Eschatologisches I

Die Maya sind ein merkwürdiges Völkchen. Sie wußten nichts von der Welt und kannten doch ihr Ende. Sie hatten einen merkwürdigen Kalender, der das Ende der Welt für den 21. Dezember 2012 vorsah. Leider ereignete sich das Ende dann ein paar hundert Jahre früher, und die wiederkehrenden Götter waren kaum größer als die Maya und sprachen Spanisch. Wie wir aber durch den Echtzeithelden und Träger des Agent-Mulder-Ordens II. Klasse, Erich von Däniken, belehrt sind, muß das Ende der Welt nicht notwendig am 21. Dezember 2012 eintreten. Die Umrechnung des Maya-Kalenders in den unseren könne schließlich auch falsch sein. Baut da schon jemand insgeheim vor für den Fall einer peinlich ausbleibenden Katastrophe am 21. Dezember 2012? Die Grundregel aller geschäftstüchtigen Propheten lautet: Sage nichts voraus, das noch zu deinen Lebzeiten eintreffen müßte. Und überhaupt, 21. Dezember! Hätte man nicht wenigstens bis Weihnachten warten können? Wie? Wer kurz vor dem Ende der Welt noch Weihnachten feiern wolle? Ich natürlich! Und wenn ich wüßte, daß morgen die Welt in tausend Stücke zerbräche, ich zöge noch heute los, eine Schrankwand zu kaufen.

Ja, ich habe es gesehen, das neueste Bildwerk Roland Emmerichs, des amerikanischsten aller Nichtamerikaner. 2012 ist ein spektakulärer Film. Die Story ist genrebedingt gebaut, die Zweitklassigkeit der Darsteller (den stets erstklassigen John Cusack ausgenommen) ist statthaft, denn hier kommt alles auf die Bilder der großen Naturkatastrophe an. Technisch ist der Film vollkommen, die Effekte gekonnt, was nach Maßgabe der naturalistischen Gattung Film bereits hinreichend sein müßte. Bilder zu machen, das ist die eigentliche Tugend des Films. Aber diese eigentliche Tugend ist eben nur bedingt kunstfähig, will sagen: Auch die besten Bilder retten einen Film dort nicht, wo keine gute Handlung sie zusammenhält. Und wie sich an dem technisch gleichfalls Maßstäbe setzenden Avatar sehr gut nachvollziehen läßt, verdrießt selbst bildhafte Perfektion, wenn das Werk sich der läppischen Weltanschauung eines JJ Rousseau bedient und von einer dramatisch äußerst unergiebigen Handlung getragen werden muß.

Natürlich gab und gibt es Einwände gegen 2012. (weiterlesen…)

Gezwitscher

Wenn der Medienbetrieb dem Medienbetrieb vorwirft, daß er ein Medienbetrieb ist, wird es lustig.

Verfolgt man ein bisschen die wallenden Wörtermengen in den Feuilletons dieser Republik

schreibt in kaum minder wallenden Wortmengen der gleichfalls betriebsimmanente Matthias Biskupek in seiner neuesten Eulenspiegel-Kolumne (1/2010), in der er mich schon 2006 einmal einen “Jungphilosophen” genannt hat, was, wie ich vermute, nur zur Hälfte liebenswürdig gemeint war. Nun schießt er erneut in meine Richtung, wenngleich auch nicht direkt gegen mich. Anlaß ist ihm das 100. Jubiläum von Alfred Matusche, über das zu schreiben, als es sich ereignete, Biskupek versäumt hat. So muß das herhalten, was immer herhalten muß, wenn ein Medium mit seiner Betrachtung zu spät kommt: Die Betrachtung der Betrachtungen. Dabei will ich Biskupek in dem, was er sagt, gar nicht widersprechen. Er lobt unsere Editionen (Dramen und Festschrift) und spottet über die Worthülsen, die das Feuilleton zum 100. Geburtstag verbreitet hat; ersteres ist brav – schließlich haben wir unzählige Stunden Arbeit in ein Projekt gesteckt, dessen Resultat sich wirklich sehen lassen kann –, und letzteres ist im Angesicht solch unsäglicher Wortmeldungen wie etwa der von Maxine Herder oder der von Jürgen Serke kaum übertrieben zu nennen.

Das läuft also gut vom Stapel, aber dann nimmt die Titanic irgendwie die falsche Ausfahrt:

Das erste abgedruckte Stück heißt »Das Lied meines Weges«. Herausgeber Fischborn wandelte diesen Titel zu »Das Lied seines Weges« (ebenfalls VAT) und sammelte darunter Texte einer Festschrift. Die ist nur broschiert und mit 300 Seiten nicht ganz so umfangreich wie die Dramensammlung, doch was die sechzehn Mitstreiter, Matusche-Forscher und Nachlass-Verwalter mitteilen, ist ein beachtliches Stück Theater-, Kultur- und Landesgeschichte. [...] Natürlich fehlt auch eine Bemerkung wie »Matusche war so etwas wie der Wittgenstein der DDR« nicht. Ich warte darauf, wann man mal liest: Der X oder die Y sind so etwas wie der Matusche (bzw. Hacks, Strittmatter, Christa Wolf) der ehemaligen BRD. Doch dafür ist in den wallenden Wörtermengen der Feuilletons kein Platz.

Warten kann man auf vieles. Nur was man erwarten kann, darüber gehen die Meinungen vielleicht doch auseinander. Natürlich ist der Tag noch fern, da man Wittgenstein den Matusche des Harbsburger Reiches nennen wird, so weit vielleicht, (weiterlesen…)

Den Sternen macht ditt janüscht

Da hat doch unser Bundesdingens Horst Köhler zum 20. Jahrestag des Mauerfalls in seiner Maison de plaisance Bellevue eine Veranstaltung für “Gegner des SED-Unrechts” ausrichten lassen, auf der zwölf Bundesverdienstkreuze an zwölf Bürgerrechtler der DDR-Zeit verschenkt wurden. 12 Kreuze an 12 Bürgerrechtler – offenbar war beides im Dutzend billiger.

Für den Eklat des Abends sorgte Stephan Krawczyk, der – nachdem er zusammen mit Freya Klier seine drittklassige Schmierlyrik vorgetragen hatte – gebeten wurde, die Nationalhymne anzustimmen, und dies tat, indem er sogleich die seit der Nazizeit zu Recht gebannte erste Strophe der Hymne skandierte. Er soll verwundert in die Menge geblickt haben, als er die Tatsache gewahr wurde, daß die übrigen Anwesenden Deutschland nicht von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt sich erstrecken lassen wollten. Und Horst Köhler soll sich dann geräuspert und die Worte gesprochen haben: “Die dritte Strophe bitte.”

Courage, Herr Köhler, Courage! Wir hatten schon Präsidenten, die in dieser Situation sicher reflexhaft mit eingestimmt hätten. Aber Sie brauchen nun auch nicht so pikiert dreinzuschauen, schließlich: Wer sich Straßenköter ins Haus holt, darf sich nicht wundern, wenn es ihn nachher an allen möglichen Stellen juckt.

Sie merken: Gelegentlich, wenn der Wind ungünstig steht, hört man sogar hier oben auf dem Parnassos ein wenig vom alltäglichen Geplänkel, das gemeinhin und in Unkenntnis, was das Wort bedeutet, Politik genannt wird. Meine Freunde wissen, ich halte das übermäßige Bedürfnis zur Tagespolitik, unter dem nicht wenige Menschen hierzulande leiden, für eine Art Charakterschwäche, sehe aber (weiterlesen…)

Und nochmal Krenz

Es scheint, als hätte Frank Schirrmacher sich in letzter Zeit ein bißchen darauf verlegt, die Linken mit unerwarteten Statements zu überraschen. Gut, die Sache mit Hacks, die kam nicht wirklich unerwartet. Man hatte sich auch davor schon gedacht haben können, daß irgendwann irgendeiner der geistig maßgeblichen Leute dieses Landes auf die Idee kommt, daß es nicht sehr sinnvoll ist, den größten Dichter seit Goethe weiterhin auszugrenzen und allein denen zu überlassen, die sich ihm politisch zurechnen und denen er sich politisch zurechnete. Verbote sind bestenfalls kurzfristig sinnvoll; mittelfristig machen sie den, der verboten ist, sexy, und langfristig wird er etablierter sein denn je.

Aber wir schreiben den 9. November, vorgestern, und Frank Schirrmacher (FAZ) haut erneut einen raus:

Es war an einem der schönsten Sonnentage dieses Sommers. Wir, eine Gruppe Ausflügler, waren auf Landpartie am blau funkelnden Schwielowsee … [Dort] begegnete uns ein fideles gutgelauntes älteres Ehepaar, das sich nach kurzem Herumrätseln als der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR nebst Frau entpuppte. „Herr Krenz, was sagen Sie dazu, dass zwanzig Jahre nach dem Ende des Sozialismus der Kapitalismus in seiner größten Krise ist?“

„Umgekehrt wäre es mir lieber gewesen.“

Gut gebrüllt, Egon! Doch hören wir richtig: Krenz und Schirrmacher beim Kaffeeplausch? (weiterlesen…)

Der Blinde und die Farbe

Wer gestern auf der zweiten Peter-Hacks-Tagung einen Stuhl besetzt hielt, konnte eines merkwürdigen Schauspiels ansichtig werden: Er konnte sehen, wie ein Sehender unterläßt, einem Blinden zu erklären, was Farbe ist. Gut, mögen Sie sagen, been there, done that. Mag sein, entgegne ich. Aber was interessieren mich Ihre Erfahrungen? Hier geht es um die meinen. Doch der Reihe nach.

Die Peter-Hacks-Tagung ist eine Veranstaltung, deren vornehmes Ziel darin liegt, die Beschäftigung mit dem Dichter Hacks im akademischen Betrieb voranzutreiben, daß sie extensiver und intensiver werde. Für dieses große und schöne Vorhaben bereits sei ihr, d.h. ihren Veranstaltern, ein Dank ausgesprochen, der durch nichts zu mindern ist. Durch andere wissenschaftliche Leistungen, die neben der Peter-Hacks-Tagung vollbracht werden oder noch im Begriffe sind, in das Reich der Tatsachen zu treten, ebenso wenig wie durch all jene Schwierigkeiten und Abstriche, die die Umsetzung eines größeren Vorhabens wohl unvermeidlich mit sich bringt.

Ich lobe ungern. Das hat immer etwas Peinliches, und im übrigen passiert es nicht selten, daß man mit einem Lob den Gelobten überfordert oder auch unterfordert. Beides verdrießt, den Gelobten wie den Lobenden. Aber meine Pflicht zu tun, muß ich natürlich erwähnen, daß auf der gestrigen Peter-Hacks-Tagung sechs Vorträge zu hören waren, von denen einer (weiterlesen…)

Rettet die Wahlen

Diese Sorte Artenschutz haben nicht nur DIE GRÜNEN im Programm. Mich läßt das kalt. Es gibt Tiere, die braucht kein Mensch: Mammuts z.B. oder Delphine. Und Wahlen, die braucht nun wirklich niemand; und diejenigen, die wählen gehen, die am allerwenigsten. (Falls Sie übrigens glauben, daß das, was einer braucht, und das, was einer denkt, daß er es braucht, ohne weiteres identisch ist, lesen Sie ruhig einmal das Polos-Gespräch in Platons Gorgias.)

Von meinem Recht, an den Wahlen dieses Landes nicht teilzunehmen, mache ich seit Perioden unerträglicher Regierungen Gebrauch, nicht erst seit der gegenwärtigen. Und ich lebe gut damit. Es lebt sich einmal besser, wenn man von dem Kakao, durch den man gezogen wird, nicht auch noch trinkt. Ich nenne es nicht nicht wählen, ich nenne es nichtwählen. Sie gehen morgen wählen? Gut, ich gehe nichtwählen. (weiterlesen…)

Die Kunst des performativen Lobens

In der jungen Welt von heute lese ich einen Satz, der die Achtundsechziger Bewegung beschreibt, ohne ihr die mindeste Karikatur anzutun, worin, will ich sagen, diese Bewegung und ihre politische Funktion vollständig aufgeht und doch in ihrem ganzen Elend und ihrer ganzen Läppischkeit festgehalten ist:

[Joseph] Fischer ist einer aus der Garde der Revolutionären Kämpfer in Frankfurt am Main von 1968 und seither politisch festgelegt. Wie die Mehrheit seiner Mitläufer war er für jede Kritik am Kapitalismus zu haben, wenn sie so dämlich war, daß der Kapitalismus im Vergleich zu ihr gut ausschaute.

Der Autor dieser Zeilen zeichnet mit asc – ein Akronym von Arnold Schölzel, des Chefredakteurs der jungen Welt. Schölzel, wie man weiß, ist einer, der seinen Hacks (und durchaus gründlich) gelesen hat. Es überrascht daher kaum, daß es sich bei dem hier zitierten Gedanken um nichts anderes als um die Anwendung einer Bestimmung handelt, die Peter Hacks bereits im Jahr 1980 vorgenommen hatte und die Schölzel mit Sicherheit kennt. Allerdings schrieb Hacks seinerzeit nicht über die Achtundsechziger Bewegung, sondern über die Romantik; er folgte seiner Gewohnheit, politische Gegenwartskämpfe im Gewande historischer Stoffe (in seinen Dramen ebenso wie in der Lyrik, Epik und den Essays) abzuhandeln. Er hielt sich einmal nicht bei den Folgen auf, sondern pflegte an die Wurzel zu gehen, und alle Ereignisse des 20. Jahrhunderts haben ihre Wurzel im 19., dort wurde der Geist gesäht, der im nächsten Säkel Tat werden sollte: Der Faschismus war, ideologisch gesehen, ein Gemisch aus Nietzsche und Gobineau/Chamberlain. Die bürgerliche Gesellschaft verwirklichte sich in der Reinform, in der sie Marx beschrieben hatte, erst im 20. Jahrhundert. Der Sozialismus schließlich war der Kreuzpunkt aus der gesellschaftlichen Umwälzung, die Marx ersonnen, und der politischen Konzeption, die Lassalle (respektive Hegel und Goethe) angedacht hatte. Auch die Bewegung der Achtundsechziger hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert, sie ist das Kind der deutschen Romantik. Hacks also schreibt: (weiterlesen…)

ex oriente lux

Wenn Sie glauben, unser Wahlkampf sei eine Veranstaltung von Schmocks gegen Schmocks um die Gunst von Schmocks, haben Sie vermutlich recht, denn um wessen Gunst in Wahlkämpfen von jeher gefochten wird, das sind nicht die Stamm- oder die Nichtwähler, die ganz genau wissen, was sie wollen, wissen, welchen Idealen sie anhängen und welche politischen Kräfte für die Beförderung dieser ihrer Ideale stehen. Um wen in Wahlkämpfen gekämpft wird, das sind immer nur die sogenannten Wechselwähler, also der am wenigsten gescheite und am leichtesten beeinflußbare Teil der Bevölkerung. Es sind immer die Wechselwähler, die die Wahl entscheiden, und vielleicht ist das schon die ganze Erklärung dafür, daß es sauber geführte Wahlkämpfe, die an die Intelligenz, die Selbstachtung und die Tugenden der Menschen appellieren, anstatt mit ihren Ängsten, Ressentiments und geistigen Grenzen zu spielen, noch nie gegeben hat.

Populismus ist nicht die Perversion der Idee des Parlamentarismus, sondern deren praktische Gestalt. Wer glaubt, daß das eine vom anderen trennbar ist, hat sich selbst sauber abgetrennt: von der Wirklichkeit nämlich.

Indessen gibt es Ausprägungen von Populismus, die den nichtteilnehmenden Beobachter beinahe mit den gewöhnlichen Formen des Populismus zu versöhnen imstande sind. Daß man, solche Formen zu sehen, Deutschland verlassen muß, spricht vielleicht ein wenig für dieses Land. Wie immer: Meiner werten Gattin, die sich in Fernost etwas auskennt, danke ich (weiterlesen…)

Vergnügliches zum 13. August

Da auch dieses Jahr sich von den anderen insofern nicht unterscheidet, als der 13. August in Funk und Presse einmal mehr nur moralisch-emotional reflektiert wird und von historischen, politischen oder ökonomischen Zusammenhängen einmal mehr nicht die Rede ist, will auch ich mich diesem Chor der Subjektivität anschließen, allerdings auf würdigere Weise: vergnüglich nämlich.

Es wohnte unter uns vor nicht langer Zeit ein Dichter, den man in nicht ferner Zukunft - und dann für immer – den größten Dichter des 20. Jahrhunderts heißen wird: Peter Hacks, und der hatte einen Freund, den man, auch wenn die Nachwelt dem Mimen etc. pp., als einen der großen Schauspieler des 20. Jahrhunderts im Gedächtnis behalten wird: Eberhard Esche. Der hatte eine Landhaus in Kraatz Ausbau, und was er darauf trieb, hat sein Freund, der Dichter, in unsterbliche Verse gegossen: (weiterlesen…)

Was weh tut, ist noch da

Mohammed war ein Prophet,
Der vom Fußballspielen nichts versteht.
Doch aus all der schönen Farbenpracht
Hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht.

Wie der Kundige umgehend an der dilettantischen Handhabung des Metrums, der hemdsärmeligen Gedankenführung und der ungechlachten Wortwahl erkannt haben dürfte, handelt es sich hierbei um eine Stelle aus der Vereinshymmne des Fußballclubs Schalke 04. Unkundigen sei erklärt, daß Schalke 04 so etwas wie den Bodensatz der deutschen Fußballkultur darstellt. Der durchschnittliche Schalkefan spricht kein Hochdeutsch, verfügt (sofern dies Verbum in diesem Zusammenhang anbebracht ist) über einen etwa kniehohen Bildungsstand und trägt jeden Samstag eine Aldi-Tüte (blau-weiß) voller Bierdosen in ein Ding, das er Schalke-Arena nennt, woselbst er sich den Inhalt der Dosen im Laufe von 90 Minuten samt und sonders hinter seinen Schnurrbart kippt. Ist er mit Saufen und Grölen fertig, ordnet er sich gekonnt das fettige Haar und kehrt nach Hause zurück, wo eine Dame auf ihn wartet, die meist auf den Namen Monika hört. Er ist mit einem Wort das ganze Gegenteil von mir und blickt in Folge dieser Eigenschaften verächtlich auf die Fans anderer Vereine herab, die, wie er glaubt, allesamt Etepetete und keine “echten” Fußballfans sind. Man muß allerdings einmal die Fans anderer Vereine gesehen haben, um ganz erahnen zu können, was ein Schalkefan so für Etepetete hält.

Fußball, will ich damit sagen, könnte eine schöne Sache sein, gäbe es keine Fußballfans. Aber es gibt auch schlimmeres als Fußballfans; religiöse Eiferer z.B. Also haben sich kürzlich ein paar Muslime (weiterlesen…)

80 Jahre Tübke, angemessen begangen

Vor genau 80 Jahren, am 30. Juli 1929, wurde Werner Tübke geboren. Er feiert heute folglich seinen 80. Geburtstag, und es ist traurig, daß wir ihn ohne ihn feiern müssen.

Werner Tübke, Selbstbildnis

Werner Tübke, Selbstbildnis

Andererseits: Der Tod von Klassikern ist ihre eigentliche Geburt, und daß Werner Tübke ein Klassiker ist, daran hat schon zu seinen Lebzeiten kaum einer gezweifelt. Ich zögere nicht, Tübke den größten Maler des 20. Jahrhunderts zu nennen. Es ist wohl weniger schwer, der größte Maler des 20. Jahrhunderts zu sein als z.B. des 16., aber immerhin hat das 20. auch ein Genie wie Dali hervorgebracht, der handwerklich vollkommen ist und an dem einzig ein gewisser Hang zur inneren Leere verdrießt. Und auch in Tübkes näherem Umfeld befinden sich ausgesprochen gute Künstler wie Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer. Man mag sie derselben Schule zurechnen oder nicht, man mag einem jeden von ihnen seine eigene Unüberholbarkeit (weiterlesen…)

Die Krenzen schlechter Argumente III

Das Nachdenken über die Systemfrage hat die Erkenntnis erbracht, daß es kein absolutes Besser oder Schlechter gibt, sondern daß Systeme immer nur im Licht bestimmter Ziele besser oder schlechter sind. Was an einem System als besser oder schlechter angesehen werden muß, liegt also in den Interessen und Bedürfnissen des jeweiligen Menschen, der es bewertet. Er entscheidet, welchen Zielen er den Vorrang gibt, welche ihm zweitrangig und welche ihm überhaupt nicht erstrebenswert scheinen. Die Politik, will ich damit sagen, steht von Anfang bis Ende unter dem Vorzeichen der Subjektivität, denn in ihr verfolgen Menschen ihre Interessen, und Interessen sind subjektiv.

Der Marxismus nimmt gern für sich in Anspruch, den Sozialismus von einer Utopie zur Wissenschaft entwickelt zu haben. Sofern sich dieser Gedanke auf die Methode bezieht, ruht in ihm eine gewisse Wahrheit, und ich sage das eingedenk der Tatsache, daß weißgott nicht alles, was marxistisch daherkommt oder auch marxistisch ist, gleich wissenschaftlich genannt werden kann (es ist eine Eigenheit der marxistischen Tradition, gern “wissenschaftlich” anstelle von “politisch” zu sagen; das Theorem der Einheit von Wissenschaftlichkeit und Parteilichkeit ist an Dummheit wohl kaum zu überbieten; vielleicht ist es deswegen so irrsinnig beliebt bei denen, die von Wissenschaft keinen Schimmer haben). Was indes vom Übergang der Utopie zur Wissenschaft unbetroffen bleibt, ist das Ziel des Handelns, der eigentliche Grund der politischen Bewegung. (weiterlesen…)

Die Krenzen schlechter Argumente II

Peter Hacks besaß eine erstaunliche Fähigkeit. Er konnte komplizierte Sachverhalte in Formeln auf den Punkt bringen. Diese Gabe verlor sich auch dann nicht, wenn die Formeln falsch waren. Ich bitte, richtig verstanden zu werden: In gewissem Sinn sind Formeln immer falsch, weil sie nicht genug Raum bieten, einen wirklichen Widerspruch und also einen wirklichen Zusammenhang auszudrücken. Selbst von den guten und treffenden Formeln gilt, daß sie immer eine andere Seite haben, der auch ein wenig Wahrheit anhaftet. Aber die Formel, von der wir hier reden, ist nicht nur insofern falsch, als sie einseitig ist, sondern sie ist falsch, weil sie falsch ist. Es gibt hierfür zwei Gründe, und den ersten der beiden will ich heute benennen (der zweite folgt in Teil III).

Das heißt, Hacks selbst hat ihn im Grunde schon einmal, und auch wieder hübsch formelhaft, benannt: (weiterlesen…)

Die Krenzen schlechter Argumente I

Ich lese an Memoiren oder Biographien eigentlich nur solche, die spannende Persönlichkeiten betreffen. Von Leuten also wie Cäsar, Bismarck oder Ulbricht. Ich käme im Traum nicht auf die Idee, die Memoiren von Egon Krenz zu lesen. Auf ihn trifft nun wirklich, was Stefan Heym in einem seiner berüchtigten Amokurteile gleich über die ganze DDR sagte: er ist eine Fußnote in der Geschichte. Dabei fällt es durchaus schwer zu entscheiden, was hierfür eher den Ausschlag gibt, die historische Situation, in der Krenz nach oben gespült wurde, oder die Person Krenz. Es kann als kaum mehr als Zufall gewesen sein, der mich über eine Passage aus Krenzens jüngst erschienenen Gefängnis-Notizen stolpern machte:

Peter Hacks beschrieb vor einigen Jahren: „Diesem Land ist weggenommen worden ein schlechter Sozialismus und gegeben worden ein schlechter Kapitalis­mus“. Er glaube, dass die Leute lernen, dass der „schlechteste Sozialismus immer noch besser ist als der beste Kapitalismus.“ Hacks vertraut darauf, dass die Men­schen lernfähig sind. Er hat Recht behalten. Überdies haben die Ostdeutschen einen großen Vorteil: Sie haben zwei gesellschaftliche Systeme erlebt. Sie können verglei­chen.

Was für ein Absatz! Die Weltgeschichte applaudiert. Der Applaus ist unbeschreiblich laut und stürmisch. Ich habe also die Höflichkeit, einen weiteren Absatz zu warten, bis der Beifall versiegt. Man kommt bei dem Lärm ohnehin nicht zu Wort.

Nun, ein kurzer Absatz, er war so kurz wie der Beifall, und der war eben so kurz, wie er laut war. Er starb just in dem Moment, als man im Auditorium begann, über den Inhalt des Gesagten nachzudenken. (weiterlesen…)

75 Jahre Kirsch

Zwölf Meter im Quadrat, ein Laken, Wein
Und über uns das Weltall stürzt nicht ein.

endet eines seiner schönsten Gedichte. Man wünscht, die Welt wäre wirklich so. Aber das eben ist, was Kunst macht: sie macht uns wünschen. Und sei es nur Glück wünschen wie in diesem Fall dem Rainer Kirsch, einem großen Lyriker, der heute seinen 75. Geburtstag feiert.

Daß hinter dem Lyriker Kirsch auch immer ein Kopf steckte, der ebenso wichtige Gedanken aus seinem Dichten zog wie er auch sein Dichten gedanklich untermauerte, wurde oft übersehen. Zu oft. Vielleicht ist es das traurige Schicksal der Lyriker, daß niemand ihnen glaubt, daß sie hinter ihren Versen auch noch Gedanken haben. Es geistert beim Worte Lyriker im Common Sense weithin das Bild eines ganz naturwüchsigen Poeten um, der seine Dichtung eher intuitiv, ganz ungedanklich, ausschließlich im Affekt hervorbringt und der keiner anderen Reflexionen fähig ist als der allersubjektivsten. Das mag sicher auf die meisten der gegenwärtigen Lyriker treffen; ihre Gedichte sind ja dann auch entsprechend. – Auf Kirsch trifft es nicht.

Aus diesem Grund möchte ich den Anlaß des Jubiläums nicht mit einem Kirsch-Gedicht begehen, sondern mit einer theoretischen Reflexion, die Rainer Kirsch im Januar 1980 in einem Interview mit Rüdiger Bernhardt in die Welt gesetzt hat und von der ich meine, daß sie den klassischen Kunstgedanken auf makellose Weise zur Anschauung bringt: (weiterlesen…)