2014

 

2014, 12, 21

Leibnizseminar. I-2: Prästabilierte Harmonie. Anschaungsmaterial

http://9gag.com/gag/aOyGnG6

2014, 12, 05

An jeder Ecke Vegetarier und Kommunisten!

2014, 11, 26

»Der Mörder bleibt frei«, titelt eine überregionale Tageszeitung aus Anlaß der Klageabweisung im Fall Darren Wilson, und wer denkt hierbei nicht sogleich an Rodney King? Aber im Gegensatz dazu fehlt hier ein Video. Es fehlt überhaupt ein klarer Hinweis dafür, daß ein Mord vorliegt. Es ist überhaupt nichts klar, außer für denjenigen, für den gar nichts klar sein muß, weil ohnehin alles klar ist. Wer nicht genau mit den Daten des Falls vertraut ist, die Akten studiert, die Aussagen geprüft und abgewogen, den Tathergang rekonstruiert und das Verhalten der Beteiligten untersucht hat, kann kein Urteil über das Urteil abgeben, ohne sich lächerlich zu machen. Woher kommt die verdammte Lust, sich lächerlich zu machen? Was verschafft Außenstehenden den Glauben, die Läden ihrer Nachbarschaft plündern zu dürfen, weil sie ein gerichtliches Urteil nicht billigen? Und was verschafft noch weiter Außenstehenden das Gefühl, diese Sicht nicht nur zu teilen, sondern gar mit Verständnis auf solche Reaktionen zu blicken?

Es ist ein Phänomen, dem man häufig begegnet. 1 gesellschaftliches Problem + 1 Stimmung = 1 Vorurteil. Und 1 Vorurteil + 1 Gelegenheit = 1 Aufstand. Es ist noch nicht ganz dasselbe wie bei Mumia Abu-Jamal oder Julia Timoschenko, bei denen die Frage, ob sie tatsächlich dessen schuldig waren, wofür sie verurteilt wurden, ja auch alsbald in den Hintergrund geriet. Die Gemeinsamkeit liegt darin, daß sie für etwas genommen wurden, was sie nicht sind. Wenn man ihnen wohlwill, könnte man sagen, man nahm sie für mehr, als sie waren. Will man weniger wohl, könnte man sagen, ihr Bild gibt das Gegenteil dessen ab, was sie sind. In jedem Fall wurden sie zu Symbolen. Der Terroristenfreund Mumia zur Ikone der Friedensbewegung. Die korrupte Rassistin Julia zur Verkörperung einer liberalen Zukunft im Osten. Ihre Prozesse wurden fortan als Angriff auf die verkörperten Ideen gesehen, aber es gehört zum Handwerk des politischen Polterers, der sich um Justiz und Kriminalistik ebenso viel schert, wie er davon versteht, daß er seine Urteile stets als das Ergebnis unbestechlicher Investigation auszugeben versteht. Selbst Jürgen Elsässer, in der Disziplin Interessengeleitestes Denken gegenwärtig den Weltrekord hält, besteht darauf, daß er nichts weiter tut als unerschüttert und nüchtern zu ermitteln, was geschehen ist. In der Politik hat Blindheit aber nur selten mit den Augen zu tun.

Der Unterschied zum vorliegenden Fall ist, daß Mumia und Julia positive Figuren waren, sinnliche Objekte, in denen Idealvorstellungen vergegenständlicht werden. Das ist natürlich irrational, aber irgendwie auch rührend. Die Behauptung, Gott habe die Menschen nach seinem Bild geschaffen, stimmt nur in Bezug auf das Aussehen. Dem Charakter scheint eine Meerkatze Modell gestanden zu haben. Sie merken schon: Meine Menschenliebe ist grenzenlos. Ich würde sie alle am liebsten von früh bis spät knuddeln. Aber Meerkatzen können auch bissig werden. Im vorliegenden Fall des Polizisten Wilson wird nicht Hoffnung in ein sinnliches Objekt verbracht, sondern es wird mit Haß belegt. Es wird ein negatives Objekt gestiftet, das zugleich exemplarisch für ein allgemeines Übel der Gesellschaft stehen soll, in diesem Fall den Rassismus. Das erhöht den Grad der Verrücktheit zwar nicht (blinde Liebe macht genauso bescheuert wie blinder Haß), aber die Aggressivität tritt dadurch unvermittelt zutage. Sie steckt nicht wie eine Giftkapsel in einer Liebeserklärung, sondern gleicht eher der tödlichen Flüssigkeit, in die man die Pfeilspitzen taucht. Kollateraler Schaden dieser Vergiftungsarten ist in jedem Fall das Verhältnis zur Wirklichkeit, denn beides ist typisch für eine Welthaltung, die glaubt, daß man nur, weil man das Herz am rechten Fleck trage, sich um die Wahrheit nicht mehr kümmern muß.

2014, 10, 17

Ziemlich genau am Ende dieses Jahres liegt die Deadline meines kommenden Buchs. Wir haben jetzt Mitte Oktober, und der Verleger nervt, weil noch nichts vorliegt. Ich lasse mich nicht hetzen, zumal ich den Klappentext schon mal geschrieben habe, ich Arbeitstier, ich:

»Wie alle Freunde politischer Unternehmungen habe ich einen erheblichen Ekel vor Politik. Die Politik ist an der Politik das Geistlose. Das Problem dabei ist, daß sie notwendig ist und irgendwer sie machen muß. Daß ich sie nicht machen muß, darum haben wir Arbeitsteilung. Man kann nicht denken und machen. Wenn die, die denken, auch machten, dächten sie schlechter. Und wenn die, die machen, auch dächten, kämen sie nicht mehr zum Machen. Der eine holt das Holz aus dem Wald, der andere macht einen Stuhl draus. So läuft das schon seit Jahrtausenden. Wenn man was kann, hat man die verdammte Pflicht, sich der Politik zu enthalten. Außer freilich, das, was man kann, ist die Politik.«

2014, 10, 16

Ich dachte mir: Tu was gegen das Zeitungssterben. Ich lobe also einen Preis aus. Diejenige Tageszeitung, die sich traut, am Tag nach Wolf Biermanns Ableben Wiglaf Drostes »Nachruf auf Wolf Biermann« zu drucken, wird von mir mit einem Jahresabo belohnt.

2014, 10, 11

Buchholzkopf

Offenbar meint Christine Buchholz nicht, was sie da schreibt. Die Idee, den Kurden, die man seit vielen Jahren zu unterstützen vorgibt, Solidarität zu zeigen, indem man die militärische Hilfe zu blockieren empfiehlt, die ihnen gerade zuteil wird und um die sie ausdrücklich gebeten haben, ist so absurd, daß sie nicht einmal einem Holzkopf entspringen könnte, wenn er aus Buche gemacht ist. Der erste Satz und der zweite dieses Plakats lassen vorderhand keinen Sinnzusammenhang erkennen. Eine Interpretationshilfe tut not.

(1) Eine Möglichkeit wäre, daß Frau Buchholz der blaue Filzer ausgegangen ist. Auf »Solidarität mit dem Widerstand in Kobane!« sollte der Satz »US-Bombardements stoppen!« folgen. Wer stoppt was? Die US-Bombardements die Gegner des Widerstands natürlich. Das widerspräche zwar dem Weltbild der Frau Buchholz, in dem grundsätzlich alles schlecht ist, was von seiten USA kommt, aber so ergäben die beiden Sätze der Losung zusammen immerhin etwas Sinn. Statt dessen steht da jetzt »US-Bombardement stoppen«, was zu dem Mißverständnis geführt hat, Frau Buchholz wolle sagen, daß die Bombardierung der IS-Stellungen verhindert werden müsse und damit den Verteidigern von Kobane im mindesten gedient sei.

(2) Eine andere Möglichkeit wäre, daß Frau Buchholz unter »Widerstand in Kobane« etwas ganz anderes versteht, als man nach gegenwärtiger Sprachregelung darunter versteht. Sie meint nicht den Widerstand der Kurden gegen die Angreifer des IS, sondern den (ebenso heroischen wie verzweifelten) Widerstand der IS-Truppen gegen den US-Imperialismus, die ihre Freiheit zwar nicht am Hindukusch, aber doch immerhin an den Toren von Kobane verteidigen. Mag sein, daß sie mit dieser Meinung nicht für den Friedensnobelpreis infrage kommt, aber auch so ergäben erster und zweiter Satz der Losung zusammen eine Art Sinn.

(3) Die dritte Möglichkeit wäre, daß Frau Buchholz über einen Karrierewechsel ins Fach der Politclowns nachdenkt und wir einen ihrer ersten, wenngleich noch ungelenken Versuche erleben, das Erbe Fritz Teufels anzutreten. Der Posten wurde ja in den letzten Jahren durch Gestalten wie Žižek, Butler, Meese oder Galloway, die viel zu ernst bei ihren Albernheiten wirken, nur sehr unzureichend ausgefüllt. Das wird sich ändern, wie sich dank Frau Buchholz hoffen läßt. Und wenn man das Bild ganz genau betrachtet, kann man auch erkennen, daß sie sich ein Lachen nur mühsam verkneifen kann.

2014, 10, 10

Marx bemerkt irgendwo, Hegel bemerke irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen, Hegel aber vergessen habe hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Marx wiederum hat vergessen hinzuzufügen, daß sich Farce und Tragödie einer Sache auch zugleich ereignen können. Zum Beispiel gerade: Die Tragödie in Kobani, die Farce in Berlin.

»Wer einen Militäreinsatz befürwortet, geht entweder naiv den Lügen der US-Propaganda auf den Leim oder muss sich den Verdacht gefallen lassen, dass es ihm weniger um das Leid der Menschen im Nahen Osten geht als darum, die friedenspolitischen Positionen der Linken als Eintrittsbillett für eine künftige rot-rot-grüne Bundesregierung zu schleifen.« (Sahra Wagenknecht, Lysistratöse)

2014, 10, 10

Der FrNoPr wieder. Ashton, Ban-Ki Moon, Kohl oder Snowden …

Asht jetzt? Warum nicht gleich George Galloway?

2014, 10, 09

Gestern, am 8. Oktober 2014, fand der erste Hauptverhandlungstag in der Angelegenheit Ditfurth vrs. Elsässer vor der Pressekammer des Münchner Landgerichts statt. Die Richterin hat während der Verhandlung implizit klargemacht, daß sie mit Sicherheit Elsässer Recht geben wird, sofern der nicht auf die Idee verfällt, ein explizites Bekenntnis zum Dritten Reich abzugeben:

»Ein glühender Antisemit in Deutschland ist jemand, der mit Überzeugung sich antisemitisch äußert, mit einer Überzeugung, die das III. Reich nicht verurteilt, und ist nicht losgelöst von 1933-45 zu betrachten vor dem Hintergrund der Geschichte.«

Man kann davon ausgehen, daß Elsässer es schaffen wird, auf ein entsprechendes Bekenntnis zu verzichten. Die Richterin hat damit nicht weniger als einen Rahmen geschaffen, in dem sekundäre, strukturelle oder verkappte Antisemiten sich künftig werden bewegen können. Ich meinesteils mag nicht gern Prophet sein.

2014, 10, 05

Mit der formidabel antwortenden Sonntagsgesellschaft haben nun 4/5 der Nominierten respondiert. Das entspricht etwa dem Anteil Transjordaniens am historischen Palästina, will sagen: Das ist auch dann eine zufriedenstellende Quote, wenn man eigentlich alles wollte. Es sind in Reihenfolge des Erscheinens:

http://galgeneule.de/der-lobster-award/

http://nachdenklichekrankenschwester.wordpress.com/2014/09/29/lobster-award/

http://markphaverkamp.wordpress.com/2014/10/02/lobster-award/

http://sonntagsgesellschaft.wordpress.com/2014/10/05/lobster-award-antwort-auf-felix-bartels-und-nominierungen/

Und in der Kategorie Bester Ausländischer Film der lybe Lyzis, Neffe von Ulla, Honigbiene, Knuddelbär oder wie immer er sich sonst noch bislang genannt hat:

http://lyziswelt.blogsport.de/2014/10/04/ice-bucket-challenge-fuer-sesselfurzer-der-lobster-award/

2014, 09, 27

Die junge Welt, man kennt sie, kommt fast um vor Sorge um den Friedensprozeß im Nahen Osten. Dennoch verpflichtet die journalistische Ehtik zu denkbar treuer Dokumentation der Fakten. Zu denen gehört auch die Gedankenwelt des Generalsekretärs der Hisbollah, die die junge Welt, aus reiner Chronistenpflicht, versteht sich, abdruckt. Leider war dann am Ende der Seite kein Platz mehr, an dem die Zeitung, die sich nicht gern ein antisemitisches Drecksblatt nennen läßt, klarstellen konnte, daß dies hier nicht auch ihrer eigenen Linie entspricht:

»Das gefährlichste Problem, vor dem wir heute stehen, egal ob es sich um die libanesische oder die arabische Öffentlichkeit handelt, ist, daß wir uns auf einen Punkt zubewegen, wo die Menschen der Region Israels Existenz für normal halten. (…) Israel ist ein illegitimes Gebilde und (…) eine ständige Bedrohung für die gesamte Region. Wir können mit dieser Bedrohung nicht koexistieren. Das ist der Grund, warum das letztliche Ziel der Nation die Beendigung der Existenz Israels ist, unabhängig von den Problemen, Empfindlichkeiten und allem, was zwischen Palästinensern und Nichtpalästinensern, Schiiten und Sunniten, Moslems und Christen geschehen ist und geschehen kann.«

Ich frage mich gerade, ob irgendwann der Moment kommt, an dem wir uns Werner Pirker zurückwünschen.

2014, 09, 25

Goodreads #1

Die Autorin konzentriert sich auf die Darstellung der Theorien. Das macht sie sehr gut. Das Buch urteilt weniger und ist vielmehr eine Art Urteilshilfe. Allein der Gedanke, umfänglicher Zizek selbst lesen zu müssen, macht mich ganz mißmutig. Ich finde es praktisch, daß es Leute gibt, die das verworrene Zeugs von Z. für mich zusammenfassen.

2014, 09, 18

Verheiratet mit einer Sino-Japano-Login kommt es unterdes immer wieder vor, daß mir von (vornehmlich älterer) Verwandtschaft geschenkte Bücher mit Ostasiatischen Weisheiten ins Haus flattern. Darin dann goldene Worte von Konfuzius: »Wer bei seinen Handlungen immer auf Vorteil bedacht ist, wird sich viele Feinde machen.« Dem Dalei Lama: »Wenn du Glück haben willst, gehe am Unglück vorbei.« Oder: »Besser ist es, in der Nähe Gutes zu tun, als in der Ferne Feuerwerk zu verbrennen.« (Chinenisches Sprichwort) Dergleichen ansichtig ist mir unbegreiflich, warum es keine Bücher mit zentralasiatischen Weisheiten gibt. »Hau deinen Feind, bis er kotzt.« (Kasachisches Sprichwort) Oder auch: »Das ist ein weites Feld.« (aus dem Mongolischen) Das Banale hat die seltsame Angewohnheit, nicht mehr als solches erkannt zu werden, sobald ihm das Etikett fernöstlich am Halse baumelt.

2014, 08, 22

Das Zitat des Tages kommt von Ina Eff:

»Irgendwie denkt man zuerst, so eine Weltsicht muss doch zwangsläufig an der Kollision mit der Wirklichkeit zerschellen. Aber dann kommt man drauf, nee, muss gar nicht. Nur Weltsichten, die auf irgendeine Form von Evidenz sich gründen, müssen zerschellen. Aber wenn man einfach immerzu als Ersatzhandlung für Evidenz ›Alahu akbar‹ ruft, dann kann das immer weiter gehen.«

Ich halte ohnehin dafür, daß man dem Islamismus ruhig einmal, anstatt mit moralischer Entrüstung (was natürlich kata kosmon wäre, da es zutiefst menschlich ist), mit Erkenntnistheorie entgegentreten sollte. Und von dort her ist ja nicht nur die Evidenz ein Problem. Eine Theorie, damit sie als haltbar angesehen werden kann, muß, wie ich meine, drei Eigenschaften besitzen: (1) Evidenz, d.h. eine Korrespondenz mit den vorhandenen Daten oder Phänomenen (und ist eine unmittelbare Evidenz nicht gegeben, so muß sie sich wenigstens durch korrekte Vermittlungsarbeit – Hilfsbegriffe, Hypothesen, weitere Theoreme – herstellen lassen); (2) Konsistenz, d.h. ein in sich schlüssiger, logisch fehlerfreier Gesamtzusammenhang; (3) Arbeitsfähigkeit bzw. Exuberanz, d.h. eine produktive Auswirkung in theoretischer Hinsicht, die dazu beiträgt, andere Probleme zu vertiefen, andere Theorien zu stützen bzw. zu widerlegen oder andere Wissensbereiche zu erhellen.

Der Islamismus, dem das »Alahu akbar« einfach als Deus ex machina dient, ist in keiner dieser drei Hinsichten irgend von Belang, und man könnte die These aufstellen, daß bei einer politischen Bewegung, die sich so rigoros gegen die Maßgaben der Erkenntnistheorie stellt, auch in politischer Hinsicht nur das Allerübelste herauskommen kann. Könnte man; es wäre aber falsch. In Wahrheit ist es umgekehrt: Wer in der Politik wahnsinnige Ziele verfolgt, kann sich auch zur Wahrheit nicht anders als wahnsinnig verhalten.

2014, 08, 20

Eine Busladung von Nahostexperten und der Lobbyist Michael Lüders haben getan, was Nahostexperten und Lobbyisten am liebsten tun: einen Offenen Brief schreiben. Darin heißt es:

»Die Hamas bleibt, ungeachtet der Aktivitäten ihres militärischen Flügels, eine populäre politische Partei. Der Dialog mit den politischen Vertretern der Hamas sollte deshalb nicht länger verweigert werden.«

Wer sich fragt, worin die sagenumwobene Einheit besteht, in die Faschismus und Demokratie miteinander geraten können, hat an diesem Satz ein instruktives Lehrstück. Nicht nur, daß hier, um den eigenen Dünkel gegen den jüdischen Staat zu rechtfertigen, eine gute Hamas von einer schlechten Hamas unterschieden wird, obgleich doch bekannt ist, daß im volksgemeinschaftlichen Terror Wohlfahrt und Vernichtungsabsicht stets zusammenfallen, und außer Betracht ferner, daß niemand mit Bestimmtheit sagen kann, wie hoch die Popularität der in nahezu jeder Hinsicht versagenden Hamas im Gaza tatsächlich noch ist – es muß das demokratische Argument immer dann herhalten, wenn eine Sache wirklich stinkt. Als ob der Umstand, daß eine Mehrheit eines Landes dazu bereit ist, einem Wahnsinn auch nur ein Jota an Wahnsinn nähme. Als ob Demokratie schon selbst ein Wert wäre, ganz unbeeinträchtigt davon, wohin der jeweilige Volkswille führt.

Und mehr noch, der Wahnsinn strahlt ab, denn Friedensfreunde neigen dazu, in eine der beiden Konfliktparteien ihre ganz praktischen Hoffnungen zu setzen und geraten damit alsbald, etwa mit solchen Briefen, zu Adjutanten des Wahnsinns. Die genaue Anatomie dieser Beziehung haben Parker & Stone 2004 in »Team America« dargestellt, womit sie sich zwar auf der bloß pragmatischen Ebene des Konflikts bewegen, auf der es immer an Gegenentwürfen fehlt, auf der Taktik vor Strategie und Notwendigkeit vor Utopie geht, worin aber wenigstens die Dialektik des Konflikts adäquat abgebildet ist. Das Herzstück dieser Abbildung sei hier zur Gänze zitiert:

»Wir sind hart. Wir sind rücksichtslos, arrogant, blöd und hart. Und die Film Actors Guild sind Pussies. Und Kim Jong Il ist ein Arschloch. Pussies mögen Harte nicht, weil Pussies von Harten gefickt werden. Aber die Harten ficken auch Arschlöcher. Arschlöcher, die auf alles scheißen wollen. Pussies glauben vielleicht, sie können auf ihre Weise mit Arschlöchern umgehen, aber das einzige, was ein Arschloch ficken kann, ist ein Harter – mit Eiern. Das Problem mit den Harten ist, daß sie manchmal einfach zu viel ficken. Oder ficken, wenn es unangebracht ist. Und nur eine Pussy kann ihnen das klarmachen. Aber manchmal, sind Pussies so voller Scheiße, daß sie selbst zu Arschlöchern werden. Denn Pussies sind nur zwei Finger breit vom Arschloch entfernt. Ich weiß nicht sehr viel über diese total verrückte Welt, aber eins weiß ich genau: Wenn ihr uns dieses Arschloch nicht ficken lasst, werden unsere Harten und unsere Pussies komplett vollgeschissen sein.«

2014, 08, 16

OFFENER BRIEF AN MEINE FRAU

Liebe Nora,

ist dir aufgefallen, daß Du immer Rohrzucker kaufst statt echten Zucker? Ich muß annehmen, daß nicht, denn es gibt absolut keinen Grund, Rohrzucker zu kaufen, wenn man auch echten Zucker kaufen kann. Echter Zucker ist weiß und schmeckt süß. Er hat keinen Nachgeschmack. Rohrzucker und Zucker läßt sich auseinanderhalten. Es ist wie mit Apfelsaft und Morgenurin, es gibt Ähnlichkeiten, aber es ist nicht dasselbe.

In Liebe,
Dein Felix

2014, 08, 15

Die Süddeutsche Zeitung berichtet, daß der BND die Außenministerin Clinton mehrfach abgehört hat. Die Wartezeit auf das Ausbleiben eines öffentlichen Aufschreis deutscher Bürgerrechtler, die sicher besseres zu tun haben als jetzt nachzuweisen, daß es ihnen beim NSA-Skandal um die Sache und nicht um ihren Haß auf Amerika ging, kann mit der Lektüre meiner Besprechung eines Juli-Zeh-Interviews vertrieben werden:

http://www.felix-bartels.de/2013/09/25/majority-report/

2014, 08, 13

Aus dem Hauptreferat beim II. Antizionistischen Weltkongreß,
(Teheran, 12 Juli 2014, 9:49–22:28 Uhr Ortszeit)

»… Zu den finstersten Tricks des Zionismus gehört das Argumentieren mit Tatsachen … Tatsachen sind verteufelt, sie verführen den, der die Wahrheit nicht kennt, zu fehlerhaften Gedanken und lassen ihn verwirrt und mit Wirklichkeit kontaminiert zurück. Wir können noch so viel tun – einen, der nicht unbeirrbar von unserem Glauben beseelt ist, werden wir nie erreichen, solange es Zionisten gestattet ist, mit Tatsachen an ihn heranzutreten.«

http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Palestinian_rocket_attacks_on_Israel,_2014

2014, 08, 12

All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Schopi together again.

Existential Comics: Schopenhauer and Hegel

2014, 08, 12

Ich fasse dieses umständliche Gerede, dessen Umständlichkeit offenkundig nichts anderem als einer zufälligen Männerfreundschaft geschuldet ist, auf seinen trefflichen Kern zusammen. Harald Martenstein empfindet den Hinweis darauf, daß es in seinem Deutschland zunehmenden Antisemitismus gibt, als Ohrfeige, weil er »jahrzehntelang daran gearbeitet« hat, »dieses Land zu verändern«, und begreift natürlich nicht, daß es eben diese Arbeit ist, die dem Fortleben des Antisemitismus in diesem Land mit Nahrung gab, daß der zeitgenössische Antisemitismus nicht in der Begeisterung für die, sondern im Abscheu vor den Naziverbrechen wurzelt (dann nämlich, wenn das Entsetzen gedanklich unverarbeitet bleibt). Die bürgerliche Mitte kann nicht begreifen, woran sie leidet. Der Ekel, den sie, um mit ihm leben zu können, den Rändern der Gesellschaft zuordnet (in Form der bekannten Rede vom rechten und linken Antisemitismus), kommt aus ihr selbst, und das Böse muß sich zwar als Böses entladen, zieht seine Rechtfertigung jedoch stets aus dem Guten, d.h. aus der Überzeugung, selbst gut zu sein. Der Nazi wurde zum Tier, aber vordem er das konnte, lagen viele Jahrzehnte moralischer Entrüstung in der Mitte der Gesellschaft.

2014, 08, 12

Ich hätte wirklich darauf gewettet, daß Robbie Williams vor Robin Williams stirbt. Daß Robin so fragil war, wußte ich nicht. Wie sehr man doch dazu neigt, den Schauspieler mit seinen Rollen zu verwechseln.

2014, 08, 05

Bodycounting ist die Arithmetik des kleinen Mannes, in der die Hamas für die Abteilung exponentielle Funktionen zuständig ist.

http://bazonline.ch/ausland/naher-osten-und-afrika/Wie-die-Hamas-Opferzahlen-manipuliert/story/26131024

2014, 08, 01

Immer schwer die Wahl zwischen Ideologie und Sachzwang. Beides kann man nicht haben. Bezeichnend aber, daß man sich bei Rußland für die Ideologie und beim Iran für die Geschäfte entscheidet. Vielleicht sollte Putin öfter Israel drohen.

http://m.welt.de/wirtschaft/article130758339/Russland-Geschaefte-deutscher-Firmen-brechen-ein.html

2014, 07, 23

Ich werde dann wohl demnächst Tübkes Bauernkriegspanorama nachstellen und brauche noch ein paar Freiwillige.

http://www.artfido.com/blog/20-modern-remakes-of-famous-paintings/

2014, 07, 16

Beim Lektorieren der Übersetzung von Dines‘ »Pornland« auf folgenden Satz über das Internet und seine Pornographie gestoßen:

»Wir befinden uns mitten in einem massiven sozialen Experiment, nur dass das Labor unsere Welt ist und die Effekte sich auf Menschen auswirken, die einer Teilnahme nie zugestimmt haben.«

Ich kenne dieses Experiment. Man nennt es Leben.

2014, 07, 10

DIE WELT

Ein Schauspiel von Gott,
bearbeitet von Stefan Liebich

»… was hier passieren muss, ist die klare Botschaft: Wenn sich US-amerikanische Geheimdienste auf deutschem Boden nicht an Recht und Gesetz halten, dann muss man die Zusammenarbeit mit ihnen einstellen.«

Amerikanische Geheimdienste sollen sich also endlich an die Gesetze der Länder halten, in denen sie operieren. Wie andere Geheimdienste das doch auch tun. Ich schlage die Einrichtung einer Behörde in Berlin vor, bei der die NSA bezüglich ihrer Operationen schriftlich Anträge einreichen kann. Bearbeitungszeit: 2 Monate. Entscheidungen fällt der Auswärtige Ausschuß des Bundestags. Ruprecht Polenz informiert die Öffentlichkeit instantan via Facebook.

2014, 07, 10

Eine WM ist vorbei, wenn alle wichtigen Mannschaften ausgeschieden sind. Diese folglich ist vorbei, und das sogenannte Finale, das am Sonntag ausgetragen werden soll, hat so viel Finalcharakter wie der alberne Epilog auf der King’s Cross Station im siebenten »Harry Potter«.

Die beste Mannschaft des Turniers waren die Franzosen, die einen zwar konservativen, aber doch schön anzusehenden, mithin gut organisierten Fußball gespielt haben. Ihnen fehlte gegen Deutschland, was gegen Deutschland immer fehlt: Glück. Was die Niederländer betrifft, bleibt dem, was nach dem Achtelfinale zu bemängeln war, nämlich, daß sie nicht gut genug sind, 90 Minuten lang Niederländer zu sein, nur hinzufügen, daß sie in den beiden folgenden Spielen ihre Unsicherheit in der Defensive verloren, das aber mit einem Verlust ihrer zuvor noch vorhandenen Reststärke in der Offensive bezahlt haben.

Wer es liebt, seine Bauchgefühle mittels politischer Zuschreibungen zu rationalisieren, dem biete ich, das Finale zwischen Deutschland und Argentinien betreffend, folgende Sentenz an: Das Land, aus dem die Nazis kamen, spielt gegen das Land, in das die Nazis gingen. Ich kenne Rauhfasertapeten, die unterhaltsamer sind.

2014, 07, 09

Kalauer, die man sich erstmal trauen muß #12

Rechtschreib Reform — mehr als nur ein Wort.

2014, 07, 09

Ich hatte ja das Glück, nur eines dieser furchtbaren sieben Tore sehen zu müssen. Beim 2:0 war ich im Bad und bin dann gleich ins Bett gegangen. Dort las ich noch etwas in Darwins Entstehung der Arten, und er hat recht: Manche Dinge kann man nicht erklären. Die passieren einfach, sind komisch, sinnlos und vollkommen überflüssig. Die deutsche Nationalmannschaft, die deutsch ist und dennoch manchmal guten Fußball spielt, ist das Schnabeltier unter den Fußballteams.

2014, 07, 02

Soll niemand sagen, daß Schlager nur unterhaltend sein muß. Er darf gern auch ganz ordinärer Scheißdreck sein. Kenntlich in der Traditionslinie von »Ja, in der Bundesrepublik, da macht ein jeder gern Musik« & »Die Partei, die Partei, die hat immer recht« stehend, hat einer namens Andreas Bourani jetzt einen Song veröffentlicht, der die deutsche Kultur um folgende Auswüchse bereichert: »Ein Hoch auf uns uns / Auf dieses Leben / … Ein Hoch auf das, was vor uns liegt / Daß es das Beste für uns gibt / Ein Hoch auf das, was uns vereint / Auf diese Zeit«.

Soll er doch rüber gehen, wenns ihm hier zu sehr gefällt. Regelrecht wohltuend dagegen der klassische Schlager der Marke Carpendale oder Prince. Schlager, der nichts will, vor allem nicht Gesinnung schaffen. Die Kunst des Schlagers besteht darin, eine heile Welt zu zeigen, ohne die Behauptung aufzustellen, daß die Welt heil ist.

2014, 07, 01

Kant statt Schland

»Diejenigen, welche zu den häuslichen Andachtsübungen auch das Mitsingen von Nationalhymnen und überhaupt das Bejubeln von Länderspieltoren empfohlen haben, bedachten nicht, daß sie dem Publicum durch eine solche lärmende (eben dadurch gemeiniglich pharisäische) Andacht eine große Beschwerde auflegen, indem sie die Nachbarschaft entweder mit zu singen oder ihr Gedankengeschäft niederzulegen nöthigen.« (KdU § 53)

2014, 06, 29

Das Achtelfinale zwischen Niederlande und Mexiko war etwas nervender, als es hätte sein dürfen. Dennoch ist der Sieg der Niederlande verdient. Mexiko war zu keinem Zeitpunkt die bessere Mannschaft. Das Spiel hatte zwei Phasen: die erste bis zum 0:1, in der die Niederländer kein Mittel gegen ein destruktives Mexiko fanden, und die zweite nach dem 0:1, in der sie das Spiel dominiert haben. Das immer wieder geforderte 4-3-3 scheint die Formation der Wahl zu sein; immer wenn van Gaal Depay gebracht hat, wurden die Pässe der Niederländer kürzer und schneller, fanden Robben/van Persie mehr Kontakt zum Mittelfeld und gewann das Spiel eine größere Gefahr vor dem Tor. Die langen hohen Bälle waren im ersten Spiel gegen Spanien noch erklärlich als ein gutes Mittel, das Mittelfeld zu überbrücken. Die folgenden Spiele haben aber gezeigt, daß dieses Mittel nicht nur auf den Gegner, sondern auch auf die eigene Mannschaft zugeschnitten ist.

Die Niederlande, die bislang zu den besten Mannschaften des Turniers gehören, gleichen sich gegenwärtig erschreckend wenig. Man ist von ihnen Dynamik gewohnt, Tempoläufe, Onetouch, Dominanz im Mittelfeld, Kurzpaßspiel als Aufbau aus der Viererkette, Einbindung des Torwarts in das Paßspiel. Alle diese Elemente zeigen sie zu wenig oder gar nicht, und das ist natürlich traurig. Offenkundig können sie das aber in bestimmten Phasen des Spiels dennoch spielen. Auch gegen Mexiko sind sie bald nach dem Rückstand auf das 4-3-3 zurückgegangen, haben also die Dominanz im Mittelfeld, das Kurzpaßspiel usw. zurück ins Spiel geholt. Sie sind sozusagen Teilzeitniederländer.

Ich sehe in ihrem Spiel zwei große Schwachstellen, von denen ich meine, daß sie gewichtige Gründe gegen einen WM-Titel werden können. Die Abwehrreihe ist unter Druck zu unsicher und zu leicht auszuschalten. Das wertet das Offensivspiel der gegnerischen Mannschaften auf und macht selbst Teams, die kein Problem sein sollten, zum Problem. In einem 4-3-3 würde diese Schwäche sich noch mehr verstärken. Die andere Schwachstelle ist das Zentrum, also die Linie zwischen den Positionen 6, 8 und 10. Mit de Jong steht bei den Niederländern eine 6, die gut im Stellungsspiel, aber kaum als Spieleröffnung brauchbar ist. Mit Sneijder bewegt sich ein Spieler in der Zone der 10, der hinter seinem früheren Können zurückbleibt. Die langen und hohen Bälle, die viel kritisiert werden, sind aus dieser Not geboren. Louis van Gaal kann mit den vorhandenen Spieler das Zentrum nicht beherrschen, also gibt er es auf und läßt es überbrücken. Solange, bis der Gegner durch seine Pressingarbeit soweit erschöpft ist, daß Oranje das Mittelfeld kontrollieren kann. Das Ergebnis ist eine 25 bis 30minütige Mittelfelddominanz in der zweiten Halbzeit, und das hat bislang immer gereicht. Das ist nicht schön, aber das einzige, was sie zur Zeit spielen können.

Unzählige Male hat Oranje den schönsten Fußball bei einer WM oder EM gespielt und ist am Ende doch ausgeschieden. Sollten sie dieses Mal mit sparsamer Ästhetik den Titel gewinnen, wäre das auch eine Art von Gerechtigkeit.

2014, 06, 28

Das schlimmste an der deutschen Nationalelf ist nicht die deutsche Nationalelf, sondern Miroslav Klose. Das schlimmste an Miroslav Klose ist nicht Miroslav Klose, sondern der Kult um ihn. Warum bloß ist der Miro, wie er auch von sämtlichen Journalisten genannt wird, als wollten die damit ihr nüchternes Urteil unter Beweis stellen, so beliebt?

Am Fußballspiel kanns ja nicht liegen. Man muß schon Holzfäller wie Carsten Janker oder Luca Toni ins Auge fassen, um Klose einen spielenden Stürmer nennen zu können. Im Kurzpaßspiel unter Löw ist Klose ebenso ein Fremdkörper wie es Gomez oder Kuranyi waren. Aber die Tore? Nun, damit einer Tore schießen kann, muß er erstmal aufgestellt werden. Klose wurde seit 2002 unter allen drei Nationaltrainern kontinuierlich in den Kader berufen, und von seinen 70 Länderspieltoren hat er nicht mehr als 7 gegen erstklassige Mannschaften erzielt, 5 davon bei großen Turnieren. Von den 15 WM-Toren (für die er vier WMs benötigt hat) sind 11 in der Vorrunde gefallen, ausnahmslos gegen schwache Gegner. Klose ist einer, der spielen kann, wenn keiner versucht, ihn daran zu hindern. Es wurde oft gefragt, was in seinen Vereinen falsch gelaufen sei. In seiner gesamten Karriere kommt Klose auf eine herausragende Saison, für Werder Bremen 2005/06. Der Rest war irgendwas zwischen Mittelmaß und Desaster. In einer Clubsaison spielt man im Schnitt gegen deutlich stärkere Gegner als bei Länderspielen. In der Nationalmannschaft, vor allem in den letzten Jahrzehnten, sammelt man seine Tore gegen Mannschaften wie Luxemburg, Saudi Arabien oder Färöer Inseln.

Klose ist ein immer wieder nominierter Spieler, für den so gut wie nie seine Leistung in den Clubs sprach, sondern stets sein gutes Verhältnis zum jeweiligen Nationaltrainer. Früh hatte er begriffen, daß es nicht darauf ankommt zu trainieren, sondern seine Körner dafür zu sparen, dem Nationaltrainer die Kaffeetasse aufs Spielfeld zu bringen. Genau in dieser Konstellation aber liegt der Schlüssel für den Klose-Kult. Die Deutschen lieben gute Nationalspieler, doch Klose ist der Nationalspieler an sich. Einer, der erweislich kein guter Fußballer ist und im unreinen Clubfußball fast immer versagt hat; einer, der sein bißchen Können ganz für die heilige Nation aufgespart hat.

(zuerst, etwas kürzer, in: Jungle World 26/2014)

2014, 06, 27

Der Höhepunkt der analen Phase war zweifellos an dem Tag erreicht, als der Sohn, weil er seinen Willen nicht bekam, die Freud Werke auf den Boden zu werfen begann.

CAM00442

2014, 06, 20

Eigentlich wollte ich das Eröffnungsspiel gar nicht sehen. Länderspielpausen sind für mich immer ein Elend, selbst dann, wenn der Clubfußball wirklich Pause hat. Bei den Holländern, die ich seit 1990 (Rijkaard vrs. Völler) verehre und seit 1998 (den traumhaften Auftritten in Frankreich) liebe, wollte ich natürlich einschalten. Bei den Spaniern vielleicht auch. Doch dann kam, was immer kommt, wenn man sich eigentlich nur amüsieren will. Jakob Augstein verkündete, daß jeder, der die WM im Fernsehen ansehe, sich mitschuldig mache an der Korruption der FIFA, den Unruhen in Brasilien usw. Meine erste Reaktion war: Wieso ich und nicht Israel? Ich kam zu keiner Antwort. Also schaltete ich doch ein. Es hat mich einfach interessiert, wie es sich anfühlt, mitschuldig zu sein an Polizeiterror, Korruption u.ä. Aber auch heute, Tage später, spüre ich immer noch nichts. Vielleicht bedarf es dazu der Bewußtseinslage eines emanzipativen Kritikers, der seine angewöhnte Feindschaft gegen Vergnügen und Zerstreuung mit einem Kranz rationeller Argumente umgeben muß, damit nicht offenbar werde, daß es ihn einfach nur ankotzt, wenn eine große Menge von Menschen Freude bei einer Sache hat, ohne ihn dafür um Erlaubnis gefragt zu haben.

(zuerst in: Jungle World 25/2014)

2014, 06, 14

»Tiki Taka ist tot. Spanien lebt« titelt heute irgendein Journal. Tatsächlich ist es umgekehrt. Spanien, diese Mannschaft, die da auf dem Platz stand, war irgendwas zwischen malad und gestorben. Der Stil aber, den sie spielt und gespielt hat, ist nicht gestorben. Von jeder Methode gilt, daß sie gut oder schlecht angewendet werden kann. Wird sie schlecht angewendet, liegt das Problem nicht bei der Methode. Es läge allenfalls dort, wenn die in sich nicht systematisch genug ausgearbeitet wäre. Aber daß sie das ist, hat die Vergangenheit gezeigt. Es ist in der Tat sinnlos, Kurzpaß zu spielen, wenn die Pässe nicht onetouch, die Zirkulation zu langsam und die vertikalen Pässe nicht explosiv genug sind. Die Spanier haben nicht verloren, weil ihr System geknackt wurde, sondern weil sie es schlecht ausgeführt haben. Sie waren im Paßspiel zu langsam, im Angriff nicht gefährlich genug, ihre berüchtigte Pressingresistenz war kaum zu sehen, und ihr Gegenpressing war nicht penetrant genug. Ihnen fehlte alles, was die Niederländer hatten (ausgenommen die Anfangsphase, in der beide Mannschaften auf Augenhöhe agierten). Deren System aber ist dem spanischen eng verwandt, der ja ein von Johan Cruyff entwickeltes Derivat der niederländischen Spielart ist. Die Differenz liegt eigentlich nur darin, daß das niederländische Spiel dynamischer ist, also eher über die Flügel geht, eher auf Tempo und Lauf ausgerichtet ist. Im Clubfußball entspricht das der Linie Arsenal–Dortmund, während der spanische Stil, der deutlich mehr horizontale Pässe spielt und auf einem eher ruhigen, Stellungsfehler des Gegners abwartenden Spielaufbau beruht, der dann im Angriff durch extrem präzise und schnell gespielte Vertikalpässe torgefährlich wird, von Barca und dem FC Bayern (und nicht erst seit Guardiola) gespielt wird. Beide Stile aber haben Ballbesitz und intelligentes Positionsspiel zur Voraussetzung; die Abläufe innerhalb des Systems sind ähnlich. Keine der beiden Varianten ist als solche besser. Alles kommt darauf an, wie gut die Mannschaften sie ausführen.

Überhaupt, die Abläufe. Das Gerede über van Gaals Wechsel der Formation (von 4-3-3 zu 5-3-2) wird ruhiger werden. Der Wechsel schafft etwas mehr Stabilität in der Defensive und ein Untergewicht in der gegnerischen Hälfte. Das bedeutet aber lediglich, daß das Pressing später ansetzt, die Räume für den eigenen Angriff dann aber wiederum weiter sind. Die Abläufe bleiben dennoch ähnlich. Bei van Gaal kommt, ebenso wie im spanischen Stil, alles auf die Dreiecke an, die die Voraussetzung für die Zirkulation sind. Solange die Abläufe funktionieren, ist es (fast) nebensächlich, von welcher Formation man dabei ausgeht. Ein van Gaal spielt vangaalsch, auch in einem 5-3-2.

Die Niederländer, will ich also sagen, waren besser als die Spanier, weil sie die besseren Spanier waren.

2014, 06, 13

Ich habe nun aus gegebenen Anlaß noch einmal Schirrmachers Absage an Walser gelesen. Der Brief ist schwach, ganz mittelmäßig plätschert er vor sich hin, zu wenig eindringlich, um mitzureißen, aber auch zu flach, um durchs Gedankliche interessieren zu können. Und dann kommt am Ende doch dieser eine Satz, der die Lektüre nicht vergeblich macht: »Sie, lieber Herr Walser, haben oft genug gesagt, Sie wollten sich befreit fühlen. Ich glaube heute: Ihre Freiheit ist unsere Niederlage.«

Das war typisch für Schirrmacher. In 9 von 10 Sätzen war er entsetzlich feuilletonistisch, aber dann kam immer wieder der eine Satz, den man sich ausschneiden und ins Hausaufgabenheft kleben konnte. Als er Grassens Schmierpoem über ein deutsches Unterseeboot besprach, war es auch so: »Gern hätte er [Grass], dass jetzt die Debatte entsteht, ob man als Deutscher Israel denn kritisieren dürfe. Die Debatte aber müsste darum geführt werden, ob es gerechtfertigt ist, die ganze Welt zum Opfer Israels zu machen, nur damit ein fünfundachtzigjähriger Mann seinen Frieden mit der eigenen Biographie machen kann.«

Für solche Sätze (und nicht vornehmlich, sondern ausschließlich für die) habe ich Schirrmacher gern gelesen.

2014, 06, 12

Als Günther Jauch im Mai 2009 Jürgen Klinsmann als den Obama des deutschen Fußballs bezeichnet hat, haben viele gespottet. Ich finde den Vergleich gar nicht so verkehrt, er steht nur aufm Kopf. Nicht Klinsmann ist der Obama des deutschen Fußballs, sondern Obama ist der Klinsmann der Weltpolitik.

2014, 06, 10

Veraltete Prognosen sind interessanter als aktuelle. Man weiß dann gleich, was sie Wert sein werden sind.

2014, 06, 07

»Mit diesen Stacheln in Hausecken soll verhindert werden, dass Obdachlose sich schützende vor Kälte und Regen in der Nacht zum Schlafen hinlegen können. Wir leben in einer grausamen Welt!«

(www.gegen-hartz.de)

Es ist bezeichnend für den Wahn unserer Zeit, daß ein paar harmlose Stacheln, die vielleicht etwas verletzen, aber doch keineswegs töten können, die Gemüter erregen. Die eigentliche Gefahr geht nicht von solchen Stacheln aus, sondern von der wahnhaften Ideologie, die solche zum Vorwand nimmt, einen weiteren Shitstorm zu entfachen, der Menschen aufgrund ihrer Position im Geld-Waren-System der Verfolgung aussetzt. Natürlich wird auf dem Photo ein Haus einer Hausverwaltung gezeigt und nicht etwa der Kapitalismus als ganzes. Also handelt es sich um eine personalisierende, folglich verkürzte, folglich regressive, folglich antisemitische Kritik am Kapitalismus. Bedenklich im übrigen auch der implizite Umgang mit der Freiheit. Hat ein Obdachloser etwa mehr Recht auf seine Freiheit als ein Hausbesitzer? Ist eine Hausverwaltung nicht auch ein Wesen mit Gefühlen und Empfindungen? Erinnert das nicht sehr an die Terrorherrschaft der DDR, jenem Land, in dem, wie Joachim Gauck treffend feststellte, die Banken besetzt waren? Wer denkt an deren Rechte? Wenn das jetzt Schule macht, sind wir 89 umsonst auf die Straße gegangen. Tu was, Joachim, tu doch was!

(Eine Parodie ist eine Textsorte, die keiner Anmerkung bedarf.)

2014, 06, 07

Ein altes indianisches Sprichwort sagt: Wenn du nur lange genug im Fluß schwimmst, kommst du irgendwann an der Leiche deines Feindes vorbei.

http://meedia.de/2014/06/06/revanche-kachelmann-will-als-gerichtsreporter-zum-schwarzer-prozess/

2014, 06, 06

Frage nicht, was du für dein Land tun kannst. Frage, was dein Land für dich tun kann.

Sterben z.B.

Dieses Beschmieren des Marxkopfs, das durchaus als profanes Pendant zur Grabschändung verstanden werden darf, ist Teil der Chemnitzer Aktion »Die Stadt bin ich«. Das ist, was rauskommt, wenn man von Versailles nach Sachsen tingelt. Louis‘ »Der Staat bin ich« ist der konzise Ausdruck jener inneren Widersprüchlichkeit des Staatlichen als solches, des Umstands, daß der Leviathan den Naturzustand in sich einschließen muß, um ihn aus der Gesellschaft auszuschließen. Der absolute Herrscher verkörpert diese Konstruktion dort als Person, wo ein souveränes Gesetzwerk, das rechtliche Gleichheit der Einzelnen schafft und erhält, noch nicht Fuß gefaßt hat. Der Leviathan kann als Person oder als Gesetz auftreten, Staatlichkeit aber bedeutet, daß er souverän sein muß, also außerhalb dessen steht, was er bestimmt. Er ist demnach selbst ein Individuum und geht zugleich ganz im Staat auf. Mit dieser unvermeidlichen, konstitutiven Paradoxie hat das sächsische Gequassel nichts gemein. Hier wird ein tatsächliches, keineswegs souveränes Individuum, das Ich des Jedermann nämlich, das wir auch als Du aus »Du bist Deutschland« kennen, mit seiner Umbegung idenitifiziert. Nicht das Allgemeine, das, sich als Allgemeines setzend, selbst zu einem Besonderen werden muß, sondern ein Besonderes, das sich der Allgemeinheit ergibt und folglich seine Besonderheit verliert. Jenes nennt sich Etatismus, dieses völkische Eselei. Und schließt einander aus.

Chemnitz hat ein Trauma. Eigentlich sogar 1,5. Das halbe ist, daß Leipzig ihm zweimal (1813 und 1989) bei der Entfaltung deutscher Nationalbewegungen die Show gestohlen hat. Und das 1 ist, daß es 37 Jahre lang den Namen des Mannes hat tragen müssen, der bereits 1847 geschrieben hatte: »Wenn die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so wird sie namentlich in Deutschland ekelhaft.«

2014, 06, 03

Gedichte, deren Urheber zu sein ich stets leugnen werde #5

KAFKA

Er sah sich seinen Nabel an:
»Draus mach ich eine Fabel, Mann.«

2014, 05, 25

Europa und Wahlen sind zwei Dinge, die schon für sich so abstoßend sind, daß es mir nicht ratsam scheint, beides auch noch zusammenzubringen.

2014, 05, 25

Real Madrid siegen zu sehen tut weh. Exorbitant weh. Es gibt nur sehr wenige Vereine, die noch abstoßender sind. Chelsea z.B. oder Schalke. Milan natürlich. Vielleicht ManCity. Naja, Hoffenheim. Auf jeden Fall Kaiserslautern. Und Schalke. Juventus. Inter. Lazio. Eigentlich die gesamte Serie A. Eintracht Frankfurt. Schalke. KSC. HSV. PSV. PSG. Feyenoord. Valencia. Rapid Wien. Zenit St. Petersburg. Schalke. Hansa Rostock. Hertha BSC. Eintracht Braunschweig. Alemannia Aachen. Dynamo Dresden. RB Leipzig. Sachsen Leipzig. Wolfsburg. Schalke. Hallescher FC. TSG Herne-West. Dynamo Kiew. Dnjepr Dnjepropetrowsk. Alle Vereine aus Istanbul. Schalke. 1860 München und Vestenbergsgreuth. Aber abgesehen von diesen Vereinen sowie solchen, die diesen ähnlich oder aber freundlich gesonnen sind, ist Real, für das immerhin spricht, daß es nicht Atletico ist, zu welchem Vorzug freilich nicht viel gehört, der aber doch am Ende des Tages und bei Abwägung aller …

Der Elfmeter in der 120. Minute war wirklich unnötig.

2014, 05, 25

»Rund 700.000 schwer Demenzkranke in Deutschland dürfen an diesem Sonntag an der Europawahl teilnehmen«

Ich hatte auch immer den Eindruck, daß die Wahlerfolge der letzten 25 Jahre etwas mit Demenz zu tun hatten.

2014, 05, 23

»Nur wenn Sie Martin Schulz und die SPD wählen, kann ein Deutscher Präsident der EU-Kommission werden«

Vielleicht war meine konzise Definition dann doch zu konzis. Ich korrigiere mich also: Sozialdemokratie ist der vollständige Verlust von Scham und im übrigen völkisch gestimmt.

2014, 05, 21

»Die Welt ist leider kompliziert … Dieser Protest da hinten zeigt, daß es immer noch Menschen gibt, die Europa nicht verstanden haben.«

Die Spannung ist kaum auszuhalten. Gleich wird er uns an seinem Wissen teilhaben lassen, Europa als Resultat und Teil komplexer geopolitischer und ökonomischer Vorgänge, als widersprüchliches Gebilde vorstellen, jenseits des bloß moralischen Klingklangs der bloß ideologischen Ebene, an der die Friedensbewegung ja gar nicht krankt, sondern die einfach ihre Wesensart ausmacht. Und dann schmettert Steinmeier den Friedensfreunden seine höhere Wahrheit entgegen: »Europa, das ist die Lehre von Zeiten, in denen sich Menschen nicht zugehört haben, in denen man aufeinander geschossen hat.«

Das war mir dann doch etwas zu hoch. Beruhigend aber, daß es nach Ken Jebsen noch einen zweiten Deutschen gibt, der Wahrheit über die Welt kennt. Und für den Frieden ist er auch noch: »Der Sozialdemokratie muß man nicht sagen, warum wir für Frieden kämpfen! Nicht der deutschen Sozialdemokratie!«

Den Stierkämpfern muß man nicht sagen, warum wir gegen Tierquälerei sind! Nicht den spanischen Stierkämpfen! – Steinmeier ist nicht so dumm, wie er sich gibt. Er tut, was auch sein Vorsitzender Gabriel getan hat. Wo eine politische Bewegung derart korrumpiert und verdorben ist wie die Sozialdemokratie, wo also keine Relativierung, keine Entschuldigung, keine Neuerfindung irgendwas helfen könnte, bleibt nur noch der Weg, simpel das Gegenteil dessen zu behaupten, was vorliegt.

Wir sind jetzt in der Lage, eine abschließende Definition der Sozialdemokratie geben zu können. Eine, nach deren Erledigung nichts mehr zu erledigen bleibt. Eine, die ebenso einfach und abschließend ist wie die Wahrheiten von Jebsen und Steinmeier: Sozialdemokratie ist der vollständige Verlust von Scham.

2014, 05, 19

Kennen Sie das kurze Rauschen, das in Ken Jebsens Features immer wieder zu hören ist? Ich habe lange überlegt, was das ist. Heute bin ich drauf gekommen. Jedesmal, wenn Jebsen einen Gedanken abgeschlossen hat, ist sein Kopf voll. Er lüftet dann sein Hirn, damit der nächste Platz hat. Deswegen ist der Eindruck entstanden, er habe ein verworrenes Weltbild, wo doch in Wahrheit gar keines vorliegt, sondern bloß die Abfolge atomisierter Elemente, die nichts voneinander wissen. Unser Hirn möchte Zusammenhänge selbst dort sehen, wo gar keine vorliegen. Aber den Vorwurf, daß eins und eins nicht zusammenpassen, kann man nur dem machen, der tatsächlich eins und eins zusammenzählen kann. Es ist, will ich sagen, mit Jebsen ein bißchen wie mit Stockhausen.

2014, 05, 09

Jamie Oliver kam just zu der Zeit in den Fernseher gekrochen, als ich den meinen für immer wegzugeben im Begriff war. Was ich von ihm noch mitbekommen habe, war seine Nervosität, seine entsetzliche Quasselei und seinen Hang, an jedes seiner Gerichte so viel Chili, Cayenne oder sonstwie Schärfendes zu tun, daß es nach nichts anderem mehr geschmeckt haben konnte. Bekanntlich ist Schärfe keine Geschmacksrichtung, sondern ein Mittel, Geschmack mittels Brand zu tilgen. Mit Maß gebraucht, kann es den Gaumen kitzeln und den vorhandenen Geschmack bloß so weit Konter geben, daß dennoch eine Art Gesamtbild erhalten bleibt. Übermäßiger Hang zur Schärfe verrät nichts anderes als die Angst des Kochs, bei seinem Publikum durchzufallen. Wer jeden Geschmack killt, dem kann man immerhin nicht vorwerfen, er habe einen schlechten. Historisch fällt auf, daß scharfe Küche vornehmlich in warmen Regionen wurzelt. Dort, wo die Lebensmittel schneller schlecht werden als anderswo, ist die scharfe Würzung ein geeignetes Verfahren, den gammligen Geschmack zu überdecken und, da Schärfe gegen Bakterien wirkt, die Gefahr einer Infektion zu senken.

Dieser Zusammenhang sollte berücksichtigt werden, wenn man sich fragt, warum Jamie Oliver in seiner Metzgerei Gammelfleisch vertreiben läßt.

http://www.spiegel.de/panorama/jamie-oliver-metzgerei-muss-nach-ekelfunden-schliessen-a-968537.html

2014, 05, 07

Es ist nun, seit das Happening läuft, immer wieder gesagt worden, man solle die Macher der neuen Montagsdemonstration nicht unterschätzen. Ich denke, es ist gar nicht möglich, sie zu unterschätzen. Inhaltlich ohnehin nicht, denn das Gerede von Chemtrails, Rothschilds, Haarp und FED steht derart auf Kriegsfuß mit der physikalischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit, daß es nur durch ein verschwörungsideologisches Denken zusammenzuhalten ist, das grundsätzlich hinter allem Augenschein ein andere Wahrheit vermutet, von dieser Wahrheit aber verlangt, daß sie einfach und in sich ohne Widerspruch sei. Genau darin aber liegt zugleich der Grund, aus dem die Bewegung auch politisch gar nicht unterschätzt werden kann. Die Verschwörungsideologie wird nie etwas anderes als eine Randerscheinung sein können. Der Common sense glaubt nur, was er sieht. Der Verschwörungsideologe sieht nur, was er glaubt. Indem er über das Augenscheinliche hinausgeht, hat er einen gewissen Anspruch in sein Weltbild gelegt, der die einfachen Gemüter bereits überfordert. Diejenigen jedoch, die es gewohnt sind, in ihrer Theoriebildung über das Augenscheinliche hinauszugehen, erwarten dann doch etwas mehr als bloß eine einfache Rückführung geschichtlicher Prozesse auf einige machtvolle Akteure. Sie erwarten eine Analyse der gesellschaftlichen Struktur und die Erklärung gesellschaftlicher Bewegungsformen aus ihren strukturbedingten, sie konstituierenden Widersprüchen. Verschwörungsideologie steht also zwischen dem rationalen und dem volkstümlichen Denken. Sie kann nicht mehr leisten als das volkstümliche Denken, verschreckt es aber, indem sie partout über es hinauswill.

2014, 05, 05

Gott schuf den Menschen nach seinem Bild. Und das war sein Untergang. Gott nämlich ist selbst Atheist, denn er glaubt nicht an die Existenz eines höheren Wesens.

2014, 04, 30

Die ganze Wahrheit ist ein Ding, das in keinen Aphorismus paßt. Die einzige Ausnahme ist dieser hier.

2014, 04, 29

Naja, ich finde, sonen Wahlomat kann man schon mal durchspielen. Das ist gar nichts schlimmes. Es ist ja nicht so, daß man deswegen dann auch gleich wählen geht. Es läuft ja auch nicht jeder Amok, der mal einen Egoshooter durchgespielt hat.

DKP  79,1 %
DIE LINKE  72,1 %
Die PARTEI  65,1 %
GRÜNE  62,8 %
SPD  62,8 %
CDU  54,7 %
FDP  46,5 %
AfD  44,2 %

2014, 04, 28

Ich habe heute den ersten Teil meines »Odysseus« abgeschlossen. Es kriegen auf die Mütze: Thomas Morus, Ernst Moritz Arndt, Ludwig Börne, Karl Kautsky, Stéphane Hessel, Günter Grass, Henning Mankell, Akif Pirinçci, Vera Lengsfeld, Bernd Lucke, Judith Butler, Ron Paul, Jakob Augstein und Juli Zeh. Also die All Stars der wutbürgerlichen Internationale. An meinen Feinden sollt ihr mich erkennen.

2014, 04, 26

Das A in Putin steht für Antifaschismus:

»Das russische Volk ist den anderen überlegen, betonte Präsident Wladimir Putin zuletzt bei seiner Fernseh-Fragestunde vor wenigen Tagen. Russland habe wie ein Staubsauger verschiedenste Ethnien und Nationalitäten aufgesogen und so sei nicht nur ein besonderer kultureller, sondern auch genetischer Code entstanden: ›Dieser genetische Code ist einer unserer Konkurrenzvorteile in der modernen Welt. Er ist sehr zäh und widerstandsfähig.‹ Russen, so meint Putin, verfolgten höhere moralische Werte als die Bürger des Westens: ›Ein Russe oder Angehöriger der russischen Welt denkt vor allem daran, dass es eine höhere moralische Vorbestimmung eines Menschen gibt. Während im Westen vor allem der individuelle Erfolg des Einzelnen zählt, denken wird auch an die Gesellschaft. Unsere Seele ist großzügiger.‹«

http://oe1.orf.at/artikel/372696

2014, 04, 25

Verbraucherschutz ist die Zivilcourage des kleinen Mannes.

2014, 04, 25

Es ist nur eine Theorie, ich kanns nicht beweisen, und der Umstand, daß er seit 18 Jahren tot ist, wäre natürlich ein wirkungsvoller Einwand, dennoch vermute ich: Breaking Bad wurde von Heiner Müller geschrieben.

2014, 04, 24

Die Bundesregierung und die Grünen haben auf den Vorwurf doppelter Maßstäbe im Fall des Kosovo und im Fall der Krim bislang völlig falsch reagiert. Als gute Deutsche sollten sie wissen, daß man nicht das Vergangene entschuldigen oder rechtfertigen sollte, sondern aus dem Eingeständnis der eigenen Schuld einen Gewinn für die Gegenwart ziehen muß.

Ja, sollten sie sagen, natürlich, wir haben im Kosovo unter Zuhilfenahme militärischer Mittel und mit völkischen Begründungen eine Abspaltung von Jugoslawien ins Werk gesetzt, so wie Rußland es jetzt mit der Krim gemacht hat. Und es hat sogar, wir geben es ja zu, eine ganze Menge mehr an Menschenleben gekostet als jetzt die Abtrennung der Krim. Aber gerade weil wir uns dieser unserer Schuld bewußt sind, erwächst uns eine besondere Verantwortung für die Gegenwart. Auch mit Rußland verbindet uns eine besondere Geschichte, und wir müssen aufpassen, daß die Opfer von damals nicht zu den Tätern von heute werden.

Einmaliges Abspielen der Platte genügt nicht.

2014, 04, 23

Lieber Ndugu,

seit nunmehr sechs Tagen ist Parnassos nicht erreichbar, obwohl kein Problem vorliegt. Die hochgescheiten und nimmermüden Mitarbeiter der Hallenser Firma Alfahosting waren zum einen nicht bereit, lediglich die betroffene Domain zu sperren, sondern fuhren gleich den gesamten Server (und mit dem meine Seite) runter, und zum anderen haben sie gestern Abend um 20 Uhr versprochen, in 2 bis 6 Stunden solle alles wieder funktionieren. Ich werde wohl nach Halle fahren und mit der Bratpfanne einige Argumente vortragen müssen, damit die Seite wieder in Betrieb geht. 2 bis 6 sollten reichen.

Bis dahin bin ich
Dein
Warren R. Schmidt

2014, 04, 19

Parnassos ist down, weil es gestern Nacht gegen www.japanisch-netzwerk.de/, das auf demselben Server untergebracht ist, kontinuierliche Attacken gab.

Niemand ist für den Orkus. Irgendwas kann jeder. Ich glaube fest daran, daß es für jedes Individuum eine Umwelt gibt, in der es wie ein Fisch im Wasser leben kann und nicht einfach bloß überflüssig ist. Bei Hackern ist dieser Ort ganz eindeutig das 17. Jahrhundert.

2014, 04, 11

Was der Bauer nicht frißt, kennt er nicht.

2014, 04, 01

Ich kann die Aufregung über die Verlogenheit der Julia T. nicht nachvollziehen. Die Lügen sind doch das einzig Wahre an ihr.

2014, 03, 28

Das Ich erkennt die Welt daran, daß sie stört.

2014, 03, 22

Ich ging in die Küche. 10 Minuten später folgten mir aus dem Arbeitszimmer die Worte: »Weißt du, was ich noch schlimmer finde als Herbert Grönemeyer? Leute, die Herbert Grönemeyer parodieren.«

2014, 03, 21

Liebe ist der Ort, wo man das Unvollkommene aufs Vollkommene hochrechnet und doch gerade das Unvollkommene um seiner selbst willen liebt, wo man stark füreinander, aber schwach miteinander ist, wo keine Gründe zählen, weder dafür noch dagegen, wo, daß man liebt, schon Grunds genug, wo man im Einen die ganze Welt erblickt und überall in der Welt das Eine, wo sich nichts rührt, nichts kümmert, nichts erhalten werden muß, wo eins und eins schon nicht mehr zwei ist.

2014, 03, 21

Ich meinesteils gebe jetzt mal ein bißchen an: Ich habe in meinem ganzen, verdammt langen Leben noch nie einen »Tatort« gesehen. Kann so bleiben.

http://www.tagesspiegel.de/medien/eine-befremdliche-idee-tatort-kommissarin-wird-nach-nazi-opfer-benannt/9640628.html

2014, 03, 19

Unser Mitgefühl, unser Leiden, all unsere Gedanken sind in dieser Stunde bei den tapferen Bewohnern der Krim, die bis zum letzten Atemzug gegen die faschistische Aggression des Putin-Regims gekämpft haben und am Ende in Form einer 96%en Beitrittserklärung kapitulieren mußten. Es stimmt uns unendlich traurig, daß diese guten Männer & Frauen aus der hellen, zuversichtlichen Ukraine in das finstere Rußland entführt wurden. In Rußland ist es entsetzlich kalt, und in der Ukraine gibt es bekanntlich keine Nazis. Zumindest nicht in der Regierung. Zumindest sind nicht alle dort Nazis. Es soll, sagt man, tatsächlich auch Mitglieder der Ukrainischen Regierung geben, die keine Nazis sind. Es wäre schön, wenn nicht alle dort Nazis wären. Zumindest wär es nicht schlimmer, als wenn alle dort Nazis wären. Man sollte es niemanden in der Regierung der Ukraine zum Vorwurf machen, wenn er sich entscheidet, kein Nazi zu sein. Wichtig ist, daß wir jetzt den Hauptfeind nicht aus dem Auge verlieren.

»Mitglieder des ukrainischen Parlaments sind in Kiew in das Büro des Direktors des staatlichen Fernsehsenders NTKU eingedrungen und haben Alexander Panteleymonow zur Unterzeichnung einer Rücktrittserklärung gezwungen. Die Eindringlinge gehören der rechtspopulistischen ukrainischen Swoboda-Partei an. Sie warfen dem TV-Direktor die Fernsehübertragung der Unterzeichnung des Vertrages über die Eingliederung der Krim in die russische Föderation und die Unterstützung des russischen Präsidenten Wladimir Putin vor. Die Parlamentsmitglieder zwangen Panteleymonow unter Einsatz körperlicher Gewalt an dessen Schreibtisch. Anschließend musste der TV-Direktor eine Rücktrittserklärung unterschreiben.«

2014, 03, 19

Wenn zwei dasselbe wollen, aber auf unterschiedlichen Wegen, wollen sie wahrscheinlich nicht dasselbe.

2014, 03, 17

Von allen Vorzügen der Deutschen Bahn bewundere ich vor allem ein Patent: den nicht schließenden Kaffeebecherdeckel.

2014, 03, 17

Im Wilden Westen gab es an manchen Orten die Regel, daß alle Bargäste ihre Waffen am Eingang abzugeben haben, bevor sie den Raum betreten. Diese Regel sollten man heute bei allen möglichen Zusammenkünften einführen. Nur nicht mit Colts, sondern mit den Smartphones.

2014, 03, 14

Ein Tag im Leben mit Uli Hoeneß:

8:10 – Solidarität mit Uli Hoeneß!

8:11 – Wo ist die Demokratiebewegung, wenn man sie braucht?

8:12 – Free Uli!

8:13 – Julia ist frei! Warum Uli nicht?

8:14 – Stoppt die Janukowitschisierung der Bundesrepublik!

9:16 – Es steht dem Menschen nicht zu, über andere Menschen zu richten. Nur Gott darf richten!

9:18 – Stoppt die Jagd auf Uli Hoeneß! Stoppt die Steuerdiktatur!

10:21 – Wenn Uli jetzt ins Gefängnis muß, haben wir in Kiew umsonst gekämpft!

10:29 – Die Krimkrise hätte verhindert werden können. Aber der deutsche Staat mußte ja Uli Hoeneß jagen!

11:12 – Und was machen sie als nächstes? Na klar: die Steuern rauf! Damit die Wirtschaft noch unfreier wird. Nieder mit der linken Siegerjustiz, nieder mit der Steuerdiktatur, nieder mit der GEZ, schafft die GEMA ab, Freiheit für youtube! Gutmenschendiktatur!

13:16 – Man sollte Uli Hoeneß nicht vorverurteilen!

13:18 – Warum ist Uli verurteilt worden? Er hat sich doch ausdrücklich entschuldigt!

13:22 – Steuern sind Diebstahl!

13:24 – Enteignet das Finanzamt!

14:05 – Hartz IV Empfänger zahlen 0 Euro Steuern. Ulli 50mill. Und dafür muß er jetzt in den Knast. Da sieht man, was ehrliche Arbeit in diesem Land wert ist. (Ich hab die Ausrufezeichen vergessen. Mein Fehler)

14:54 – Der Wurst Case ist eingetreten. Mich macht das traurig.

15:45 – Ai Wei Wei hat sich gemeldet. Er findet es nicht in Ordnung, daß Uli in den Knast muß, nur weil er keine Steuern zahlen will.

2014, 03, 09

Was ich unserer Epoche wirklich übelnehme: Es ist so leicht, klüger zu sein.

2014, 03, 06

Es ist doch ganz einfach: Wenn man so aussieht, daß man sicher sein kann, nie jemals irgend als Wichsvorlage infrage zu kommen, ist es nur folgerichtig, daß man auch für ein Onanierverbot ist.

http://www.staatsschauspiel-dresden.de/download/18986/dresdner_rede_sibylle_lewitscharoff_final.pdf

2014, 03, 06

Man könnte jetzt natürlich darüber nachdenken, inwiefern Völkerrecht nicht überhaupt scheinbare Rationalisierung von bloßen Machtverhältnissen ist und also damit eigentlich deren Irrationalisierung. Das Wortgeklingel, das den schnöden Akt des Machtvollzugs begleitet, der auf der internationalen Ebene, wo mit Staat gegen Staat folglich Individuum gegen Individuum steht, unvermeidlich partikular sein muß. Dieses Wortgeklingel, zum einen Werbemärchen und Rechtfertigungsmittel partikularer Interessen, erfüllt für diejenigen, an und gegen die es sich richtet, zugleich die Funktion, dem gemeinen Menschenverstand das Gefühl einer globalen Gesamtordnung zu geben, die nicht bloß durch ein (zufälliges) Gleichgewicht der Kräfte hergestellt ist, sondern auf einem wahren Gesetz beruht, das mehr als nur ein positives (gesetztes) ist, sondern tatsächlich Ausdruck eines zugrunde liegenden metaphysischen Ordnungsverhältnisses sei. So wichtig also der Hinweis auf doppelte Standards in der Anwendung des Völkerrechts ist, so unzulänglich ist doch die Vorstellungen eines wahrhaften Völkerrechts und seiner überparteilichen Durchsetzung.

Natürlich überfordert eine solche Frage die Perspektive eines jeden Berufspolitikers, der ja schon aus professionellen Gründen an einer wirklichen Reflexion gehindert ist, weil er sein Geld damit verdient, Standpunkte einzunehmen. Immerhin hat Gregor Gysi, was er von seinem Ort her verstehen konnte, verstanden und fast befreit von Wortgeklingel (nur leider auch von lesbarem Stil) auf den Punkt gebracht, was zum Entscheid des Regionalparlaments der Krim zu sagen ist:

»Das Regionalparlament der ukrainischen Halbinsel Krim hat Medienberichten zufolge einstimmig für einen Anschluss an Russland gestimmt und will die Bevölkerung am 16. März über einen Beitritt abstimmen lassen. Jetzt werden EU-Regierungen sagen, dass sich ein Gebiet nicht einfach von einem Staat lostrennen könne, auch nicht per Volksentscheid. Nur haben die selben Regierungen den Kosovo-Albanern dies zugebilligt, allerdings nicht den Basken. Völkerrecht ist nicht beliebig. Was die einen dürfen, darauf haben auch die anderen ein Recht. Und wenn ich das Recht nicht zubillige, dann aber keinem. Kissinger hat völlig Recht, wenn er dem Westen jetzt vorwirft, dass dessen Dämonisierung von Putin keine Strategie sei, sondern ein Alibi für die Abwesenheit einer Strategie. Um so fataler finde ich, dass die USA und die EU ihre Unterstützung für die ukrainische Regierung aufrechterhält, obwohl dort sechs Faschisten drin sind. Und warum werden eigentlich nur die Konten von Janukowtisch und 17 seiner Vertrauten gesperrt und nicht die von milliardenschweren Oligarchen?«

2014, 03, 04

»Aber es scheint eine Struktur zu geben, bei der Frustration eine ganz spezifische Funktion erfüllt. Sie ist bei Personen anzutreffen, denen es nicht gelungen ist, sich ihrer Umwelt anzupassen, sich das ›Realitätsprinzip‹ zu eigen zu machen; die sozusagen nicht imstande sind, Verzicht gegen Befriedigung aufzurechnen, und deren Innenleben von den Versagungen bestimmt ist, die ihnen die Außenwelt in der Kindheit und auch im späteren Leben auferlegt. Diese Menschen sind in die Isolierung getrieben worden. Sie müssen sich eine innere, häufig an Wahn grenzende Scheinwelt aufbauen, die sie emphatisch der Realität entgegensetzen. Sie können nur existieren, wenn sie sich selbst erhöhen und die Außenwelt mit Leidenschaft verwerfen. Ihre ›Seele‹ wird zum kostbarsten Besitz. Zugleich sind sie überaus projektiv und mißtrauisch. Eine Affinität zur Psychose ist nicht zu verkennen; sie sind paranoid. Für sie ist das Vorurteil lebenswichtig; es ist ihr Mittel, akuter Geisteskrankheit durch Kollektivierung zu entgehen. Mit seiner Hilfe konstruieren sie eine Pseudorealität, gegen die sie ihre Aggressivität richten können, ohne das ›Realitätsprinzip‹ offen zu verletzen. Stereotypie ist entscheidend: sie fungiert sozusagen als soziale Bestätigung ihrer projektiven Formeln und ist daher in einem Grad institutionalisiert worden, der oftmals religiösem Charakter nahekommt. […] Um sich ihre Pseudorealität gegenseitig zu bestätigen, schließen sie sich zu Sekten zusammen, die oft – ihrem projektiven Begriff vom auf ewig schädlichen Juden entsprechend, der die Reinheit des Natürlichen zerstört – irgend etwas aus der ›Natur‹ als Universalmittel propagieren.« (Adorno: Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt a.M. 1976, S. 331f.)

vgl. »Die Mondverschwörung«

2014, 03, 04

Nun sind ja die Sorgen der Bundesrepublik tatsächlich nicht meine, aber wären sie meine, würde ich ihr folgenden Vorschlag machen: Die Stiftung einer Stepan-Bandera-Medaille. Vergeben würde sie jährlich an verwegene Kriminelle, Faschisten, Schlächter, Hetzer, Warlords, Sklavenhalter, Terroristen und Drogenbarone, die, täten sie, was sie in ihren Ländern tun, hierzulande, hierzulande längst im Gefängnis säßen. Da sie aber zur Destabilisierung unliebsamer Länder und damit zur Stärkung des Standorts Deutschland beitragen, soll ihr Beitrag Anerkennung finden. Als erste Preisträger nominiere ich: Julia Timoschenko (in der Sparte: aktuell), Andrei Wlassow (post mortem) und den Dalai Lama (Lebenswerk).

2014, 02, 27

Warum ich gern im ICE sitze: natürlich aus streng wissenschaftlichen Gründen. Die Bahnfahrt ist eine meiner wenigen Gelegenheiten, unter die bürgerliche Mitte zu geraten. Die Gelegenheit, Leute zu treffen, die Bonuspunkte sammeln, informierte Verbraucher sind, wählen gehen, ZDF schauen und sich freuen, wenn unsere Jungs ins Finale der WM kommen. Die finden, daß Angela Merkel »unser« Land »toll« repräsentiert, und Joachim Gauck für einen Intellektuellen halten. Die glauben, daß die Menschen in der Ukraine ihre Freiheit bekommen, wenn ein und dieselben Oligarchen Geschäfte mit der EU statt mit Rußland machen. Die einen Beitrag leisten wollen, sich gründlich informieren und auch mal den Mut haben, Amerika zu kritisieren. Die in die Spiegel-Sachbuch-Rankings gucken, wenn sie wissen wollen, was sie zum Geburtstag verschenken sollen. Ich schreibe ständig über das juste milieu und beziehe mein gesamtes Wissen über es aus Zugfahrten.

2014, 02, 26

Der Wunsch unbedeutender Schriftsteller als bedeutende Schriftsteller in die Geschichte einzugehen, endet mit Regelmäßigkeit darin, daß sie als unbedeutende Schriftsteller in die Geschichte eingehen, was natürlich in jedem Fall schlimmer ist als ganz vergessen zu werden.

2014, 02, 26

111648

hollywoodsigngenerator.com

2014, 02, 24

Jakob Augstein über Sarrazins neues Dingens: »Dieses Buch ist wie eine Betriebsanleitung für rechtes Denken.«

Schreiben Sie doch, lieber Herr Augstein, ein Gegenbuch. Dann hätten wir schon zwei Betriebsanleitungen für rechtes Denken.

2014, 02, 24

Harold Ramis ist tot. Und das ist scheiße. Er war ein unscheinbarer Schauspieler, ein guter Regisseur und ein genialer Drehbuchautor. Er war der komischste von allen. Und wenn sie alle sich einst wiedertreffen werden – Dan Aykroyd, Bill Murray, Chevy Chase, John Belushi – wird Bill Murray auf ihn zeigen und sagen: Er war das Genie. Wir anderen höchstes Talente.

2014, 02, 23

Boxeraufstand. Halbzeitpause:

Ein Volk von Jubelpersern stößt, angeführt von seiner beliebtesten Unterleibszeitung, auf die Öffnung der Ukraine für das westeuropäische, vornehmlich deutsche Kapital an, welchen Akt man der Einfachheit halber ›Befreiung‹ nennt. Man muß kein Freund von Janukowitsch sein, um Grauen beim Anblick dieser Opposition zu empfinden. Ein pensionierter Boxer macht im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung den nützlichen Idioten für die ultrarechten Parteien Vaterland und Swoboda. Der oberste Rabbi sieht sich derweil gezwungen, die Kiewer Juden zum Verlassen der Stadt aufzufordern. Eine schwer kriminelle Oligarchin mit antisemitischen Neigungen wird zur rechten Zeit aus der Haft entlassen und zerrt in schöner Nachfolge der Charlotte Corday die Sachverhältnisse ins Anekdotische. Wen schert es, daß zwei Parteien nach der Macht greifen, die irgendwo zwischen ultrarechts-nationalistisch und antisemitisch-neofaschistisch anzusiedeln sind, wenn doch die Julia (Anführerin übrigens einer dieser beiden Parteien) gerade wieder auf freien Fuß ist?

Und in Berlin, der Hauptstadt der EU, tickert leise ein Nachrichtenschreiber: »Natürlich ist sie ein Miststück. Aber sie ist unser Miststück.«

2014, 02, 19

Das Eigenartige an der Zeit ist, daß sie einem gerade von denen gestohlen wird, die am meisten davon haben.

2014, 02, 19

Die Wahrheit ist verwickelt. Immer wenn ich über Kunst rede, rede ich eigentlich über Politik. Und immer wenn ich über Politik rede, rede ich eigentlich über Kunst. Nur wenn ich über Philosophie rede, rede ich auch eigentlich über Philosophie. Und immer wenn ich über mich rede, sage ich eigentlich die Unwahrheit.

2014, 02, 18

Kalauer, die man sich erstmal trauen muß #11

Wenige Augenblicke vor seinem letzten Aufprall zog Jürgen W. Möllemann Jürgen W. Möllemanns Leben vor den Augen vorbei, und der Film stockte, als Jürgen W. Möllemann das Wenige erinnerte, was er dann doch von Theodor W. Adorno gelesen hatte: Es gibt kein richtiges Leben im Fallschirm. So ist es, dachte Jürgen W. Möllemann, und schlug auf.

2014, 02, 16

Das Universum ist eine Beleidigung Hegels.

2014, 02, 16

House of Cards ist zurück. Ich war nach dem Ende der ersten Staffel skeptisch, weil die neue Stellung des Vizepräsidenten Frank Underwood dramaturgisch erheblich einschränken würde. Es war ohnedies schon ein Problem der ersten Staffel, daß Underwood im Grunde keinen ausgereiften Gegenspieler besitzt. Niemand ist ihm gewachsen, er ist wie ein Theaterdirektor, der gleich auf die Bühne geht. Er zieht die Fäden, alles geschieht durch ihn, und nichts geschieht mit ihm. Das einzige, was die dramatische Entwicklung aufrecht erhält, ist seine Hybris. Underwood neigt dazu zu glauben, alles erreichen zu können, und das ist, was ihm hier und da einen Mißerfolg eingebracht hat. Man kann diese Linie weiterverfolgen, aber trotzdem droht auf die Art eine gewisse Langeweile einzuziehen, die vielleicht nicht endlos von der charismatischen Figurendarstellung (Spacey, Wright v.a.) und der ausgezeichneten szenischen Ästhetik aufgefangen werden kann. Aber bevor ich die Serie prophylaktisch begrabe, schaue ich mir vielleicht doch erstmal die neuen Folgen an.

2014, 02, 13

Ich kenne Gott übrigens persönlich. Er hat mir neulich erst versichert, daß er nicht alle seine Geschöpfe liebe und z.B. Matthias Matussek ziemlich abscheulich finde. Dem solle man ausrichten, daß er seine (Matusseks) scheußlichen Umdeutungen seiner (Gottes) Grandiosität fürder zu unterlassen habe.

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article124792188/Ich-bin-wohl-homophob-Und-das-ist-auch-gut-so.html

2014, 02, 09

Das Genie ist immer zuständig. Es hat zu vielem einiges und zu einigem vieles zu sagen.

2014, 02, 08

Der Buchbetrieb ist vergleichbar einem schlecht laufenden Kleinstadttheater. Das Geld ist knapp, es muß verteilt werden, es werden Stellen gestrichen, die größeren Schauspieler setzen sich in Richtung größerer Bühnen ab, Regisseure verzichten auf solide Arbeit und warten mit neuen Konzepten auf, die das Publikum eher befremden als aufwecken. Gleichwohl rennt das Publikum weiterhin ins Haus, denn die Alternative wäre ein Rommé-Abend im Altenheim.
Es werden immer Bücher gelesen werden, und immer viele. Aber man kann mit Büchern keine Gewinne machen. Der Versuch, es doch zu tun, führt zum Gegenteil. Daß es so ist, sieht man. Warum das so ist, steht bei Herodot. Und auch die Konsumentenseite ist davon nur scheinbar unbetroffen. Richtig ist: Wer immer es sei, es werden welche da sein, die Bücher herstellen. Aber vielleicht ist es nicht günstig für die Qualität gedruckter Erzeugnisse, wenn der gesamte Betrieb vom Autor über die Herstellung und den Druck bis hin zum Vertrieb permanent durchgerüttelt und das Ensemble also ständig ausgetauscht wird.

http://www.berliner-zeitung.de/kultur/literaturbetrieb-vorsicht-buch,10809150,26109876.html

2014, 02, 07

Übelgesinnte Puritaner behaupten, die Kunst schreibe beim Leben ab. In Wahrheit ist es immer umgekehrt:

Ein Marburger Professor erinnerte sich bei einem komplizierten Fall an eine Folge der US-Serie »Dr. House« und konnte deswegen den Patienten heilen

2014, 02, 07

Ich ziehe eben eine Anthologie antiker Texte aus meinem Regal, die auf den Namen »Geister, Götter und Gespenster« hört. Was unbedingt auch verschwunden gehört, sind Titel im Spanischen Trochäus.

2014, 02, 03

Was anläßlich des Ablebens hervorragender Menschen wirklich nie ausbleibt, sind Kommentare, die ihr Bedauern darüber ausdrücken, daß in letzter Zeit so viele gute Leute abtreten. Und anschließt sich dann stets die bange Frage, ob die Lücke gefüllt werden kann.

Die guten Leute sterben nie aus. Deswegen sterben dauernd so viele von ihnen.

2014, 02, 02

»Doch eine ›Schule‹ im Sinne eines gemeinsamen künstlerischen Programms gab es nie.« Ein nettes Feature zur sogenannten Leipziger Schule erinnert mich an einen auch ganz netten Text von mir:

http://www.felix-bartels.de/2010/04/30/weltgeist-sieht-leipsch-ii/

2014, 02, 01

Joachim Gauck fordert den deutschen Imperialismus auf, sich seiner selbst bewußt zu werden. Deutschland müsse unbedingt wieder »Verantwortung« übernehmen. Eine Doxographie

2014:

»Joachim Gauck hat sich einen Ruf erarbeitet als Redner, der immer wieder Überraschungen, manchmal auch unangenehme, bereit hält.« (Clemens Wergin, kann noch staunen wie ein Kind)

»Zu glauben, man könne in Deutschland einfach weitermachen wie bisher – das überzeugt mich nicht … Deutschland ist überdurchschnittlich globalisiert und profitiert deshalb überdurchschnittlich von einer offenen Weltordnung … dieses Ordnungsgefüge, dieses System zu erhalten und zukunftsfähig zu machen … früher, entschiedener und substanzieller einbringen … Die Bundesrepublik muss dabei auch bereit sein, mehr zu tun für jene Sicherheit, die ihr über Jahrzehnte von anderen gewährt wurde.« (Joachim Gauck, predigt lieber im Feld als von der Kanzel.)

2010:

»Gauck wird das Amt des Bundespräsidenten brutalisieren.« (Ina Eff, Hochleistungsprophetin)

01, 25

Während die Blätter des Springer Konzerns und viele andere (allenfalls auf dem Papier bessere) Organe den naßforschsten und hemdsärmlichsten Moderator des deutschen TV unter dem Vorwand der Besonnenheit gegen massenhafte Kritik verteidigen, die nun wahrlich einen Vorwand nicht erst suchen mußte, um sich zu entzünden, sind gute Kommentare zu Lanz so mangelhaft wie gute Gäste bei Lanz. Die eigentliche Frage ist nicht die, ob Petitionen gegen einen Moderator das geeignete und moralisch angemessene Mittel sind – einen Moderator übrigens, der durch seine Präsenz auf dem Schirm eine beachtliche Macht in der Meinungsbildung besitzt und die aufs dümmste zu mißbrauchen nie gezögert hat –, sondern was sich im vollen Ernst nur stellen kann, ist die Frage nach dem Inhalt jenes Feldzugs, den die Untertanten Jörges & Lanz gegen die Querulantin Wagenknecht eröffnet haben. Georg Diez, dem ich sein emphatisches Gerede über die ideale Demokratie immer ganz gern verzeihe, hat es geschafft, die paar wesentlichen Worte zu schreiben, denen ich fürwahr nichts mehr hinzuzufügen habe:

»Es gibt eben eine Herrscherallüre, die sich über die Jahrzehnte herausgeprägt hat, Jahrzehnte des Beschmusens mit der Macht, des Kuschens vor der Macht, des heßlinghaften Höflingstums. Und das Ergebnis sehen wir jetzt: Ein Moderator, der sich über den ›Minderwertigkeitskomplex‹ einer … kleinen Opposition lustig macht, und zwar in der Gewissheit, dass er, der schneidige Lanz, der Fragen stellt, wie andere Bungee-Jumping betreiben, auf der Seite der Mehrheit steht.
Denn das war der Kern, das Motiv, das eigentlich Verstörende an dem Auftritt von Markus Lanz – die Art und Weise, wie er sein Denken als das Denken der Mehrheit und als das einzig vernünftige und mögliche und wahre Denken präsentierte, alles auf die Spitze getrieben in der bekenntnishaften und zwanghaft wiederholten Quatschfrage an Sarah Wagenknecht: Für Europa oder gegen Europa, sind Sie für oder gegen Europa, sagen Sie schon, im Ernst, ernsthaft, kommen Sie schon, für oder gegen Europa!? Was sich anhörte wie: Sind Sie für uns oder gegen uns? Machst du mit oder bist du ein Verräter?
Was sich hier zeigt, ist ein aggressiver Konformismus, der das Programm und das Denken dieses Senders durchzieht und letztlich im öffentlich-rechtlichen Dauergerede über die Quote wieder auftaucht – denn das Wort Quote ist ja nur ein anderes Wort für Mehrheit, ist die Quantifizierung von Qualität und die forcierte Homogenisierung von Geschmack.« (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/das-undemokratische-zdf-markus-lanz-und-sahra-wagenknecht-a-945361.html)

Nachtrag. Der andere unbedingt lesenwerte Kommentar zu Mittelmaß & Wahn des Markus L. stammt von Leo Fischer: »Markus Lanz ist der Showmaster dieser Großen Koalition, er ist die fleischgewordene Konsensdemokratie. Seine kumpelhafte, anbiedernde Art dupliziert exakt das stillschweigende Einverständnis, auf dem diese Regierung baut … Allein schon in seinem Habitus signalisiert Lanz jenen Millionen westdeutschen CDU-Rentnern, die hier politisch und kulturell den Ton angeben, dass Deutschland letztlich immer noch so funktioniert, wie sie es aus dem Kalten Krieg gewöhnt sind: Es ist arisch, es ist hetero, es ist schwiegermutterkompatibel – und dabei unverbrüchlich antikommunistisch.« (www.neues-deutschland.de/kannweg.php)

2014, 01, 25

Facebook wieder: »Welche Bücher hast du gelesen?«

Na alle!

01, 23

Gedichte, deren Urheber zu sein ich stets leugnen werde #4

Vierzehn Silben zur Gegenwartsdramatik

Übrigens zu wünschen wär
Auch ein neuer Schüttelspeer

01, 16

Es hat zu keiner Zeit ein Zweifel daran bestanden, daß Gauck die ideologische Macht, die sein Amt ihm leiht, dazu nutzen wird, seine persönlichen Ansichten durchzupropagieren. Der Mann hat Schwierigkeiten, sich und das Land, dem er vorsteht, auseinanderzuhalten. Es ist ein wenig wie mit Uli Hoeneß und dem FC Bayern. Oder, wie mein hirnteilender Freund Daniel Rapoport damals sagte: „Gauck wird das Amt des Bundespräsidenten brutalisieren.“ Wenn es aber wenigstens nicht so ein Unfug wäre, der da immer wieder seinem schlichten Schädel entweicht:

„Auch gutgemeinte Eingriffe des Staates können dazu führen, dass Menschen aus- statt eingeschlossen werden.“ Genau. Im Gegensatz zum freien Wirken des Kapitalismus, das nicht nur dazu führen kann, daß Menschen aus- statt eingeschlossen werden, sondern notwendig muß. Über die Sophisten hat man immer gesagt, daß sie Wirrköpfe sind und reden können. Es stimmt nicht mehr. Sie können nicht mehr reden.

01, 16

Ich habe mich einmal auf den Youtube-Channel des KiKa verirrt und lag dann mit einem Kulturschock darnieder, wie er sich Johann Gottfried Herders nicht schlimmer hätte bemächtigen können, im Fall der eine Ausgabe der BILD-Zeitung zu Gesicht bekommen hätte. Die Serien, die man dort sehen konnte, waren lustlos gemacht, handwerklich wie inhaltich eine Katastrophe, und von einer Plattheit, daß man sie ausgerechnet Kindern nicht antun sollte. Denn Kinder können sich gegen Inhalte nicht wehren, sie können sie nicht einordnen, sondern werden durch sie unweigerlich geformt. Zu diesem Zeitpunkt wußte ich noch nicht, was passiert, wenn der KiKa inhaltlich wird. Ordinäre, reaktionäre, dummdreiste Scheiße, die kleinen Menschen den Respekt vor dem Heiligen Dunkel und dem Schmerz archaischer Rituale eintrichtern soll:

»Bald ist es so weit! Aufgeregt und voller Vorfreude blickt der elfjährige Tahsin auf das kommende Ereignis, das ihn und seinen kleinen Bruder Emir endlich zu Männern machen soll: Die Beschneidung. ›Wenn ich beschnitten bin, dann bin ich ein echter Mann‹ – freut sich Tahsin.«

2014, 01, 14

Sascha Lobo gibt in der FAS zu, sich geirrt zu haben. Er habe das Internet für einen Wegbereiter von Freiheit & Demokratie gehalten. In Wahrheit zerstöre es aber Demokratie & Freiheit.

So kann man von einem Irrtum in den nächsten fallen.

2014, 01, 04

»In einem Land, in dem Sicherheit stets mehr bedeutet als Freiheit, hat das Unverständnis für vermeintlich sinnlose Raserei und riskante Lebensweisen etwas Selbstverständliches.« (http://www.welt.de/kultur/article123508803/Die-Ressentiments-der-Deutschen-gegen-Schumacher.html)

Und genau deswegen ist Schumacher so unbeliebt bei seinen Landsleuten, fristet die Formel-1 ein Nischendasein im Nachtprogramm irgendeines Regionalsenders und ist Deutschland das einzige Land auf der Welt, in dem es ein allgemeines Tempolimit gibt. Die Deutschen, kann man sagen, hassen Autos und Straßen. Aber sie lieben Paralleluniversen. Zum Beispiel Ulf Porschardts Gehirn.

2014, 01, 03

Das kommt darauf an, wie viele Blumen man ißt.

Schokolade