine Fußnote in der Geschichte. Dabei fällt es durchaus schwer zu entscheiden, was hierfür eher den Ausschlag gibt, die historische Situation, in der Krenz nach oben gespült wurde, oder die Person Krenz. Es kann als kaum mehr als Zufall gewesen sein, der mich über eine Passage aus Krenzens jüngst erschienenen Gefängnis-Notizen stolpern machte: Continue reading »

Jul 112009
 

Das Schöne an guten Gedanken ist, daß sie verräterisch sind und alle Elemente, die sie enthalten müssen, um gut zu sein, auch enthalten. Gute Gedanken sind nicht bestechlich, und sie können sich sogar gegen den richten, der sie ausspricht. Ein Jäger weiß, wovon ich rede: Selbst ein Blattschuß erzeugt einen Rückstoß. Ein guter Jäger aber ist einer, der auf solche Unannehmlichkeiten keine Rücksichten nimmt. Und für einen guten Gedanken würde ein guter Denker selbst seine Großmutter an den bösen Wolf verkaufen.

Sehr geschäftstüchtig in diesem Sinn ist Stuart Hall:

In jedem von uns steckt ein Stück eines dogmatischen Linken, das vor unserem Bewußtsein Grenzposten steht, bestimmte wesentliche, aber unbequeme Tatsachen aus unserem Gedächtnis streicht, bestimmte Fragen für indiskutabel erklärt, keinerlei Seitensprünge erlaubt und dazu beiträgt, bestimmte automatische und unhinterfragte Reflexe beizubehalten.

Was Hall hier dazu bringt, den linken Dogmatiker Continue reading »

Jul 082009
 

Ohne Zweifel ist Opportunismus einfach ein anderes Wort für Pestilenz. Es gibt wohl keine politische Haltung, die weniger zu geben hat und zugleich doch so viel nimmt wie diejenige, die in jedweder gesellschaftlichen Lage allein darauf abzielt, dieser Lage – wie scheußlich oder indiskutabel oder auch änderbar die immer sei – möglichst gerecht zu werden, die das menschliche Individuum bedingungslos der Außenwelt unterwirft und zum bloßen Medium wirklicher oder vermeintlicher Notwendigkeiten macht.

Die opportunistische Haltung ist so abscheulich, daß praktisch niemand, und am wenigsten passionierte Opportunisten selbst, sich zu ihr bekennen. Und da der Opportunismus einmal einen so schlechten Ruf hat, wundert es kaum, daß gedankliche und charakterliche Konsequenz, als welche das konträre Gegenstück zum Opportunismus ist, gemeinhin in gutem Ruf steht.

Auch ich meine, dieser gute Ruf besteht zu Recht. Dennoch will mir durchaus nicht einleuchten, daß man jeden Menschen, der Konsequenz zu seinen Eigenschaften zählen kann, mit demselben guten Ruf versehen soll wie diese Eigenschaft selbst. Und warum das so ist, Continue reading »