2013

 

2013, 12, 29

Der deutsche Imperialismus – vorgetragen von einem Schaf im Schafspelz:

Juli Zeh über Edward Snowden und Deutschland in einer digitalisierten Welt

2013, 12, 29

Dinge, die wir im neuen Jahr nicht mehr lesen wollen:

Dinge, die wir im neuen Jahr nicht mehr sehen wollen: Modesünden

2013, 12, 28

Manchmal hat es eben doch recht, das dumme dumme Publikum. Harald Schmidt war nicht, wie dieser Artikel behauptet, ein Intellektueller am falschen Ort, der seine Verlorenheit durch Sarkasmus zu decken suchte. Denn handwerklich war er bestenfalls ein minderer Epigone der Neuen Frankfurter Schule. Wer ihn für einen Intellektuellen hält, sagt damit mehr über sich als über ihn. Lustig immerhin war er. Aber ihm fehlte die Heiterkeit, die wirkliche Gelassenheit, die seelische Tiefe, die den Witz ununterbrochen aus sich selbst hervorbringt. Und das wird vom Publikum, das natürlich nichts begreift, immerhin bemerkt. Schmidt war nicht schöpferisch, sein Witz war Masche. Das geht eine Weile gut, aber sehr bald schon nicht mehr. Daß er sich dennoch lange halten konnte, verdankte er nicht dem Publikum, sondern einer beinahe organisierten wohlfeilen Nachrede, die ihn unablässig zur kultuerellen Avantgarde erklärt hat. Die Sender und die Kritiker habens geglaubt. Nur das dumme Publikum nicht.

Persönlich mag Schmidts Schicksal uns dauern. Er steckte fest in einem Zwischenraum. Weiter nach unten wollte er nicht, nach oben konnte er nicht. Er wollte zynisch sein und gleichzeitig geliebt. Er war wie ein Fischomlett auf Erdebeereis: für Liebhaber von Fisch, Omlett und Erdbeeren gleichermaßen ungenießbar.

2013, 12, 22

Zu Chodorkowski hat schon Schiller Abschließendes hervorgebracht:

»So fiel Wallenstein nicht, weil er Rebell war, sondern er rebellierte, weil er fiel.«

2013, 12, 20

Grauenhafter noch als die Aussicht auf das horizontale Monopol ist der Versuch, den Produktionsprozeß auch vertikal vollständig zu beherrschen.

http://www.zeit.de/2013/31/buchhandel-verlage-amazon/komplettansicht

2013, 12, 19

»Ich habe nichts gegen die Natur, solange sie ordnungsgemäß asphaltiert ist«, pflegten Gremliza und Tomayer einander zuzurufen, doch was klingt wie Radlerhumor, enthält in Wahrheit einen Kosmos von Weltweisheit. Der Gipfel der Menschenfeindlichkeit ist die Liebe zur Natur, der unverbrauchten, unverarbeiteten, unberührten. Die Sehnsucht ist so peinlich, daß die Verkehrssprache nichts besseres hat als die Negation dessen, was das eigentlich Normale ist. Jenes un-, das man vor alles setzt, das das Menschliche ausmacht. Wo Menschen aufhören, auf das, was sie mit der Welt machen, stolz zu sein, ist jene merkwürdig Seelenlage erreicht, die alles ermöglicht, was irgendwie zwischen Umweltbewußtsein und Vernichtungssehnsucht liegt …

Diese oder ähnliche Gedanken kamen heute über mich, als ich vor dem Getränkeregal stehend gewahr wurde, daß Direktsaft durchgängig teurer ist als der von Menschen gemachte.

2013, 12, 15

Odysseus

2013, 12, 14

Die Aufregung um das Ja der SPD-Mitglieder zur Großen Koalition ist schwer nachzuvollziehen. Natürlich ist das der übliche vaterländische Opportunismus. Doch neu ist das gerade nicht. Die SPD ist eine ewig treue Verräterseele und wahrscheinlich die einzige Partei, die sich seit ihrer Gründung nie geändert hat. Verdrießlich ist allein, daß Schröders unruhige Hand 2005 die Wahl ein Jahr nach vorn gezogen hat. 2014 hätte ein hübsches Jubiläum abgegeben, vor dem Hintergrund des sozialdemokratischsten aller Ereignisse.

2013, 12, 13

Den Abschied von Hotte begeht man besten mit Hotte

Horst Tomayer: Der Banker und die Kanzlerswitwe

2013, 12, 04

Kalauer, die man sich erstmal trauen muß #10

Mir ist heute ein Antiquariat über den Weg gelaufen, in dessen Schaufenster eine schöne Arno-Schmidt-Ausgabe stand. Leider hatte ich nicht genug Bargfeld dabei, um sie zu kaufen.

2013, 11, 27

Die schwarz-schwarze Koalition (vulgo: die Große) kündigt sich an. Wer immer noch ein SPD-Parteibuch besitzt, jetzt wäre der richtige Zeitpunkt drauf zu kotzen.

Steinbach2013, 11, 26

Die Süddeutsche Zeitung findet, daß Hamed Abdel-Samad selbst provoziert habe, was ihm zugestoßen sei. Es gibt eine Art, die Wahrheit zu sagen und gleichzeitig zu lügen. In den Augen der Verständnisvollen scheint jeder für das, was ihm zustößt, verantwortlich. Ausgenommen Islamisten. Wenn die entführen/foltern/morden, dann nicht, weil sie sich dazu entschieden haben, sondern weil der Westen sie dazu getrieben hat. In Miniatur reproduziert sich dieser Gedanke in der Überzeugung, daß ein Abtrünniger durch seine Entscheidung zu gehen, seinen neuen Lebenswandel und seine neuen Gedanken die Muslimbruderschaft gewissermaßen dazu aufgefordert hat, tätig zu werden.

Man weiß noch nicht, was Hamed Abdel-Samad zugestoßen ist. Aber es gibt keinen Grund zur Ruhe. Es kommt mithin nicht darauf an, ob man jede seiner Meinungen teilt. Und auch nicht darauf, daß er das Recht habe, seine Meinungen zu äußern. Das Problem, das man mit dem Islamismus haben muß, geht tiefer.

Der Islamismus will nicht bloß seine Sicht auf die Welt in derselben ausbreiten und andere Perspektiven verdrängen. Das wollen alle Weltanschauungen, religiöse ebenso wie säkulare. Den Islamismus erregt der Umstand der Abweichung als solcher. Er will nicht siegen, er will vernichten. Er kann im innersten nicht damit leben, daß irgendwer irgendwo irgendwie anders ist. Selbst dann nicht, wenn ihm daraus keine Bedrohung erwächst und das Andere bloß in der Minderheit ist.

Provoziert habe die Muslimbrüder der Vergleich mit Faschismus. Also ob nicht ihre Reaktion, von den Morddrohungen bis zur (vermutlichen) Entführung, selbst bezeugt, wie wahr dieses Urteil ist.

2013, 11, 22

Staatsbürgerkunde: Günther Paal über Gott, Glauben, Aufklärung, Religionen des Friedens, Frauenrechte und Respekt

2013, 11, 20

Kabarett ist, wie ich vermute, die einzige Gattung, die als solche unzulänglich ist. Es ist die Fortsetzung der Politik mit ästhetischen Mitteln, bloß ohne ästhetische Mittel. Es gibt kein gutes Kabarett, nur brauchbares. Und Brauchbarkeit ist nie an sich, sondern immer für etwas. Kabarett ist ausschließlich brauchbar für häßliche Zwecke.

(Günther Paal, ich begegne diesem möglichen Einwand vorweg, ist kein Kabarettist. Man nennt ihn so, weil es an einer Gattungsbezeichnung für das, was er tut, mangelt.)

Der Kabarettist ist eine Nervensäge. Er ist rechthaberisch, ein Beckmesser, voll Eifer und Mißgunst. Ständig in Attacke. Es ist anstrengend, in seiner Gegenwart zu sein. Man bezahlt ihn eigens dafür, daß man ihn nur auf der Bühne ertragen muß.

Nuhr, Priol, Pispers, Richling … Ich sehe schon, wir verstehen einander.

Dieter Hildebrandt war ein schlechter Kabarettist. Seine Pointen waren kunstvoll, sein Stil weich, manchmal sehr weich, seine Darstellung spielerisch und sein Charakter angenehm. Er war zu gut für diese Gattung.

2013, 11, 17

Liebe Autoren der Economy Class,

könntet Ihr Euch bitte bitte abgewöhnen, Kultiviertheit vortäuschen zu wollen, indem Ihr Eure Ausländer gerade die einfachsten Phrasen in deren jeweiliger Muttersprache sagen laßt?

Ich will keine Franzosen lesen müssen, die passables Deutsch sprechen, aber dann statt >Gut!< ständig >Très bien!< sagen.

Oder Italiener, die >Si!< sagen.

Und wenn Mr. Miyagi häufiger >Hai!< sagt als Roy Scheider, geht mir der Hut hoch.

Das ist dumm.

Ungekonnt.

Hemdsärmlig.

Lernt von Tolstoi, wie man Fremdsprachen in Texten unterbringt. Lernts, oder ihr werdet gelernt.

Mit freundlichen Grüßen
Felix Bartels
(Franz-Josef Wagner der Gesitteten Welt)

2013, 11, 15

Das Deutsche Theater hat sich verschrieben. Offenkundig sollte das Stück nicht Elektra, sondern Elektro heißen:

https://www.facebook.com/photo.php?fbid=604100849627100&set=a.144351362268720.16849.144348258935697&type=1

2013, 11, 08

Was aus PR-Zwecken selbsternannte Linke so denken? Ganz linke Gedanken natürlich:

»Wenn es zur Abstimmung kommt, werden die Abgeordneten von SPD, Linken und Grünen zeigen müssen, wem sie sich verpflichtet fühlen: einer von der Kanzlerin ausgerufenen Staatsraison oder dem eigenen Gewissen und den höheren Interessen des deutschen Volkes.« (http://www.freitag.de/autoren/jaugstein/allein-zu-haus)

2013, 11, 03

Die Frage, wer der beste Bundespräsident aller Zeiten ist, ist leicht zu beantworten: Christian Wulff. Er hat uns zwei weitere Jahre Gauck erspart.

2013, 10, 31

Wer übrigens wissen will, warum der Sozialismus nicht gesiegt hat, sollte sich die Literatur ansehen, die erklärt, warum sein Sieg unvermeidlich ist.

Sozialismus_siegt

2013, 10, 29

Wenn das Juste Milieu feststellt, daß mit dem Juste Milieu etwas nicht stimmt, klingt das immer wie bei Frau Schwarz-Friesel. Dann ist es immer ganz eigenartig, daß der Antisemitismus auch aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Als ob er nicht eben dort seine eigentliche Heimat hätte. Als ob nicht der Ungeist des Antisemitismus von Arndt & Hundt-Radowski bis zu Grass & Augstein kaum je etatistisch gesonnen war, sondern zunächst einmal stets freiheitlich. Freiheitlich im Sinne des Rottengeists der sich selbst befreienden Brothers in Crime, die im Juden ebensosehr einen pivatwirtschaftlichen Konkurrenten sehen, wie sie in ihm die Idee des Staates hassen. Es fällt natürlich schwer, das zu sehen, wenn das Phänomen von ideellen Konstrukten in der Folge Sartres u.a. verdeckt ist, für die immer auch ein wenig Rationelles spricht, die aber, als universell gültig behauptet, vielmehr eine Erklärungsmode als eine Erklärung hervorgebracht haben.

Das tut dem Material- und Anschauungswert dieser Dokumentation natürlich keinen Abbruch: Antisemitismus heute – wie judenfeindlich ist Deutschland?

2013, 10, 24

Es ist nicht falsch, Äpfel & Birnen miteinander zu vergleichen.

2013, 10, 24

Neckartal aktuell, 23. 10. 2013:

»Jäger aus dem Oberzent laden zur Hubertusmesse 2013 ein:
Die Hegegemeinschaft Oberzent-Beerfelder Land lädt alle Interessierten zur diesjährigen Hubertusmesse am Samstag, den 02. November 2013, 17:00 Uhr, in die Ev. Martinskirche, Beerenfelden ein.
Die musikalische Gestaltung liegt in den Händen der Reiterlichen Jagdhornbläser Maingau und dem Männerchor vom Singkreis Odenwald. Das Legen und Verblasen der Jagdstrecke findet ab 16:30 Uhr vor der Kirche statt.«

Anläßlich dieser (bloß zur Belustigung herumgereichten) Annonce kam es unter befugten Beobachtern zu einer Meinungsverschiedenheit darüber, wie die Tätigkeit des Jagens gesellschaftlich zu verorten sei. Ich sage: Jagd ist das Gegenteil von Staat. Staat ist Garten. Jagd ist freie Wildbahn. Also Romantik. Die Romantik turnt und schießt auf Tiere. Die Klassik guckt Fußball und schneidet Rosen. Und verzehrt die Wildschweine, die sie selbst zu schießen sich zu fein ist. Hege ist bloß Ideologie, also das, was erzählt wird, um nicht die Wahrheit zugeben zu müssen. Es geht bei der Jagd um Blutrausch und verdrängte Rottensexualität. Hege & Pflege ist das, was bei den Unternehmern der stete Hinweis auf das Schaffen der Arbeitsplätze ist. Es ist Quatsch. Weil Natur Natur ist und es um nichts anderes geht als darum, selbst durchzukommen. Der Wald ist ebenso wenig angelegt wie die Wirtschaft, und es ist illusorisch, daran teilzunehmen, ohne ein Teil davon zu sein. Wenn der Mensch in den Wald geht, hört er auf Mensch zu sein.

2013, 10, 17

Ich mag Heidelberg

Treitschke

2013, 10, 03

And now for something completely different. Berlin – Osaka – Eberbach. Der Niedergang ist unaufhaltsam. In 12 Stunden geht der Flug. Und den Japanern sag ich: Machts gut, und danke für den Fisch.

2013, 10, 02

Die letzten Tage in Osaka #2

Was ich vermissen werde: Convenience Stores, Yakiniku, die Ruhe in den Öffentlichen Verkehrsmitteln, Massagesessel

Was mich trösten wird: Brot, Bürgersteige, Antiquariate, öffentliche Mülltonnen

2013, 09, 28

Die Große Koalition dürfte wohl kommen. Sie ist wahrscheinlicher als Schwarz-Grün, und Rot-Rot-Grün ist so wahrscheinlich wie die Schwampel. Die SPD weiß, daß ihr eine Große Koalition schaden wird. Aber einerseits hat sie ohnehin kaum was zu verlieren, denn wer heute noch SPD wählt, ist entweder gegen jede Art von Erkenntis geschützt, oder er will tatsächlich diese SPD mit ihrer Asozialdemokratie. Viel tiefer als jetzt wird diese Partei nicht mehr sinken. Weils nicht geht.

Zum anderen sind Sozialdemokraten in jeder Hinsicht außerstande, ein Regierungsangebot jemals auszuschlagen. So wollen regieren. Als Schröder so weit am Ende war, daß er seine Partei nur noch mittels permanenter Rücktrittsdrohung auf Kurs halten konnte, gelang ihm das über Jahre hinweg. Weil die SPD sich lieber auf Jahrzehnte selbst schadet, anstatt einmal freiwillig in die Opposition zu gehen. Es würde leichter sein, Thilo Sarrazin vom nächsten Fettnäpfchen und Lothar Matthäus von der nächsten Ehe abzuhalten als die SPD von der nächsten Großen Koalition.

Sie werden rumdrucksen, was von Bauchschmerzen reden, und am Ende werden sie sagen, daß man den Mut zur unbeliebten Entscheidung haben müsse. Denn »das moderne, gute, großartige Deutschland« (Franz Josef Wagner) braucht ja eine Regierung. Und so ist er, der Sozi: Schweren Herzens opfert er sich, fürs Vaterland zu tun, was er ohnehin vorhatte.

2013, 09, 28

Die FIFA ist besorgt, sagt die FIFA. Als ob nicht sie selbst das Problem wäre.

http://www.sueddeutsche.de/sport/fussball-weltmeisterschaft-gewerkschaft-berichtet-von-hunderten-toten-bei-wm-vorbereitungen-in-katar-1.1781635

2013, 09, 27

Die letzten Tage in Osaka #1

Der 6. Koffer und das Handgepäck sind jetzt im Hotel. Ich auch. Die Wohnung ist nach 6 Tagen Putzen, Räumen, Packen & Wegwerfen fast zur Übergabe bereit. Heute Abend dann die letzten Möbel verkauft. Zum Schluß saß ich mit drei robust gebauten bärtigen Arabern allein in der Wohnung und feilschte um den Preis der Möbel. Da mein Computer down ist und meine Bücher außer Reichweite, nahm ich mit dem vorlieb, was ich kriegen konnte: dem 1. Buch Mose und einer Nashibirne. Die Araber, die zurückkamen, um nun auch den Kühlschrank zu holen, erkannten in mir einen Mann Gottes und verzichteten daher sogar aufs Feilschen. Den Weg ins Hotel beschritt ich mit einem Rucksack auf dem Rücken und einem großen blauen Gymnastikball unterm Arm. Aber das interessierte keinen in der Bahn, außer zwei, drei grinsende Jugendliche. Im Hotel angekommen, begrüßte mich der Mann an der Rezeption, der mich noch nie gesehen hatte, mit den Worten: »Ah, Felix! Room 407.«

Die letzten Zweifel sind zerstreut: Ich befinde mich nicht mehr in meinem Leben, sondern in einem David-Lynch-Film.

2013, 09, 26

Ich verlinke diesen Text von Joseph Wälzholz. Es ist das Stärkste, was ich bisher gegen Herrn Wälzholz unternommen habe:

http://hd.welt.de/ausgabe_a/kultur/article120346552/Warum-Stefan-Raab-der-neue-Karl-Kraus-ist.html

2013, 09, 23

Und so sieht das wählende Strebergesindel dann aus.

http://media1.faz.net/ppmedia/video/4113887990/1.2585757/article_multimedia_overview/jubel-im-konrad-adenauer-haus.jpg

Wenn ich durchzählen darf: Jura, Jura, BWL, irgendwas mit -design, Jura.

2013, 09, 23

Ausgenommen vielleicht das Bekenntnis, NPD zu wählen, regt nichts die Leute so auf wie das Eingeständnis, nicht an der Wahl teilzunehmen. So unerträglich die gängelnde, aufdringliche, staatsbürgerlich-streberhafte Blockwartmentalität der Geht-Wählen-Aktionäre auch ist, die Ursache hierfür ist doch einfach das unbewußte Erahnen der Sinnlosigkeit des parlamentarischen Betriebs. Und wie immer, wenn das Subjekt einen Makel vermittels eines bestimmtes Objekts zu ahnen beginnt, richtet sich die aufkommende Wut nicht gegen sich selbst, sondern gegen das Objekt. Ein netter kurzer Text, erfrischend zu lesen zwischen all den umgefallenen Reissäcken:

http://anti.blogsport.de/2013/09/22/geh-sterben-deutschland-zur-psychopathologie-des-ueberzeugungswaehlers/

2013, 09, 20

Man muß nicht irritiert sein; die Regel ist ganz einfach: Der Liberalismus hat überhaupt nichts gegen die individuelle Freiheit, solange diese der Freiheit des Marktes nicht im Wege steht.

»Manchmal ist für ein Land die eine oder andere Form von Diktatur eine Zeit lang unerlässlich. Sie werden gewiss begreifen, dass ein Diktator durchaus auf liberale Weise herrschen kann, genau wie sich eine Demokratie ohne die geringsten liberalen Werte zu präsentieren vermag. Mir persönlich ist ein liberaler Diktator lieber als eine demokratische Regierung ohne jeglichen Liberalismus.«

Friedrich von Hayek, am 12. April 1981 gegenüber chilenischen Zeitung El Mercurio.

2013, 09, 18

Um es vier Tage vor der Bundestagswahl doch noch zu sagen: Nur eine Partei kommt infrage. Und die kommt auch nicht infrage:

http://www.felix-bartels.de/2012/08/22/ein-schritt-nach-hinten-zwei-schritte-zuruck/

2013, 09, 11

»Die Stimmung war natürlich niedergeschlagen, bis hin zu blankem Entsetzen bei einigen Kollegen. Man muß sich ja vorstellen: Das ist ein Wahlergebnis, das politische Konsequenzen hat, aber man erlebt das natürlich auch in einer Form intensiv mit, weil viele Kollegen ihren Wahlkreis verloren haben. Das bedeutet, das sind Menschen, die ziehen nicht wieder in den Bundestag ein. Da hängen auch Existenzen dran. Die haben alle Mitarbeiter.«

Niels Annen (Armutsforscher)

Im übrigen läßt sich feststellen, daß mit diesem Film das Genre der Erbauungsdoku aus der Taufe gehoben wurde.

2013, 09, 09

Der Anti-Hessel wurde mehr als ein halbes Jahrhundert vor Hessel geschrieben. Was Stephane Hessels Empörungsschrift ganz abgesehen von ihren albernen Inhalten so peinlich macht, ist ja, daß der alte Herr Türen einzurennen vorgibt, die seit langer Zeit von unzuständigen Schlüsseldiensten zerlegt worden sind. Benda war einer der ersten, der erkannt hat, wie verhängnisvoll die Neigung institutioneller respektive oppositioneller Denker ist, sich in die Niederungen des Tagesgeschäfts zu begeben und ihr Denken dem Wirken einer bestimmten politischen Richtung zu unterstellen. Der Intellektuelle von heute macht seinen Mitmenschen keine Angebote, sondern befrieidigt ihre Bedürfnisse. Er ist nicht souverän, sondern ein Dienstleister. Deswegen vermag er kaum mehr als die, die er beliefert. Und was er liefert, ist eher Stimmung, Lebensgefühl oder bestellte Rabulistik als substantielle Darlegung.

Ich hatte das Vergnügen, die Neuflage des »Verrats der Intellektuellen« für den VAT zu setzen. Dabei bekam ich Lust, das Buch gleich neu zu schreiben. Die Leser werden mir die Zurückhaltung danken, es dann doch nicht getan zu haben. Denn auch wenn Benda hier und da irren mag, er hat schon deswegen recht, weil er eine Haltung fordert, die heute dadurch liquidiert ist, daß sie als allgemeiner Konsens gilt.

http://www.vat-mainz.de/buecher/sachbuch/benda-der-verrat.php

2013, 09, 06

Meldung in eigener Sache*

Das nämlich – und nichts anderes – ist Europa: Erst konkurriert die deutsche Wirtschaft den Süden nieder; der kann aufgrund der EU-Zinspolitik und der einheitlichen Währung die Verluste nur durch staatliche Defizite auffangen, und nachdem Portugal, Griechenland etc. gezwungen waren, ihr Tafelsilber zu verkaufen und das bißchen Sozialsystem, das sie mal hatten, einzustampfen, schreiben deutsche Zeitungen über – faule Griechen.

Wenn, wie in Deutschland geschehen, ein Niedriglohnsektor die Produktivkraft erhöht und zugleich die Kaufkraft senkt, ist Export der einzige Ausweg. Der Export führt aber dauerhaft zu einer europäischen Krise, da sich die EU-Länder einmal durch einheitlichen Markt und Währung aneinander gebunden haben. Also ist, was gut für die deutsche Wirtschaft scheint, letztlich schlecht auch für sie. Der Überschuß muß zum Defizit werden.

Geschichte wiederhole sich nicht? Öfter, als einem lieb sein kann.


* Der Parnaß liegt zwar oberhalb Europas, aber mitten in Griechenland.

2013, 09, 06

Die Umfragewerte der Grünen zerfallen schneller als das Cäsium 134 in Fukushima Daiichi.

2013, 09, 04

Das Manifest der Eve-Ensler-Jugend. Sie sind selbstbestimmt, sexuell offen und finden Pornos doof. Sie sind unverkrampft und lieben ihre Vagina, sagen es aber nur auf englisch.

Junge Grüne »I love my vagina!«

2013, 09, 04

Genauso wie sich Terrorismus als Phänomen nicht rationalisieren läßt, läßt sich ein rationales Kalkül für ihn angeben. Der äußerlichen Irrationalität entspricht eine innerliche. Die beiden Grundsätze eines jeden Terroristen lauten: ›Wer nicht für mich ist, ist gegen mich‹ & ›Der Feind meines Feindes ist mein Freund‹.

Obgleich sich beide Grundsätze offenbar widersprechen, werden sie im Bewußtsein der Terroristen zusammengebracht. Der Terrorist kennt keine Unschuldigen, nur solche, die dadurch gegen ihn kämpfen, daß sie nicht mit ihm kämpfen. Zugleich ist ihm jeder recht, der mit ihm kämpft, auch dann, wenn der vollends andere Ziele verfolgt. Diese absurde Koexistenz zweier unvereinbarer Ideen führt dann zu all jenen merkwürdigen Bündnissen zwischen Terrorgruppen, die eigentlich aufgrund ihrer Ziele Todfeinde sein müßten. 1967 rief Gudrun Ensslin in Berlin den Widerstand gegen den bundesdeutschen Staat aus, um, wie sie sagte, ein zweites Auschwitz zu verhindern. Drei Jahre später trainierte sie gemeinsam mit energischen Fedajin in Jordanien, die Portraits von Adolf Hitler in ihren Quartieren zu hängen hatten. Das ist der exemplarische Weg aller Terroristen, sofern er nicht durch Tod oder Gefangennahme abgebrochen wird. Weil sie Teil der Lösung und nicht des Problems sein wollen, steigen sie mit jedem ins Bett, der selbst ein Problem ist.

2013, 09, 03

Das einfühlsamste Porträt über Peer Steinbück, das ich bislang gelesen habe. Rudolf Scharping und Michael Dukakis kommen auch vor.

(http://www.thenextbrykthing.com/der-bestellte-verlierer/)

2013, 08, 30

Post von Wagner: Unheimlicher Assad – »Er ist ein Irrer. Ein Unberechenbarer. Ein Gaddafi. Ein Idi Amin. Ein Hitler. Er ist ein Doktor des Bösen. Man muss ihn niederbomben. Irre dürfen nicht unsere Welt regieren.«

Da will ich Wagner nicht widersprechen: Er ist ein Irrer, ein Durchgeknallter, ein Wahnsinniger, den man niederbomben muß. Denn er ist vollkommen irre.

Und Assad? Ja, der auch.

2013, 08, 29

Liebe kommt in Tarrantinos Filmen nicht vor. In keiner Weise. Selbst diese merkwürdigen Anflüge in Pulp Fiction sind eher so eine Bonny-und-Clyde-Romantik. Tarrantinos Seelenhaushalt ist in diesem Punkt völlig taub. (Jackie Brown als halbe Ausnahme sei zugestanden.) Handlungen ohne Liebe sind was für 13jährige. Männliche 13jährige. Und das ist ziemlich, was Tarrantino ist: ein Filmemacher für die maskuline Adoleszenz.

2013, 08, 28

Am besten gefällt mir Emmerlich: Bitte wählen, egal was. Aber bitte demokratisch. Und wenns geht, eine Frau. Aber zu groß sollte sie auch nicht sein. So etwa 1.65m. Und keine Blondine. Und protestantisch. Aber Hauptsache, ihr geht wählen. Egal was. Nur demokratisch bitte. Und wenns keine Umstände macht, dann jemanden, der …

http://www.stern.de/politik/deutschland/promis-werben-fuer-merkel-spot-an-hirn-aus-2052575-6c167969fe78e5cd.html

2013, 08, 28

Kalauer, die man sich erstmal trauen muß #9

Right or wrong – myself!

2013, 08, 21

Blome war immer der etwas weniger Dumme der beiden Pappnasen auf Phoenix. Das ist natürlich keine Leistung, wenn der andere Jakob Augstein heißt. Nun aber wird er sich anstrengen müssen. Denn wenn er jetzt, vom Tagesboulevard zum Wochenboulevard wechselnd, beim Spiegel anfängt, wird Augstein sein Chef, und die Grundregel aller Angestelltenverhältnisse lautet: Erscheine niemals klüger als der über dir. Da hat er ja eine Sisyphos-Arbeit vor sich, der Nikolaus, der Blome …

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/nikolaus-blome-wird-stellvertretender-chefredakteur-des-spiegel-a-917734.html

2013, 08, 21

Kalauer, die man sich erstmal trauen muß #8

Der Zusammenhang zwischen Dummheit und Zeitgeist ist so evident, daß man das bei der nächsten Rechtschreibreform unbedingt berücksichtigen und Dummheit fürder »Dummheut« schreiben sollte.

2013, 08, 21

Ich denke, daß Sarrazin in solchen Fragen ruhig mal ein Auge zudrücken könnte.

(Ein Beitrag, worin ihm ein Schlaganfall gewünscht wurde, verletze seine Persönlichkeitsrechte schwer, befand das Berliner Landgericht)

2013, 08, 19

Mein Slogan für den nächsten Wahlsonntag: Bleibt zu Hause. Es lohnt sich.

2013, 08, 15

Ehrlichkeit wird weithin überschätzt. Es nützt ja nichts, ehrlich zu sein, wenn man die Wahrheit nicht kennt.

2013, 08, 14

Da auch die Affäre um die Verwendung eines Georg-Kreisler-Zitats für eine saublöde Karikatur in der Stuttgarter Zeitung in schöner Folge derjenigen Affäre um die nicht minder boshafte Verwendung einer gar nicht boshaften Zeichnung in der Süddeutschen Zeitung wieder zugleich viel zwanghaft Aufgeregtes & zwanghaft Unaufgeregtes hatte, ist der Kampf für, gegen, mit oder ohne Windmühlen wieder in vollem Gange und hört erfahrungsgemäß immer erst dann auf, wenn das Ding endlich abhebt und irgendwo in Holland — runter nämlich kommen sie alle — an einem Deich hängen bleibt. Es spricht genauso viel dafür, das A-Wort zu verwenden, wie dagegen spricht. Natürlich erzeugt das, was zivilcouragierte Leuchttürme wie Dieter Dehm den inflationären Gebrauch des Antisemitismusvorwurfs nennen und damit nichts anderes zum Ausruck, als daß ihnen das Thema so oder so auf den Kranz geht, tatsächlich früher oder später Überdruß. Andererseits ist es immer ratsam, ein Huhn ein Huhn zu nennen und nicht etwa eine Taschenuhr. Es ist die traurige Wahrheit und nicht ihre häufige Wiederholung, die zur Abwehr des A-Worts führt. Es kommt also ganz darauf an, was man will — die Wahrheit benennen oder die Menschen überzeugen. Davon hängt ab, wie man formulieren muß. Doch auch wenn man die Menschen dort abholt, wo sie stehen, wird das bei diesem Thema ebenso wie bei jedem anderen politischen Thema immer nur dann klappen, wenn sie bereit sind, einen Blick unter das eigene Wams zu riskieren. Wer sich helfen will, dem kann geholfen werden:

http://www.felix-bartels.de/2013/07/03/1a-test/

2013, 08, 14

Vernunft:

http://emafrie.de/zur-seltsamen-abwesenheit-von-religionskritik-in-der-sogenannten-islamdebatte/

2013, 08, 13

»Es gab in der Geschichte der sozialdemokratischen Partei keinen schmierigeren Verrat, wie den von Oskar Lafontaine an seinen Genossen« (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/guenter-grass-attackiert-oskar-lafontaine-a-916202.html)

Wen hat er verraten? – Sozialdemokraten! Und dann kann der auch noch richtig Deutsch. Nich mit Günni, Freunde!

2013, 08, 12

Brenno (wie er jetzt heißt) ist seit heute Freigänger. Er hat, wie ich meine, eine zweite Chance verdient. Ausreichend Villen sind ja noch vorhanden in München und Umgebung.

2013, 08, 12

Einer weint.
Einer lacht.
Ich bin der andere.

2013, 08, 09

Die Geschichte ist kompliziert, und der Mensch liebt es einfach. Aber genau das ist, was die Geschichte so merkwürdig verwurschtelt macht. Wie einfach wäre alles, wenn die Menschen nicht so einfach gestrickt wären.

2013, 08, 09

Ich finde ja, wer, wie Matze Matussek, bereits gefordert hat, Blasphemie unter Strafe zu stellen, soll ruhig die unangenehmen Seiten der freien Meinungsäußerung kennenlernen. Kutte Krömer, sonst ein Sackgesicht, ist mein Held des Tages. Und Joachim Nikolaus Steinhöfel darf auch gern in den Keller gehen, um dort weiter zu schluchzen. Ich habe noch eine ganz schlimme Nachricht für ihn: George W. Bush wird nicht mehr Präsident der Vereinigten Staaten werden können. Nie wieder.

2013, 08, 08

Handke-Notizen. Folge 1 und Schluß:

Bei »Sie werden beschimpft werden« mußte ich immer an »Sie werden assimiliert werden« denken.

2013, 08, 08

Materialien zur Entstehungsgeschichte von »Ascher gegen Jahn« (August 1988):

NVA Zapfenstreich 1988: 175 Jahre Befreiungskriege

2013, 08, 08

Aus der Reihe: Antworten, auf die ich gern selbst gekommen wäre.

Zappa-Eff

2013, 08, 06

Bandbreite ist ein schön gewählter Name für eine Band mit Neigung zur Querfront.

2013, 08, 06

Man erkennt einen guten Krieger an der Wahl seiner Gegner: Grass, Gauck und Augstein – das sind die drei Affen, von denen ich am liebsten nichts hören, nichts sehen und nichts sagen würde. Ich gebe zu, die drei sind bloß Stellvertreter, aber sie eignen sich gut zur Ikonographie. Ein Mount Rushmore des Grauens wäre denkbar. Der scheiterte bloß daran, daß man ein Quartett nicht vollbekäme. Wer käme denn infrage? Joschka Fischer vielleicht, aber den kennt doch keiner.

Grass, Gauck und Augstein stehen für die abscheulichsten politischen Strömungen der Jetztzeit: die Sozialdemokratie, den Neokonservatismus und das Wutbürgertum. Alle anderen Abscheulichkeiten sind bloß Derivate – singuläre Ableitungen oder Mischformen – von diesen.

Sicher, Augstein zählt nicht so ganz. Er hat sich vor ein paar Jahren als Journalistendarsteller und Medienfigur selbst erfunden, doch was ihm an Dauer fehlt, hat er durch Eifer kompensiert. Er steht, wo er steht, weil die Stelle nach Stéphane Hessels Tod vakant geworden war. Er ist der Praktikant, der zufällig im Raum war, als die Leitung feststellte, daß gegenwärtig keine Fachkraft greifbar ist, die freie Stelle zu besetzen. Ein Christian Nerlinger des deutschen Wutbürgertums demnach. Nur daß da keiner ist, der ihn feuern kann.

Hessel ist nicht ersetzbar. Der tief fühlende und tief wühlende Ingo Groepler-Roeser wollte einst seine Antwort auf Hessels »Empört Euch!« unter dem Titel »Euch Euch!« herausbringen. Das trifft. – »Euch Euch!« Es klingt wie ein Hustenanfall. Und das ist das Wahre daran, denn das, was Stephane Hessel gesagt hat, hätte er im Grunde auch husten können.

2013, 08, 03

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts lebt die Poesie im Zeitalter des Materials. Dichter aller Gattungen verwenden einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Tätigkeit darauf, Elemente ihrer Vorläufer – seien es Poeten, Philosophen oder sonstwie befugte Wortproduzenten – als Bruchstücke in ihre Werke einzuweben. Es ist – um gleich den passend aufs Zeitalter geschriebenen Ausdruck Gerard Genettes zu verwenden – der vollständige Sieg der Transtextualität. Der Dokumentarismus (Weiss, Runge, Kipphardt usw.) ist nur die äußerste und zugleich natürlich ärmste Ausprägung dieses Verfahrens, das allgemein geworden ist. Man imitiert, parodiert, zitiert, spielt an oder stielt. Nicht nebenbei, nicht bei passender Gelegenheit, sondern in der Hauptsache, um der Sache selbst willen. Es gilt geradezu als unfein, hemdsärmlig, es nicht zu tun. Dahinter steckt nur zum Teil Snobismus (der ja ein edles Motiv wäre); es ist maßgeblich die Angst vor der Struktur, vor dem großen Gedanken, dem großen Gefühl, der großen Haltung – die Angst vor allem, was für sich stehen könnte und keiner materialen Flankierung bedürfte. Diese Angst kommt aus dem Mangel an Anschaulichkeit, aus der Unübersichtlichkeit des modernen Zeitalters. Die Vorstellung, daß ein Dichter nichts sagt als was er zu sagen hat, scheint dem Zeitgeist einen solchen Schrecken einzuflößen, daß der tut, was er sonst nie tut: an einem Verfahren über mehrere Generation hinweg festzuhalten, wie das so unterschiedliche (und unterschiedlich gute) Dichter als James Joyce, Ingeborg Bachmann, Erika Runge, Hans Magnus Enzensberger, Umberto Eco, Arno Schmidt, Daniel Kehlmann und Dietmar Dath sichtbar machen. Dennoch stellt sich die Frage, ob es nicht möglich sein sollte, ein Stück Literatur zu schreiben, das als solches interessant ist, das nichts zu bieten hat als sich selbst, dessen Kraft ganz auf seiner eigenen geistigen Struktur und der diese Struktur transportierenden, wiederum höchst eigenen sprachlichen Schönheit liegt. Ein Werk, dessen Inhalt, vermittelt über die Form, in eine ganz persönliche Beziehung zu seinem Gegenstand tritt. Ein Werk somit auch, das in eine ganz persönliche Beziehung zu seinem Rezipienten tritt. Das nämlich zwänge auch die Literaturforschung zurück auf das Feld der Ästhetik, zurück zur Struktur- und Formanalyse. Es wäre für sie – die naturgemäß zum Philologischen und nicht zum Ästhetischen neigt, die das Material liebt und den Gedanken scheut, die lieber knobelt und fahndet als daß sie in die Tiefe geht und etwas ins Systemische ableitet – eine neue Herausforderung.

2013, 08, 03

Studien, die aufdecken, was ohnehin alle wissen. Der lange beförderte Mythos, nur DDR-Sportler seien systematisch und flächendeckend gedoped gewesen, diente vor allem dazu, den jahrelangen Erfolg des ostdeutschen Leistungssport zu erklären. Man hatte da eine rationalisierende Erklärung, mit der man gut leben konnte. Das ist im Grunde harmlos und hat nur sekundär mit Politik zu tun. Vor allem mit gekränktem Stolz. So wie ja auch immer der Schiedsrichter Schuld ist, wenn Deutschland mal wieder nicht Weltmeister wurde. Also irgendwie doch mit dem Politik, ja.

(http://www.sueddeutsche.de/sport/bericht-der-humboldt-universitaet-berlin-wie-die-bundesrepublik-jahrelang-doping-foerderte-1.1737918)

2013, 08, 03

… und auf ihrem Grabstein wird stehen: Sie dachte unverzagt, was alle dachten.

(Juli Zeh: NSA wie Einbrecher im eigenen Haus)

2013, 08, 02

Die Meldung ist keine. Wir wußten immer, wer Kohl – darf ich sagen? : war und wofür er steht. Aber das Bild da, das ist großartig. Ich nenne es: Der Schöne und das Biest.

Ex-Kanzler Kohl mit Thatcher 1982: »Zahl der Türken um 50 Prozent reduzieren«

2013, 08, 01

Die Achse des Guten tut gut daran, keine Volltextsuchfunktion zu haben. Es gäbe sonst ein einfaches technisches Mittel, ihren Server mattzusetzen. Man müßte nichts tun, als die Webseite nach dem Begriff »Gutmensch« abzufragen.

2013, 08, 01

»Das Publikum soll den Künstler da abholen, wo er steht«, lautet der Satz, der eine ganze Ästhetik ersetzt. Marco Tschirpke besitzt sie, und wenn er mir weiterhin ein so guter Freund ist, werde ich mich eines Tages hinsetzen und sie ihm aufschreiben.

(http://www.tagesspiegel.de/kultur/der-mann-am-klavier-schlaumeier-tragen-grau/8192082.html)

2013, 07, 31

Kalauer, die man sich erstmal trauen muß #7

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schreiben.

2013, 07, 28

Ich höre sie jammern,
sie dürften als Deutsche
in Deutschland nichts gegen
Israel sagen.

Das dürfen sie aber,
es tun auch fast alle,
und können dann nicht mal
ein Echo vertragen.

Das Ärgste an allem
Germanengegreine
sind das etwa Gallen-?
Nein: Aug-Martensteine.

(Wiglaf Droste: Sind so kleine Deutsche)

Mag sein, da steht nicht mehr drin als ehedem bei mir, aber ich gebe zu, daß ich beim Versuch, mich kurz zu fassen, manchmal scheitere.

2013, 07, 27

Vinterbergs »Jagd« ist ein phantastischer Film, und ich verabscheue eigentlich diesen Handkameraquatsch. Beeindruckend ist, wie der Film trotz der ziemlich konventionellen Handlungsführung (mit sehr erwartbaren Elementen: toter Hund, Stein durchs Fenster, Prügelei im Supermarkt etc.), eine solche Spannung erhält. Das kommt nicht aus dem Plotting, sondern aus der Figurendarstellung. Mads Mikkelsen eben.

2013, 07, 25

»Die Entscheidung, in die SPD einzutreten, sei einfach gewesen, sagt Simbeck. Es schien ihm die Partei zu sein, die sich am besten um die Schwachen kümmert … Er muss noch vieles lernen, zum Beispiel die Inhalte der Agenda 2010, da kennt er sich noch nicht so aus.«

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/comedian-florian-simbeck-will-fuer-die-spd-in-den-bundestag-a-912380.html

2013, 07, 22

Einer namens Markus Gabriel, glaubt man der WELT: Prof. für Philosophie in Bonn, hat kürzlich gestanden, keinen Philosophen auf Anhieb verstanden zu haben, bis auf Schopenhauer. Hätte man die Stelle nicht mit einem besetzen können, der alle Philosophen auf Anhieb verstanden hat, bis auf Schopenhauer?

2013, 07, 22

Es hat anderthalb Jahrhunderte gedauert, doch gottlob ist es jetzt durch. Der Kommunismus ist eindeutig widerlegt. Der Beweis: Marx hat prokrastiniert, Artikel für die New York Tribune geschrieben und — ein unvorstellbarer Gedanke – Bücher gelesen. Wenn Konrad Löw das rechtzeitig erfahren hätte, hätte er seinen Lebenstraum erfüllen und Schlagersänger werden können.

(Helmut König: Lauter Prolegomena)

2013, 07, 19

Hugenbergs Erben: http://www.welt.de/regionales/hamburg/article118177188/Hartz-IV-Empfaenger-sollen-Vegetarier-werden.html

2013, 07, 10

Einfälle, die man im Halbschlaf hat, sind wahrscheinlich nie besonders gut, weswegen es praktisch ist, daß wir das, was wir schlummernd denken, allzumeist wieder vergessen. Unlängst kam mir im Morgengrauen die Idee zu einem Gedicht, das das komischste Poem der Weltgeschichte zu werden versprach. Es ging um den FC Bayern und eine Promoreise nach Japan. Das Stück endete damit, daß Sammer und Rummenigge irgendeinen skurrilen Deal mit ansässigen Geschäftsleuten abwickelten und die letzten beiden Verse lauteten:

… und sitzen beim Pachinko
Zusamm mit Raimund Hinko.

2013, 07, 08

Als ich gestern schrieb, daß Jakob Augsteins Ziel eine »nationale Wiedererweckung mittels linksseitigen Bypasses ist«, beeilte sich der volksdeutsche Journalistendarsteller heute einen weiteren Beweis für die Richtigkeit meines Befunds abzuliefern. Es wäre auch ohne gegangen.

2013, 07, 08

Beachtlicher noch als den karierten Mob und seine sarrazinistische Ideologie finde ich das Verhalten der Kommunalpolitiker (SPD, CDU, FDP). Während der überregionale Politiker wenigstens noch die Möglichkeit hat, nach eigenen Vorstellungen zu entscheiden, scheint der Kommunalpolitiker nie was anderes sein zu können als das Sprechrohr des ihn umgebenen Pöbels. Widersetzt er sich dem, rettet ihn keine Liste und kein Apparat. Alle Kommunalpolitiker, mit anderen Worten, gleichen Hermann Dierkes.

(Auf einer Sitzung des Ortsbeirats im Bremer Stadtteil Vegesack sprechen sich Lokalpolitiker gegen Unterkünfte für Flüchtlinge aus)

2013, 07, 07

Wir sind alle Opfer, schrieb der volksdeutsche Journalistendarsteller Jakob Augstein kürzlich über den NSA-Skandal. Wir, die Deutschen, Opfer der Amerikaner. So ging die Rechnung, deren Zweck – wie immer bei Augstein – eine Art nationale Wiedererweckung mittels linksseitigen Bypasses ist.

Nun hat Edward Snowden ausgeplaudert, daß deutsche Dienste vom Vorgehen der NSA gewußt haben. Was nun, Atze?

2013, 07, 07

Was unbedingt auch abgeschafft gehört: Sätze, die mit »Demokratie ist …« beginnen. (Besonders impertinent in der Ausprägung »Demokratie ist mehr als …«.)

2013, 07, 07

Über Mursi mag ich nicht breit werden. So ziemlich alles ist besser als eine Oligarchie der Muslimbruderschaft, und unstrittig scheint mir, daß ein wenig Bonapartismus noch keinem Land geschadet hat, das droht, vom Partikularismus verschlungen zu werden. Also noch keinem Land je geschadet hat.

Amüsant aber, daß sich jetzt sowohl die Gegner als auch die Verteidiger Mursis auf die Demokratie berufen. Die Verteidiger empören sich über die Mißachtung genau der Verfassung, die Mursi selbst noch vor ein paar Monaten kippen wollte. Und die Gegner entfalten eine Rabulistik, derzufolge Demokratie manchmal auch bedeutet, undemokratisch zu handeln. Anstatt den Mut zu haben, das auszusprechen, was die universelle Theologie unserer Tage wie kein zweites Tabu dem öffentlichen Diskurs entzogen hat: daß nämlich Vernunft und Demokratie zuweilen, wenn nicht gar meistens, gegenläufig sind. Daß es also nicht deswegen sinnvoll ist, die Demokratie in bestimmten Situationen zu mißachten, weil das etwa demokratisch wäre, sondern deswegen, weil es vernünftig ist.

2013, 07, 05

Alle reden davon, den Bachmann-Preis zu retten. Und wer rettet uns vor dem Bachmann-Preis?

2013, 07, 05

Wigi hat der jungen Welt mal wieder ein Ei ins Nest gelegt. Einen Artikel, in dem der zeitgenössische Antisemitismus der Süddeutschen Zeitung und ihrer zuständigen Redakteuse Franzika Augstein angegriffen wird. Die Gebrüder Göbel – Rüdiger, Werner, und Knut Göbel – toben wahrscheinlich gerade. Richten wir uns auf empörte Leserbriefe ein. Und auf manch 1 Déjà-vu.

2013, 06, 18

»After Earth«, jetzt vollständig hochgeladen bei youtube

(Elisabeth Shaw: Der kleine Angsthase)

2013, 05, 22

Sarah Kirsch ist tot. Man vergißt im Angesicht der Machwerke eines Günter Grass und anderer unpoetischer Seelen, die mittels Zeilenbrüchen Lyrik fürs Auge, von denen das Ohr nichts hört, produzieren, daß Lyrik, die keine Form hat, durchaus auch gekonnt sein kann. Von allen, die sich der lyrischen Form (dem Reim, dem Metrum, dem prosodischen Rhythmus) rigoros verweigerten, war Sarah Kirsch, neben Enzensberger, die beste.

2013, 05, 15

Sigmar Gabriel seiner Partei zum Ehrentag: »Es gibt nichts, wofür sich die SPD in ihrer 150-jährigen Geschichte schämen muss.«

Da ist es doch gut, daß es seit einigen Jahren das Fremdschämen gibt.

2013, 05, 10

Einige wissen, daß ich seit Jahren eine Analyse der Springerjugend und ihrer Anatomie schreiben will, bzw., da bin ich mit mir nicht ganz einig, gleich der gesamten neokonservativ-neoliberalen-neorechten Bewegung. Jetzt hat mir wer die Arbeit abgenommen:

»Die Verfasstheit des neueren Liberalismus, die durch die Ausweitung von diskursiven Spielzonen für Leute mit Hang zur politischen Meinung immer deutlicher zutage tritt, präsentiert sich nicht nur in beschränkten Inhalten, sondern auch in einer Sprache, die auf die begriffslose Ansammlung sich wiederholender Parolen und Pointen reduziert ist. Die gesellschaftliche Tendenz zu permanentem selbstdarstellerischem Gequassel, im Berufsleben kommunikative Kompetenz genannt, kommt auch in der sprachlichen Diarrhoe des Liberalen 2.0 zum Vorschein. Während weniger politisch ausgerichtete Leute je nach Fixierung permanent Gefühle bequatschen, halbgares Kunst- und Kulturgelaber absondern oder ihre öden Hobbys zum Dauerthema auswalzen, produziert die liberale Quasselstrippe Meinung am laufenden Band. Der Jargon der Liberalen ist aufmüpfig, rechthaberisch und bemüht darum, den Gegener lächerlich zu machen. Ergänzt wird er durch das Bekenntnis zum Konsum. Den schönen Schein des Warenmarktes gegen linke Lustfeinde zu verteidigen ist als Provokation und als Hinweis darauf, wie überlegen das westliche Modell den islamischen Gebetsgesellschaften ist, vielleicht ein sinnvolles Unterfangen. Wenn es dabei bleibt, wird die Pose des glücklichen Burger-Beißers indes armselig. Schlimmer noch: Zur schnöden Provokationsgeste gesellt sich eine anti-utopische Aggression. Weil die schwer zu leugnende Ahnung, dass der Mensch im Spätkapitalismus zu Ohnmacht und Verblödung verdammt ist und selbst finanzieller Komfort in der Regel nicht verhindert, dass man im Dienste irgendwelcher Sachzwänge hektisch rumhampeln muss, auch dann nicht ganz verschwindet, wenn man sich den Positivismus als Lebenshilfe selbstverordnet hat, ist der Ton gereizt. Besonders dann, wenn die Anstrengung mitzumachen mit der bedrohlichen Aussicht konfrontiert wird, dass es unter den herrschenden Verhältnissen so oder so ziemlich glücklos ablaufen wird. Man will zwar durchblicken, zupacken und aufrütteln, aber doch nur im Rahmen festgeschriebener Grenzen. Die Möglichkeit, dass das Leben anders und besser sein könnte, wird im Gag gegen Weltverbesserer abgewehrt. Am Linken bekämpft der deutsche Liberale das Andere, Transzendente, das man sich selbst abgewöhnt hat und darum bei ihm vermutet. Die zwanghaft verwendeten Signalwörter »Gutmensch« oder »Gesinnungsdiktator« erleichtern den Eingeweihten die Identifikation und geben das Gefühl, wahlweise zu den Abgeklärten oder den Widerständigen zu gehören. Unglaublich schlechte Zoten über allbekannte Feindbilder mit hohem Fremdschämfaktor animieren zum kollektiven Dauergelächter und legen die Vermutung nahe, dass Demenz nicht erst dann beginnt, wenn im Heim das Gebiss verlegt wird.«

(http://gruppemorgenthau.com/2013/05/09/wut-burger/)

2013, 05, 04

Ergen Jülsässer mal wieder. Nachdem er bereits wußte, daß die NSU-Morde nur von ausländischen Geheimdiensten ins Werk gesetzt sein konnten (der Deutsche schließlich mordet nicht), macht er sich nun Gedanken um die Zukunft der Angeklagten. Dummerweise hat er seine Glaskugel vergessen. Deswegen bleibt bezüglich seiner scharfsinnigen Prognosen ein letzter Hauch von Zweifel.

(Offener Brief an Beate Zschäpe)

2013, 05, 01

Zum 1. Mai. Auf die Antikapitalisten von heute trifft, was Brecht über die Seeräuber schrieb:

Sie fluchten wüst darauf beim Bechern
Und liebten es, so wie es war.

2013, 04, 19

Zu viel TKKG gelesen: Blockwarte i.A.

(http://www.derwesten.de/staedte/witten/junge-brueder-aus-witten-heften-sich-an-fersen-eines-ladendiebs-id7850823.html)

2013, 04, 13

Mir kam der Verdacht, daß ein Zusammenhang bestehen könnte zwischen der universellen Anwendbarkeit eines Arguments und seiner Belanglosigkeit. Je mehr ein Argument an jeglicher Stelle jegleicher Diskussion eingesetzt werden kann, desto weniger sagt es aus. Eine erste Sichtung ensprechender Argumente (mitsamt historischer Quellenangabe) scheint den Verdacht zu bestätigen:

– Ja, weißt du, das ist vielleicht deine Meinung, man. (Jeff Lebowski)
– Das ist mir zu pauschal. (Günter Jauch)
– Alles hat zwei Seiten. (Augstein & Blome)
– Weiß mans? (Pierre Bayle)
– So hats 33 auch angefangen. (Ralph Giordano)
– Ja, das sollen wir denken! (Ergen Jülsässer)

2013, 04, 11

Socken, das ist das paradoxe, neigen zur Einzelgängerei.

2013, 04, 08

Margaret Thatcher brauchte 11 Jahre, ihr Land zugrunde zu richten. Warum brauchte das Land bei ihr so viel länger?

Bleiben wir nachsichtig bei Altarkerzen, Apfelstrudel und dem Klang von Hefners »The Day That Thatcher Dies«

2013, 04, 08

Auf Broders Wahnsinnigen-Portal bereitet einer namens Akif Pirincci die nicht-völkische Rechte auf die Vereinigung mit der völkischen Rechten vor. Soweit nichts neues. Aber das sprachliche Niveau, auf dem das passiert, ist dann schon verblüffend. Ich wollte schon immer mal zu mehr Achtung vor dem Deutschtum aufgefordert werden von einem, der Sätze schreibt wie: »Aber das Wenige, was sie beigebracht bekommen haben, vom Hörensagen kennen oder erahnen, reicht aus, um sich als ›The masters of the universe‹ zu fühlen.«

2013, 04, 06

Die Nordkorea-Lobby versucht, Grass über die Sache wachsen zu lassen. Nicht mit mir!

2013, 04, 06

Warum schweigt Grass? Wer hat die Macht, ihn zum Schweigen zu bringen? Wem nützt es, daß er schweigt? Doch nur den Lakaien der Juche-Ideologie, die man hierzulande ja nicht kritisieren darf.

2013, 04, 06

Wird der brüchige Weltfrieden halten? Wie soll diese bange und schwierige Frage beantwortet werden, wenn Günter Grass weiter schweigt? Könnte nicht wenigstens Jakob Augstein einspringen?

2013, 04, 06

Sag was, Günter. Wir brauchen dich jetzt mehr denn je!

2013, 04, 06

Die Welt am Abgrund. Günter Grass schweigt weiterhin.

2013, 04, 06

Die Lage um Nordkorea spitzt sich zu. Kim kündigt atomaren Erstschlag an. Günter Grass hat sich noch nicht geäußert.

2013, 03, 31

Bravo, Schmidt! Und nun husch zurück ins Körbchen.

(Wirtschaftsweiser warnt vor Mindestlohn)

2013, 03, 24

Es gibt nämlich Kinderlieder, und es gibt Kinderlieder (zumindest gab es sie):

»
In blauer Ferne liegt ein Land,
Von dem wird viel erzählt.
Es führt ein weiter Weg dorthin,
Wohl mitten durch die Welt.
Der eine hat den Weg erkannt
und geht ihn mit Verstand.
Der andre sucht sein Leben lang
nach dem Vielbesserland.
Dort ist alles viel besser,
Viel höher,
Viel schöner,
Viel grüner,
Viel netter
Und viel, viel bequemer.
Und viel, viel gerechter
Als bei uns zu Haus
Und viel, viel gesünder
Man hält es kaum aus.
Doch wer das Land gesehen hat,
Der lächelt still und schlau.
Der sitzt vergnügt vor seinem Haus
Und küßt die eigne Frau.
«

Lakomy (†)

2013, 03, 23

»Kinder kennen Gerechtigkeit ignorieren sie aber« – Sollte die FDP demnächst auf die Idee kommen, für die Senkung des Wahlalters zu kämpfen, wüßten wir warum.

2013, 03, 20

BILD_2WK

Morgen dann die bewährte BILD-Schlagzeile: Das wird man doch wohl noch mal fragen dürfen!

2013, 03, 18

»Detaillierte Analysen von zwei Dramen hat auch Felix Bartels in seiner Studie ›Leistung und Demokratie‹ vorgestellt. Allerdings geht es ihm bei ›Numa‹ und ›Prexaspes‹ weniger um Ästhetik und Widersprüche, schon gar nicht um offene Fragen. Er zielt erstens darauf, Hacks’ Absichten zu rekonstruieren, und zweitens, die soziale Repräsentanz der Figuren herauszuarbeiten. […]
Wie Hacks und Müller, so geht es auch Bartels um Aussagen, die über das einzelne Drama hinausweisen und auf eine Grundstruktur zielen. Die Thesen zu ›Numa‹ und ›Prexaspes‹ sind denn auch durch Beobachtungen zu vielen anderen Werken Hacks’ abgesichert. Es geht Bartels darum, das titelgebende Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und Leistung als fundamental sowohl für eine sozialistische Gesellschaft als auch für Hacks’ Weltsicht zu bestimmen. Dabei meint Demokratie nicht politische Mitbestimmung, sondern soziale Teilhabe, die auf materieller Absicherung, wenn nicht Gleichheit beruht. Leistung ist hier nicht einfach diejenige, die täglich von den Werktätigen erbracht wird, sondern eine besonders qualifizierte Tätigkeit, die als solche auch besonders honoriert zu werden verdient. In diesem Zusammenhang entwickelt Bartels auch Hacks’ Konzeption des Helden und des Genies.
[…]
Die Wirksamkeit von Bartels’ Arbeit beruht auch darauf, daß er Detailbeobachtungen mit verallgemeinerter Begrifflichkeit zu verbinden weiß. So hat er Markierungen gesetzt, mit denen sich auch Interpreten von Einzeltexten, die dem Befund im Detail widersprechen, auseinandersetzen müssen.
Doch ist es das Verhältnis von Teil und Ganzem, das zumindest verdeckt Konflikte in der Hacks-Forschung grundiert. Bartels ist ein viel zu guter Hacks-Kenner, um nicht Veränderungen in den Begrifflichkeiten des Autors und in seinem Werk wahrzunehmen und zu zeigen.«

http://www.jungewelt.de/2013/03-18/015.php

2013, 03, 11

Ästhetische Maßstäbe,
von einem Robert, den man gern hat:

Stapf nur, postmoderner Künstler,
durch das Grün der Kunstgeschichte.
Tritt die Halme mutig nieder
auf dem Gang ins Unwegsame.
Bahne dir mit festen Schritten
einen Weg ins Niebetretne.
Schau nach vorne, dorthin, wo dir
Werke, Würden, Weihen winken,
aber:
Blick nicht rückwärts, denn sonst sähst du,
wie die Gräser, kaum getreten,
sich schon wieder aufwärts richten,
wie der Gang, den du gegangen,
Schritt für Schritt sich selber auslöscht,
wie die Spur von deinen Tagen
jährlich, täglich, stündlich schwindet,
bis sie so wie du vergangen:
spurlos.

2013, 03, 06

Sahms Kritik an den »Gatekeepers« ist flacher, als er dem Film zu sein vorwirft. Es tönt da aus der bekannten neokonservativ-neoliberalen Ecke (Springerjugend, Fuzzis, Achse des Guten etc.), deren Grundannahme, daß Israel mit dem Treiben seines rechten Rands identisch sei, nichts anderes ist als die ins Positive gekehrte Grundannahme des Antizionismus.

2013, 03, 06

Hugo Chavez verkörpert das Dilemma der Linken in unserer Epoche. Das Unterfangen, ein auf Vergesellschaftung beruhendes Modell des Zusammenlebens im 21. Jh. einzurichten und zu erhalten, verdient den Respekt und die Unterstützung aller, die auch im 21. Jh. noch glauben, daß der Unmenschlichkeit kapitalistischer Verhältnisse nicht mit den Mitteln des Kapitalismus beizukommen ist. Der außenpolitische Opportunismus, sich dem klerikal-faschistischen Iran an den Hals zu werfen, die religiös aufgeladene, irrationale Ideologie und der Antisemitismus des Hugo Chavez stellen dagegen eine Schranke auf, über die man nicht schreiten möchte, da man nicht weiß, ob es sich um Kinderkrankheiten oder Wesenserscheinungen handelt.

2013, 03, 02

Es gibt Leute, die es jetzt für ein Skandal halten, daß Walesa den Friedensnobelpreis trägt. Er befindet sich in guter Gesellschaft: Kissinger, Begin, Sadat, Mutter Teresa, Tutu, Gorbatschow, Dalai Lama, Arafat, Carter, UNO, EU … kleine & große Sadisten.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/lech-walesa-will-homosexuelle-im-parlament-hinter-mauer-verbannen-a-886474.html

2013, 02, 24

Stéphane Hessel bestätigt in einem Beitrag auf arte einmal mehr seinen Ruf als herausragender Humorist. Es komme ihm vor allem darauf an, daß die Jugend lerne aufzubegehren.

Als ob man der Jugend erst sagen müßte, daß sie sich erregen soll.

Der Kniefall vor der Jugend ist das sichere Kennzeichen des konformistischen Rebellen, der an die Stelle der Erkenntnis den Aufstand setzt. Daß Empörung beim Denken stört, ist für denjenigen, dem es lediglich darauf ankommt, Stimmungen zu generieren, natürlich kein Einwand.

»Ohnehin hat die sich so nennende Philosophie es ausdrücklich ausgesprochen, daß das Wahre selbst nicht erkannt werden könne, sondern daß dies das Wahre sei, was jeder über die sittlichen Gegenstände, vornehmlich über Staat, Regierung und Verfassung, sich aus seinem Herzen, Gemüt und Begeisterung aufsteigen lasse. Was ist darüber nicht alles der Jugend insbesondere zum Munde geredet worden? Die Jugend hat es sich denn auch wohl gesagt sein lassen. Den Seinen gibt Er’s schlafend, ist auf die Wissenschaft angewendet worden, und damit hat jeder Schlafende sich zu den Seinen gezählt; was er so im Schlafe der Begriffe bekommen, war denn freilich auch Ware danach. – Ein Heerführer dieser Seichtigkeit, die sich Philosophieren nennt, Herr …«

Hessel. Stéphane Hessel. Ich bin sicher, der ist, den Hegel hier meint.

Nachtrag: Ein älterer Beitrag in der FAZ verrät unterdessen, daß Hessel die Maßgabe der Empörung nicht universell verstanden wissen will. Geht es um die Nazis z.B., kann man schon mal ein Auge zudrücken. Wichtig ist, den Hauptfeind Israel nicht aus dem Auge zu verlieren: »Die deutsche Besatzung [Frankreichs] war, wenn man sie vergleicht zum Beispiel mit der heutigen Besetzung von Palästina durch die Israelis, eine relativ harmlose, von Ausnahmen abgesehen wie den Verhaftungen, Internierungen und Erschießungen, auch vom Raub der Kunstschätze. Das war alles schrecklich. Aber es handelte sich um eine Besatzungspolitik, die positiv wirken wollte und deshalb uns Widerstandskämpfern die Arbeit so schwermachte.«

2013, 02, 16

Ich mochte Dietrich Kittners Stil nicht besonders; seine Pointen waren manchmal gut, meistens schlecht, seine Denkweise platt, wenn auch für ihn spricht, daß er die richtigen Feinde hatte. Aber wenn die ARD anläßlich seines Todes auf einer ihrer Seiten modest in der Form der indirekten Rede schreibt: »Der Weg ins Fernsehen sei ihm stets versperrt worden, klagte Kittner noch kürzlich«, ist das durchaus großes Kabarett. Keine falsche Bescheidenheit, liebe Anstalt: Du hast den Mann 40 Jahre lang kontinuierlich zensiert und solange erklärt, daß er nicht existiert, bis er nicht mehr existierte.

2013, 02, 11

Elke Wittich: Papst-Rücktrittswitze in 3, 2, 1 …

Gern. Ein deutscher Papst tritt niemanden. Außer, er wird getreten. Dann tritt er natürlich zurück.

2013, 02, 08

Martenstein dilettiert in Erkenntnistheorie: »Wenn alle das gleiche sagen, bekommt man Lust dagegenzuhalten: Hey, da stimmt doch was nicht«. Aufbau kontert mit Dialektik: »Alle lieben Martenstein!«. Das Verbrechen, diesen Schmock verlegt zu haben, wird dadurch nicht aufgehoben, aber doch wenigstens auf die komödiantische Ebene gehievt.

http://www.titanic-magazin.de/briefe/2013/februar/?no_cache=1#c17578

2013, 02, 06

Helmut Schmidt wettert gegen den Wiederaufbau des Berliner Schlosses, und schon fragen sich alle, wie dringend Deutschland ein Bundesschloß brauche.

Naja, etwa so dringend, wie es einen Helmut Schmidt braucht.

2013, 01, 30

Wenn Zettel nie besonders schlau war, aber akribisch war er doch immer. Die Ausdehnung konnte stopfen, was die Kraft nicht zu bewirken vermochte, und seine ideologischen Zwangsvorstellungen wurden immerhin von befugtem Ennui kompensiert. Was passiert, wenn so einer auch seine letzte Tugend verliert, kann man jetzt nachlesen.

Natürlich ist Jakob Augstein weder Salon noch Bolschewist. Er ist, wie seine beiden Väter (der leibliche und der soziale), Angehöriger des Juste Milieu, der bürgerlichen Mitte, dessen, was man nach der französischen Revolution Le Marais nannte. Er ist kein Linker, sondern ein Liberaler, aber ein klassischer, ein Vertreter des Liberalismus der kleinen Leute. Er ist also eine Art Zettel für Arme.

http://zettelsraum.blogspot.de/2013/01/zettels-meckerecke-jakob-augstein-und.html

2013, 01, 29

Wolfgang Pohrt ist ein Meister der Paradoxien. Dauernd redet er davon, daß alles gesagt ist, und dann redet er doch wieder.

2013, 01, 28

Mord ist, wenn einer einem die restliche Zeit stiehlt. Wer einem anderen Zeit stiehlt, folglich, mordet in Raten.

2013, 01, 26

Hochstapler werden überschätzt.

2013, 01, 24

In Ikeda ist heute Walfleisch im Angebot. Wir diskutieren wild. Der Rotisseur gegen die Kaltmamsell. Sashimi oder angebraten? Das Ob steht nicht zur Debatte. Wenn die schon aussterben, sollte man sie auch essen.

2013, 01, 23

»Sie könnten sich etwa für eine der linken Parteien wie die Arbeitspartei, Meretz oder Hatnua entscheiden. Es würde schon genügen, wenn nur ein Teil der arabischen Israelis zur Vernunft käme, um der israelischen Rechten eine Mehrheit unmöglich zu machen.«

Die Ironie der Lage: Eine höhere Beteiligung der arabischen Israelis wäre das Ende der Regierung Netanjahu gewesen. Aber eine Beteiligung wäre freilich, als Akt, eine Anerkennung Israels als jüdischen Staat (in dem eine arabische Minderheit gleichberechtigt leben könnte und kann). Durch die performative Nichtanerkennung bleibt eine Regierung an der Macht, die (im Rahmen der vorhandenen Gesetze, die die Gleichberechtigung garantieren) gegen die Gleichberechtigung arbeitet.

(Heraus aus der Opferrolle)

2013, 01, 22

Die Würde des Menschen … kennt keine Grenzen.

http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/hartz-iv-bezieher-wurden-bei-tombola-verlost-9001301.php

2013, 01, 05

Die Theaterleute nennen das Schmiere, wenn Dinge passieren aus Gründen, aber was aus ihnen folgt, aus anderen Gründen. Daß Broder ein Verleumder ist, weiß man seit langem. Es paßt ins Bild, daß er nicht etwa wegen seines zweideutigen Populismus, der mit jedem Satz säkulare Islamkritik und dumpfe Stammtischangst vermischt, oder seiner Kumpanei mit Sarrazin gekreuzigt werden soll, sondern deswegen, weil er die Wahrheit gesagt hat. Denn Jakob Augstein ist ein Antisemit, und es bedurfte nicht erst eines Broder, um das ins Bewußtsein zu heben.

Der eigentliche Skandal am Ranking des SWCs ist, daß Günter Grass fehlt. Meinetwegen hätte Platz 9 gern doppelt verliehen werden dürfen: an Augstein und Grass. Die beiden sind ohnehin sowas wie die Glamour Twins der bürgerlichen Mitte mit ihren Bauchschmerzen bei allem, was jüdisch oder israelisch ist, also derjenigen Spielart des zeitgenössischen Antisemitismus, die ganz ohne ideologischen Überbau auskommt und auch in der Erscheinungsform nichts anderes als bundesdeutscher Katzenjammer ist. Wer sich, nebenbei, fragt, warum der sich selbst als links etikettierende Augstein Liebeserklärungen an Helmut Kohl schreibt, wird in dieser Wurzel die Antwort finden.

http://tapferimnirgendwo.com/2013/01/04/die-broder-affare/

Nachtrag 1: Stefan Gärtner zur Sache (sehr gut!)

Nachtrag 2: Deniz Yücel auch zur Sache (besser!)

Nachtrag 3: Die Übermacht der Augstein beispringenden Kollegen und ihre begriffliche Einfalt provoziert zur Dokumentation. Deswegen noch einmal Gärtner, diesmal im Interview (allerliebst!)