2010

 

 2010, 12, 16

Ich habe gerade festgestellt, daß das Buch mit meinem Wunschtitel schon geschrieben wurde: »On Germans and Other Greeks«.

2010, 12, 16

Westerwelle-Bashing ist die leichteste Übung, die es zur Zeit gibt. Wie wärs mal mit Schmidt-Bashing? : Als Kanzler eine Null, als politischer Denker bestenfalls Mittelmaß, als Schaumschläger Weltklasse. Einer, der weiß, daß die Leute aus Ehrfurcht vor dem Alter Atempausen für Denkpausen und knappe Sätze für verdichtete Wahrheiten zu nehmen bereit sind. Einer, dessen Ruhm sich vollständig auf Unterlassungen gründet. (Helmut Schmidt bei Maischberger über Guido Westerwelle 14.Dezember 2010)

2010, 12, 15

»Man kann nicht einfach eine Stadt anzünden.«

O, doch: Man kann, und das geht genauso leicht wie zehn Abgeordnete zu bestechen. (Krawalle nach Berlusconis Wahlsieg)

2010, 12, 10

Man kann bei Google Street View mein Haus nur verpixelt sehen. Ob ich juristisch dagegen vorgehen sollte?

2010, 12, 08

Ich habe gerade die Meldung »Robben in Neuseeland tot geschlagen« gelesen und mich doch glatt ein bißchen erschreckt. Bis ich merkte, daß es gar nicht um Fußball geht.

2010, 12, 07

Herr Bartels ist im übrigens krank, obwohl er letztes Wochenende beide Male die Luft angehalten hat, als der Zug durch Bitterfeld fuhr.

2010, 12, 06

Der Chicago Manual of Style ist der Beweis dafür, daß es Regeln gibt, die noch sinnloser sind als das Chaos selbst.

2010, 11, 26

Hier wird noch von Hand rezensiert, und deswegen so gut: http://www.neues-deutschland.de/artikel/185131.kein-sozialismus-ohne-macht.html

2010, 11, 26

Wie üblich: Die friedliche Revolution frißt eins ihrer Kinder und wundert sich, daß es aus Pudding ist: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/hannah-arendt-institut-fristlos-entlassen-wegen-diktaturverstrickung-11069411.html

2010, 11, 09

»Wirtschaftliche Interessen militärisch verteidigen« – Ich war ja schon drauf und dran, Guttenbergs wegen das Schlagwort vom »Fröhlichen Imperialismus« einzuführen, aber nun ist auch er dumm genug, die Wahrheit zu sagen. Blücher hatte wenigstens Gneisenau, wenn ihm danach war, seinen Kopf zu küssen. (http://www.tagesschau.de/inland/guttenbergkoehler102.html)

2010, 11, 02

»du bist die epidermis des zerbrochenen wassers im krug der erleuchtung und weichst deine wut in lemonendüfte und kokosmilch ein« (Michael Zoch, zeitgenössischer Lyriker)

»Wir werden uns wieder mit den ganz uninteressanten Fragen auseinanderzusetzen haben, etwa: Wie kommt die Scheiße in die Köpfe?« (Ronald M. Schernikau, zu gut für diese Welt)

2010, 09, 27

Die SPD erfindet sich als »Catch-all-party«. Während der Französischen Revolution nannte man das: le marais.

2010, 08, 05

Renommierte Philanthropen wie Westewelle, Sarrazin, Merz usf. leben bekanntlich von der These, der Mittelstand werde von der Unterschicht bedroht. Ohne die Agenda 2010, so sagte Merz kürzlich, hätte der Mittelstand die Krise nicht so gut überstehen können. Der Mittelstand geht nämlich an den hohen Löhnen zugrunde, die er seinen Angestellten zahlen muß, und nicht etwa dadurch, daß er von gigantischen Konzernen erdrückt wird. (Die Buchhandelskette Thalia bedrängte mit rüden Mitteln einen kleinen Familienbetrieb in Österreich. Ein Lehrstück über eine hartumkämpfte Branche)

2010, 08, 04

Natürlich sind wir gegen Terrorismus. Aber treffen solln sie doch wenigstens. (Rätselraten um Anschlag auf Ahmadinedschad)

2010, 07, 21

Allensbach staunt: »So hat beispielsweise die Zahl derjenigen, die die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland als ungerecht empfinden, in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen.«

Was aber natürlich keinesfalls daran liegt, daß die Ungerechtigkeit der wirtschaftlichen Verhältnisse dramatisch zugenommen hat.

2010, 07, 11

Träger des Bundesverdienstkreuzes: Fulgencio Batista, Nicolae Ceauşescu, Michail Gorbatschow, Heinrich Lübke, Hans Filbinger, Hans Globke, Wolf Biermann, Reinhard Gehlen, Dieter Hundt, Ernst Jünger, Roland Koch, Joseph Ratzinger, Joachim Gauck, Herta Müller, Johanna Quandt, Joachim Löw.

2010, 07, 11

Das Leib-Seele-Problem:

»Die Fußballschulen von Amsterdam und Barcelona haben im Vergleich zur Bevölkerungszahl ihrer Länder die weltweit höchste Zahl an Weltklassefußballern hervorgebracht. Dahinter steht ein Gedanke, den größere Nationen wie Deutschland erst später entdeckten: Dass man besser erst eine Idee vom Fußball hat und dann die Spieler danach bildet als umgekehrt. Holland, schon seit den 70er Jahren, und Spanien, seit den 90ern, haben den Fußball verändert. Sie bewahrten ihn mit Eleganz und Esprit vor dem Wahn der Körperlichkeit.«

2010, 07, 09

Der Briefkasten quillt mit Werbung über, in der Markthalle wird man mit Treue-Aktionen und kostenlosen Lebensmittelproben belästigt, Fielmann bittet um ausführliche Evaluation seiner Dienstleistungen und auf dem Alex machen zweibeinige, quietschgelbe Tonnen auf Passanten Jagd. Der Spätkapitalismus ist der einzige Ort, an dem Kunde sein anstrengender ist als das Arbeiten.

2010, 07, 08

Freut sich schon auf Sonntag, wenn die WM vorbei ist und die anderen sieben Personalpronomen aus dem Urlaub zurück sind. Ob das Wir auch irgendwann mal Urlaub bekommt?

2010, 06, 29

Die Shoa hat jetzt auch eine Facebookseite. Man kann sogar Gefällt mir anclicken. Merkwürdigerweise hat das bislang noch keiner getan.

2010, 06, 28

Man sagt, daß in dramatischen Situationen das Leben an einem vorbeiziehe. Aber die Wahrheit ist: Man liegt einfach nur in der Luft und macht ein doofes Gesicht.

Neuer

2010, 06, 16

Das Finale der 6. House-Staffel ist degoutant. Man verfolgt doch nicht 132 Folgen lang das Treiben eines Dyskolos, um dann seine Verwandlung in Willy Tanner erleben zu müssen.

2010, 06, 16

Ethnologe Sepp Blatter über den Trötenterror: »In Afrika ist es laut, voller Energie mit Rhythmus, Musik, Tanz und Trommeln. Das ist Afrika. Wir müssen uns ein wenig anpassen.«

Ich für meinen Teil hörte gern etwas Rhythmus, Musik und Trommeln. Ich höre aber immer nur 30.000 Vuvuzelas.

2010, 06, 08

Hegel ist Marx für Erwachsene.

2010, 06, 07

»Schurkenstaates Israel … Massakers … Ermordung der unbewaffneten Aktivisten … Wahrheit nach Zionistenart … faschistischen Apartheidsstaates … zionistischen Staatsterroristen … aus sadistischem Spaß am Morden und Quälen … zionistischen Herrenmenschen … Verbrecherbande … Israel-Lobby … zionistische Mörderregime … Blutdurst … zionistische Terrorbande … massakriert … aus Spaß am Morden … Mörderstaat … zionistischen Mörderbande … Schurkenstaat Israel … israelischen Staatsterrorismus«

Der Mann ist ehrlich erstaunt, daß man ihn für einen Antisemiten hält.

2010, 05, 29

Natürlich kann man alle drei Teile der Extended Edition von »Herr der Ringe« an einem Abend sehen. Man muß nur die Frodo-Passagen überspringen.

2010, 05, 25

Ungerecht, diese Welt! Der Axolotl hat seinen Starauftritt in den »Fischen« von Peter Hacks bekommen. Der Blobfisch wartet weiter auf seine 15 Minuten Ruhm. Schade, daß Douglas Adams tot ist. Ich wüßte sonst keinen, der es draufhätte, einen Roman zu schreiben, in dem ein Blobfisch die Hauptfigur ist.

2010, 05, 25

Schon bemerkenswert, daß immer dann, wenn die Ordnung in meinem Kopf wächst, die Unordnung auf meinem Schreibtisch zunimmt.

2010, 05, 24

Mich faszinieren, auf verschrobene Weise, Menschen, die sich in sozialen Netzwerken mittels verschiedener Konten mit sich selbst unterhalten. In dieser arrangierten Geselligkeit entsteht oft eine veritable Einsamkeit, da der Maskenball von anderen bald durchschaut wird. Der Wunsch, Dramatiker zu sein, ist wahrscheinlich älter als das Drama selbst. Um sein Ich aber künstlerisch in verschiedene Individualitäten aufspalten zu können, muß man zum mindesten etwas zu sagen haben. Andernfalls entsteht das traurige Schauspiel, daß sich Niemand mit Niemand über nichts unterhält, wobei dann auch billigerweise niemand zuhört und keiner lacht.

2010, 05, 23

Heute bei der Arbeit ein anschauliches Element von Kaderwelsch entdeckt, das Genitivissimo: »Das kommt am deutlichsten in den Charakteren der Mitglieder der Parteigruppe der Brikettfabrik zum Ausdruck.« Es geht natürlich auch volkstümlich: das ist die Dogge von dem Trainer seiner Frau.

2010, 05, 22

Der Islam, muß man nämlich wissen, ist die einzige Religion auf der Welt, über die man keine Witze machen darf. Daran muß sich jeder halten, und ganz besonders diejenigen, die dem Islam gar nicht angehören. Des Mullahs Herz ist zart und darf nicht gekränkt werden, weil es sonst an der rauhen und grausamen Welt zerbricht und wieder gezwungen ist, Minderjährige mit Bombengürteln loszuschicken.

2010, 05, 21

Und da wir schon bei Sozialdemokraten sind. Gestern kam mir unvermittelt die Erleuchtung: Saruman ist der Eduard Bernstein von Mittelerde.

2010, 05, 16

Wenn Sozialdemokraten wehleidig werden, weil sie das eine wollen, aber ohne das andere nicht haben können: »Ich wollte immer geistig arbeiten, lesen, schreiben, ein neues Hegelsches System erschaffen. Nach Marx und Luxemburg ist da nicht mehr viel gekommen.«

VON Marx und Luxemburg ist da nebenbeigesagt auch nicht viel gekommen. Man kann nicht beides sein: Politiker und Denker. Realpolitik wird mit Geistlosigkeit bezahlt. Den Punkt, an dem Sahra Wagenknecht diese Entscheidung hätte treffen können, hat sie grandios verpaßt.

2010, 05, 15

Das 19. Jahrhundert und seine Biographen:

»Bei aller inneren Gespanntheit brachten es beide, ihrer Selbständigkeit sich vollkommen bewußt, endlich durch ihre wahrhaft Attische Urbanität dahin, daß sie, ohne jemals zu heucheln, bei öffentlichen Gelegenheiten ihre Antipathie niederhielten, ja sogar einmal im Tivoli Arm in Arm eine Rutschpartie machten« (Rosenkranz über Hegel und Schleiermacher)

2010, 05, 08

Da kriegt sich Michael Hanfeld vor Begeisterung gar nicht mehr ein: »Kirchhof schlägt vor, dass die Gebührenpflicht nicht mehr mit dem Vorhandensein von Empfangsgeräten verknüpft ist. … Jeder Haushalt zahlt einmal eine Gebühr, und zwar die, die schon jetzt anfällt: 17,98 Euro pro Monat.«

Es gibt nur ein Problem. Ich zahle gegenwärtig nur ein Drittel dieser Gebühr, weil ich nämlich kein TV-Gerät besitze und nur den Hörfunk bezahle. Wer wird den Irren aus Heidelberg diesmal aufhalten? Wo ist Gerhard Schröder, wenn man ihn mal braucht?

2010, 05, 08

Schon Pythagoras wußte: Tritt nie einen Hund, der deinen Weg kreuzt. Er könnte dein verstorbener Großvater sein. In diesem Sinne auch sollte ein jeder am kommenden Muttertag die seine ehren; sie könnte schließlich Goethe sein.

2010, 05, 01

Bedauerlich ist, daß ich nicht in NRW wohne. So kann ich nächsten Sonntag nicht nichtwählen gehen.

2010, 04, 24

Heute im Theater eine merkwürdige Inszenierung: zu schlecht, um eine bleibende Wirkung zu hinterlassen, zu gut, um einen Skandal zu machen. Fad also, doch wenigstens erträglich. Irgendwie ist es Schiller gelungen, trotz lustloser Aufführung sein Stück durchscheinen zu lassen. Allerdings würd ich gern bei Gelegenheit mal wieder einen Schauspieler sehen, der es schafft, Erregung ohne Hysterie zu spielen.

2010, 04, 18

Das Scheusal wird 50. Es gibt Maler, die mir mehr liegen. Aber ohne Zweifel: er ist ein Könner, was ja in unserer Gegenwart nicht allzu oft vorkommt. Und also ist er ein großer Maler; wo Rauch ist, muß eben immer auch etwas Feuer sein.

2010, 04, 17

Wann hat das eigentlich angefangen, daß die Nachrichtensprecher ihre Meldungen nicht mehr mit einer Thema-Rhema-Konstruktion beginnen, sondern stets mit Rhema-Thema? Heute sagt kein Sprecher mehr: »Der Dollar fällt auch weiterhin«, sondern: »Er fällt auch weiterhin – der Dollar.« Sie tun es alle, ohne Ausnahme, bei jeder Meldung, auf jedem Sender.

2010, 04, 13

Es gibt tatsächlich eine TV-Dokumentation, die »Hitler – Eine Bilanz« heißt.

2010, 04, 09

Es hat mich immer gereizt, einmal herauszubekommen, ob Martin Heideggers Bruder Fritz zwei oder mehrere Töchter hatte. Deren Leben hätte ich gern erforschen wollen. Es steckt nichts Tieferes dahinter als bloß der Wunsch, ein Buch zu schreiben, das den Titel »Heideggers Nichten« trägt.

2010, 04, 08

»Sigmar Gabriel scheut keine Kosten und Mühen, nach ›Acker‹ Gerhard Schröder muss nun der Techniker Robben das Ruder rumreißen. Das passt: Robben soll bei der SPD die vakante Position auf dem rechten Flügel ausfüllen. Kurt Beck stellt den Holländer vor. Robben lehnt Angebote der anderen Parteien ab, die mit ihm auch zur absoluten Mehrheit wollten. Robben: ›Das wäre zu einfach gewesen.‹« (http://www.11freunde.de/artikel/was-robben-noch-alles-schafft)

Es dürfte indes daran scheitern, daß die SPD gerade in der Opposition ist; und da braucht sie bekanntlich die Rechtsaußen nicht so dringend wie als regierende Partei. Aber Robben kann ja links wie rechts.

2010, 04, 05

Der natürliche Feind des Kopfarbeiters ist der Handwerker, weil alles, was er tut, Krach macht. Aber er arbeitet nur bis 17:00 Uhr, weswegen ab da der Heimwerker sein Geschäft übernimmt. Nach 20:00 Uhr übernimmt der junge Mensch. Es riecht nach Verschwörung. Man will mich verhindern.

2010, 03, 29

Es ist so leicht, über Kunst etwas richtiges zu sagen, daß ich mich immer wieder wundere, wieviel Unsinn dann doch darüber geredet wird.

2010, 03, 09

Auszüge aus: Bartels, Musikalischer Katechismus, Berlin 1978ff.:

Ich bin ein Anhänger der musikalischen Musik: Bach und Mozart … Beethoven finde ich, mit Ausnahmen, mäßig, aber hörbar … Schönberg und Stockhausen sind veritable Brechmittel … Paganini, Vivaldi, Wagner und Chopin finde ich abstoßend und zugleich faszinierend … Grandios sind: The Who, The Beatles und Tocotronic … Marvin Gaye ist nicht übel … Aber Jazz ist was für Autisten … Wenn ich drei Wünsche frei hätte, würde ich folgende drei Musikrichtungen verbieten: HipHop, Rap und Sprechgesang.

2010, 03, 07

Prosa ist keine Schreibart, sondern eine Lebensweise. Eine abstoßende, um genau zu sein.

2010, 03, 05

Vorweggenommene Filmkritik: »Alice im Wunderland« besitzt eine Fabel, die nicht durch Dramaturgie, sondern durch die zugrundeliegenden Ideen und Gedankenspiele zusammengehalten wird. Diese Ideen vermag eine Verfilmung schon aus Zeitgründen nicht aufnehmen. Das ist ein Wettkampf zwischen Adapteur und Vorlage, den auch ein besserer Regisseur als Tim Burton nur verlieren könnte.

2010, 03, 03

Guido Westerwelle ist der lebende Beweis dafür, daß man kein Genie sein muß, um nicht verstanden zu werden.

2010, 02, 24

Der Ozean sagt: Die ganze Insel ist von mir umgeben. Die Insel sagt dasselbe vom Ozean.

2010, 02, 23

Voll auf Kurs mit Durs:

»Was heißt demgegenüber Entlehnung, was Plagiat oder Herkunft des Materiellen, man vergesse doch nicht, dass diese Begriffe in Sphären liegen, die ohne Raum und ohne Atem sind.«

Ich versuche mir gerade eine Sphäre ohne Raum vorzustellen. Und danach eine Sphäre mit Atem. Auf der Schiefe dieser Bilder kann man ganze Welten in den Abgrund rutschen lassen. Eine Metapher ohne Plastizität ist wie ein Gedanke ohne Sinn. Oder wie ein Dichter, der Thomas Mann nachmacht, aber nicht wie Thomas Mann klingt, sondern wie ein Dichter, der Thomas Mann nachmacht.

PS: Habe gerade erfahren, daß meine Durs-Schelte eigentlich eine Benn-Schelte ist.