Wetterlage – Weltlage

Kann sein, daß der Teufel den Mann aus dem Land reißt;
Nie kriegt er das Land aus dem Mann.
Wenn draußen die Schneekönigin in die Wand beißt,
Geht drin das Feuer an.
(Gerhard Gundermann)

Kann sein, daß der Teufel den Mann aus dem Land reißt;
Nie kriegt er das Land aus dem Mann.
Wenn draußen die Schneekönigin in die Wand beißt,
Geht drin das Feuer an.
(Gerhard Gundermann)
Wir reiten in die Kreuz und Quer
Nach Freuden und Geschäften;
Doch immer kläfft es hinterher
Und billt aus allen Kräften.
So will der Spitz aus unserm Stall
Uns immerfort begleiten,
Und seines Bellens lauter Schall
Beweist nur, daß wir reiten.
Ein gutes Gedicht erkennt man daran, daß keine Anmerkung sich nötig macht.
Kennen Sie Anton Kippenberg? Wieso eigentlich nicht?
Selbst wenn man in der Geschichte der Buchkultur nicht ganz so bewandert ist, sollte man doch einen vierzeiligen Schüttelreim kennen, den ich schwer im Verdacht habe, das witzigste Gedichte deutscher Sprache zu sein (und Kenner wissen, daß das eine Auszeichnung ist, die kaum noch übertroffen werden kann).
Gegenstand des Gedichtes ist, bei Kippenberg nicht verwunderlich, Goethe. Oder besser: ein Goethe nahes Sujet, nämlich der einzig wahre Sekretär Goethes, Johann Peter Eckermann. Kippenberg bedient sich des Umstandes, daß Eckermann seine Kindheit und Jugend als Viehirt in Winsen an der Luhe verbracht hat, und so entstand der unsterbliche Vierzeiler: (weiterlesen…)
Da auch dieses Jahr sich von den anderen insofern nicht unterscheidet, als der 13. August in Funk und Presse einmal mehr nur moralisch-emotional reflektiert wird und von historischen, politischen oder ökonomischen Zusammenhängen einmal mehr nicht die Rede ist, will auch ich mich diesem Chor der Subjektivität anschließen, allerdings auf würdigere Weise: vergnüglich nämlich.
Es wohnte unter uns vor nicht langer Zeit ein Dichter, den man in nicht ferner Zukunft - und dann für immer – den größten Dichter des 20. Jahrhunderts heißen wird: Peter Hacks, und der hatte einen Freund, den man, auch wenn die Nachwelt dem Mimen etc. pp., als einen der großen Schauspieler des 20. Jahrhunderts im Gedächtnis behalten wird: Eberhard Esche. Der hatte eine Landhaus in Kraatz Ausbau, und was er darauf trieb, hat sein Freund, der Dichter, in unsterbliche Verse gegossen: (weiterlesen…)
Vor genau 80 Jahren, am 30. Juli 1929, wurde Werner Tübke geboren. Er feiert heute folglich seinen 80. Geburtstag, und es ist traurig, daß wir ihn ohne ihn feiern müssen.

Werner Tübke, Selbstbildnis
Andererseits: Der Tod von Klassikern ist ihre eigentliche Geburt, und daß Werner Tübke ein Klassiker ist, daran hat schon zu seinen Lebzeiten kaum einer gezweifelt. Ich zögere nicht, Tübke den größten Maler des 20. Jahrhunderts zu nennen. Es ist wohl weniger schwer, der größte Maler des 20. Jahrhunderts zu sein als z.B. des 16., aber immerhin hat das 20. auch ein Genie wie Dali hervorgebracht, der handwerklich vollkommen ist und an dem einzig ein gewisser Hang zur inneren Leere verdrießt. Und auch in Tübkes näherem Umfeld befinden sich ausgesprochen gute Künstler wie Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer. Man mag sie derselben Schule zurechnen oder nicht, man mag einem jeden von ihnen seine eigene Unüberholbarkeit (weiterlesen…)
Ich bin sicher kein großer Verehrer dieses Dichters. Das meiste, was Böll geschrieben hat, hat mich, wie ich gestehen muß, gelangweilt. Immerhin: “Nicht nur zur Weihnachtszeit” und “Das gesammelte Schweigen des Dr. Murke” sind wunderbare Erzählungen, vielleicht sogar Glanzstücke deutscher Prosa.
Bölls bestes Prosastück ist indes ein ganz kleines, kaum bekanntes. Es ist, wenn ich es richtig verstehe, eine Parabel auf das Verhältnis, in dem Repression und Gehirnwäsche im modernen Zeitalter stehen. Gerade in Bezug auf die Wirkweisen unserer durch die modernen Medien getragenen Bewußtseinsindustrie scheint mir das ein überaus aktuelles Thema. Wer das Denken und Fühlen der Menschen bestimmen kann, bedarf nicht mehr so sehr der äußerlichen Absicherungen wie wenn er die Hoheit über der Menschen Innerstes nicht hätte.
Weggeflogen sind sie nicht
Heinrich BöllSie fragen mich nach dem wichtigsten kulturellen und gesellschaftlichen Ereignis des Jahres? Warum sollten diese beiden Ereignisse getrennt sein? Sind nicht Kultur und Gesellschaft untrennbar, ja unzertrennlich, wie Kunst und Gesellschaft auf ewig getrennt sind:
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Zwölf Meter im Quadrat, ein Laken, Wein
Und über uns das Weltall stürzt nicht ein.
endet eines seiner schönsten Gedichte. Man wünscht, die Welt wäre wirklich so. Aber das eben ist, was Kunst macht: sie macht uns wünschen. Und sei es nur Glück wünschen wie in diesem Fall dem Rainer Kirsch, einem großen Lyriker, der heute seinen 75. Geburtstag feiert.
Daß hinter dem Lyriker Kirsch auch immer ein Kopf steckte, der ebenso wichtige Gedanken aus seinem Dichten zog wie er auch sein Dichten gedanklich untermauerte, wurde oft übersehen. Zu oft. Vielleicht ist es das traurige Schicksal der Lyriker, daß niemand ihnen glaubt, daß sie hinter ihren Versen auch noch Gedanken haben. Es geistert beim Worte Lyriker im Common Sense weithin das Bild eines ganz naturwüchsigen Poeten um, der seine Dichtung eher intuitiv, ganz ungedanklich, ausschließlich im Affekt hervorbringt und der keiner anderen Reflexionen fähig ist als der allersubjektivsten. Das mag sicher auf die meisten der gegenwärtigen Lyriker treffen; ihre Gedichte sind ja dann auch entsprechend. – Auf Kirsch trifft es nicht.
Aus diesem Grund möchte ich den Anlaß des Jubiläums nicht mit einem Kirsch-Gedicht begehen, sondern mit einer theoretischen Reflexion, die Rainer Kirsch im Januar 1980 in einem Interview mit Rüdiger Bernhardt in die Welt gesetzt hat und von der ich meine, daß sie den klassischen Kunstgedanken auf makellose Weise zur Anschauung bringt: (weiterlesen…)
Ich werde noch in diesem Sommer eine Rezension der Wiederstedter Elegien schreiben, die uns der Lyriker Ralf Meyer in diesem Frühjahr geschenkt hat – uns heißt hier: der Menschheit.
Trotzdem ziere ich mich nicht, bereits jetzt die Gelegenheit beim Rocke zu packen, auf dieses Wunderwerk menschlichen Vermögens hinzuweisen. Ralf Meyer ist ein Lyriker mit Gedanken und einem schon fast unheimlichen Gefühl für Sprache. (weiterlesen…)