Jan 052017
 

Dass wir sowas wie einen Agrarminister haben, merkt man immer erst dann, wenn mal wieder einer einen Bock geschossen hat. Unvergessen an dieser Front bleibt Karl-Heinz Funkes spanischer Trochäus: »Oldenburger Butter / Hilft dem Vater auf die Mutter«, bei dem verkorkste Metrik und bierseliger Sexismus eine formidable Einheit machen. Nun hat einer namens Christian Schmidt (nicht zu verwechseln mit dem bekannten Autor Christian Y. Schmidt) die Welt von seiner Existenz in Kenntnis gesetzt, indem er ankündigte, im Fall veganer Wurstprodukte gegen die Bezeichnung ›Wurst‹ vorgehen zu wollen, denn die sei … ja was? Irreführend. Ich finde zwar, auch nicht mehr als die Bezeichnung ›Minister‹, aber was weiß ich schon. Continue reading »

Okt 012016
 

Über den Nichtwähler und die intime Wut, die er auslöst

Kampf ist nicht gleich Krieg, Gewinnen nicht gleich Vernichten, das Durchsetzen einer Idee nicht der Versuch, sie sämtlichen Köpfen einzutrimmen. Eingestanden stellen politische Ideen Entwürfe menschlichen Zusammenlebens vor, die für alle gelten sollen. Jedes Urteil, sobald gedacht, jede Handlung, sobald begonnen, ist autoritären Charakters. Selbst das Nicht-Autoritäre muss autoritär werden, sobald es agiert. Politik wird von einigen betrieben, hat Folgen aber für alle. Meine Regierung ist nicht meine; ich habe sie nicht gewählt, dennoch regiert sie mich, und ich habe nur die Wahl, etwas dagegen zu tun oder mich gelangweilt abzuwenden. In jedem Fall spüre ich die Ideen anderer am eigenen Leib. Ich muss leben, wie eine ermittelte Mehrheit des Landes will. Menschen, die ich nicht ernstnehmen kann, entscheiden über mich. Heimatkunde, Lektion 1. Continue reading »

Sep 182016
 

Utopie und schweigende Mehrheit

Ein PS

Konstantin Bethscheider, mit dem mich etwas verbindet, das man vielleicht konzessive Freundschaft nennen kann, hat einen Home Run geschlagen. Nein, diese Metapher taugt nicht. Dass der Ball im Baseball gelegentlich aus dem Spielfeld befördert wird, ist regulärer Teil dieses Spiels. Kein Aus, sondern ein Punkt. Was hier gelang, gleicht eher einem großen Sprung von der kleinen Schanze. Wie immer das auch gehen soll. »Ein Wort für die schweigende Mehrheit«, dieser Essay, überschreitet sich selbst, indem er den vorgesehen Rahmen sprengt. Er handelt von einer sehr gegenwärtigen Stimmung, die das Spezifische unserer Zeit ausmacht – ästhetisch zunächst in noch genießbarer Form, politisch dann ganz entblößt in voller Hässlichkeit: der Geist der Marvel-Comics als Vorschein heutiger Zeloten von rechts. Also jener neueren Rechten, die von Donald Trump über die Orbáns/Petrys/Hofers bis hin zu Wladimir Putin gemeinsam einen Teppich stumpfsinniger Volksfürsorge übers Abendland legen. Continue reading »

Sep 142016
 

Der Aufstieg des Donald Trump und sein Vorschein im Marvel-Kosmos

von
Konstantin Bethscheider

Vorwort

»Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln. Die letztre ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode.«

(Karl Marx)

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Lage der westlichen Gesellschaften verzweifelt ist: Die Wiederauferstehung politischer Kräfte, die man sich durch die neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts hindurch bereits angewöhnt hatte als ›Ewiggestrige‹ zu unterschätzen, legt davon ebenso Zeugnis ab wie die offenkundige Unmöglichkeit, dieser rasanten Regression mit den Mitteln des Intellekts zu begegnen. Während diesseits des Atlantiks AfD, Front National und Putin Erfolge feiern, die mit den Mitteln des Verstandes so schwer nachzuvollziehen sind, dass jede neue Hiobsbotschaft empfangen wird mit dem Lamento, dass noch ein Jahr zuvor der entsprechende Erfolg unvorstellbar gewesen sei, starren die Medien und die Intelligenzija jenseits des atlantischen Ozeans wie ein Reh im Scheinwerferlicht auf die Erfolge Donald Trumps, dessen kometenhafter Aufstieg nicht einmal durch Zerwürfnisse mit seinem natürlichen ideologischen Verbündeten Fox News behindert werden konnte. Continue reading »

Jan 282016
 

Der Kinskiwert, zentrale Messgröße für alle Medienmenschen, erlaubt eine Beurteilung des medialen Effekts einer Person, der in reziproker Relation zum gesellschaftlichen Effekt steht. Der Kinskiwert misst aggressives & exaltiertes Auftreten, das eine nicht vorhandene Substanz so offensichtlich kaschiert, dass selbst beholfene Mitmenschen gelegentlich auf die Idee kommen, es müsse doch mehr dahinter stecken. Continue reading »

Aug 072015
 

Darf man Israelkritiker kritisieren? Bequeme Argumente für empfindliche Seelen

Es gibt Gedichte, die ersetzen ganze Abhandlungen. So eines von Wiglaf Droste: »Ich höre sie jammern, sie dürften als Deutsche/ In Deutschland nichts gegen Israel sagen.// Das dürfen sie aber, es tun auch fast alle,/ Und können dann nicht mal ein Echo vertragen.« Unfreunde des israelischen Staates müssen jetzt tapfer sein. Wir werden auch heute den Nahostkonflikt nicht klären können. Der Blick sei vielmehr gerichtet auf ein geläufiges Diskursverhalten, von dem ich meine, dass es nicht an den Tag legen kann, wer sich mit Fug gewisse Vorwürfe verbitten will. Continue reading »

Jul 282015
 

»Der Antisemitismus ist nicht der Stein, der gefunden werden muss. Er ist das Wasser, das sich um den Stein legt. Er nimmt jeweils die Form an, die von seiner zeitlichen und örtlichen Umgebung begünstigt wird. Sucht man nach seiner Form, wird man immer den synchronen Abdruck von besonderen gesellschaftlichen Situationen erhalten. Sucht man nach seinem Wesen, wird er seltsam formlos, was seine Bestimmung zu einem unerfreulichen Vorgang macht. Unerfreulich, aber nicht unmöglich.«

Das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus Leipzig organisierte von April bis Juli 2015 eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel »Die Feinde Israels«. Bartels las dort am 21. April 2015 Auszüge aus »Nahost! Nahost! oder Zur Romantik des Weltfriedens«: Continue reading »

Apr 152015
 

Noch einmal denkt, noch einmal, liebe Freunde! Es war vorauszusehen, daß Grassens Tod zu Witzen führen wird. Es war vorauszusehen, daß das Leute ärgern wird. Ich versuche, diesen Widerspruch so gerecht, wie mir möglich, zu behandeln, weil ich beides, den Spaß und den Ärger über den Spaß, ein wenig verstehen kann. Nun wird, wie ich sehe, auf den sozialen Netzwerken stark darüber diskutiert, ob, wann, wo & wie Witze über einen Frischverstorbenen in Ordnung sind. Continue reading »

Mrz 082015
 

Je nun. Schaun wir uns also Til Schweiger und seine Puller-ab!-Fanboys etwas genauer an. So tief kann man sinken. Doch daß dieser Todenhöfer der Unpolitischen es vermag, hier dennoch zum Gegenstand der Betrachtung zu werden, liegt daran, daß alles politisch ist, auch das Unpolitische. Der Gegenstand ist durch und durch ekelhaft, und genau meint hier daher tatsächlich: genau, nicht ausgiebig. Ich habe keine Lust, die Zeugnisse der Unvernunft auch noch zu dokumentieren. Jeder kann selbst die Facebookprofile ruchbarer Verbalvigilanten besuchen, wie eben Schweiger, Hans Sarpei oder Jan Leyk, von deren Existenz man leider & gottseidank außerhalb solcher Zusammenhänge niemals Zeichen erhält – Schweiger macht Filme mit Dieter Hallervorden, Sarpei hat für Schalke gespielt, und von Leyk weiß ich nicht einmal, ob es ihn überhaupt gibt. Jeder kann sich zugleich auch vom Geschrei ihrer Anhänger ein vitales Bild machen. Ich will demnach nicht über Edathy reden, zu dem mir bei allem auch hier berechtigten Ekel nun wirklich nichts Mitteilenswertes einfällt. Es geht nicht um ihn, die Kinder oder die bundesrepublikanische Rechtspflege, es geht mir nicht einmal um Schweiger selbst, sondern allein um das, was sich in den volkstümlichen Reaktionen auf den Fall des Edathy zum Ausdruck bringt. Wer schreit da, und was schreit da?

Sofort fällt auf, daß die große Mehrheit derer, die nach Abschiebung, lebenslanger Haft, Todesstrafe, Kastration oder simpel körperlicher Gewalt rufen, Männer sind. Es finden sich auch einige Frauen in der Menge der Empörten, aber weder in der Breite noch in der Spitze halten sie mit. Das ist insofern bemerkenswert, Continue reading »

Feb 242015
 
Menschen, die mit dem Unterleib denken, gibt es gar nicht so wenige. Da ist nämlich kein günstigerer Nährboden für politische Irrationalität als das Gefühl der Ohnmacht, und ohnmächtig samma alle. Deshalb sind es so viele – und so viele aus der weiß-nichts-kann-nichts-Abteilung. Muss man sich mit ihnen beschäftigen? Nun sicher, es gibt Wichtigeres. Das Weltall zum Beispiel. Doch wenn sie auch nichts zu sagen haben, sie haben dauernd das Wort, und wer redet, hat Macht. Das Problem dabei ist, dass man sich im Verfolgen von Unterleibsgedanken stets vorkommt, als schnüffle man an einer Unterhose. Man fühlt sich wie ein Belästiger, also belästigt.

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Dez 062014
 

Über die Gereiztheit des Zoophagen

Die wörtliche Übersetzung von Dioskuren lautet: die Boys von Zeus. M&M wiederum heißt nicht, wie es müsste, Maxeiner & Maxzweier, sondern Maxeiner & Miersch. Der autoritäre Liberalismus ist noch jung und gerade erst dabei, seine Folklore zu entwickeln. Ich bin mir sicher, dass man dereinst, wie heute schon in den MEW, in den MMW blättern wird, und irgendwann im Nachlass mag wohl ein fleißiger Adlatus das unveröffentlichte Vorwort zu einem veröffentlichten Buch entdecken, worin Maxeiner über Miersch oder Miersch über Maxeiner schreibt: »Er war das Genie, wir anderen allenfalls Talente.« Continue reading »

Nov 132014
 

Zur durch und durch hässlichen Anatomie des Kunden

Wer in den zurückliegenden Wochen Bahn gefahren ist, in die üblichen Schmierblätter geblickt oder sonstwie verrückte Dinge getan hat, um mit der Erlebniswelt jener fleischgewordenen Fiktion namens Ottonormalverbraucher in Kontakt zu kommen, mochte sehen, was nach dem kurzzeitigen Hoch des WM-Siegs und der sich anschließend mächtig zurückmeldenden Spaltung durch die Ukrainekrise die deutsche Volksgemeinschaft ein weiteres Mal zu einen imstande ist. Lokführer nämlich. Eine Nation tobt. Bild weiß, wo es hingehört, fragt scheinheilig danach, wer die eigentlichen Gewinner des Streiks seien und sorgt dafür, dass seine Leser das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren, indem es Photos der Privatwohnung des GDL-Chefs Weselsky veröffentlicht sowie dessen geschäftliche Telephonnummer. Der weist seine Sekretärin an, die Flut der eingehenden Anrufe auf den Apparat des Vorstands der Deutschen Bahn AG umzuleiten. Focus befragt die Ex-Frau Weselskys über dessen private Eigenarten, und da Ex-Frauen prinzipiell unverdächtige Zeugen abgeben, sind wir alle furchtbar entsetzt darüber, dass ein Gewerkschaftsführer sich erfrecht, guten Wein trinken zu wollen, und gelegentlich Streit mit seiner Frau hatte. Der Gipfel staatsbürgerlich-serviler Hysterie wird, wie meistens, in Form des Kabaretts erreicht. Ausgerechnet am 9. November schränke die GDL die Reisefreiheit in Deutschland wieder ein, witzelt es auf allen unmöglichen Kanälen des Web 2.0. Die Posse an dieser Posse ist, dass die, die sie reißen, es eigentlich bitterernst meinen. Continue reading »

Nov 122014
 

Es ist vermutet worden, daß die Differenz in der Traufhöhe dadurch zustande kam, daß Biermann eben dabei war, sich wegzuducken, als er dieses Schnappschusses Ziel wurde. Dem muß widersprochen werden. Biermann ist von Natur so tief. Ich täte das nicht erwähnen, wenn es ihn nicht erklärte. Continue reading »

Sep 012014
 

Es kommt im Leben schon mal vor, daß einer einen fragt, warum er mit einem anderen befreundet ist, und mit dieser Frage durchaus nicht Interesse, sondern Mißbilligung bekundet. Wenn einer Ärger mit einem hat und nun von der gesamten Welt erwartet, sie möge an diesem Ärger teilnehmen, ist darin eine alte Sehnsucht zum Ausdruck gebracht; nämlich mehr zu können, als man selbst kann. Die eigene Macht endet direkt hinter der eigenen Handlung, man wünscht sich einen Fortgang, ein Wirken über sich hinaus. Warum sollen nicht alle einsehen, was ich eingesehen habe? Continue reading »