Apr 302013
 

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Das Trauerspiel

Der Gegenstand ist groß. Groß und weithin unbegriffen. Auch von denen, die er angeht. Was vorderhand wenig besagt, denn wann jemals hätte irgendein Volk auch nur irgendwas begriffen? Es geht um die Abschaffung der Sklaverei in Nordamerika, und um die Art, wie sie vonstatten ging. Die Vereinigten Staaten haben eine kurze und schwungvolle Geschichte, und man muß auf diese beiden Eigenschaften das gleiche Gewicht legen, auch weil heute von diesem Schwung nur noch wenig zu erkennen ist. Ich zögere, das Wort Konservatismus zu verwenden. Das ist es nicht ganz. Es ist eher eine generelle Zuneigung zum Tradierten, womit ich nicht die Todesstrafe meine, den 2. Verfassungszusatz, das Prostitutionsverbot, das Geschworenengericht oder andere in vielen oder den meisten Bundesstaaten wirksame Rudimente vor-ziviler Gesellschaft, hinter deren Bestand wenigstens noch so etwas wie ein politischer Gedanke steht, sondern das fast liebevolle Festhalten an Verfahren und Einrichtungen, die so harmlos wie beschwerlich sind, keinen Sinn haben und für die lediglich spricht, daß sie das Leben ein wenig aufregender machen: vom Filibuster bis zu Dixville Notch, von der Verfahrensweise des Electoral College bis zu den Skurrilitäten in der regionalen Gesetzgebung, von der Abneigung gegen die Maßeinheiten des SI-Systems bis zum teuflischsten von allen: der Begnadigung von Truthähnen durch den Präsidenten. Hinter diesem Geklingel der Absonderlichkeiten steckt ein mehr kitschig als bedrohlich zu nennender Biedermeier-Patriotismus, der Menschen dazu bringt, in ihren Vorgärten die Nationalflagge zu hissen, selbst bei inländischen Sportveranstaltungen den Namen ihres Landes zu skandieren oder in den Public Scools morgendlich mit Beginn des Unterrichts einen Fahneneid abzulegen, gegen den das lustlos genuschelte »Immer bereit« der Jungpioniere nachgerade unaufdringlich wirkt. Das Biedermeiern ist leicht zu erklären. Man klebt am Alten, weil die Nationalgeschichte so jung ist. Die zählebigste Tradition ist die invented tradition. Ich wohne in Japan; ich weiß also, wovon ich rede.

Ohne Stillstand, das vergißt man leicht, kein Schwung; so wie erst die anschließende Stille möglich macht, von einem Knall zu reden. Der Schwung macht die Kürze, aber die Kürze macht auch den Schwung. Dieselben gesellschaftlichen Prozesse, die sich in Europa zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert vollzogen, konnte in Nordamerika ohne den Widerstand überkommener juristischer, politischer und sozialer Formen vonstatten gehen. Das hatte Vor- und Nachteile. Man mag Heinreich Albert Oppermann vielleicht nicht uneingeschränkt zustimmen, wenn er 1870 am Ende seiner »Hundert Jahre« den Auswanderer Hellung ins Briefpapier schreiben läßt: »Wir sind glücklicher daran als alle Europäer und Asiaten, welche mit den Ruinen und dem Schutt der Vergangenheit zum Erdrücken beladen sind, welche mit schlechten Gebräuchen, Sitten, Vorurtheilen, mit überlebten Einrichtungen zweier Jahrtausende zu kämpfen haben; wir haben einen jungfräulichen Boden frisch anzubauen.«

Wahr ist doch einmal, daß Befreitheit von Schutt nicht gleich bedeutet, ohne Last zu sein. Es ist nie bloß die Vergangenheit, die drückt. Daß die ursprüngliche Akkumulation in Nordamerika nicht gegen den Widerstand eines etablierten Feudalsystems vonstatten gehen mußte, macht sie ja kein bißchen erfreulicher. Freilich auch kein bißchen weniger erfreulich. Manches unterdes, das man in der alten Welt gelassen zu haben wähnte, war gleichwohl im Bauch der Segelschiffe mit herübergekommen. Bevor Amerika sich von Europa emanzipieren konnte, mußte es ihm erst einmal gleich werden. Geschichtliche Prozesse sind nie friedlich, und je schneller sie vorangehen, desto rücksichtsloser drücken sie auf die Beteiligten. Sie sind dann aber auch schneller rum. Die Leibeigenschaft in Europa war im 9. Jahrhundert entstanden, im Hochmittelalter zur dominierenden Produktionsweise geworden und dauerte, je nach Nationalstaat, zwischen 700 und 900 Jahre. Die Sklaverei in den nordamerikanischen Kolonien entstand in der Mitte des 17. Jahrhunderts und dauerte ziemlich genau 200 Jahre.

Der Sezessionskrieg war der Akt, der dieses Ende ermöglichte. Ihn für eine Tragödie halten heißt das Ende der Sklaverei für eine Tragödie halten. Das Mißbegreifen, von dem ich eingangs schrieb, liegt genau hierin. Dieser Bürgerkrieg zwischen Union und Abtrünnigen war genauso wenig ein Bruderkrieg wie die Verteidigung der Sowjetunion gegen die faschistische Wehrmacht ein Großer Vaterländischer Krieg war. Der eigentliche Charakter dieser Kriege liegt in dem gesellschaftlichen Fortschritt, den sie beförderten: Da stand eine Continue reading »

Aug 222012
 

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Wenn Familien Kaffee kochen: Vernichtendes zur Partei Die Linke

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Über die PDS hat schon Steve McQueen in den »Glorreichen Sieben« das Nötige mitgeteilt: Es habe da einen Mann gegeben, der durch die Wüste ritt und sich plötzlich nackt auszog, um auf einen Kaktus zu springen. Befragt, warum er das getan habe, antwortete er, er habe das damals für eine prima Idee gehalten. Vermutlich hat Gregor Gysi es tatsächlich für eine gute Idee gehalten, seinen Verein mit der WASG fusionieren zu lassen. Im Westen würde man, das war abzusehen, kurz- bis mittelfristig nicht Fuß fassen können. Den Status einer Regionalpartei galt es zu brechen, und das schien mit den vom Westen kommenden Fragmenten der Sozialbewegung möglich. Also vollzog man 17 Jahre nach der feindlichen Übernahme der DDR durch die BRD denselben Vorgang noch einmal im kleinen. Heute sieht die PDS, aufgegangen in der Partei DIE LINKE (PDL) und darin von schwächeren, aber durch Anzahl überlegenen Westverbänden unterworfen, in ein schwarzes Loch, das sie ihre Zukunft nennt. Die Umfragen im Westen sind auf den alten Stand zurückgegangen, doch dafür hat man nun die Pest an Bord: friedensbewegte Altlinke, Gewerkschaftler und Trotzkisten. Der Parteitag von Göttingen1 wäre eine gute Gelegenheit gewesen, sich zu trennen. Allein, wozu?

Die PDS erleidet heute das Schicksal, das sie sich redlich verdient hat, denn wer nach der Sozialdemokratie greift, wird durch die Sozialdemokratie umkommen. Es hat immer was Komisches, wenn die Cholera sich über die Pest beklagt. Doch auch von den Krankheiten gilt, daß Gleiches sich nicht notwendig lieben muß. Es gibt Kämpfe, die aus unterschiedlichen Zielen entstehen, und solche, die hervorgerufen werden, weil der eine einfach dort siegen will, wo der andere zu siegen sich anschickt.

Bemerkenswert ist, daß das keinem auffällt. Ausnahmslos alle – Zeitungen, TV-Magazine, andere Parteien des Bundestags und selbst sämtliche Strömungen innerhalb der PDL – folgen dieser einen Deutung: Der Kampf zwischen den Lagern sei eine Auseinandersetzung zwischen Dogmatikern und Opportunisten, Linksradikalen und Reformern oder, um es in das unsägliche Politvokabular der Neuen Linken zu übersetzen: Fundis und Realos. Der unerzogene Geist liebt Analogien. Die ersparen ihm, über neue Erscheinungen nachzudenken. Die Lust, das Altbekannte am Unbekannten wiederzuentdecken, kommt aber nicht allein aus geistiger Trägheit. Die Sprachregelung existiert, weil alle Seiten etwas von ihr haben: Die verfeindeten Strömungen Continue reading »

  1. Einen famosen Crashkurs zur Einführung in dieses wenigstens unterhaltsame Ereignis vermittelt Gysis Hauptreferat, das – schön für alle Zoobesucher – in dankenswerter Offenheit (wenn schon nicht Klarheit) die inneren Konflikte der Partei zur Sprache brachte. []
Jun 152012
 

Dulden muß der Mensch, sagt Shakespeare, aber er hätte ruhig hinzufügen können, daß für gewöhnlich gerade diejenigen, die am meisten der Duldung bedürfen, selbst am wenigsten duldsam sind. Gelassenheit ermöglicht sich leichter von oben, und ganz folgerichtig existiert zwar das Wort Giftzwerg, nicht aber das Wort Giftriese. Der Feuilletonist & Discjockey Reinhard Jellen z.B. ist auch so einer, um dessentwillen die moderne Logik nicht hätte erfunden werden müssen, da bei ihm der Existenzquantor und das Prädikat Giften schlechthin in eins fallen. Nur, wenn er giftet, lebt er, und solange er lebt, wird er giften. Das Resultat fühlt sich denn auch danach an. Die eitle Esoterik, mit der Jellen als Rezensent bzw. Verfasser seiner Wochenendkolumne in der jungen Welt auftritt, seine penetrant belehrende Unduldsamkeit gegen alles, was er nicht gleich versteht, sein intellektualistisches Gegockel, das den unsystematischen Autodidakten verrät, all das ist nicht eben dazu gemacht, Gleichmut zu stiften – doch bleibt in derlei verwickelt zu werden immer etwas peinlich, und man entzieht sich dem lieber, denn anders, als man in Zwergenkreisen glaubt, gilt Zwergenwerfen unter Riesen als äußerst unschicklich.

Anderseits: Wer sagt denn, daß Riesen stets Schickliches tun?

Vorgestern ist mir ein anonymer Text über den Weg gelaufen, eine Rezension des eben erschienenen Briefwechsels zwischen André Thiele und Peter Hacks, von der es hieß, daß sie in der Wochenendausgabe der jungen Welt erscheinen soll. Jetzt aber, nachdem André Thiele witzig genug war, die Rezension vor ihrer Veröffentlichung zu veröffentlichen – und ihr damit die einzige Eigenschaft nahm, die für sie sprach: ein Paukenschlag zu sein nämlich – jetzt also wird der Text, wie inzwischen zu erfahren war, nicht erscheinen. Der Urheber des Textes darf uns aber noch ein wenig beschäftigen; es handelt sich erkennbar um den erwähnten Reinhard Jellen, und in dem kleinen Machwerk kommt zusammen, was den Kritiker Jellen ausmacht. Die Rezension ist unzweifelhaft die Krönung seiner bisherigen Laufbahn. Er sollte jetzt aufhören zu schreiben – besser wird er nicht mehr werden. Tatsächlich findet sich darin nicht ein Gedanke, was vermutlich beabsichtigt ist und bezeugen soll, daß auch in dem rezensierten Briefwechsel kein Gedanke enthalten sei. Ich finde den Schluß nicht sehr schlüssig, aber doch originell genug, um ihn als die Boshaftigkeit, die er ist, würdigen zu können.

Woher ich denn weiß, daß der Text von Jellen ist? Nun, das Profiling kommt hier ganz ohne weiträumige Rasterfahndung aus. Wir haben eine kräftige Portion bis heute unverarbeiteten Thiele-Hasses, die Neigung, Rezensionen ohne Inhalt zu veröffentlichen, die Wochenendausgabe der jungen Welt als bevorzugten Ort der Publikation und einen wiederkennbar schlechten Schreibstil, dessen penetrantestes Merkmal die kontinuierliche Verwendung des pluralis majestatis ist, den der Autor offenbar für eine Art pluralis modestiae hält, nicht wissend, daß diese Form nur als Gemeinsamkeit stiftender Ausdruck zwischen Autor und Leser und nicht bei persönlichen Berichten verwendet werden kann. Wie Lothar Matthäus Continue reading »

Apr 192012
 

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 Was Grass und seine Grassenheimer umtreibt

 

Wovon man nicht schweigen kann, darüber muß man sprechen.

Grass (Wittgenstein-Kritiker)

Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal: Fresse halten.

Wittgenstein (Grass-Kritiker)

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Warum schweige ich?, fragt, heterologisch um Aufmerksamkeit heischend, der nie stille Schnauzbart des Literaten Grass. Man blickt die Zeitungsseite hinunter auf die folgenden 68 Zeilen und fragt sich unweigerlich: Ja, warum bloß schweigt er nicht? Aber so ist er, der Günter, der Grass; es reicht ihm nicht, die Menschheit seinen Absonderungen auszusetzen, er muß sie auch noch mit der Frage belästigen, warum er tut, was er offenkundig nicht tut. Andererseits scheinen viele ihren Geschmack daran zu finden. Die Pose des Tabubrechers, des einsamen Mahners, der gegen einen mächtigen Konsens ficht, macht Eindruck bei denen, die gute Gründe stets nur als Einschränkung ihres freien Willens erleben. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Tabu, gegen das man anzurennen vorgibt, tatsächlich existiert. Wahn braucht Anlässe, keine Gründe. Und so konnte man seit Ausbruch des absonderlichen Gebildes »Was gesagt werden muß«1 das seltsame Phänomen erleben, daß Günter Grass nunmehr endgültig und vollends zu dem herabgesunken ist, was Hegel einen »Heerführer der Seichtigkeit« genannt hat, und daß eine Heerschar der Seichten ihm beisprang in einer nicht enden wollenden Flut von Kommentaren, Ein- und Beiträgen auf den Plattformen des Web 2.0: jenen zahllosen Blogs, Foren, sozialen Netzwerken sowie den Kommentarspalten von Onlineportalen und Video-Plattformen. An all diesen Orten war und ist diese Heerschar bei weitem in der Mehrheit2 und richtet sich zornig gegen jeden grasskritischen Kommentar, dabei einerseits ihre Kritik gegen Israel ausbreitend und andererseits die Behauptung aufstellend, Kritik gegen Israel zu üben sei hierzulande nicht möglich. Heterologen bis zum Horizont, und ich frage mich, was das wohl für ein Gefühl ist, nicht zu leiden unter dem, woran man leidet.

Die Angelegenheit hat diese zwei Seiten: den individuellen und den kollektiven Wahnsinn, den Helden also und sein Gefolge. Der Held ist hierbei der weniger interessante Teil. Für mich ohnehin nicht, da ich erst vor ein paar Monaten Abschließendes zu Grass gesagt habe3, und ich finde, daß sich vorliegender Fall auf schönste in mein zeitiges Urteil eingliedert.4 In den seelischen Untiefen des Literaten herumzustochern ist immerhin Frank Schirrmacher gelungen, der Grassens Elaborat, als handle es sich um Humpty Dumpty, erst zerlegt und, des Grauens ansichtig, findet, daß es keinen Grund gibt, es wieder zusammenzusetzen. Continue reading »

  1. veröffentlicht im Zentralorgan der antiisraelischen Fraktion der deutschen Bourgeoisie, gemeinhin bekannt unter dem Namen: Süddeutsche Zeitung v. 4. April 2012 – Was es ästhetisch zu dem Gedicht zu sagen gibt, hat Marcel Reich-Ranicki getan: nämlich, daß es keins ist. Wo ein Reim fehlt, sollte zumindest ein Metrum wirksam werden, und wo kein Metrum ist, sollte wenigstens die Wortwahl poetisch sein. Peter Hacks schrieb bereits vor 40 Jahren, Grassens Vers habe so viel Poesie an sich wie das Godesberger Programm, und das einzige, was mich wirklich wundert, ist, warum in Grassens ge- und erbrochenen Zeilen nicht auch noch das Wort »Atomwaffensperrvertrag« vorkommt. []
  2. Die Financial Times Deutschland führt in einer Umfrage 57% Zustimmung für Grass, und 28% halten seine Aussagen immerhin für diskutabel (gesichtet am 19. April 2012). Das deckt sich mit den Umfrageergebnissen der jüngsten Studie zum Antisemitismus in Deutschland, nach der sich eine Mehrheit der Deutschen von der Geschichte ihres Landes belästigt fühlt sowie urteilt, daß Israel einen Vernichtungskrieg gegen die arabischen Bewohner Palästinas führe und die größte Bedrohung für den Weltfrieden sei – Auffassungen, die man sämtlich in Grassens Gedicht wiederfindet. Nach meinem persönlichen Eindruck liegt das Verhältnis von Zustimmung und Kritik an Grass im Web 2.0 bei 3 oder 4 zu 1. []
  3. in: Mittelmaß mit Folgen. Reicher an Material als meine untersuchende Erledigung ist Klaus Bittermanns erledigende Untersuchung: Beim Lutschen des Brühwürfels, in: Jungle World 37/2007. []
  4. Über den aktuellen Fall ist in den letzten Tagen viel Zutreffendes geschrieben worden, freilich auch viel Unsinn. In Inhalt und Haltung herausragend scheinen mir die Stellungnahmen von Tom Segev; vgl. die Interviews im Deutschlandradio am 4. April 2012, bei 3sat (Kulturzeit) am 5. April 2012 und bei Spiegel Online am 8. April 2012. – Nachtrag vom 2. Mai 2012: Gleiches gilt von Kai Köhler: Die Moral, das Ich, die Politik und das Geistlose, in: literaturkritik.de 5/2012. []
Okt 222011
 

Unfähigkeit ist ein furchtbarer Antrieb
Peter Hacks

Theorien, die von Stalin in die Welt gesetzt wurden, tragen am Schicksal, schon deswegen als falsch zu gelten, weil es Stalin war, der sie in die Welt gesetzt hat. So wenig fair es ist, eine Theorie für ihren Urheber büßen zu lassen, doch die These vom Sozialfaschismus ereilte ein noch tragischeres Los: Vom Rest der Welt wird sie abgelehnt, da sie von Stalin stammt; von den Stalinisten wird sie abgelehnt, weil Stalin ab 1935 den braven Dimitroff die theoretisch unsinnige, aber politisch opportune Einheitsfrontthese an die Stelle der alten Theorie setzen ließ. Obgleich aber die Sozialfaschismusthese nicht abgelehnt wird, weil sie falsch ist, ist sie falsch. Sie reicht nicht hin, den Faschismus theoretisch zu erfassen. Nicht nur, weil sie mit einem unvollständigen Begriff arbeitet, sie behauptet auch hinter dem Treiben der Weimarer Republik ein konzertiertes Vorgehen, das offenkundig nie vorlag.

Was als Doppelstrategie des Imperialismus, als ein bewußtes Angebot einer weichen und einer harten Variante der Politik, erscheint, ist in Wahrheit einfach das, was herauskommt, wenn die zahllosen Idioten, deren Gesamtmenge man Volk nennt, ihre verschiedenartigen Neigungen ausleben. Aus der Perspektive der KPD mochte es wie ein doppeltes Spiel aussehen, bei dem die Kommunisten die Wahl hatten, sich entweder von den Nazis erschlagen oder von der SPD bündnisfähig machen zu lassen, welche Wahl also zwischen zwei verschiedenen Arten der politischen Niederlage bestand. Doch dieses Spiel als geplant zu interpretieren hieße, sowohl die Sozialdemokratie als auch den Faschismus, die beide auf eine an klugen Strategen und herausragenden Theoretikern nicht eben reiche Geschichte zurückblicken können, überschätzen. Man sagt – sagt man das? Wenn nicht, sage ich es jetzt –, man sagt also, für die Praxis spiele es keine Rolle, ob ein Spiel gemacht oder geworden ist, solange es nur funktioniert. Doch für die Theorie spielt es durchaus eine Rolle, und damit natürlich auch wiederum für die Praxis. Ich leugne nicht, daß Verschwörungen vorkommen, aber wer Verschwörungen zum Leitmotiv seiner politischen Theorie Continue reading »

Okt 062011
 

Weiß der Teufel, warum wir über Witze lachen. Sie spiegeln bloß den Irrsinn wieder, der, als Schwachsinn getarnt, unter den Menschen geistert. Wir lachen am Witz über das, was uns unzählige male im Leben begegnet ist. Begegnen wir ihm im Leben, lachen wir nicht. Wir ärgern uns oder – häufiger – finden überhaupt nichts merkwürdig dabei. Etwa: Kommt eine Jude in eine Fleischerei und sagt: »Ich hätte gern 500g von dem Fisch dort.« – »Aber das ist doch Schweinefleisch.« – »Ich habe dich nicht gefragt, wie der Fisch heißt. Ich hätte gern 500g von dem Fisch.«

Worüber lachen wir? So sind sie doch, die Menschen. Sie alle wollen immer irgendwas, und wenn das, was sie wollen, anrüchig ist, nennen sie es einfach um; als ob es um die Phonetik und nicht um Inhalte geht. Wollen ist eine teuflische Sache. Selbst der unbegabteste Verführer hat einen Gegenstand, an dem er nicht scheitert: sich selbst. »Objektivität«, lese ich bei Dietmar Dath, »ist nichts anderes als ein neutraleres Wort für Gerechtigkeit.« Gerechtigkeit, las ich bei Dath leider noch nicht, ist nur dort möglich, wo der Mensch sich von dem, was er will, emanzipiert. Es geht nicht darum, nichts zu wollen. Es geht darum, sich von dem, was man will, nicht tyrannisieren zu lassen. In jedem Wollen steckt das Subjektive und also Continue reading »

Sep 052010
 

Daß man nach gefühlten 200 Jahren an den Bühnen des DT wieder einen Hacks gibt, ist ein Ereignis, dem man nicht anders als froh gegenüber stehen kann. Daß man den Hacks dort auf eine Weise gibt, die wenig mit dessen Vorstellungen von Theater zu tun hat und dafür viel mit denen unserer Zeit, ist etwas, das man erwarten konnte. Jürgen Kuttner und Tom Kühnel haben die Erwartungen übertroffen, indem sie sie enttäuscht haben. Man steht ein bißchen davor wie Hacksens Ascher, zufrieden und unzufrieden zugleich: „Ich habe es gewollt, und ich habe es bekommen, und ich habe es nicht so bekommen, wie ich es gewollt habe – das versteht sich ja für uns Menschen von selbst.“ Fröhlich resigniert eben, und ich scherze nicht. Wenn der Preis der Aneignung des Dichters Hacks der ist, daß die Zeit ihn auf ihre Weise aneignet, dann soll es sein. Freilich muß sie sich dann auch gefallen lassen, daß man ihre Ergebnisse mit denen anderer Zeiten vergleicht. Erfolg rechtfertigt vieles, Mißerfolg ist nicht zu rechtfertigen.

Der andere Hingucker ist Jürgen Kuttner. Eine Legende im Berliner Sprechfunk, an dessen Lippen wir jeden Dienstag hingen. Wir, das ist die Generation, die den Zusammenfall des gesellschaftlichen und persönlichen Chaos erlebte, Leute, deren Flegelzeit also in die frühen Neunziger fiel. Kuttner war schon damals zu alt für uns, und er ist auch heute noch älter als sein Publikum, obwohl sein Publikum mit ihm gealtert ist. Es ist weniger, was er macht, sondern wie er es macht. Ein lebendes Kunstwerk. Und nun nähert sich dieses Kunstwerk dem größten Künstler der zurückliegenden Epoche, nähert sich Peter Hacks. Das ist ein bißchen wie die Beatles und die Stones auf demselben Cover. Man weiß, das geht eigentlich nicht, aber der Gedanke ist viel zu verlockend, ihn nicht zu mögen.

Wer die „Sorgen“ inszeniert, muß sich dem Problem stellen, daß Stoffebene und Rezeption Continue reading »

Sep 042010
 

Wer nicht tanzen kann mit Winden,
Wer sich wickeln muß mit Binden,
Angebunden, Krüppel-Greis,
Wer da gleicht den Heuchel-Hänsen,
Ehren-Tölpeln, Tugend-Gänsen,
Fort aus unsrem Paradeis!

Wirbeln wir den Staub der Straßen
Allen Kranken in die Nasen,
Scheuchen wir die Kranken-Brut!
Lösen wir die ganze Küste
Von dem Odem dürrer Brüste,
Von den Augen ohne Mut!

Der Urheber dieser Worte ist nicht Thilo Sarrazin, sondern Friedrich Nietzsche. Von Sarrazin stammen folgende Erhellungen: Continue reading »

Jun 012010
 

(Fortsetzung von Teil I)

Natürlich kann kein Zweifel hinsichtlich der Motive jener nicht nur belgisch und französisch, sondern tatsächlich übergreifend europäisch argumentierenden Politiker bestehen, die gegenwärtig das Verbot durchzusetzen trachten. Sie betrachten den Islam vom Standpunkt des Christentums, mit den Augen des Konkurrenten also, der dort siegen will, wo es der Islam gegenwärtig tut. Und sie sprechen von der christlich-abendländischen Kultur, ganz so, als sei nicht eben diese Kultur, deren Wurzeln nebenbeigesagt bis ins antike Griechenland und nicht nur bis zu Paulus zurückreichen, in ihrem heutigen Bestand das Resultat eines mühevollen Kampfes nicht zuletzt auch gegen diese Religion und ihre Institutionen. Daß das Christentum heute dem Islam als die aufgeklärtere, offenere und gesittetere Religion entgegentreten kann, als eine Religion, die sich dem Weltlichen nicht dumpf entgegenstellt und deren ideeller Gehalt von den größten Denkern der Neuzeit (Spinoza, Leibniz und Hegel) vermittels nichtreligiöser Mittel offenbar gemacht wurde, verdankt es weniger sich selbst als vielmehr dem Umstand, daß ihm dies mühevoll von außen, mit philosophischen und politischen Mitteln, abgerungen wurde.

Unbetroffen von solchen Historika bleibt indes ein praktischer Vorgang im Hier und Jetzt. In der Politik geht es nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft. Nicht Gründe zählen, sondern Folgen. Jedes Mittel, das Gewünschtes herbeiführt, ist recht, gleich, von welcher Seite es kommt. Der muß schon ein ausgemachter Narr sein, der einen Akt des Fortschritts ablehnt, weil die Subjekte, die diesen Akt zur Durchführung bringen, ihn aus den falschen Beweggründen ins Werk setzen. Wann, ließe sich fragen, wäre ein Fortschritt jemals von Akteuren durchgesetzt worden, die diesen Fortschritt im vollen Umfang seines Ernstes begriffen hätten? Und ehrlich: Begreift man denn auf der Linken den Fortschritt tatsächlich besser als in jener christlich-abendländische Kaste, die sich dem Erhalt des Bestehenden, was immer das gerade sei, verschrieben hat? Wenn ich wesentlich öfter über die Linke schimpfe als über das rechte Lager, dann weil die Sorgen der Linken auch die meinen sind. Nur an dem, was man veränderbar und verändernswert glaubt, mäkelt man herum. Mit amusisch-verstockten Christdemokraten, die sich auf eine “christliche Leitkultur” berufen, ohne in ihrem Leben eine Zeile Goethe oder Hegel, Luther oder Schleiermacher gelesen zu haben, gibt es gar nichts zu bereden. Ein anderer Grund der Ungleichverteilung meines Tadels liegt allerdings darin, daß die Linke zu hirnernen Fehlkonstruktionen neigt, wie sie das rechte Lager nur selten nötig hat. Im simpel Affirmativen ist alles klar und ohne Geheimnis. Die unbestimmte Negation kommt immer von hinten durchs Knie. Ich bin noch beim Thema und will hiervon im folgenden zwei Beispiele geben: zwei Argumente, die unter den Äußerungen der letzten Tagen besonders häufig zu vernehmen waren. Das erste Argument richtet sich gegen das Ziel, das zweite gegen die Methode des Verbots. Es ist nicht schwer, beide zu entkräften.

Der liberale Irrsinn hat einige Kommentatoren dazu gebracht, die Behauptung aufzustellen, das Verbot der Burka sei eine Beschneidung der Freiheit; man nehme den Frauen damit das Recht zu entscheiden, in welcher Kleidung sie sich in der Öffentlichkeit zeigen. Dieses Argument funktioniert weder theoretisch noch praktisch. Tieferdenkende wissen, was es mit dem Begriff der Freiheit Continue reading »

Mai 182010
 

Das Nachdenken über Sitten und Gebräuche hat immer zwei Seiten, eine theoretische, die danach fragt, woher dieser oder jener Brauch historisch und kulturell kommt, und eine praktische, auf der das Denken der Frage nachgeht, wie gut die Bräuche sind und wohin, wenn man sie ausübt oder nicht ausübt, unsere menschliche Entwicklung geht. Beinahe alle Fehlleistungen, die Kommentatoren bei der Beschäftigung mit sittlichen Fragen unterlaufen, rühren aus der ungleichen Verteilung des Denkens auf diese beiden Seiten. Die Frage nach der Welt, wie sie ist, und die Frage nach der Welt, wie sie sein soll, verhalten sich in aller Regel gegenläufig, und der gemeine Verstand liebt das Denken in Widersprüchen nicht. Er will es einfach und will es rein. Also entscheidet er auch bei der Beurteilung bestimmter Sitten einfach nach seinen ohnehin vorhandenen Neigungen. Ein Brauch ist demnach entweder schlecht und somit durch keinerlei historische Betrachtung zu entschuldigen, oder aber historisch bedingt, und dann verbietet sich ein Werturteil von selbst.

Nicht wenig hängt bei der Entscheidung, ob nun ein ganz bestimmter Brauch schlecht oder historisch bedingt sei, davon ab, wie das urteilende Subjekt zu seinem eigenen Kulturkreis steht. Ein christlich-konservativer Mensch wird alle (gegenwärtigen) Bräuche des Abendlandes für gut und unverzichtbar erklären, während er die Mehrheit der Bräuche des Orients für schlechthin verderblich hält. Ein linker oder liberaler Mensch verhält sich dagegen umgekehrt. Die Negation des Gegenwärtigen (die bei ihm immer absolut ist und nie bestimmt sein kann) zwingt ihn dazu. Einen waschechten Linken erkennen Sie daran, daß er mit Eifer für die Freiheit des Islams kämpft, auch hierzulande seine Frauen zu unterdrücken, und mit demselben Eifer dann die Abschaffung der Ehe  im abendländischen Kulturkreis fordert. Daß die Ehe, wie sie im Okzident von heute modelliert und juristisch bestimmt ist, ein Ausdruck der Gleichberechtigung von Mann und Frau ist (indem sie nämlich beide Seiten rechtlich gleichsetzt, sie gar zu Rechtsvertretern der je anderen ernennt und im Fall der Scheidung die stärkere Partei zum Unterhalt der schwächeren zwingt), spielt bei derartigen Überlegungen keine Rolle. Denn die Ehe, so weiß das Sektenhirn, ist ein Rudiment der patriarchalischen Klassengesellschaft, und was von dort kommt, muß – gleich, welchen Wandel es seitdem vollzogen hat – schlecht sein. Umgekehrt muß alles, womit diese Gesellschaft in Konflikt gerät, Unterstützung erfahren, denn auch dies weiß das Sektenhirn, daß der Feind seines Feindes unbedingt sein Freund sein müsse. So verteidigt der linke Kritiker also das Morgenland gegen das Abendland mit der Begründung, daß das Abendland einst ebenso unerfreuliche Zustände sein Eigen nannte wie das Morgenland noch heute. Sie merken: Um Inhalte geht es bei der Sache überhaupt nicht; es geht um Wohlfühlzonen. Derartiges Denken mit zweierlei Maßstab Continue reading »

Jan 102010
 

Die Maya sind ein merkwürdiges Völkchen. Sie wußten nichts von der Welt und kannten doch ihr Ende. Sie hatten einen merkwürdigen Kalender, der das Ende der Welt für den 21. Dezember 2012 vorsah. Leider ereignete sich das Ende dann ein paar hundert Jahre früher, und die wiederkehrenden Götter waren kaum größer als die Maya und sprachen Spanisch. Wie wir aber durch den Echtzeithelden und Träger des Agent-Mulder-Ordens II. Klasse, Erich von Däniken, belehrt sind, muß das Ende der Welt nicht notwendig am 21. Dezember 2012 eintreten. Die Umrechnung des Maya-Kalenders in den unseren könne schließlich auch falsch sein. Baut da schon jemand insgeheim vor für den Fall einer peinlich ausbleibenden Katastrophe am 21. Dezember 2012? Die Grundregel aller geschäftstüchtigen Propheten lautet: Sage nichts voraus, das noch zu deinen Lebzeiten eintreffen müßte. Und überhaupt, 21. Dezember! Hätte man nicht wenigstens bis Weihnachten warten können? Wie? Wer kurz vor dem Ende der Welt noch Weihnachten feiern wolle? Ich natürlich! Und wenn ich wüßte, daß morgen die Welt in tausend Stücke zerbräche, ich zöge noch heute los, einen Weihnachtsbaum zu fällen.

O doch, ich hab es gesehen, das neueste Bildwerk Roland Emmerichs, des amerikanischsten aller Nichtamerikaner. 2012 ist ein spektakulärer Film. Die Story ist genrebedingt gebaut, die Zweitklassigkeit der Darsteller (den stets erstklassigen John Cusack ausgenommen) ist statthaft, denn hier kommt alles auf die Bilder der großen Naturkatastrophe an. Technisch ist der Film vollkommen, die Effekte gekonnt, was nach Maßgabe der naturalistischen Gattung Film bereits hinreichend sein müßte. Bilder zu machen, das ist die eigentliche Tugend des Films. Aber diese eigentliche Tugend ist eben nur bedingt kunstfähig, will sagen: Auch die besten Bilder retten einen Film dort nicht, wo keine gute Handlung sie zusammenhält. Und wie sich an dem technisch gleichfalls Maßstäbe setzenden Avatar sehr gut nachvollziehen läßt, verdrießt selbst bildhafte Perfektion, wenn das Werk sich der läppischen Weltanschauung eines JJ Rousseau bedient und von einer dramatisch unergiebigen Handlung getragen werden muß.

Natürlich gab und gibt es Einwände gegen 2012. Continue reading »

Dez 192009
 

Wenn der Medienbetrieb dem Medienbetrieb vorwirft, daß er ein Medienbetrieb ist, wird es lustig.

Verfolgt man ein bisschen die wallenden Wörtermengen in den Feuilletons dieser Republik

schreibt in kaum minder wallenden Wortmengen der gleichfalls betriebsimmanente Matthias Biskupek in seiner neuesten Eulenspiegel-Kolumne (1/2010), in der er mich schon 2006 einmal einen “Jungphilosophen” genannt hat, was, wie ich vermute, nur zur Hälfte liebenswürdig gemeint war. Nun schießt er erneut in meine Richtung, wenngleich auch nicht direkt gegen mich. Anlaß ist ihm das 100. Jubiläum von Alfred Matusche, über das zu schreiben, als es sich ereignete, Biskupek versäumt hat. So muß das herhalten, was immer herhalten muß, wenn ein Medium mit seiner Betrachtung zu spät kommt: Die Betrachtung der Betrachtungen. Dabei will ich Biskupek in dem, was er sagt, gar nicht widersprechen. Er lobt unsere Editionen (Dramen und Festschrift) und spottet über die Worthülsen, die das Feuilleton zum 100. Geburtstag verbreitet hat; ersteres ist brav – schließlich haben wir unzählige Stunden Arbeit in ein Projekt gesteckt, dessen Resultat sich wirklich sehen lassen kann –, und letzteres ist im Angesicht solch unsäglicher Wortmeldungen wie etwa der von Maxine Herder oder der von Jürgen Serke kaum übertrieben zu nennen.

Das läuft also gut vom Stapel, aber dann nimmt die Titanic irgendwie die falsche Ausfahrt:

Das erste abgedruckte Stück heißt »Das Lied meines Weges«. Herausgeber Fischborn wandelte diesen Titel zu »Das Lied seines Weges« (ebenfalls VAT) und sammelte darunter Texte einer Festschrift. Die ist nur broschiert und mit 300 Seiten nicht ganz so umfangreich wie die Dramensammlung, doch was die sechzehn Mitstreiter, Matusche-Forscher und Nachlass-Verwalter mitteilen, ist ein beachtliches Stück Theater-, Kultur- und Landesgeschichte. [...] Natürlich fehlt auch eine Bemerkung wie »Matusche war so etwas wie der Wittgenstein der DDR« nicht. Ich warte darauf, wann man mal liest: Der X oder die Y sind so etwas wie der Matusche (bzw. Hacks, Strittmatter, Christa Wolf) der ehemaligen BRD. Doch dafür ist in den wallenden Wörtermengen der Feuilletons kein Platz.

Warten kann man auf vieles. Nur was man erwarten kann, darüber gehen die Meinungen vielleicht doch auseinander. Natürlich ist der Tag noch fern, da man Wittgenstein den Matusche des Habsburger Reiches nennen wird, so weit vielleicht, Continue reading »

Nov 202009
 

Da hat doch unser Bundesdingens Horst Köhler zum 20. Jahrestag des Mauerfalls in seiner Maison de plaisance Bellevue eine Veranstaltung für “Gegner des SED-Unrechts” ausrichten lassen, auf der zwölf Bundesverdienstkreuze an zwölf Bürgerrechtler der DDR-Zeit verschenkt wurden. 12 Kreuze an 12 Bürgerrechtler – offenbar war beides im Dutzend billiger.

Für den Eklat des Abends sorgte Stephan Krawczyk, der – nachdem er zusammen mit Freya Klier seine drittklassige Schmierlyrik vorgetragen hatte – gebeten wurde, die Nationalhymne anzustimmen, und dies tat, indem er sogleich die seit der Nazizeit zu Recht gebannte erste Strophe der Hymne skandierte. Er soll verwundert in die Menge geblickt haben, als er die Tatsache gewahr wurde, daß die übrigen Anwesenden Deutschland nicht von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt sich erstrecken lassen wollten. Und Horst Köhler soll sich dann geräuspert und die Worte gesprochen haben: “Die dritte Strophe bitte.”

Courage, Herr Köhler, Courage! Wir hatten schon Präsidenten, die in dieser Situation sicher reflexhaft mit eingestimmt hätten. Aber Sie brauchen nun auch nicht so pikiert dreinzuschauen, schließlich: Wer sich Straßenköter ins Haus holt, darf sich nicht wundern, wenn es ihn nachher an allen möglichen Stellen juckt.

Sie merken: Gelegentlich, wenn der Wind ungünstig steht, hört man sogar hier oben auf dem Parnassos ein wenig vom alltäglichen Geplänkel, das gemeinhin und in Unkenntnis, was das Wort bedeutet, Politik genannt wird. Meine Freunde wissen, ich halte das übermäßige Bedürfnis zur Tagespolitik, unter dem nicht wenige Menschen hierzulande leiden, für eine Art Charakterschwäche, sehe aber Continue reading »

Nov 112009
 

Es scheint, als hätte Frank Schirrmacher sich in letzter Zeit ein bißchen darauf verlegt, die Linken mit unerwarteten Statements zu überraschen. Gut, die Sache mit Hacks, die kam nicht wirklich unerwartet. Man hatte sich auch davor schon gedacht haben können, daß irgendwann irgendeiner der geistig maßgeblichen Leute dieses Landes auf die Idee kommt, daß es nicht sehr sinnvoll ist, den größten Dichter seit Goethe weiterhin auszugrenzen und allein denen zu überlassen, die sich ihm politisch zurechnen und denen er sich politisch zurechnete. Verbote sind bestenfalls kurzfristig sinnvoll; mittelfristig machen sie den, der verboten ist, sexy, und langfristig wird er etablierter sein denn je.

Aber wir schreiben den 9. November, vorgestern, und Frank Schirrmacher (FAZ) haut erneut einen raus:

Es war an einem der schönsten Sonnentage dieses Sommers. Wir, eine Gruppe Ausflügler, waren auf Landpartie am blau funkelnden Schwielowsee … [Dort] begegnete uns ein fideles gutgelauntes älteres Ehepaar, das sich nach kurzem Herumrätseln als der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR nebst Frau entpuppte. „Herr Krenz, was sagen Sie dazu, dass zwanzig Jahre nach dem Ende des Sozialismus der Kapitalismus in seiner größten Krise ist?“

„Umgekehrt wäre es mir lieber gewesen.“

Gut gebrüllt, Egon! Doch hören wir richtig: Krenz und Schirrmacher beim Kaffeeplausch? Continue reading »