2011

 

 2011, 12, 29

Bei all den herausragenden politischen Leistungen, die in Pjöngjang dieser Tage aufgezählt werden, sollte man natürlich auch nicht vergessen, daß die Welt mit Kim Jong Il ihren größten Golfer verloren hat.

2011, 12, 25

Puritaner in Brokat: »Heute ist Weihnachten zu einem Fest der Geschäfte geworden, deren greller Glanz das Geheimnis der Demut Gottes verdeckt, die uns zur Demut und zur Einfachheit einlädt.« (Papst kritisiert Fest der Geschäfte)

Da hat wohl einer keine schönen Erinnerungen an Berge von Geschenken unterm Weihnachtsbaum. Aber muß man deswegen gleich Papst werden?

2011, 12, 20

Schön ist, wenn man sich nur noch selbst zitieren muß:

»Denn obgleich im 20. Jahrhundert das Bürgertum vermochte, die gesamte Gesellschaft unter seinen Einfluß zu bringen, zog und zieht man – wer immer man sei – es vor, eine formelle Trennung der gesellschaftlichen Machtbereiche – Exekutive, Legislative, Judikative, Militär, Medien und Wirtschaft – beizubehalten. Ein breites und dicht gewobenes Netz personeller Bindungen, durch das der sogenannte Lobbyismus wirkt, sichert denjenigen Gruppen, die über wirtschaftliche Macht und also über eine Lobby verfügen, zwar den größten Einfluß auf die Vorgänge auf der nationalen Ebene, aber trotzdem scheint es sich als vorteilhaft erwiesen zu haben, dieses System dezentral und sich selbst regelnd laufen zu lassen. Die reinste Form der bürgerlichen Herrschaft ist die parlamentarische, denn das Parlament als Gemeinschaft verschiedener Interessen Gleichartiger ist seinem Wesen nach ebenso partikularistisch, seine Verfassung ebenso der Naturzustand wie die Gemeinschaft der Konzerne eine partikularistische ist und als unorganisierter Verbund verschiedener Interessen Gleichartiger sich miteinander im Naturzustand, also denkbar weit vom Zustand der Gesittung entfernt befindet.«

(Maschmeyer zahlte Anzeigen-Kampagne für Wulff-Buch)

2011, 12, 20

Lyzis Welt klaut bei Hacks, ist in der Ausführung ähnlich redundant, aber witziger. Sein System des Linken Schwachsinns.

2011, 12, 13

Zum Tod von H3Olz habe ich eine Rezension hochgeladen, die ich vor ein paar Jahren geschrieben habe und die auch als kleines Holz-Portrait durchgeht.

2011, 12, 13

Bereits 2008 ist er von der Leiter gefallen, als er (kein Scherz) eine Stelle im Koran nachschlagen wollte. Nun wurde es tatsächlich ernst, denn gestern starb er: Hans Heinz Holz, der letzte großformatige Marxist (oder, um ein Wort von Bloch zu gebrauchen: Marx-Denker). Mit seinem Ableben stellt nun jene Spielklasse, in der Lukacs, Bloch und Adorno sich tummelten, endgültig den Betrieb ein.

Wenn der Elefant den Raum verläßt, ist es auch kein Trost, daß nun mehr Platz für die anderen ist.

2011, 11, 24

Gerade habe ich in die erste Minute von »Hudson Hawk« reingesehen. Hat einer der Helfer Da Vincis da gerade: »Leonardo, unser Möllemann!« gerufen?

2011, 11, 18

Als SW ihr letztes Buch »Freiheit statt Kapitalismus« nannte, dachte ich schon, das sei wieder eine ihrer Opportunismsem. Jetzt kommt der Finanzzwerg zu denselben Schlüssen, und man kann sich wieder beruhigen. Es ist nichts Politisches. Wo die Liebe hinfällt, da wächst der Lieberalismus.

2011, 11, 11

»Deutsch ist die historisch in Deutschland zuerst aufgetretende (daher deutsche) politökonomische Konstellation, die sich daraus ergab, daß es kein liberales Bürgertum gab, das antietatistische Momente gegen den Staat setzte, die die irrationale Gewalt des Souveräns begrenzte, sondern staatgetreu war, im Gegensatz zur z.B. staatsfeindlichen Tendenz in den USA.« (Martin Blumentritt)

Ich will ja nicht mit Tatsachen langweilen, aber ein starkes liberales Bürgertum gab es in Dt. schon seit dem 18. Jh., und gerade die deutsche Nationalbewegung unter der Führung solch skurriler Gestalten wie Fichte, Arndt, Jahn und Görres war dezidiert anti-etatistisch und dezidiert liberal. Übrigens auch dezidiert antisemitisch und frankophob, während die Emanzipation der Juden in Dt. gerade von den Etatisten (Napoleon, Hardenberg usf.) durchgesetzt wurde.

2011, 10, 25

Und wer gewinnt?

PDL_Occupy

2011, 10, 14

Frankfurt Hbf, Infopoint (Heute, 10:14 Uhr)

Ich: Ist der ICE 692 schon weg?
Dame am Infopoint: Der ist um 10:13 Uhr abgefahren, pünktlich nach Fahrplan.
Ich: Also damit konnte ich ja nun wirklich nicht rechnen.

2011, 10, 09

Szene einer Ehe (Autobiographische Skizze)

Sie: Rechts oder links?
Er: Rechts.
Er: Rechts!
Sie: Ich fahre rechts!
Er (guckt auf seine Hände).
Sie: Also daß Du mit 32 Jahren immer noch nicht in der Lage bist, links und rechts auseinanderzuhalten …
Er: Ich bin eben ein Zentrist.

2011, 10, 07

»›Es gibt auch reichen Pöbel‹, bemerkte Hegel 1821/22 in seinen Vorlesungen zur Rechtsphilosophie. Und eines der entscheidenden Kennzeichen des reichen Pöbels in Hegels Konzeption spricht auch Naumann an. Der reiche Pöbel setzt die Souveränität seiner rein ökonomischen Macht gegen die Souveränität des Staates und seiner Institutionen. Der reiche Pöbel erhebt sich kraft der Macht seines Geldes über das Recht des Staates.« (FAZ)

2011, 09, 29

Ein Kunstwerk, das seine Wirkung nicht selbst entfaltet, sondern gewissermaßen erst einer bestimmten Theorie bedarf, um genossen werden zu können, ist ein schlechtes Kunstwerk.

2011, 09, 28

»Es gibt keine Islamophobie« (Gerhard Scheit)

vgl. Berliner Zeitung

2011, 09, 21

Was eben die Folgen sind, wenn man sich dem Konsens des deutschen Imperialismus widersetzt. Die Hintergründe des Balkan-Kriegs (inklusive deutscher Kriegslügen) sind lange aufgedeckt. Aber wo die Vaterlandsliebe hinfällt, wächst kein Gras mehr.

(Eklat um die Ehrung von Peter Handke)

2011, 09, 18

Soll niemand sagen, daß ich keine praktischen Vorschläge mache. Eine politische Forderung, mit der ich sehr viel anfangen kann, wäre zum Beispiel: Schalke von der Karte streichen, Bottrop soll bis Dortmund reichen!

2011, 09, 19

»Wer nicht wählt, wählt die extremen Parteien«. Ein Argument wie Tiefkühlessen: schlecht, aber billig. Und weil es so billig ist, wird es von so vielen gekauft.

Dude: Ich bin Kommunist; es ist mir folglich schnuppe, wer in diesem Land das Elend verwaltet. Ich will die Verhältnisse ja weghaben und nicht mich mit durchwurschteln. Wenn sich für ersteres die Chance böte, zöge ich vielleicht in Erwägung, tätig zu werden; solange diese Chance nicht da ist, entziehe ich mich dem Mittun.
Das tiefgekühlte Argument ist erpresserisch. Wer nichtwählen geht, also die Entscheidung trifft, nicht mitzutun, hat beschlossen, die angebotenen Unterschiede, die tatsächlich viel geringer sind als die Parteien in ihrer Selbstzuschreibung glauben, nicht so wichtig zu nehmen. Er bevor- oder benachteilt damit keine dieser Parteien vor den anderen. Das Szenario einer Machtergreifung durch die NPD ist ohnehin abwegig, doch selbst wenn es das nicht wäre, ist doch klar, daß sich eine extreme Partei nicht durch Wahlen aufhalten ließe. In dem ganz gewöhnlichen Elend, in dem wir heute stecken, kommt eine viel größere Gefahr aus der sogenannten Mitte, gegen deren Extremismus die NPD marginal und stigmatisiert ist. Wer das tiefgekühlte Argument vorbringt, vollzieht somit erstens eine Schuldverschiebung, indem nicht der, der das Elend bewirkt, die Verantwortung für es trägt, sondern der, der vom Elend genug hat, nicht der politische Zirkus also, sondern der Nichtwähler, und zweitens zwingt er die Adressaten des Vorwurfs, sich dem politischen Elend unterzuordnen, weil ein schlimmeres Elend (die Herrschaft des extremen Rechten) drohe. Man soll also, mit anderen Worten, jede Kröte schlucken, weil es irgendwie auch einmal schlimmer kommen könne.
»Wer nicht wählt, wählt die extremen Parteien« ist folglich nur eine moderne Variante von »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«.

2011, 09, 10

Und wenn man auch den Tyrannen ersticht,
Ist immer noch viel zu verlieren.
Sie gönnten Cäsarn das Reich nicht
Und wußtens nicht zu regieren.

(Jöthe)

Der arabische Frühling schmeckt verdächtig nach Rostock-Lichtenhagen. Demokratische Bewegungen, die nicht gebremst werden – China 1963, Deutschland 1813, 1933, 1989 – enden gerne im Pogrom. Das ist der Punkt, an dem einem die von Demokratie verjagte Autokratie wieder erträglich wird.

(Kairo: Demonstranten dringen in israelische Botschaft ein)

2011, 08, 28

Und was Arsene Wenger betrifft: Es gibt immer einen Punkt, wo eine richtige Leitidee absurd wird, nämlich genau dann, wenn man nicht in der Lage ist, sie soweit zurückzunehmen, daß sie noch funktioniert.

2011, 08, 27

»Der Tag soll die Solidarität mit dem Kampf der Palästinenser um ihre Rechte ausdrücken« (junge Welt über den al-Quds-Tag)

Und den Wunsch nach der Vernichtung Israels. Aber das ist wohl nur eine Nebensache.

2011, 08, 19

Die praktische Umgang der Öffentlichkeit mit dem Ideal Meinungsfreiheit läßt sich auf den Punkt bringen: Solange alle einer Meinung sind, darf jeder seine Meinung sagen.

2011, 07, 09

Gedichte, deren Urheber zu sein ich stets leugnen werde #2

AUF DAS JAHR 1976

»Mehr Bier, man!« schreit das Künstlertier
Und kritzelt Unsinn aufs Papier.

2011, 07, 06

Ich will nicht übertreiben. vielleicht doch: Der Bikini ist der dritte Sprung der Menschheit. Nach dem aufrechten Gang und der Erfindung der Schrift. Alles Gute zum 65ten, Menschheit!

2011, 06, 25

Peter Falk, leider, ist tot. Pedro Carmichael lebt. Eine der ganz großen mythischen Figuren der Weltkultur, der man vielleicht noch den Prometheus und den Faust an die Seite stellen darf.

2011, 06, 16

Giordano beteiligt sich auch, mit Gesülz. Einseitig verteilte Betroffenheit, keine Gedanken, dafür ganz Gefühl: pathetisch, mahnend, manisch. Traut sich, Phrasen zu veröffentlichen wie: »Ja und dreimal ja!« oder »mir stockt der Atem«. Wenn demnächst mal wieder eine Moschee in Köln errichtet wird, sollte man unbedingt Ralph Giordanos Schreibgriffel mit einmauern.

2011, 06, 16

Kalauer, die man sich erstmal trauen muß #3

Ich bin ja ein großer Bewunderer Napoleons, aber manchmal frage ich mich doch, wie es um seine Fähigkeit stand, über den Talleyrand zu blicken.

2011, 06, 15

Bemerkenswert. Egal, welche Farben man mischt, immer kommt braun dabei heraus.

Und Lyzis beschwert sich in einer E-mail bei mir, daß man ihn für meinen Schüler hält. Natürlich ist er das nicht, und wenn er es wäre, dann offenkundig kein Musterschüler.

2011, 06, 08

Im FAZ-Feuilleton heute ganz groß: Wiebke Porombka über die gegenwärtige Lyrik. Die nämlich, weiß Porombka, boomt. Leider merkt das Publikum das nicht. Es boomt also etwas, das niemand haben will. Und damit sich das ändert, muß man unbedingt was tun.
Zum Beweis druckt die FAZ dann ein Musterstück von Steffen Popp ab, das wir, wäre es ungeschrieben geblieben, sicher alle schrecklich vermissen würden:

Das Gedicht existierte nicht ich Dr. Kinnlos
Zartheit, auch ein Geweih
dem du Gesang anhängst, Logik & Wein.

Es lohnt, finde ich, darüber nachzudenken, ob das Beste, was der zeitgenössischen Lyrik passieren könnte, nicht doch die Einstellung jeglicher Fördermaßnahmen ist.

2011, 06, 03

»Im Übrigen belegt das giftgrüne Heftchen, dass es Felix Bartels ist, der es geschafft hat, eine Brücke zu bauen zwischen linkem und rechtem Hacks-Ufer.« (Herr Maffrodit)

2011, 06, 03

Geschichten aus dem Abendland: »Die Gruppe des Opfers habe einen Bollerwagen gehabt, die andere Gruppe mit den Tatverdächtigen einen Einkaufswagen. Die Männer hätten darum gestritten, wer den schöneren Wagen hatte.« (Tödliche Attacke auf Rostocker S-Bahn)

2011, 06, 01

Facebook will an die Börse, Google killen und überhaupt die Weltherrschaft. Die Wirtschaft ist der einzige Ort, an dem aus Größe stets und unvermeidlich Größenwahn folgt. Und am Ende sitzen sie alle verbittert auf ihrem Landsitz und lesen Herodot.

2011, 05, 31

Ich habe André Thiele gerade sagen hören: Wir müssen werden wie der Playboy!

2011, 05, 30

Bin Hammam hätte es wissen müssen: Korruption in der FIFA bedeutet, jemand bestochen zu haben, der bereits von Sepp Blatter bestochen wurde.

2011, 05, 26

min 5:08. Jochimsen erklärt, Warenboykott und Infragestellung des israelischen Existenzrechts seien nicht hinnehmbar. Die Fraktion klatscht. Ausnahme: die Damen Buchholz und Höger. Manche Dinge muß man nicht erst sehen, um sie gesehen zu haben.

2011, 05, 23

»es gibt auch sozusagen den savant idiot, den Gelehrten mit Anflügen von Schwachsinn« (Zettels Raum)

Chomsky, in der Tat, ist ein Genie in seinem Fach. Das unterscheidet ihn von Zettel, der, glaube ich, kein Fach hat. Von Politik verstehen sie beide nichts und täten besser daran, nur von dem zu reden, was sie verstehen: Chomsky von syntaktischen Tiefenstrukturen, Zettel von gar nichts.

2011, 05, 21

Inge Höger trägt als palästinensische Volkstracht einen hübschen Schal, auf dem Israel von der Landkarte getilgt ist. Sie zeigt damit, wo sie hingehört, denn lange vor Amin al-Husseini hat sich auch Ernst Moritz Arndt schon sehr um die Textilfrage bemüht.

2011, 05, 10

Dialog zweier ins Lesen vertiefter Menschen (während des Lesens, ohne Aufblicken):

A: Verworrene Leute.
B: Wer?
A: Na, alle.
B: Ah, natürlich. Wer denn auch sonst?

2011, 05, 10

Bislang habe ich Transparenz und Enge als einander ausschließende Prinzipien der Architektur empfunden; das »Grimm-Zentrum« schafft es, beides in einem Gebäude zu vereinigen.

2011, 05, 06

Bemerkenswert finde ich, daß in der über 100jährigen Geschichte des Nobelpreises noch kein Preisträger es geschafft hat, seinen Titel zu verteidigen.

2011, 05, 01

Zum Ende meiner Arbeit an Ascher-Band konnte ich nicht lassen, doch noch Sekundärliteratur zu lesen. Ich habe ca. 20 Geschichtswerke auf Preußen-Darstellungen hin durchgesehen, darunter DDR-, SU-, BRD- und englischsprachige Bücher. Der einzige Historiograph, der annähernd einen Begriff von Preußen hat, ist Sebastian Haffner, und noch bei dem ist jeder dritte Satz falsch.

2011, 04, 29

Kalauer, die man sich erstmal trauen muß #2

Mourinhos Rechtsauffassung ist ganz einfach: in dubio pro Real. Und Zweifel hat Mourinho natürlich immer.

2011, 04, 28

Wo warst du, Adorno, als in Japan der Reaktor explodierte? Jemand muß doch mit den Japanern die Frage durchsprechen, ob es barbarisch ist, nach Fukushima Mangas zu zeichnen.

2011, 04, 15

Natürlich hätte Gottfried Keller seine berühmteste Novelle auch »Leute machen Kleider« nennen können. Das wäre ebenso wahr, nur wahrscheinlich nicht so erfolgreich.

2011, 03, 26

Fußball sollte eigentlich jedes Wochenende stattfinden. Deswegen bin auch gegen Länderspielpausen.

2011, 03, 24

Auf den Gaddafi-Krieg
(nach einem Motiv von Peter Hacks)

Man fragt sich doch, wer ist verständiger:
Die Bestie oder ihre Bändiger.

2011, 03, 23

Der Unterleibspresse, die beim Bäcker ausliegt, entnehme ich, daß Einbrecher HD Genscher den Füllfederhalter geklaut haben, mit dem er den Einheitsvertrag unterschrieben hat. Das soll eine Meldung sein? VOR der Unterzeichnung hätten sie ihn stehlen müssen.

2011, 03, 22

Robert Hetkämper, der mir, während ich ihn am Bildschirm betrachte, wie die Idealbesetzung für Kurt Wallander vorkommt, hat einen schweren Job. Er muß einen aus Deutschland hinüberschwappenden unstillbaren Hunger nach Hysterie mit den nötigen Nachrichten füttern, obgleich Fukushima Daiichi dafür nicht ausreichend hergibt. Da er zudem weder des Japanischen mächtig ist noch gediegene Kenntnisse des Landes besitzt, erfindet er nebenbei eine Geschichte von Wegwerfarbeitern. Und das ist clever. Denn nur eine Sorte Nachrichten hört der Deutsche noch lieber als solche, die ihm Anlaß zur Panik bieten: diejenigen, die ihm bestätigen, daß überall sonst auf der Welt mehr Korruption, Schmutz, Chaos und Rückständigkeit herrscht als zwischen Oder und Rhein.

2011, 03, 20

Ich hatte kürzlich eine Diskussion mit einer Dame über die Frage, was eine Rezension recht eigentlich enthalten soll. Ich habe vertreten, eine Rezension beziehe sich mehr auf die Ausgabe selbst als auf den Inhalt des Buchs. Das wird vor allem dann wichtig, wenn ein Text, der bereits vielfach wiedergedruckt wurde, Inhalt der zu rezensierenden Edition ist. Wiglaf Droste – der sich gern als »Tucholsky unserer Tage« bezeichnen läßt – hat eine Rezension zu einer Neuausgabe des »Moritz Tassow« geschrieben, welches Stück genau 50 Jahre alt ist; neu also ist nicht das Stück, neu ist die Edition, neu mithin Kommentar und Nachwort. Muß ich eigens erwähnen, daß Droste in seiner Rezension mit nicht einem Wort auf diese Dinge eingeht?

Ein jeder tut, was er kann. Aber was kann Droste? Wir lesen die Betrachtung eines Stückes, das uns, obgleich wir es kennen, beim Lesen merkwürdig fremd vorkommt. Droste hangelt sich in dem (bei ihm) üblichen Verfahren von Zitat zu Zitat und versucht mit dem Senf, den er hinzugibt, die übergroßen Lücken zu füllen. Er würdigt in Moritz Tassow den Hedonisten, der ihm nahe ist, und nennt das Ende des Stücks, das jene Vermittlung von Idealismus und Realismus zum Gegenstand hat, wie sie für das politische Denken von Peter Hacks typisch ist, »dunkel«. Dunkel nämlich, denn der Funktionär Blasche bleibt auf der Szene, während Tassow den Langhans macht, sprich: die Kommune verläßt, um im Dschungel der Großstadt unterzutauchen. Kein Wort über Tassows Grenzen, kein Wort dazu, daß Resignation bei Hacks kein pejorativer Begriff ist, kein Wort zu Mattukat, jener Figur, die die eigentliche Erkenntnishöhe dieses Stücks verkörpert.
Ein jeder – sagte ich das schon? – tut halt, was er kann. Droste, der gern gegen den Betrieb schimpft, hat unternommen, »Moritz Tassow« auf eben jene Betriebstemeperatur herunterzukühlen. Was bleibt, ist eine mufflige Antwort auf die übliche Muffelei. Reich-Ranicki, wenn wir schon von Betrieb reden, ist mir übrigens lieber.

Notiz für ein Theaterstück (Posse):

ZIMMER

Hacks in leichter, aber eleganter Kleidung balanciert im Schneidersitz auf einem Sessel. Es klopft

Hacks:

O Tod! ich kenn’s – mein Simplizissimus;
Es wird mein schönstes Glück zunichte!
Daß diese Fülle der Geschichte
Der Platteste der Platten stören muß!

Aufritt Droste (nackt). Er zieht den Tucholskyhut

Droste:

Der du die weite Welt umschweifst,
Geschäftiger Hacks, wie nah fühl ich mich dir!

Hacks:

Du gleichst dem Hacks, den du begreifst,
Nicht mir!

verschwindet

Droste zusammenstürzend:

Nicht dir?
Ich Ebenbild Tucholskys!
Und nicht einmal dir!

2011, 03, 06

A: Was macht denn Dingens?
B: Er ist manisch-depressiv.
A: Und nimmt er Tabletten dagegen?
C: Wenn er manisch ist, ja. Wenn er depressiv ist, nicht.

2011, 02, 28

Felix Bartels
liebt | haßt
Kurt Tucholsky | Kurt Tucholsky

2011, 02, 26

Vielleicht kann man das ganze Dilemma, in dem wir stecken, wie folgt auf den Punkt bringen: Die Kapitalisten wären erträglich, gäbe es keinen Kapitalismus. Die Demokratie wäre wunderbar, gäbe es keine Demokraten.

2011, 02, 24

Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Intelligenz und der Bereitschaft, an einer kostenpflichtigen Telephonumfrage teilzunehmen. Und wenn auf bild.de ein Online-Poll in die Hose geht, wird er rasch von der Startseite genommen und durch eine entsprechende Telephonumfrage ersetzt.

2011, 02, 21

Man hört immer wieder, Guttenbergs Arbeit sei ganz unabhängig davon, daß es sich um ein Plagiat handelt, wissenschaftlich belanglos. Das ist eine überflüssige Feststellung. Einem geklauten Gaul schaut man nicht ins Maul.

2011, 02, 20

Den besten Witz zur Platiatsaffäre hat KTG selbst geliefert, indem er seine Dissertation mit den Worten: »e pluribus unum« eröffnet hat.

2011, 02, 18

Da eröffnet sich doch gleich eine ganz neue Strategie: Guttenberg könnte argumentieren, daß man ihm das Plagiat nicht anlasten dürfe; schließlich habe er die Dissertation doch gar nicht geschrieben.

(Guttenberg schrieb seine Doktorarbeit angeblich nicht selbst)

2011, 02, 17

Es offenbart sich, daß KT Guttenberg seine geheime Verwandtschaft mit Johannes Gutenberg, der vor 500 Jahren die Praxis des Plagiat auf eine technisch zuverlässige Basis stellte, nur sehr unzureichend verschleiert hat. Ein kleines t bloß. Beim Fälschen seines Namens hat KTG sich genauso viel Mühe gegeben wie beim Fälschen seiner Dissertation.

2011, 02, 13

Single in denial

singel_in_denial

2011, 02, 05

Die Krise hat keinen Zweck in sich; sie ist die Wichsvorlage der malkontenten Seelen und Anlaß für Dramatiker, die nicht wissen, was ein Drama ist.

(Jelinek bringt die Finanzkrise auf die Bühne)

2011, 02, 02

SPON im Tal der Ahnungslosen: Diese so neuartigen und nie umgesetzten Ideen, die Ulbricht 1970 verkündet hat, waren nur die Grundlage des seit 1963 bestehenden NÖS und wurden seit 1962 in unzähligen Publikationen propagiert, 1968 gesammelt in 2 Bänden von jeweils 700 Seiten herausgegeben. Es reicht SPON offenbar nicht, mit seinem Wissen nichts anfangen zu können, er muß auch keines haben.

2011, 01, 23

»Indes alle Aufopferungen, aller Aufwand der besten Kräfte Europas hatten keinen nachdrücklichen Erfolg gegen den Islamismus. Vielmehr gewann er durch den Widerstand, der ihn traf, an einer Agilität, die ihn in seinen Vorsätzen bestärkte, und Europa fühlte es endlich, daß es sich in seinen Anstrengungen erschöpfte.«
Saul Ascher (1807)

2011, 01, 20

Gedichte, deren Urheber zu sein ich stets leugnen werde #1

Und der Vater lächelt nett:
Ohne Essen ab ins Bett!
An solcherlei Begebenheit
Erlernt das Kind die Sparsamkeit

2011, 01, 20

Kalauer, die man sich erstmal trauen muß #1

HSV sagt: Matze kommt. DFB schreit: Matze bleibt. Und die Presse füllt glücklich ihr Sammer-Loch.

2011, 01, 17

Ich weiß zwar nicht, ob sie Meister dann werden, aber eines ist sicher: Wenn Horst Hrubesch nach Hamburg zurückkehrt, sinkt der Dorsch-Bestand so rasant, daß ich für die nächste Senatswahl einen erdrutschartigen Sieg der Grünen voraussage.

2011, 01, 10

»Hinter dem unscheinbaren Titel verbirgt sich eine äußerst hellsichtige und konsequente Theorie gesellschaftlicher Alternativen« (Detlev Kannapin)