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Das Trauerspiel
Der Gegenstand ist groß. Groß und weithin unbegriffen. Auch von denen, die er angeht. Was vorderhand wenig besagt, denn wann jemals hätte irgendein Volk auch nur irgendwas begriffen? Es geht um die Abschaffung der Sklaverei in Nordamerika, und um die Art, wie sie vonstatten ging. Die Vereinigten Staaten haben eine kurze und schwungvolle Geschichte, und man muß auf diese beiden Eigenschaften das gleiche Gewicht legen, auch weil heute von diesem Schwung nur noch wenig zu erkennen ist. Ich zögere, das Wort Konservatismus zu verwenden. Das ist es nicht ganz. Es ist eher eine generelle Zuneigung zum Tradierten, womit ich nicht die Todesstrafe meine, den 2. Verfassungszusatz, das Prostitutionsverbot, das Geschworenengericht oder andere in vielen oder den meisten Bundesstaaten wirksame Rudimente vor-ziviler Gesellschaft, hinter deren Bestand wenigstens noch so etwas wie ein politischer Gedanke steht, sondern das fast liebevolle Festhalten an Verfahren und Einrichtungen, die so harmlos wie beschwerlich sind, keinen Sinn haben und für die lediglich spricht, daß sie das Leben ein wenig aufregender machen: vom Filibuster bis zu Dixville Notch, von der Verfahrensweise des Electoral College bis zu den Skurrilitäten in der regionalen Gesetzgebung, von der Abneigung gegen die Maßeinheiten des SI-Systems bis zum teuflischsten von allen: der Begnadigung von Truthähnen durch den Präsidenten. Hinter diesem Geklingel der Absonderlichkeiten steckt ein mehr kitschig als bedrohlich zu nennender Biedermeier-Patriotismus, der Menschen dazu bringt, in ihren Vorgärten die Nationalflagge zu hissen, selbst bei inländischen Sportveranstaltungen den Namen ihres Landes zu skandieren oder in den Public Scools morgendlich mit Beginn des Unterrichts einen Fahneneid abzulegen, gegen den das lustlos genuschelte »Immer bereit« der Jungpioniere nachgerade unaufdringlich wirkt. Das Biedermeiern ist leicht zu erklären. Man klebt am Alten, weil die Nationalgeschichte so jung ist. Die zählebigste Tradition ist die invented tradition. Ich wohne in Japan; ich weiß also, wovon ich rede.
Ohne Stillstand, das vergißt man leicht, kein Schwung; so wie erst die anschließende Stille möglich macht, von einem Knall zu reden. Der Schwung macht die Kürze, aber die Kürze macht auch den Schwung. Dieselben gesellschaftlichen Prozesse, die sich in Europa zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert vollzogen, konnte in Nordamerika ohne den Widerstand überkommener juristischer, politischer und sozialer Formen vonstatten gehen. Das hatte Vor- und Nachteile. Man mag Heinreich Albert Oppermann vielleicht nicht uneingeschränkt zustimmen, wenn er 1870 am Ende seiner »Hundert Jahre« den Auswanderer Hellung ins Briefpapier schreiben läßt: »Wir sind glücklicher daran als alle Europäer und Asiaten, welche mit den Ruinen und dem Schutt der Vergangenheit zum Erdrücken beladen sind, welche mit schlechten Gebräuchen, Sitten, Vorurtheilen, mit überlebten Einrichtungen zweier Jahrtausende zu kämpfen haben; wir haben einen jungfräulichen Boden frisch anzubauen.«
Wahr ist doch einmal, daß Befreitheit von Schutt nicht gleich bedeutet, ohne Last zu sein. Es ist nie bloß die Vergangenheit, die drückt. Daß die ursprüngliche Akkumulation in Nordamerika nicht gegen den Widerstand eines etablierten Feudalsystems vonstatten gehen mußte, macht sie ja kein bißchen erfreulicher. Freilich auch kein bißchen weniger erfreulich. Manches unterdes, das man in der alten Welt gelassen zu haben wähnte, war gleichwohl im Bauch der Segelschiffe mit herübergekommen. Bevor Amerika sich von Europa emanzipieren konnte, mußte es ihm erst einmal gleich werden. Geschichtliche Prozesse sind nie friedlich, und je schneller sie vorangehen, desto rücksichtsloser drücken sie auf die Beteiligten. Sie sind dann aber auch schneller rum. Die Leibeigenschaft in Europa war im 9. Jahrhundert entstanden, im Hochmittelalter zur dominierenden Produktionsweise geworden und dauerte, je nach Nationalstaat, zwischen 700 und 900 Jahre. Die Sklaverei in den nordamerikanischen Kolonien entstand in der Mitte des 17. Jahrhunderts und dauerte ziemlich genau 200 Jahre.
Der Sezessionskrieg war der Akt, der dieses Ende ermöglichte. Ihn für eine Tragödie halten heißt das Ende der Sklaverei für eine Tragödie halten. Das Mißbegreifen, von dem ich eingangs schrieb, liegt genau hierin. Dieser Bürgerkrieg zwischen Union und Abtrünnigen war genauso wenig ein Bruderkrieg wie die Verteidigung der Sowjetunion gegen die faschistische Wehrmacht ein Großer Vaterländischer Krieg war. Der eigentliche Charakter dieser Kriege liegt in dem gesellschaftlichen Fortschritt, den sie beförderten: Da stand eine Continue reading »
