2016

 

2016, 12, 31

Mit Asterix & Obelix ist es wie mit Bud Spencer & Terence Hill. Die Kinder lieben den Dicken, die Erwachsenen den mit den besseren Witzen. Gewieft daran ist, ein Figurenpaar geschaffen zu haben, das Kindern Spaß macht und auch Eltern nicht langweilt. Größer noch ist sicher der Griff, beides in eine Figur zu bringen, wie zB bei Alf. Heute jedenfalls ist der Tag, auf den ich fünfeinhalb Jahre gewartet habe: Heute, also ziemlich genau jetzt gucke ich mit meinem Sohn das erste Mal Asterix & Obelix.

2016, 12, 31

Der Jahresabschluss macht auch mich nostalgisch. Ich denke zurück an die Zeit, als wir für Filter Bubble noch Milieu gesagt haben. Damals hat man viel weniger mitbekommen von Leuten, von denen man nichts mitbekommen will. Seit das Ding Filter Bubble heißt, scheint mir, gibt es das gar nicht mehr.

2016, 12, 31

Da ich beschäftigt genug damit bin, ich selbst zu sein, habe ich wenig Lust, auch noch meine Pinnwand zu moderieren (oder hier Kommentare zu erlauben). Deswegen blocke ich Krawallmacher gern weg. Manchen Kommentar lasse ich allerdings gern stehen, wenn er mich an den einen Gast erinnert, der besoffen auf einer Dinnerparty erscheint und sich vor den Augen der anderen Gäste vollkotzt.

2016, 12, 30

Heute vor 10 Jahren wurde Saddam Hussein hingerichtet. Die Weltlage wurde nicht besser dadurch. Anders schon. Wie das eben ist, wenn man meint, tieferliegende Probleme an der Oberfläche lösen zu können, nicht erkennend, dass man selbst immer schon Teil des Problems und nicht der Lösung ist. Soviel zur übergreifenden Einheit von Bellizismus und Antiimperialismus. Schalten wir um auf den Kulturkanal. Ich weiß nicht mehr, wo ichs herhab, irgendwer sagte oder schrieb, dass die Szene der Verhaftung Saddams ihn an Nick Kershaws ›The Riddle‹ denken ließ. Blicken wir heiter zurück.

Near a tree by a river
There’s a hole in the ground
Where an old man of Aran
Goes around and around.

2016, 12, 29

Weit entfernt davon, Konzerne gewinnen lassen zu wollen, schreibe ich es meiner dennoch ausgeprägten Wecker-Allergie zu, dass ich zunächst ›Lasst die Konzerte nicht gewinnen!‹ las.

2016, 12, 27

Han Solo ist tot, Harrison Ford lebt. Prinzessin Leia lebt, aber Carrie Fisher ist tot. Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.

2016, 12, 27

Was mich an 2016 am meisten nervt, das sind nicht gestorbenen Prominenten oder das übliche Elend: das Morden, die Armut, der Terror. Was immer ist, also auch 2015, 2014, 2013 usw., kann nicht ernsthaft nerven. Nerven kann das Gejammer, dass gerade dieses Jahre so schlimm sei. Doch eigentlich ist das ja auch jedes Jahr und setzt pünktlich zu Beginn der 51. Kalenderwoche ein. Insofern nervt es mich doch nicht. Also nicht sehr. Nur jammern halt, wenn alles schon passiert ist, das kann jeder. Jammern, bevor was passiert, das ist Haltung. Also schreibe ich auch dieses Jahr, was ich schon letztes Jahr kurz vor Silvester schrieb:

Das neue Jahr bald aus dem Ei ist
Weckt mich bitte, wenns vorbei ist.

2016, 12, 26

Oma ist auch nicht mehr das, was sie mal war.

»Felix, Du hast Pech mit deinem Geburtstag — so kurz nach Weihnachten sind die Kassen leer. Aber herzlichen Glückwunsch und viele gute Wünsche für deine Arbeit.«

2016, 12, 26

Liste berühmter zu Weihnachten Verstorbener (Auswahl):

Heinrich Schliemann
Charlie Chaplin
Rudi Dutschke
Karl Dönitz
Robert Walser
Friedrich Luft
Harry S. Truman
Giorgio Strehler
Nicolae Ceaușescu
Jack Klugman
Johannes Heesters
Gerald Ford
George Michael
Hans Gruber

2016, 12, 25

Seltsames Vergnügen heute. Sohn hat Magen, Mama hat Magen. 1 Weihnachtsgans für 1 Person zu machen, das ist so sinnvoll wie Twister mit 1 Person zu spielen. Aber der Vogel war schon entfrostet und musste in den Ofen. Dass mir Gans nebenbei heute die beste Sauce seit je gelungen ist (und die Latte lag gewiss nicht niedrig, wenn ich das mal so sagen darf), ist auch kein Trost. Es wird außer mir nie wer erfahren. Die andern Bartelse schlafen längst, was zumindest medizinisch sinnvoll ist. Ich bleibe bei Kerzen und Rotwein noch etwas unten und höre die Klavierkonzerte von Joplin. In mir Tumult. Ich glaub, ich krieg Magen.

2016, 12, 25

Viele Verderber verkochen den Brei.

2016, 12, 25

Man darf dieses Bild als Kommentar zur auch letzthin wieder aufgewärmten Koketterie um die Vorzüge der Abwesenheit von Utopie sehen. Hinter dem rauhen und kaum zu überwindenen Kamm zeichnet sich das blaue Bild eines besseren ab. Nicht erreichbar zwar, aber dennoch gut zu sehen. Wer das da hinten nicht sehen will, kann im Grunde auch gleich aufs Bergsteigen verzichten.

2016, 12, 25

Ich liebe diese Stelle, an der Alf eine Kostümparty organisiert hat, mit Willy, der von nichts wusste, einen Disput in der Küche austrägt und mit den Worten »Na los, Leute, nehmen wir das Haus auseinander!« ins Wohnzimmer zurückkehrt. Ich habe mit mir gerungen, ob ich das hier schreibe. Aber ich kann euch nicht ohne dieses Wissen ins nächste Jahr entlassen.

2016, 12, 24

»Der junge Karl Marx«. Ein neuer Weihnachtsfilm schickt sich an, sämtliche Scrooge-Adaptionen und Drei Haselnüsse für Aschenbrödel abzulösen. Ich habe, vorausblickend in den Werken nachgeschlagen: »In einer kommunistischen Gesellschaft gibt es keine Gänsebraten, sondern höchstens Gänse, die unter Anderem auch braten.« (MEW 3, 378f.)

Befremdlich gleichwohl ist das Verhältnis von Trailer und Titel. »Der junge Marx« ist lange ein Code des Antikommunismus gewesen, der darauf abzielte, einen unverdorbenen Marx vom späteren Ökonomen und Klassenkämpfer zu trennen. Der Trailer jedoch hebt gerade diese Elemente hervor. Zugleich ich mag, dass es überhaupt gemacht wird. Wenn man bedenkt, dass über Marx beinahe so viele Bücher geschrieben worden sind wie über Jesus, hinkt die Filmindustrie der gedruckten doch mächtig hinterher. Der Mangel an Mut, den Film einfach »Marx« zu nennen, wird bezahlt mit dem ästhetischen Mangel, diesen kräftigsten Titel überhaupt einzubüßen. Man vergleiche das mit der Wirkung von Titeln wie »Gandhi« oder »Lincoln«. Spielberg hat sein geniales Werk ja auch nicht »Lincolns Kampf während seiner zweiten Amtsperiode« genannt. Ich fürchte einfach, hier bei Marx ist etwas Bekennerschiss im Spiel. Man distanziert sich quasi vom eigenen Gegenstand.

2016, 12, 23

Ex oriente lux oder das Glückskeksversprechen der bürgerlichen Gesellschaft. Wir Salonkommunisten nämlich legen auf beide Teile unserer Gattungsbezeichnung dasselbe Gewicht.

2016, 12, 21

Zuletzt saß ich an einem Zeitungstext über Trump und unsere Zeit. Dann legte ich ihn anlässlich Castros beseite, um einen Text über die Revolution zu schreiben. Und jetzt liegt auch der, weil ich erst einen zum Jubiläum von Langs »Metropolis« mache. Man sollte die Ordnung der Dinge öfter beachten. Erst kommt die Kunst. Dann die Utopie. Und ganz am Ende, so Gott will, vielleicht auch die Politik.

2016, 12, 21

Satire, die ihren Gegenstand trifft, hat ihr Ziel verfehlt.

2016, 12, 20

Ich finde es lustig, darüber nachzudenken, wieviele Star-Wars-Filme es noch geben wird. Nach 8 ziemlich schlechten in Folge hat man den Zeitpunkt aufzuhören ganz offensichtlich verpasst und kann jetzt ebensogut weitermachen. Vielleicht holt man ja irgendwann die Godzilla-Reihen ein, soll heißen: auch quantitativ dann.

2016, 12, 20

Die Pfannen meines Raclettesets haben verschiedenfarbige Markierungen. Das sagt, glaube ich, viel über die Welt aus, für die sie hergestellt wurden.

2016, 12, 20

Anders verhält es sich bei Leuten, von denen man jahrelang nichts mitbekommt und die eines Tages auf deiner Pinnwand explodieren. Denen man anmerkt, dass sich da über die Zeit veritabler Hass gegen einen angestaut hat. Man hätte ja mal drüber reden können. Oder nein, nicht wirklich, eine Entfreundung beizeiten wäre nett gewesen. Ich fühle mich in diesen Fällen nachträglich impertinent, weil man doch nicht so tief in Leben und Sentiment eines Menschen eindringen will, den man gar nicht kennt und der einen auch nicht weiter interessiert. Das Eindringen ist nicht freiwillig, doch das macht das Gefühl des Bedrängthabens nicht besser. Wie der Stalker sein Opfer in gewisser Weise selbst zum Stalker macht, weil er es ohne dessen Einwilligung und Wissen in sein Leben einlässt und es nun also mitten im Wohnzimmer eines anderen steht, wo es nicht hingehört, so sollte dem Gegenstand des stillen Hasses zum mindesten etwas Kummer bereiten, einem anderen über Jahre solchen Ärger gemacht zu haben, einfach weil man da war und ist, wie man ist. Man kann es natürlich auch pragmatisch sehen. Das rüpelhafte Betragen des stillen Hassers lässt den Kummer, den man ihm unwissentlich verschafft hat, wie eine vorgezogene Bestrafung für sein unvrmittelt rotziges Benehmen erscheinen. Das ist zwar narzisstischer Blödsinn, aber zum Beömmeln.

2016, 12, 20

Wenn man bemerkt, dass man auf Facebook von einem entfreundet wurde, den man eigentlich auch längst hätte entfreunden sollen, entsteht in der Erkenntnis, dass die Missbilligung beidseitig war, ein nachträgliches Gefühl stillen Einverständnisses. Und damit eine Verbundenheit, dernach man fast schon wieder eine Freundschaftsanfrage an den Betreffenden schicken möchte.

2016, 12, 19

Auch wenn es vielleicht ein Anschlag war und wenn heute auch Montag ist, ich werde nicht so tief sinken, Songs von Bob Geldof zu verlinken.

2016, 12, 19

Gedichte, deren Urheber zu sein ich stets leugnen werde #22

DER WEIHNACHTSBAUM, EINEM MÄRTYRER VERGLICHEN

Er wird das Gesetz seines Seins bald erkennen:
Erst muss er glühn, dann muss er brennen.

2016, 12, 19

Die Erscheinung des Trolls vermittelt das Willkürliche, Sprunghafte, Disparate, Undurchdachte. Nie muss er irgendwas zu Wege bringen, außer in dem, was andere zu Wege gebracht haben, die Stelle zu finden, in die er beißen kann. Zugleich gibt es solche, die genau dies Unfeste des Trolltreibens benutzen, um einen sehr festen Inhalt zu befördern. Trolle mit Programm. Vielleicht wird der eine Kotzbrocken erträglicher als der andere, weil bei ihm wenigstens die Tendenz stimmt. An Milo Yiannopoulos stimmt weder die Tendenz noch die Art der Darbietung. Matheus Hagedorny hat einen Kommentar über ihn geschrieben, dem sich einiges dazu entnehmen lässt, und wenn man aufmerksam liest, erschließt sich auch, dass Milo allenfalls der Wurmfortsatz eines insgesamt ätzenden Areals ist, dessen grundlegende Fehlleistung darin besteht, Ideologie über Ökonomie, Kultur über Soziales zu stellen, wovon ja das Trollwesen bloß den lautesten, aber keinesfalls alleinigen Nachweis gibt.

2016, 12, 18

Die Vorstellung, nachts sei es zwar dunkler, die Autobahn aber weniger voll und daher leichter zu befahren, konnte ich nach 4 Stunden Rohversuch abhaken. Am Tag sind LKWs seltsame Elefanten, die behäbig zwei von drei Spuren verstopfen, weil sie sich sinnlose Zeitlupenduelle liefern. Nachts haben sie dasselbe Gewicht, dasselbe Tempo, verhalten sich aber wie ein Bataillon Mäuse, nachdem die Katze aus dem Haus ist. Man muss das einmal gesehen haben, wie ein LKW zwischen zwei weiteren Spurhopping macht. In diesem Missverhältnis von Hard- und Software, von physischer Fortgeschrittenheit und Zurückgebliebenheit im Verhalten, erinnern sie an Vin Diesel. Wahrscheinlich hat die Autowelt deswegen den Kraftstoff der LKWs nach ihm benannt.

2016, 12, 17

Große Begeisterung zur Zeit, weil Ursel von der Leyen Islamisten ohne Kopftuch zum Geschäft bittet. Verbunden mit schwerer Schelte für Claudia Roth, die Islamisten nur mit Kopftuch zum Geschäft bittet.

2016, 12, 17

Nora hat mal wieder was Phantastisches gemacht. Ghiblis Ronja (Sanzoku no Musume Rōnya) wurde ins Deutsche übersetzt und ist jetzt auf DVD erschienen, das heißt, die ersten sechs Folgen. Die Serie ist wundervoll und sehr nahe an Astrids Vorlage.

2016, 12, 14

Ewgeni ist ein Sibirier wie aus dem Lehrbuch. Naja, abgezogen die 12 Jahre Ballett, die etwas ulkige Tatsache, dass er kein R rollen kann, sowie die weniger ulkige, dass er einer Bevölkerungsgruppe angehört, die dort nie wirklich willkommen war. Aber davon also abgesehen trinkt er, trägt Bart und eine fröhliche Schwermut vor sich her. Wenn er mich besuchen kommt, schließe ich grundsätzlich meine Gitarre weg. Es geht nicht anders. Er ist mein Freund, soweit ich zurückdenken kann, und diesmal brachte er mir ein Pelmenibrett mit. Wir machten also Pelmeni und tranken Русский стандарт. Das Brett besteht nicht aus Holz, obwohl Bretter das sonst tun, sondern aus emailliertem Stahl. Man stellt damit auf einen Schlag größere Chargen Pelmeni her und hat infolgedessen mehr Zeit zum Trinken bzw. für Erklärungen, weshalb die Gitarre nicht da ist. Ich erzähle das alles hier nur, damit ihr wisst, dass es so etwas wie dieses Pelmenibrett gibt. Es sollte in keinem Bücherschrank fehlen.

2016, 12, 14

Die Unwarheit, in Stein gemeiert.

2016, 12, 13

Ich heiße ja nicht Jürgen Todenhöfer. Deswegen wiederhole ich mich nicht gerne. Und ich betrachte es als persönliche Niederlage, gegen den wandelnden Plattensprung, die Todenfuge, wenn mir dieser unanständige Wortwitz erlaubt ist, selbst auf Wiederholungen zurückgreifen zu müssen. Was über Todenhöfer, seine Standards und sein gespanntes Verhältnis zur Wahrheit zu sagen ist, habe ich schon im Sommer 2014 gesagt. Dass er nun auch noch eine ganze Zeitung dirigieren, also zu seinem ganz persönlichen Fall von Lügenpresse machen darf, ist bloß auf der Anlassebene interessant, und so sollte man diese Nachricht auch behandeln, mit einem ›aus gegebenem Anlass‹:

www.felix-bartels.de/2014/07/31/gaga-in-gaza/

2016, 12, 07

Es ist 0:28 Uhr, ich bin müde und gehe jetzt ins Bett. Morgen werde ich mich über die ›Salonkolumnisten‹ lustigmachen. Bis dahin reicht das unerreichte Wort des Musikanten Droste: »Mach den Kopf zu«.

2016, 12, 06

In aller Regel bereitet die Nachricht von Pilzen im Schuh eher Missvergnügen. Zu Nikolaus ist das anders.

2016, 12, 06

Wylers Ben Hur stellte eine Aufgabe, die nach dem Handwerk der Adaption eigentlich nicht lösbar ist: Wie kann man schlechter machen, was sich nicht schlechter machen lässt? Nichts ist so reizvoll wie das Unmögliche. Es war also eine Frage der Zeit, bis einer kommt, der es versucht. Bekmambetow hat es geschafft. Beinahe. Sein Ben Hur hat gegenüber dem alten nur einen Vorteil noch. Er ist schneller wieder vorbei.

2016, 12, 03

Gestern Abend nach ca. 20 Jahren habe ich »Metropolis« wiedergesehen. Diesmal endlich die restaurierte Fassung von 2010, die im doppelten Wortsinn Langversion des Films. Ich hatte nur unbestimmte Erinnerungen an ihn, einzelne Bilder und manche Melodien, die ich wiederzuerkennen meinte. Was für »Metropolis« spricht, muss nicht groß erklärt werden. Das Werk ist ein Hochpunkt der Stummfilmkunst, wenige Jahre bevor der Tonfilm den Stummfilm als ulkige Laune der Natur hinweggefegt und in kürzester Zeit vergessen gemacht hat. Immerhin zwang der stumme Film seinen Macher dazu, mit der Bildsprache intensiver zu arbeiten, weil die Wortsprache nur begrenzt einsetzbar war. Deswegen ist im Stummfilm, bei all seiner Beschränktheit auf das Genre insgesamt bezogen, eine szenische und visuelle Kreativität zu beobachten, die heute nicht mehr erreicht wird, da Dialog und Bild sich die Aufmerksamkeit teilen müssen und das Wort natürlich gewinnt, weil es das bessere Medien zur Vermittlung dramatischer Vorgänge ist. »Metropolis« nutzt die Bildsprache und macht die manchmal sehr alberne Handlung und sogar das für moderne Augen immer recht ulkige Stummfilmgehampel vergessen.

Doch was für eine finstere Fabel starrte da durch die Bilder, in die ich starrte, zurück. Ist es möglich, diesen Film nicht als emphatischen Vorgriff auf den Nationalsozialismus zu sehen? Das ideelle Konstrukt, das durch die Figuren verkörpert wird, drängt sich so sehr auf, dass Thea von Harbou auch gleich einen untertitelnden Kommentar mit expliziten Erläuterungen hätte mitlaufen lassen können. Ich mochte nicht glauben, dass das noch keinem aufgefallen sein sollte. Eine Recherche ergab, dass über diesen Film so ziemlich jeder Gedanke schon geschrieben worden war. Derjenige, der auf den völkischen Charakter der Fabel zuerst hingewiesen hat, war wohl Siegfried Kracauer.

Spät abends reicht dann auch schon mal eine Autorität. Mit dem Gefühl, nicht nur auf der richtigen, sondern auch auf der sicheren Seite zu sein, ging ich dann ins Bett.

2016, 11, 30

Nach der dritten Infektion innerhalb vierer Wochen kam es, was immer es ist, gestern nochmal mit Macht zurück. Ich hatte Schüttelfrost und verbrachte Teile der Nacht mit dem Kopf über einer Schüssel.

Ich finde, jetzt reichts auch mal wieder.

Das Problem an der Männergrippe ist ja, dass man kein geeignetes Vokubalur mehr hat, wenns dann wirklich mal richtig schlimm wird.

2016, 11, 29

Erst Batista, und jetzt auch auch noch die BILD. Diesen Kommunisten ist wirklich nichts heilig:

»Um 22.15 Uhr sagen sie endlich die Wahrheit. Im Internationalen Pressezentrum in Havanna kommt nach zwei Tagen voller Ausflüchte eine Regierungsdame auf den BILD-Reporter zu: ›Ich habe eine Antwort für Sie.‹ Pause, dann: ›Your newspaper is not a balanced media for our us. And it is forbidden for you to cover the funeral of Fidel Castro.‹«

2016, 11, 18

Er fuhr mir mit diesem Wagen in die Hacken, grunzte was Unfreundliches und drehte sich um, noch etwas zu holen (vermutlich etwas Fleisch). Als er zurückkam und meinen auch nicht eben leeren Einkaufswagen bemerkte, sprach ich süffisanten Blicks die Worte: Da hab ich aber Glück gehabt, dass ich vor Ihnen in der Schlange zu stehen kam. Auch danach wurde er nicht umgänglicher.

2016, 11, 18

Meine Prognose ist gerade 8 Tage alt, und jetzt, da einige schon kurz davorstehen, Lichterketten für Trump, Breitbart usw. zu bilden, weil es wirklich nichts schlimmeres zu geben scheint als überzogene Kritik gegen rechts, finde ich sie arg von der Wirklichkeit überholt und schäme mich ein wenig.

2016, 11, 16

Es ist ja bekannt, dass ich Pizza Hawaii nicht mag, und dass ich Ketchup nicht mag, auch. Aber gegen Ketchup auf Pizza Hawaii hab ich nichts. Solange ichs nicht essen muss.

2016, 11, 16

Um es mit den Worten des großen Max von Sydow zu sagen: Sie beide zusammen ergäben eine wunderbare Person.

2016, 11, 15

Ich liebe den Winter mit all seinen tollen Dingen im Gepäck, Weihnachten, Jahreswechsel, Schnee, mein Geburtstag. Da verzeihe ich ihm auch, dass er so kalt ist. Den anderen Jahreszeiten würd ich das nie durchgehen lassen. Der Sommer zB ist schrecklich heiß. Deswegen ist er bei mir so unten durch, dass ich ihm nie verzeihen könnte, wenn er nun auch noch kalt wäre.

2016, 11, 14

Ich plane einen Eintrag, in dem ich mich über die Leute aufrege, die sich über die Leute aufregen, die sich darüber aufregen, dass sich alle über Trump aufregen. Er kommt noch heute. Versprochen.

2016, 11, 13

Es gibt Redner, die sagen im letzten Moment ab. Und dann gibt es noch solche, die einfach nicht kommen. Ich kann Wiglaf Droste eigentlich nichts übelnehmen. Als er mich vor 8 Jahren oder so einmal öffentlich beleidigte, sagte ich ihm bei nächster Gelegenheit: Mensch Wigi, wir Dicken müssen doch zusammenhalten. Ich lese ihn immer noch gern und höre ihn noch lieber singen. Gestern hat er mir gefehlt. Er wollte einen Vortrag halten über die sehr persönliche Beziehung von Hacks und Krüss. Ich mag solche Geschichten. Das >Wer mit wem< ist ein probater Ersatz, sich vom dauernden >Wer wen< zu erholen. Es müsste einer mal diese andere Biographie des Sehrpersönlichen in Hacksens Leben schreiben. Ich kann das nicht, habe aber den bestmöglichen Titel zu verschenken: Sex, Hacks & Rock’n’Roll.

2016, 11, 13

Bei Wagenknecht und Bartsch dürfte die Überlegung wohl beider Fraktionen gewesen sein, dass er sie bzw. sie ihn mäßige. Sie scheinen aber einander die vorhandenen Absonderlichkeiten noch verstärkt zu haben. Ich finde das logisch. Auch zwei Spalthirne ergeben kein ganzes.

2016, 11, 13

Liebe Zielgruppe, ich bin wütend. Die Leute sagen zu mir manchmal, reg dich doch nicht immer auf. Aber ich bin wütend, weil ich denke. Und wer was anderes sagt, denkt nicht. Nun aber zum Grund meiner Wut. Ich fahre seit Jahren mit der Bahn und sehe diese Werbung seit Jahren. Das Kind auf dem Bild hat sich nie verändert. Es kann aber heute gar nicht mehr so aussehen, wie das Bild es zeigt. Was denkt die Regierung Merkel? Will sie uns für dumm verkaufen? Glaubt sie, die Menschen in unserem Land wissen nicht, dass Menschen älter werden? Ist das eine geheime Manipulation, die uns die auf uns zukommende Verälterungsproblematik vergessen machen soll? Denkt bitte immer dran: Bilder lügen! Man darf nicht alles glauben, was man sieht.

Euer Ken

2016, 11, 11

Und auf meinem Grabstein wird stehen: Er ist jetzt auch ruhiger geworden.

2016, 11, 11

Hanau kann tun, was es will. Es passt immer zu meiner Laune.

2016, 11, 10

32kg sind dann schon zu sehen. Womit ich nicht gerechnet habe, sind die damit verbundenen Bemerkungen. Bei »Sieht aber gut aus« zB verstehe ich das »aber« nicht. Und dass ca. die Hälfte aller Bemerkenden sich für etwas wie »Du bist aber nicht krank, oder?« entscheidet, muss man wohl auch erlebt haben, um es zu glauben. Ich antworte dann immer: »Ach nein, das ist nur die Midlife Crisis«. Das Gespräch ist dann immer sehr schnell vorbei, und ich darf weitergehen.

2016, 11, 09

Am meisten tut mir der Augstein leid. Er muss jetzt vier Jahre lang für die USA sein.

#weesstenochletztewoche

2016, 11, 08

Es gibt übrigens ein Buch, in dem das alles schon steht. Hillary Clinton als Präsidentin im notgedrungenen Pakt mit allerlei Kräften, darunter auch Linke, auch Kommunisten, weil eine destruktive Macht, die das schlechthin Unwählbare ausmacht, zu diesem Bündnis zwingt. Die Sache geht gut aus, für einige der Kommunisten. Für Hillary nicht. Die Wirklichkeit hinkt dieser schönen Konstellation etwas nach, doch immerhin tut sie es. Gewiss bleibt schwer vorstellbar, dass in einer solcher Lager eine solche Möglichkeit liegen könnte, doch Kunst wiegt schwerer als die Wirklichkeit. Wer also nicht weiß, was er in dieser durchschnittlichen Nacht heute mit seiner Zeit anfangen soll, der schlage dies Buch auf und lese, bis Eos ihn mit ihren Rosenfingern anpackt.

2016, 11, 06

Kalauer, die man sich erstmal trauen muss #33

Er war ein Stinkstiefel, doch nicht aus freien Stücken. Im Haushalt, worin er aufwachsen musste, hatte er den protestantischen Eifer mit der Luthermilch aufgesogen.

2016, 11, 06

Jede Bewegung hat mit infantilen Ablegern zu kämpfen. Das gilt auch für die Theorie der Revolution. Die je-schlechter-desto-besser-Annahme von Leuten, die sich als revolutionär begreifen, ist so ein Fall. Sie wünschen den Menschen ein Elend an den Hals, damit es ihnen einmal besser gehen könne, weil Steigerung des Elends zur Revolution führen werde. Sie verstehen nicht oder wollen nicht verstehen, dass gesteigertes Elend nicht zwangsläufig in Besseres umschlagen muss. Manchmal oder besser: allzu oft bedeutet gesteigertes Elend einfach nur gesteigertes Elend. Wenn man gegen solche Abirrungen Stellung bezieht, kann passieren, dass man Beifall erhält von Leuten, die nicht bloß gegen die Abirrung, sondern gegen die Sache überhaupt sind. Damit muss man leben. Es wäre weniger gut, die Kritik des infantilen Unsinns ganz zu unterlassen.

#schonwiederzizek

2016, 11, 04

Die verklemmte Sympathie, die sich bei einigen auf der linken Seite für Donald Trump entwickelt hat, und die verklemmt ist, weil sie immer nur über die Ablehnung seiner Konkurrentin hergestellt wird, scheint nur zum Teil aus jener Denkgewohnheit erklärt werden zu können, die man als Antiimperialismus bezeichnet. Der Antiimperialismus ist die Sozialdemokratie, wie sie sich aufs Globale geworfen hat. Von zwei inakzeptablen Möglichkeiten muss immer eine gewählt werden, egal, wie wenig akzeptabel beide sind, und dabei grundsätzlich die, die irgendwie erdnäher, weniger schuldig und minderheitlich wirkt. Mir scheint aber, wie gesagt, auch ein anderer Impuls beim verklemmten Agieren für Trump eine Rolle zu spielen. Es ist offenkundig, dass sich hier eine Vorfreude auf den Untergang, eine Geilheit nach dem Inferno, ganz simpel und ohne jede weitere Vermittlung durch Ideologie ausagiert. Man will nun auch, dass das Undenkbare passiert. Man will diesen Clown und Menschenfeind im Oval Office, will den Worst Case als realen Porno, damit man sagen kann: Ich war dabei. Wo der Antiimperialismus den Menschenfeind als bündnisfähig phantasiert, ist sich dieser destruktive Impuls der Verderblichkeit des Feindes voll bewusst. Dieser inverse Antiimperialismus will nichts mehr und macht sich keine Illusionen mehr. Er hat seine Dummheit vollständig abgelegt, und damit das wenige, was an ihm noch als menschlich genommen werden konnte.

2016, 11, 03

Kalauer, die man sich erstmal trauen muss #31 & 32

Aus dem Leben eine Pfaus (Auszug)

Als das Glas umkippte und die Limonade langsam von der Tischmitte zur Kante und endlich von der hinabfloss, war er zu beschäftigt, angesichts des nassen Ärgernisses seinen trockenen Humor zu demonstrieren, als dass auf schnelles Reagieren seinerseits zu rechnen gewesen wäre. Er hob die Braue, während sich das klebrige Nass allmählich durch den Hosenstoff hindurch bemerkbar machte, und sprach, einen Moment der Stille abpassend, in die Runde: »Fanta rhei!«.

Seltsamerweise gewann er nicht annähernd den Theatereffekt beim versammelten Publikum, den er zu gewinnen vorhatte, was vielleicht daran lag, dass er allein im Raum war.

2016, 10, 31

Eberbach, 20 Uhr. Halloween-Abwehr hält.

2016, 10, 30

›Schnulli‹, sagte sie, als sie die Bestellung sah. Ich erzähle euch das, damit ihr einen Begriff davon habt, mit was für Menschen ich zusammenleben muss.

2016, 10, 29

Der Arbeitskreis ›Adipöse Veganer in der Linkspartei‹ teilt mit:

»Wir haben 1000 Gründe gefunden, gegen Donald Front zu machen. Wir finden aber auch Hillary ziemlich schlimm. Wir finden sie in vielen Punkten wenig bis gar nicht besser. Darüber spricht nur wieder keiner. Ausgenommen wir. Zwar fällt uns kein Punkt ein, in dem sie schlimmer ist, und viele, in denen Donald es ist, aber man muss es trotzdem ins Gedächtnis rufen: Hillary ist keine Linke, sie wird den Sozialismus nicht einführen. Deswegen ist es reaktionär, für sie und gegen Donald Partei zu ergreifen. Deswegen werden wir auch weiterhin Texte verlinken, die sich kritisch mit Hillary auseinandersetzen, und die Polemik gegen Donald, von der es genug gibt, anderen überlassen. Im übrigen sind wir sehr empört, dass es Leute gibt, die uns unterstellen, wir seien für Trump, bloß weil wir ausschließlich Hillary kritisieren. Solche Leute haben die Dialektik des Fortschritts nicht verstanden.«

2016, 10, 29

Fett reinigt den Magen.

2016, 10, 26

Der Tippfehler als Zuspielung des Unbewussten. »Ich bin grad einkaufen«, schreibt sie, »soll ich dir für morgen was mitbringen?« – »Ach lass«, tippe ich, »ich verbauche lieber unsere Vorräte.«

2016, 10, 26

Schnapsidee: Einen Roman schreiben, in dem sämtliche auftretende Personen Namen schottischer Maltbrennereien tragen. Ein Glossar zur korrekten Aussprache fände sich im Anhang. Der Titel würde lauten: ›Bruichladdichs Geschwister‹, ›Tullibardine und ihre Männer‹, ›Sommer bei Glendronach‹ oder sowas. Die Handlung, wie man sieht, steht noch nicht fest.

2016, 10, 26

Hiromi Wittig schreibt und zeichnet für einen gut besuchten japanischen Blog über ihr Leben mit einem Doitsujin (wir nennen ihn Matthias). Hier hat sie unseren gemeinsamen Ausflug letzte Woche in Chiba verarbeitet. Auf dem Bild zu sehen sind, gut getroffen, wie ich finde, Nora und James. Ich verstehe kein Wort, vermute aber anhand der Zeichnung, es müsse darum gehen, dass deutsches Gebrabbel schwer zu verstehen ist. Was Menschen, die kein Deutsch können, nicht wissen: Dieses Problem verschwindet nicht, nachdem man Deutsch gelernt hat. Es wird eher noch größer.

2016, 10, 24

Das Weltbild, wie es sein sollte, zeigt nicht die Welt, wie sie sein sollte. Es zeigt aber auch nicht die Welt, wie sie ist. Es sollte den Formen, Verhältnissen und Gegenständen so wenig wie möglich antun, diese möglichst so spiegeln, wie sie sich der Auffassung durch Hinsehen und Vernunft darbieten. Es sollte jedoch in eine Farbe getaucht sein, die dem Vorhandenen Glanz verleiht. Da der Mensch ohnehin nicht verhindern kann, die Welt im Bild mit seinen Farben zu malen, tut er gut daran zu sorgen, dass er seine besten Farben verwende. Wenn die Philosophie ihr Rosa in Rosa malt, ist eine Gestalt des Lebens wertvoll geworden, und die Farbe die Gestalt nicht verändern, nur verbessern. Es wird gern vergessen, dass man auch durch eine rosarote Brille präzise sehen kann, was sich vor einem befindet.

2016, 10, 24

JETLAGGEDANKEN

#1
Familie is was schönes. Jeder sollte eine haben.

#2
Schläfste heut nicht, schläfste morgen

#3
Zeit ist das Gold des Lebens. Jeder Wert, jede Anstrengung, jedes Vergnügen, jedes Werden und jedes Vergehen misst sich in Zeit und hat sein Maß an ihr. Man gibt sie nicht einfach her. Sie ist, von der wir nicht genug bekommen können. Sie macht die Mühe und das Traurige teuer, sie dehnt das Vergnügen und den Gewinn. Entweder bezahlen wir mit ihr das Leben, oder wir erlangen in ihr Leben. Ausgenommen hiervon sind: der Aufenthalt in Warteschlangen, die Zeit in Pachinkohallen, die Dauer von Windowsupdates und die schlaflose Zeit nach Interkontinentalflügen, die in strukturschwachen Regionen zugebracht werden muss, wo nachtens kein Geschäft, kein Lokal und nicht einmal eine Pachinkohalle geöffnet hat.

ä$
Im dubekn is das mit der Tatsache ei. Problem. Die autorkorrektur maxht es auxh nicht beserr.

#5
Man dreht sich auf die andere Seite, obwohl man weiß, dass es nichts bringen wird. Warum? Damit überhaupt was passiert.

#6
Über die Frage, ob es andere noch schwerer haben als ich, denke ich nach, wenn das hier wieder vorbei ist.

#7
Nach den Jetlaggedanken kommt das Jetlaggedenken.

2016, 10, 22

Im nächtlichen Landeanflug sieht Frankfurt aus wie eine ziemlich große Leiterplatte. Das ist ein ziemlich großes Kompliment, auch wenn es nicht so klingt.

2016, 10, 20

Heute gelernt. Der Mittelfinger im japanischen Straßenverkehr: aggressives Entschuldigen.

2016, 10, 17

Mir wurde gerade von Sören Heim der Friedensnobelpreis verlieren: der Preis gehe an Bartels »für die außergewöhnliche Geduld, mit der er die Dylan-Debatte beschwieg«. Natürlich kann ich ihn nicht annehmen, weil ich ca. die Hälfte der Friedensnobelpreisträger verabscheue und die andere Hälfte nicht kenne.

2016, 10, 17

»Vor nun 13 Jahren brachte ich mir ein Poem ins Deutsche«

Natürlich eröffnet er mit einer Erinnerung an seine Dylan-Schändung. Worum auch sollte es sonst gehen, wo Biermann über Dylan zu schreiben vorgibt, wenn nicht um Biermann? Wenigstens verschafft der dativus commodi jenem so unverholen gelogenen Eröffnungssatz einen unfreiwilligen Beiklang von Wahrheit.

2016, 10, 16

In Japan werden auch heute noch Intellektuelle zur Disziplinierung aufs Land geschickt.

2016, 10, 13

Gedichte, deren Urheber zu sein ich stets leugnen werde #21

SELBSTKRITIK

Nicht immer war ich voller Lob
Für den famosen Dylan Bob.

2016, 10, 13

Und auf einmal sind alle Dylanologen aus dem Winterschlaf erwacht.

2016, 10, 13

Hätte ich jedes Mal 10 Cent erhalten, wenn ein unterbegabter mit viel zu viel Ambitionen bestückter Kretin mich einen Idioten genannt hat, wär ich gewiss nicht reich geworden, aber für ein Mittagessen hätte es wohl gereicht. Mit Kobe-Rind und weißen Trüffeln.

2016, 10, 08

Zu Gast bei unserer Freundin Keiko in Osaka. Ihr Mann schließt gerade seine Dissertation zu Judith Butler ab. Ich rede daher viel über das Essen, die Kinder und das Wetter.

2016, 10, 08

Jeder nach seinen Fähigkeiten. Jedem nach seinen Bedürfnissen.

2016, 10, 05

Es ist einigermaßen bekannt, dass ich die Weltrevolution plane. Auch bekannt ist, dass ich im »Odysseus« einen Eskapismus vom Politischen umfangreich begründet habe. Und nun fragt man mich öfter, wie ich das eine planen und das andere schreiben kann. Nunja, vom Schreibtisch aus.

2016, 10, 05

In der Tat ziehe ich einen antimarxistischen Kommunismus einem antikommunistischen Marxismus vor.

2016, 10, 03

Nächster Halt: Ishibashi (Osaka), Hobara (Fukushima), Chiba (nebenan von Tokyo). Der Sohn fragt vorwurfsvoll, warum wir nicht für immer zurück nach Japan ziehen. Das sei doch schließlich unser zu Hause. Zum ersten Mal wusste ich nicht, was ich ihm antworten soll. So muss sich das angefühlt haben, damals für unseren Eltern, als Sexualaufklärung noch schwierig war.

2016, 10, 02

Ich halte den Kassandramythos für fehlerhaft überliefert. Es war vielmehr so, dass ihr jeder sofort alles glaubte, was sie prophezeite, und auch nicht überrascht war, wenn dann eintrat, was sie geweissagt hatte. Ihr Fluch bestand darin, dass die Leute ihr glaubten und trotzdem nicht beachteten, was sie sagte.

2016, 09, 30

Zum Vormerken schon mal: Am 15. Dezember werde ich an der Universität Göttingen eine Veranstaltung haben. Sprechen werde ich dort über die Methoden Oliver Primavesis bei der Edition des Straßburger Empedokles-Fragments.

Okay. Warn Witz.

Es geht mal wieder um den Antisemitismus.

2016, 09, 28

Wagenknechts freundliche Worte für den soeben Verstorbenen, dem sie 2010 noch selbst mindesten Respekt verweigerte (nicht ohne Begründungen, die auf Lügen beruhen), bringen das in der Tat schon etwas abgegriffene Aperçu vom Deutschen, der den Juden erst liebt, wenn der tot ist, zu neuer Anschaulichkeit. Soweit wäre alles in der bekannten Ordnung. Offen noch die Frage, ob sie diesen Text im Sitzen oder Stehen geschrieben hat.

https://www.linksfraktion.de/presse/pressemitteilungen/detail/trauer-um-einen-friedensnobelpreistraeger/

2016, 09, 28

Wenn man erzählt, dass man Homer und Sophokles im Original studiert hat, gucken sie einen hier an, als sammle man Modelleisenbahnen. Aber wenn dir rausrutscht, dass deine Frau beim vorletzten Dragonball die Dialoge für die Synchronisation übersetzt hat, springen sie im Kreis, als hätten sie eben erfahren, dass Robbie Williams in der Stadt ist.

2016, 09, 22

Überhaupt scheint mir das Missverständnis die häufigste Form des Einverständnisses.

2016, 09, 21

Aus dem Lexikon der politischen Bildung:

Schikorismus, der. Zustand politischer Desorientierung. Benannt nach Daniel Leon Schikora, kann er zuweilen auch Intellektuelle befallen. Das innere Bekenntnis des S. lautet: ›Weil ich eins bin, sind auch meine Feinde eins. Und was sie eint, ist, was ich empfinde.‹ Das veritable Verhältnis ist jedoch umgekehrt: innere Uneinigkeit zwingt zu Vorstellungen eines einheitlichen Feindbilds. Das regierende Empfinden wird gleichfalls durch den Tatbestand einer allgemeinen Unempfindlichkeit gegen Einwirkungen von außen (Tatsachen, Argumente usf.) konterkariert. Politische Urteile werden ausschließlich nach persönlichen Vorlieben gebildet, doch stets als universelle Gesetze dargestellt. Die Komik, die dabei entsteht, ist erstklassig, vom S.n selbst jedoch nicht wahrnehmbar. S. denkt nicht in Strukturen, sondern in Personen. Da er stets unterbegrifflich bleibt, sind die Akteure seine einzige Orientierungsmöglichkeit. Durch die Fixiertheit auf bestimmte persönliche Feinde ist er aber gezwungen, jede ihrer Bewegungen mitzumachen, was eine langfristige Tendenz zur politischen Wanderschaft von Partei zu Partei und Lager zu Lager zur Folge hat. Vom Antiimperialismus zu eigentümlich frei, von der zu den Antideutschen, von denen zur DKP und ganz sicher irgendwann zur Wiederbelebung der Grauen Panther. Diese, die eigene Veränderlichkeit empfindet der S. als einzige Konstante der Welt.

dls2016, 09, 21

Die Grenzen der Zivilisationskritik sind dort überschritten, wo jemand Ketchup in sein Essen tut.

2016, 09, 21

Ich: Fasan büßt in Gefangenschaft etwas ein, weil er eigentlich Wild ist.

Stephan Fichtner drauf: Das ist bei Ideologiekritik nicht anders.

2016, 09, 16

… und ich fühlte mich Günter Grass so nah wie noch nie

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2016, 09, 13

Was im Grunde auch überflüssig ist: Wenn Menschen, die nicht schreiben können, so tun, als ob sie nicht schreiben können.

2016, 09, 11

Mein Freund Rapoport bittet mich, eine zehn Jahre alte Diskussion zwischen uns über den Begriff der Klasse zu redigieren. Wie man sieht, stehen mir beim Anblick unserer damaligen Herleitungen die Haare zu Berge.

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2016, 09, 11

Mir träumte, dass ich eine Partie Simultanschach gegen 10 Gegner spiele. An den Brettern saßen Spasski, Fischer, Kasparow, Karpow, Carlsen, Anand, Kramnik, Dr. B., Lt. Commander Data und Felix Magath. Es wurde das schnellste Simultanturnier aller Zeiten.

2016, 09, 07

Man weiß, dass man zu viel Zeit im Facebookchat verbracht hat, wenn man beim Lektorieren nach Abschluss einer Kommentarblase auf Enter drückt, um den Kommentar abzuschicken.

2016, 09, 03

Es tropft und tropft, und irgendwann läuft das Fass einfach über. >Kennys Window<, das Buch, das mir aufgrund seines Montagecharakters am schwersten fiel, hat mich dadurch, dass ich es dann eines sehr nahen Abends schließlich zu packen bekam, zu dem Entschluss gebracht, meine alte Idee, ein Buch über Kinderbücher zu schreiben, doch umzusetzen. Aber es wird kein Streifzug durch die Geschichte des Kinderbuchs (bei dem man nur verlieren kann), es soll ein Buch allein über Maurice Sendak und sein poetisches Werk werden. Es ist schwierig, selbst bei dieser Weltgestalt. Sein Werk ist in Deutschland, allem Klang seines Namens zum Trotz, nicht so bekannt, wie es sein sollte. Das ist das eine Problem, und das andere, nunja, Kinderliteratur zieht ein ganz anderes Publikum an, als Essays das tun, und Essays über Kinderliteratur, das ist eben wie ein Teehausgespräch über Rock’n’Roll. Man ist froh, wenn man es nicht gänzlich mit sich selbst führen muss. Anderseits bin ich in der angenehmen Lage, dass mich wenig bekümmern muss, ob das, was mir interessant scheint, auch andere interessiert. Der Drehpunkt, wie gesagt, das war das schwierigste, weil chaotischste Werk Sendaks, sein frühestes, an dem mir nun heute beim Lesen schlaglichtartig aufging, dass meine bisherige These über Sendak tatsächlich aufgeht. Nämlich, dass der Titel eines seiner Bücher >Outside over there< im Grunde der Titel des gesamten Werks von Sendak sein könnte. Ich habe also einen Faden, und mich dünkt, er ist sehr rot. Mit diesem Gedanken verabschiede ich mich in die Nacht, nicht in den Schlaf, sondern in sein Gegenteil, den Traum, nach draußen dort drüben.

2016, 09, 03

Idee für ein neues Smartphonespiel: Es funktioniert im Grunde wie Pokemon Go. Nur dass da kleine Žižeks erscheinen, und wenn man sie schnell genug einfängt, verhindert man, dass sie ihren je neuesten Einfall in die Welt posaunen.

http://www.deutschlandradiokultur.de/slavoj-zizek-vergleicht-pokemon-go-mit-ns-ideologie.265.de.html

2016, 09, 03

>Im ganzen Satz bitte<, ermahnte er sein Kind. Er hatte ja recht, doch es fiel ihm dabei gar nichts auf.

2016, 09, 02

Es gibt Dinge, die kann man sich nicht ausdenken. Heute etwa vor mir der Nazi mit einem Shirt, auf dem in gotischen Lettern >Behemoth< zu lesen stand.

2016, 08, 31

Fragen zu meinem politischen Standort können beantwortet werden. Ich bin ein äußerst beweglicher Betonkommunist.

2016, 08, 31

Kalauer, die man sich erstmal trauen muss #30

Ich war grad auf der einsamen Wall eines alten Bekannten, der halb Facebook blockiert und die andere Hälfte entfreundet hat. Ich habe ihm ein Mitlike gegeben.

2016, 08, 31

Vernunft hat keine Hebel. Das bisschen Macht, das ihr bleibt, ist, Empörung in flachen Köpfen erzeugen zu können. Auf die Art Macht kann sie dann auch gern verzichten. Doch keine Empörung zu erzeugen liegt ebensowenig in ihrer Macht.

2016, 08, 30

Der Sohn bei der U9:

Arzt: Was machst du denn, wenn du müde bist?
James: Dann gehe ich ins Bett.
Arzt: Und was machst du, wenn du Hunger hast?
James: Dann esse ich was.
Arzt: Und was ist, wenn du traurig bist?
James (überlegt): Dann löse ich, was mich traurig macht.

Es ist wohl höchste Zeit, dass ich ihm meine Streitschriften gegen das Primat der Praxis zu lesen gebe.

2016, 08, 30

Aus gegebenem Ablass: Buße ist nicht das Gegenteil der Sünde, sondern ihre Fortsetzung. Wirkliche Einsicht müsste sich bemühen, wenigstens etwas an den Opfern eines Betrugs wiedergutzumachen. Die narzisstische Lösung liegt darin, sich Asche aufs Haupt zu streuen und als Büßer von A nach B zu laufen. Noch im Eingeständnis der eigenen Untaten geht es dem Narziss bloß um sich selbst. Das ist, was diese Pose so attraktiv macht. Insonders für Leute, die immer so weitermachen werden wie bisher.

2016, 08, 30

Der politische Dauerwanderer Thiele unterstellt mir, im Gespräch mit dem politischen Dauerwanderer Schikora, politische Wanderschaft. Tatsächlich habe ich vor sechs Jahren schon einen Text zur Burka geschrieben mit ganz ähnlichen Positionen, wie ich sie heute vertrete. Damals mit großem Beifall von Thiele übrigens. Ein Dauerwanderer glaubt, dass alle wandern, ausgenommen er selbst.

2016, 08, 27

Manchmal, wenn ich nicht in Stimmung bin, auf Realisierbarkeit Rücksicht zu nehmen, stelle ich mir vor, dass es ein monatliches Journal geben müsste, in dem ausschließlich interessante Fragen behandelt werden, dafür dann aber alles behandelt werden darf, sofern es bloß interessant ist. Man fände da Analysen zu Politik und Formen des Denkens, Geschichtliches und Linguistisches, bissl Seelenkunde und Ökonomie, Essays zu Literatur, Kunst und Film, Besprechungen von Rasierölen, Billardqueues, Whiskysorten usw., Abhandlungen zur Kochkunst, zu Fußball oder zur Kunst des Buchsatzes. Jeder Ausgabe läge ein Pin-Up-Poster von Hegel bei, und es gäbe eine Rubrik für schlechte Kalauer. Es wäre, mit einem Wort, ein Magazin von mir für mich, und ich überlege noch, ob dieses Publikum den Aufwand lohnt.

2016, 08, 26

Morgen dann endlich wieder ins Freibad. Feldstudien: Das Nazi-Tattoo im Wandel der Zeiten

2016, 08, 23

Mir ist übrigens heute Nacht ein Hamsterkaufwitz eingefallen, der besser ist als alle anderen gerade. Aber ich behalte ihn für mich. Es solln ja harte Zeiten kommen.

2016, 08, 23

Heute morgen wieder dieser verflixte Halbschlaf. Mir träumte, dass der nächste Supermanfilm in die Kinos kommt. Titel: »Sein Kryptonit war Kryptonit«.

2016, 08, 21

Es gibt nebenbeigesagt wenige Dinge, die so überflüssig sind wie ein Fußballturnier bei den Olympischen Spielen.

2016, 08, 19

Die Deutschen sind ein Volk von 80 Millionen Bundestrainern. Die Antideutschen sind ein Volk von 1.000 Geostrategen.

2016, 08, 18

Alte Männer und das Meer

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2016, 08, 18

Da kann man nach 7 Jahren endlich die eigene Telephonnummer auswendig und stellt nach Erlangen dieser bemerkenswerten Fähigkeit fest, dass Wetten dass? nicht mehr existiert.

2016, 08, 17

Als ich den bekanntesten Zweizeiler der neueren germanomanischen Folklorelyrik zum ersten Mal hörte, fand ich ihn gar nicht so schlimm. Ich hatte aber auch etwas anderes verstanden: Wer Deutschland nicht liebt, / Soll Deutschland halt hassen. — Logisch nicht ganz sauber, dachte ich damals, aber: Word.

2016, 08, 16

Ich erwäge, eine Analyse der Twittereinträge Stefan Kretzschmars während der Olympiaübetragungen auszuloben. Kretzschmar, eine Art Til Schweiger mit guter Laune, ist ein phantastischer Stoff, an dem die Mechanismen der unfreiwilligen Komik untersucht werden könnten. Die Dotierung wäre gering, doch die Arbeit trägt den Lohn in sich. Die Erforschung wäre ohne Vorgaben, abgesehen vom Titel, der »Die Banalität des Blöden« lauten sollte. »Jetzt, Jungs Herzchen Herzchen, Go for Bronze !!einself« usw.

2016, 08, 16

Kalauer, die man sich erstmal trauen muss #29

Mein neues Hobby: Boddenturnen

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2016, 08, 14

Was Harting gemacht hat, ist schon okay irgendwie. Aber wer nicht mindestens die deutsche Fahne runterreißt und draufpisst, wird nicht mein Held der Woche.

2016, 08, 13

Ich habe übrigens auch als-es-noch-nicht-cool-war-Sprüche schon gemacht, als es noch nicht cool war.

2016, 08, 13

Ich war übrigens schon Antidemokrat, als es noch nicht cool war.

2016, 08, 12

Angeln ist nach 5 Minuten wirklich immer noch genauso langweilig wie nach 2.

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2016, 08, 10

Zu Gast bei Freunden

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2016, 08, 10

Kalauer, die man sich erstmal trauen muss #28

Die Renaissancebewegung des peinlichen Kalauers, der ich angehöre, geht hoffentlich bald in die Melonen geht.

2016, 08, 10

Ich war zu Besuch bei einem nahen Verwandten, der seit Jahren auf unappetitliche Ebenen des Denkens sinkt. Wir sprachen über die Ukraine, Putin und RT Deutsch. Die Diskussion wurde etwas heftiger; er attestierte mir Blindheit, mangelnde Konsequenz, Eskapismus und Bestechlichkeit. Es kommt nicht darauf an, dass er nicht begreifen kann, dass eine dritte Position zwischen Russland und der NATO möglich ist, dass die politische Forcierung des Ukrainekonflikts durch NATO und EU eine Sache, die Eroberung und Besetzung der Krim aber eine ganz andere ist. Es hätte im Grunde auch um die Farbe meiner Hosen gehen können, so wenig Wirkung zeigte irgendwas, das ich tatsachen- oder strukturbezogen den jüngsten Parolen von RT Deutsch entgegenhielt. An einem Punkt des Gesprächs aber gab es dann doch einen intimen Moment. Der Gesprächsteilnehmer machte sich vorrübergehend nicht erreichbar. Er erhob sich mittem im Satz aus den Kaffeetassen, schritt wortlos zu seinem Rechner, setzte sich die Kopfhörer auf und sah sich das neueste Video von RT Deutsch an. Es war eine Geste wie ein Moment der Wahrheit. Man kennt das aus dem Drama oder Film, wenn nicht die Rede, sondern die Szene selbst authentisch wird und (in diesem Moment) tatsächlich mehr sagt als alle Worte. Besorgt von ihm, der in dem gesamten Gespräch keinen Satz von etwas Wahrheit geäußert hatte. So konnte ich nicht verhindern, dass sich am Ende dieser Unhöflichkeit beinahe etwas Dankbarkeit in mein Empfinden schlich.

2016, 08, 10

Ich zeichne zur Zeit alle meine nicht ausschließlich freundlichen Briefe mit »Herzlich rügt«. Das kommt im allgemeinen sehr gut an.

2016, 08, 10

John Harvard, der Gründer von Harvard, hat übrigens nicht in Harvard studiert, sondern in Cambridge. Das war auch schwer möglich, weil er ja Harvard erst gründen musste. Hätte er aber dennoch in Harvard studiert, hätte er damit auch in Cambridge studiert. Ich gebe diese Information einfach weiter, weil ich nichts mit ihr anfangen kann.

2016, 08, 09

Nach sechs Jahren wieder in meinem alten Wohnzimmer. Was insofern gut passt, als ich inzwischen auch wieder spiele wie ein Sechsjähriger.

2016, 08, 09

Der Sohn (5) ist einer ziemlich heißen Sache auf der Spur: »Weißt du, ich denke gerne nach. Und ich träume gern. Das ist nämlich das gleiche. Denn was ich träume, das kann ich auch denken. Das passt doch gut zusammen, oder?«

2016, 08, 08

Ein befreundeter Ontologe fragte mich gestern, wie sich mir die Welt darstellt. Die Frage ist leicht zu beantworten.

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2016, 08, 06

Judo ist wirklich eine seltsame Sportart. Je höher das Niveau, auf dem sie betrieben wird, desto mehr gleicht sie einer Sandkastenkeilerei unter Besoffenen.

2016, 08, 01

Gedichte, deren Urheber zu sein ich stets leugnen werde #20

Die Laune des Despoten
Ist nicht leicht auszuloten.
Zwar kriegte auf die Pfoten,
Wer über ihn riss Zoten,
Zwar folgt man seinen Noten,
Lobt Säubrung und die Toten.
Allein:
Das Sprechen zu Idioten
Hat man ihm doch verboten.

2016, 07, 31

Und so ganz nebenbei erfährt man, dass die beste Trickserie aller Zeiten nach Jahrzehnten fortgesetzt wird.

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— Herr Professor, auch heute scheint die Welt noch nicht wieder in Ordnung.
— Mir schon.

2016, 07, 31

In England lassen sie echt jeden an die Uni.

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2016, 07, 30

Die Gespräche mit dem Sohn geben zur Zeit genug Material für ein Prosemiar her. Er tritt mit einem Büschel Gras an mich heran, während ich im Liegestuhl hänge, und verteilt es auf mir mit den Worten:

Im Spiel ist das dein Kühlsystem.
Ich frage erstaunt: Kühlsystem?
Ja, das hält dich kühl im Spiel, antwortet er.
Ich hake nach: Und in Wirklichkeit?
Er: im Spiel in Wirklichkeit.

Ich komme mir irgendwie ausgekontert vor.

2016, 07, 30

Geschichte des Denkens I. Der kleine und der große Andere

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2016, 07, 30

Dass die Handlungen, die wir tun, Bedeutung haben, dass wir damit was aussagen, auch wenn es uns widerstrebt, wird spätestens dann erfahrbar, wenn man im Einzelhandel für 20 Cent eine Einkaufstasche mit Aufschrift der betreffenden Firma erhält. Also Geld dafür bezahlt, seinen Einkauf nach Hause tragend, Werbung für die Firma zu machen. Es ist der Moment, in dem man begreift, dass man nicht Jürgen Klopp ist.

2016, 07, 27

Heute mal ein Eintrag im Twitter-Stil:

Star Trek Beyond ist scheiße.

2016, 07, 26

17. August 1986. Der Tag, an dem ich den Hip Hop erfand.

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2016, 07, 22

Glück ist, wenn der Kindergeburtstag vorbei und die Heliumflasche noch fast voll ist.

(Diesen Eintrag muss man eigentlich gesprochen hören.)

2016, 07, 22

Wenn Google+ eine erwähnenswerte Spur hinterlassen hat, dann die: Kurzzeitig als explosive Bedrohung angesehen, zwang es Facebook, einige Dinge umzustellen, u.a. die Begrenzung der Zeichenzahl bei den Einträgen aufzugeben (was google+ vorgemacht hatte). Seither ist man in der Lage, auf Facebook sowas wie Gedanken auszudrücken, während die Kommunikation z.B. bei Twitter immer noch vor-gedanklich ist. Der Grund, aus dem insbesondere Twitter mit Trollproblemen und substanzlosem Scheiß zu kämpfen hat, liegt darin. Twitter ist wie ein Debattierklub, den man nur mit verkelebtem Mund betreten darf. Folglich gewinnen dort immer die, die am besten grunzen können.

2016, 07, 22

Die Sache um Ghostbusters 2016 ist aus gleich drei Gründen absurd. Erstens, weil misogyn motivierte Filmkritik niemals satisfaktionsfähig ist. Zweitens, weil es lächerlich ist, ausgerechnet an einer Komödie die Haltung des heiligen Ernsts durchzuspielen. Und drittens, weil, wie man hört, die Mehrheit der Rasenden von Männern um oder unter 30 gestellt wird, die sich dennoch verhalten, als ob sie gerade ein Kuturgut der eigenen Jugend verteidigen.

Nun kann ja auch Ghostbusters in einem Kinderzimmer der späten Neunziger Jahre eine wichtige Rolle gespielt haben. Oder in einem des ersten Dezenniums des 21. Jahrhunderts. Aber die Jugendzeit wird auf der berühmtesten Dreckschleuder der Welt, bekannt als Twitter, ernstlich als Argument gegen die Herstellung eines Films angeführt. Da geht um ein Authentisches, das dem Neuen entgegengesetzt wird. Das Kinderzimmer wird in seiner Bedeutung über die persönlichen Belange gesteigert. Die Leute gerieren sich als Hüter einer Originalität, an der sie eigentlich nie teilhatten. Wenn man das aufs reale Verhältnis runterbricht, dann sagen sie bloß: Ich habe mich an den einen Film gewöhnt und will keinen anderen. Sie könnten einfach weggucken, aber dazu scheinen sie nicht gelangweilt genug.

2016, 07, 20

Folgende Karten veranschaulichen, was auch logisch zu vermuten stand, dass Trump nämlich bloß das Ende einer kontinuierlichen Entwicklung ist. Es gab schon früher tiefe Veränderungen gegenüber Lincolns Profil, so dass man eigentlich nicht davon sprechen kann, dass Trump die GOP zerstört habe (was man aber zur Zeit oft hört). Man sollte im übrigen nicht auf sein Gegockel reinfallen. Als Mensch ist Trump so skurril, dass er das, wofür er steht, durch Absonderlichkeit schon wieder etwas verdeckt. Trump ist libertär bis in die Kapillaren, mit einer Wendung ins Nationalistische. Deswegen passt er, einiger Macken zum Trotz, eigentlich ganz gut ins rote Umfeld. Und sein Erfolg ist genauso wie der Aufstieg der Tea Party Kandidaten letztlich eine Reaktion auf die demographische Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte, in der die Blauen strukturell die Oberhand gewonnen haben. Das heißt: Wenn nichts weiter dazukommt, gewinnt Blau immer die Wahl, sie haben die bessere Ausgangslage. Diese Lage führt bei den Roten zu verschiedenartigen Arten Reaktionen. Manche liberalisieren, andere radikalisieren sich. Im letzteren Zusammenhang müsste Trump zu sehen sein, der als aufsteigendes Phänomen ohne das Gefühl, eigentlich in der Minderheit und unterdrückt zu sein, nicht denkbar ist.

2016, 07, 17

Die vernünftigste Stellungnahme zum Putsch kommt von meinem Nachbarn. Er hat sich nämlich bislang noch nicht dazu geäußert.

2016, 07, 16

Independence Day 1 & 2 reproduzieren eigentlich den Plot der zwei Perserkriege: Überlegene Macht macht Invasion, unterschätzt die Einheimischen, kommt nach Jahren wieder, verliert erneut. Mit dem Unterschied, dass die reale Geschichte sich für ihren zweiten Teil (Salamis, Plataiai) was wirklich Originelles hat einfallen lassen.

2016, 07, 16

Um auf Nizza zurückzukommen. Natürlich wurde gestern Nacht auch darüber noch berichtet. Und alle, die keine 1 in Putschkunde haben, sind halt Terrorexperten. Bei der ARD sprach einer, der innerhalb einer Minute schaffte, a) darauf hinzuweisen, dass der IS schon vor Zeiten seine Anhänger dazu aufgerufen habe, Anschläge auf eigene Faust zu planen und durchzuführen, und b) in betreff der Motive des Attentäters von Nizza betonte, dass noch keine Beweise für seine Vernetzung mit dem IS vorliegen. Ich frage mich, ob die zwei Gehirne, die der Mann zu haben scheint, gelegentlich miteinander sprechen.

2016, 07, 16

Ich frage mich seit gestern Nacht, und ich bin tatsächlich erst einmal schlafen gegangen, ehe ich mir hier beschwere, weil Zeit ja nun eine Verbündete der Erkenntnis ist – aber gut, es blieb dabei, und ich frage mich also seit gestern Nacht, warum die Frage, für welche politische Richtung denn nun die Putschisten von Ankara/Istanbul tatsächlich stehen, eine so geringe Rolle spielt in der Berichterstattung und in den Kommentaren auf Twitter, Facebook usw. In neun von zehn Sätzen geht es um das Wie des Putsches, und es wird behandelt, als sei das Was gar keine Frage mehr. Wie kann man sich parteilich zeigen, ehe man weiß, wer die sind?

Das geht nur, wenn man davon ausgeht, dass sämtliche denkbaren Alternativen das kleinere Übel wären. Wenn man also, wie die Gewohnheit von Antiimps nachahmend, von einem festen Feindbild ausgehend und nach den Kontrahenten dieses Feindes gar nicht mehr fragend, das komplexe Feld der denkbaren Szenarien soweit runterdampft, dass am Ende ein überschaubares Ensemble von Möglichkeiten übrigbleibt, über das sich leger sagen lässt, jede seiner Möglichkeiten sei weniger schlecht als Erdogans Regierung.

2016, 07, 14

The Finest Hours. Selten einen so gut inszenierten Kitsch gesehen.

2016, 07, 13

Mir wurde heute attestiert, meine Begabung bestehe darin, »brillant an Problemen vorbeizuschreiben«. Das Statement hat mich sehr gerührt, weil sein Urheber so nah an die Wahrheit geriet wie sonst nur selten. Um ganz zu treffen, hätte er bloß noch vor »Problemen« das Possesivpronomen »meinen« hinzusetzen müssen.

2016, 07, 13

Mir fiel die Wahl, was zum Abend lesen?, gestern recht leicht. Vor mir lagen die Jugendschriften Hegels, Robert McKees »Story« und Wilson Geschichte der Fußballtaktik, die ich nun auch irgendwann mal zuende lesen muss. Ich entschied mich für eine Gewürzfibel aus dem Jahr 1972. Dort begegnete ich im Vorwort folgendem logischen Gesellenstück: »In unserem ABC soll Platz für alle Gewürze und Würzen sein. Genauer gesagt, für alle wichtigen.« Was ist das bloß für eine grausame Welt, in der man selbst das Verfassen von Gewürzfibeln Hegel überlassen müsste?

2016, 07, 11

An dieser Stelle noch einmal ein Dankeschön an Platini für dieses inkommensurable Turnier. Seine große Vision, auch dritt- bis viertklassigen Mannschaften zu ermöglichen, irgendwie ins Turnier und noch über die Vorrunde hinaus zu kommen, ist Wirklichkeit geworden. Natürlich musste er Kompromisse eingehen, und es wird die Aufgabe seiner Nachfolger sein, seine Idee reiner und besser umzusetzen. Der Leitgedanke lautet: Wir wollen niemanden ausschließen, und schon gar nicht, wenn er gerade verloren hat. Es kann nicht Ziel eines sportlichen Wettbewerbs sein, schwächere Mannschaften zu diskriminieren. Dereinst also sollte am besten gar keine Qualifikation mehr nötig sein. Alle Mitglieder der UEFA erhalten einen festen Startplatz bei der EM. Qualifikation wird natürlich trotzdem gespielt. Aus der Vorrundengruppe wiederum sollten sich dann nicht die ersten drei qualifizieren, sondern die ersten vier. Das gibt allen Mannschaften Zeit, sich in Ruhe einzuspielen. So könnte z.B. auch eine Mannschaft Europameister werden, die in den drei ersten Spielen dreimal Remis und ziemlich schlecht gespielt hat.

2016, 07, 10

Es muss passen. Dann geht es mir gut. Eine nicht einmal durchschnittliche EM braucht einen nicht einmal durchschnittlichen Sieger.

2016, 07, 10

Im Fernsehen läuft das EM-Finale. Ich laufe auch. Von Eberbach bis Pleutersbach und zurück.

Haha, verarscht. Ich gucke natürlich. »Die Rückkehr des Königs«. Dort fallen wenigstens Tore.

2016, 07, 10

Gott segne die Rentner, die mir mit ihren ungelenken und langsamen Bewegungen die Schnellschwimmerbahn blockieren und auf die Art einen Rest Ärger in meiner Seele erhalten. Ich müsste sonst, sonntagmorgens um 8 der süddeutschen Idylle schutzlos ausgeliefert, endgültig zum Bukoliker werden.

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2016, 07, 10

Harald Martenstein sagt, die AfD werde sich am Antisemitismus in den eigenen Reihen zerfleischen. Sören Heim sagt, das sei, als wollte man einen Stürmer auswechseln, weil er Tore schießt. Ich sage, wenn Harald Martenstein gegen Antisemitismus schreibt, ist das, als wollte sich ein Stürmer einwechseln, weil er die besseren Karikaturen malt.

http://diekolumnisten.de/2016/07/10/laengst-nicht-das-ende-der-afd/

 

2016, 07, 09

Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, engagiert zu sein. Der Stil dieses Textes ist mir zu exaltiert, die Pose zu wutbürgerlich (… schreit es heraus, teilt es, das ZDF darf damit nicht davonkommen usw.). Auch eine Polemik, die heißeste Textsorte, sollte mit kühlem Kopf geschrieben werden. Ich will das bemerkt haben, dass ichs bemerkt habe, bevor ich sage: An diesem Text ist jedes Wort wahr, und er bezeichnet genau den Stumpfsinn der Äquidistanz, unter der es stets wichtiger ist, ausgewogen zu sein als dem wirklichen Verhältnis Rechnung zu tragen. Ihr müsst es also nicht herausschreien, aber teilen dürft ihr es ruhig.

https://tapferimnirgendwo.com/2016/07/09/das-zdf-macht-alles-noch-schlimmer-und-darf-damit-nicht-einfach-so-davonkommen/

2016, 07, 09

Meine Frau grad: Ich könnte mir ständig Schreibtische kaufen.

2016, 07, 07

Es gibt auch traurige Nachrichten heute abend. Der Verfasser des besten Kochbuchs aller Zeiten ist gestorben.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gastronomiekritiker-wolfram-siebeck-ist-tot-a-1101938.html

2016, 07, 07

Dieses beruhigende Gefühl, wenn Thomas Müller am Ball ist. Man weiß, jetzt passiert erstmal gar nichts.

2016, 07, 07

Kommst du mit zu Patrick Ewing?, sagte er. Ich war sofort dabei. Der Held meiner Jugend, hier bei mir um die Ecke. Dann gingen wir ein paar Schritte, und ich wusste, dass es Zeit ist, mal wieder den Ohrenarzt aufzusuchen.

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2016, 07, 07

So muss man eine Dissertation beenden.

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(Bernadette Grubner: Analogiespiele, Bielefeld: Aisthesis 2016)

2016, 07, 06

Sylvester Stallone, der heute 70 wird, woran mich beschämenderweise erst Martin Winter erinnern musste, ist zugegeben kein besonders versierter Schauspieler, aber er beherrscht seinen Typus, den er wieder und wieder gespielt hat, perfekt. Das ist der etwas in sich gekehrte, langsame und gutmütige Riese. Also eine Art Hagrid, nur mit Humor. Und mit dem Zusatz, dass der Riese im charakterlichem Format und nicht unbedingt in der Länge des Körpers liegt.

Mit zunehmendem Alter trat bei Stallone ein elegischer, bald tiefsinniger Ton hinzu. Der gealterte, mitunter lebensmüde Held, das ist Stallones Paraderolle. Die macht ihn so sympathisch und sorgt dafür, dass sich der Eindruck seines Schauspiels einbrennt, obgleich es gar nicht so herausragend methodisch ist. Sein Spiel wirkt so authentisch, dass ich mir den Schauspieler gar nicht anders als seine Rolle vorstellen kann.

Das im Sinn holt mich eine alte Anekdote ein, die ich längst abgehakt hatte. Die erste BRAVO, die ich je in Händen hielt – es muss also Ende 1989 gewesen sein, und es war dann auch bald eine der letzten –, enthielt ein Bild, das Stallone privat am Strand zeigt. Er hatte Sonnenbrille, Muskelshirt und Badehose an. Unter dem Bild hatte ein Redakteur die Worte »Sly zeigt, was er hat« geschrieben. Ich blätterte weiter und dachte vor mich hin: Die Umkehrung müsste doch ebenso wahr sein: »Sly hat, was er zeigt.«

Ohne auch nur einen Film mit ihm gesehen zu haben, hatte ich die Formel seiner Schauspielkunst gefunden. Jetzt ist er 70, und es ist an der Zeit, ihm zu gratulieren und endlich gar die Mistflecken seiner Laufbahn (Rocky IV & Rambo III) zu verzeihen.

2016, 07, 05

Einfach mal an einem dieser schwarz-rot-gold bekleideten Häuser vorbeigehen und dem Unkraut rupfenden Bewohner über den Gartenzaun zurufen: Du weißt aber schon, dass Belgien draußen ist, oder?

2016, 07, 02

Ich frage mich manchmal, was in Leuten vorgeht, die die Formel »Liebe Alle« als Anrede verwenden.

2016, 07, 02

Ich vermute, er wird bald emphathisch über dieses ihm zuteilgewordne Unrecht berichten. Arbeitstitel: Holocaust 3.0

Lejeune

2016, 07, 01

Anamnesis: Kurz bevor man mich auf die Erde ins Leben schickte, wurde ich gefragt, ob ich lieber als Felix Bartels oder Tom Brych geboren werden will. Ich entschied mich ohne große Grübelei. Erst gestern wurde mir bewusst, dass das eine Falle war.

http://www.derwesten.de/sport/tom-bartels-in-brych-bettwaesche-aimp-id11968954.html

2016, 07, 01

Diese EM wird in die Geschichte eingehen als die, die nicht viel, am Ende dann aber doch diesen einen schönen Witz in die Welt gebracht hat:

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2016, 07, 01

Ein Wissenschaftler muss dort hingehen, wo es wehtut. (Das Wernesgrüner ist zum Nachspülen)

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2016, 06, 29

Mein Kalender sagt mir, morgen ist die nächste Kolumne fällig. Ich habe wirklich versucht, über die EM zu schreiben. Ernsthaft, es ging nicht. Manche Turniere sind besonders langweilig, aber selbst dann ist wenigstens die Frage interessant, warum sie das sind. Hier ist alles klar. Der neue Modus sorgt dafür, dass die Vorrunde gerade einmal 8 Teams aussortiert, so viele, wie nach dem alten Modus gleich weniger dabei gewesen wären. Mit durch rutschen so auch Mannschaften, die es nicht verdient hätten. Das seit der Pensionierung Figos chronisch überforderte Portugal etwa, das sich mit einem schlechten und zwei sauschlechten Remis ins Achtelfinale schnarchte. Also schreibe ich wohl doch wieder übers Wetter. Oder über Politik. Oder über das Schlimmste von allem: Fußballfans.

2016, 06, 29

Ich muss immer lachen, sobald jemand während eines Fußballspiels »Wenner rauskommt, mussern haben« sagt. Einfach, weil man das so oft hört. Eigenartigerweise sagt selten jemand das ebenso wahre Gegenteil: »Wennern hat, musser rauskommen«.

2016, 06, 26

So nämlich muss das.

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2016, 06, 25

Es passt jetzt vielleicht nicht zum Thema, aber der Gillette Fusion Flexball ist der Hammer.

2016, 06, 24

Ich wette übrigens, dass die EU schneller zerfällt als Großbritannien. Wenn es anders kommt, war das hier natürlich bloß Ironie. Wenn es aber eintritt, bin ich der größte Prophet aller Zeiten.

2016, 06, 24

Ein englischer EM-Sieg nach dem EU-Aus wäre sicher eine hübsche Pointe.

2016, 06, 24

Ich kann das Wort dass nicht leiden. Seit ich denken kann. Es hat sowas rechthaberisches.

2016, 06, 24

Natürlich missbillige ich den Brexit. Ich will im Herbst nach Japan fliegen, und bei sinkendem Euro kann ich dort nur halb so viel Geld ausgeben. Wenn es auch das einzige rationale Argument gegen den Ausstieg der Briten ist, so ist es doch ein starkes.

2016, 06, 23

aus der ZEIT: »Junge Linke haben Bezug zur Unterschicht verloren«.

Das soll wohl auch noch ein Vorwurf sein.

2016, 06, 23

Ich kann mir in etwa vorstellen, was ein Zentrum ist. Aber was politische Schönheit sein soll, bleibt mir schleierhaft. Das ist ein Ausdruck wie Fleischvegetarianismus.

2016, 06, 16

Wir reden viel zu selten übers Wetter.

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2016, 06, 11

Es ist eigenartig mit mir und diesen Gärten. Ich scheue die Gartenarbeit, und auch Besuche im Garten z.B. meiner Eltern mache ich nur widerwillig. Allerdings wenn ich einen Garten sehe, ein Stück angelegte Natur, das sich vom zufälligen Wuchs unterscheidet, dann werde ich bald feierlich. Vielleicht, sage ich dann ganz ohne Ironie, ist die Menschheit doch zu was gut. Aber dieses Gefühl bleibt theoretisch. Diese Gerüche, dieses Gekrieche und Gesumme. Der Garten bleibt doch Natur. Es zeigt sich in ihm also das Schöne, nur leider am falschen Stoff. Etwa so wie eine antike Venus aus Stinktofu.

2016, 06, 10

Ich wurde übrigens für die EM nominiert.

2016, 06, 08

Nach zwei Wochen sinnvoller Ernährung habe ich 6kg Körpermasse verloren. Noch zwei weitere kg, und ich bin so schlank, wie ich fett war, als ich das letzte Mal versucht habe abzunehmen.

2016, 06, 07

Ich habe die Formel ›Es gibt nur einen Rudi Völler‹ eigentlich immer als große Erleichterung empfunden.

2016, 05, 31

Folter bleibt Folter. Auch wenn sie sich als Werbung tarnt.

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2016, 05, 30

Zonen-Felix im Glück: Mein erstes Hochwasser.

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2016, 05, 20

Und dann gibt es da noch diese Leute, die mit dem Satz »Ich bin das Ergebnis einer Tupperparty« auch dann recht gut beschrieben wären, wenn er nicht stimmte.

2016, 05, 14

Manchmal habe ich bei Facebook den Wunsch, einem, der mich nie und den ich nie freunden würde, eine Feindschaftsanfrage zu schicken. Nur damit er auch sicher weiß, dass unser Nichtbefreundetsein kein Zufall ist

2016, 05, 09

Den Vermieter im Haus und mit ihm den ganzen Horizont badenwürttembergischer Mittelständigkeit. Er zu meiner Frau: »Wo ist denn die Rohrzange Ihres Mannes?«

2016, 05, 07

»The Purple Rose of Cairo« ist Woody Allens »Amphitryon« und leider einer seiner schwächsten Filme. Kleist lässt sein Stück mit einem »Ach« Alkmenes enden. Das Wissen, dass die platte Realität am Ende siegt, wird tief betrauert. Bei Hacks heißt es an derselben Stelle: »… ging auch nicht alles auf, es ging was vor«. Die Resignation, bloß die Wirklichkeit und nicht die Idee haben zu können, wird hier schöpferisch. Zwischen diesen Haltungen ist viel Raum, und Allen liegt zweifellos dazwischen, aber nicht auf der angemessenen Höhe. Es heißt bei ihm einfach, man müsse sich doch für die Wirklichkeit entscheiden. Das ist – abgesehen davon, dass es nicht stimmt – weder die Kleistsche Traurigkeit noch der philosophische Griff Hacksens, das ist Alltagsgequatsche. Und es passt, dass die Heldin am Ende, nach ihrer Entscheidung, doch aufs Kreuz gelegt wird. Bloß nicht vom Jupiter, sondern vom Amphitryon. Gleichwohl ist Allens Ansatz groß. »The Purple Rose of Cairo« handelt vom Hass des Künstlers auf sein Werk, vom Widerstand des Werks gegen den Künstler, davon, wie es ihn behindert und er ihm doch alles verdankt. Und wenn man die ewige Allen-Spezifik abzieht, der ja gegen das Komische und die Festlegung aufs dasselbe auch damals schon ankämpfte (lustigerweise aber meistens in Komödien), dann ist das doch eine Konfiguration, aus der man was hätte machen können, wenn nicht die Humorlosigkeit des Drehbuchs und die nicht gelungene Besetzung Besseres verhindert hätten.

2016, 05, 05

Jürgen Klopp bleibt Jürgen Klopp. Vermutlich ist er als Kind in einen Kessel mit Aufputschmitteln gefallen. Oder er hat in seiner Jugend eines späten Abends an der Bierflasche Christoph Daums genippt, ohne vorher abzuwischen.

2016, 05, 05

Mein jährlicher Vorsatz, mich bei Himmelfahrt nicht mehr für mein Geschlecht zu schämen als sonst auch, wird jährlich gebrochen. Es muss wohl an mir liegen.

2016, 05, 03

Ich habe gerade geschafft, Spargel anbrennen zu lassen. Mit einem Slowcooker.

2016, 05, 02

Heute gabs geheime Symbole in Trier.

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2016, 05, 01

Die Tendenz, in der Zurückweisung das Muster des Zurückgewiesenen zu reproduzieren, beschränkt sich nicht auf den Umgang mit Fremdenfeindlichkeit, Vegetarianismus oder Sexismus. Selbst die Neueste Rechte schafft es, den Glutkern des Völkischen in der Kritik des Nationalsozialismus noch zu bewahren. Ich habe — in der Meinung, satirisch Unüberbietbares zu setzen — vor ein paar Wochen gescherzt, dass ich nun noch darauf warte, dass der erste AfD-Vertreter sich vom Nationalsozialismus mit dem Satz abzugrenzen versucht, Hitler sei eine Schande für das deutsche Volk gewesen. Gauland legt jetzt, zaghaft und mit total lieb gemeinter Rhetorik, in dieser Hinsicht vor. Ich darf also weiter warten, aber befugt.

»Hitler hat sehr viel mehr zerstört als die Städte und die Menschen, er hat den Deutschen das Rückgrat gebrochen«

2016, 04, 28

Gedichte, deren Urheber zu sein ich stets leugnen werde #19

Es muss ein schlechter Wandrer sein,
Dem niemals fiel das Wandern ein.

2016, 04, 28

Jane Got a Gun: Frau zwischen zwei Männern. Müssen zu dritt die Bösen bekämpfen. Einer der Männer stirbt dabei. Wie praktisch.

2016, 04, 27

Neulich fahre ich in Walldorf am SAP-Quartier vorbei. Meine Vorurteile sagen mir, dass das jene kleine Welt ist, in der sich alles um den Narzissmus eines Mannes dreht. Ich stelle mir vor, dass es dort Kaffeetassen mit dem Emblem der TSG Hoffenheim gibt, große Portraits von Dietmar Hopp an der Wand und dass man sich dort gegenseitig Biographien des großen Mannes zum Anlass der Beförderung schenkt. Ich rufe mich zur Ordnung. So viel Karikatur verträgt keine Wirklichkeit. Dann blicke ich von der Straße auf und sehe das Schild: Dietmar-Hopp-Allee.

2016, 04, 25

Was tot ist, kann nicht sterben. Dieser in Game of Thrones rauf und runterskandierte Satz, der kaum mehr Sinn enthält als Feststellungen wie ›Der Mensch ist ein Mensch‹, scheint einen hintergründigen Zusammenhang erst in Bezug auf die Serie selbst zu erhalten. Was von Anbeginn nichts wollte als Wirkung machen, das lässt sich durch keinen noch so begründeten Vorwurf, dass hinter dieser Wirkung nur Leere stecke, zugrundebringen. Was immer schon tot war, widersteht jeder Methode des Totschlags.

Einen fröhlichen Start in die sechste Staffel also, und macht das Licht an, denn dunkler wirds nicht.

2016, 04, 23

Ich habe überhaupt kein Problem damit, Autorenphotos machen zu lassen, solange ich nicht drauf bin.

13076966_10209290971293938_2745941845990003487_n(Dank an die Agentur Buckow)

2016, 04, 21

Ich sitze, meinen Sohn begleitend, mit übler Laune in einem Puppenspiel. Der Saal ist zu heiß, die Organisation schlecht, die Darstellung affektiert wie unlustig, und die Handlung langweilig. Mein Mangel an Bereitschaft, dieser Truppe weiteren Kredit einzuräumen, schlägt in die entschlossene Neigung um, ihr alles übelzunehmen. Dann tritt der Schurke des Stücks auf. Es ist ein sinistrer Zauberer namen Silberbergoch Antisemiten.

2016, 04, 08

… dann sagte er, »Fight Club« sei ja doch ein ziemlich zäher Film, der abgesehen vom späten Twist, dass die beiden Hauptfiguren dieselbe Person sind, nicht viel zu bieten habe, und obwohl ich ihm über diesen Film keine andere Meinung habe, hörte ich mich plötzlich sagen: Na schönen Dank auch, ich wollte ihn mir noch ansehen.

2016, 04, 08

Heute gleich hinter Heidelberg hab ich mir dann einen alten Jugendtraum erfüllt: im Auto fahren und Funny van Dannens »Nachdenken im Auto« singen.

2016, 04, 07

»Felix, qui potuit rerum cognoscere causas«

Ein sehr alter Kalauer. Vergil reißt ihn jedesmal, wenn ich ihn in der Hölle besuche.

2016, 04, 01

Der 1. April ist nun tatsächlich der eine Tag im Jahr, an dem ich alles genauso meine, wie ich es sage.

2016, 03, 27

Dass das Christentum wichtiger als der Marxismus sei, ist demnach der eine Satz, auf den sich Margot Käßmann, Matthias Matussek und Bodo Ramelow einigen könnten. Soviel zu den Frontlinien; sie interessieren nur, wenn man in die Gäben kotzen möchte. Der Satz selbst aber ist ein Bekenntnis zwar, doch ein unehrliches. Und insofern wieder interessant. Er versäumt zu klären: wichtig für wen? Wichtigkeit überhaupt kann nicht politisch, sondern allenfalls epistemologisch verstanden werden, da das Politische ja immer schon partikular (also andere Interessen ausschließend ist), während Erkenntnis darüber hinaus zielen muss. In betreff der Erkenntnis kann kein Streit herrschen. Der Marxismus klärt nicht alle Fragen. Das Christentum klärt alle Fragen nicht. Seine Wichtigkeit bezieht sich aufs Gesellschaftliche (Ethische oder Politische). Der Philosophie taugt es allenfalls als Stoff, als den hervorragende Philosophen es dann ja auch immer wieder behandelt haben. Wer das Christentum für wichtig erklärt, erklärt damit immer nur, dass es für ihn selbst wichtig ist. Und dass das Christentum für Ramelow wichtiger sei als der Marxismus, ist nun auch nicht unbedingt eine Nachricht, die eines weiteren Beweises bedurft hätte. Exemplarisch für Ramelows verschämte Weise, Opportunismus zu pflegen, der nichts und nicht mal von sich selbst was wissen will, bleibt das Gestammel dennoch.

http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/linker-ministerprasident-spiritualitat-ist-wichtig-fur-das-gemeinwesen

2016, 03, 27

Margot Käßmann will dem Terrorismus mit Liebe begegnen, was eine weitere Auflage jener abgezockten Unschuld ist, bei der ungebrochene Friedensliebe in Kollaboration mit ihrem Gegenteil umschlägt. Nie wurde diese Haltung präziser gezeichnet als in der Figur des Eric Todhunter aus »The Lady Vanishes«, die, befreit vom Lächeln der Seelsorgerin, die neurotische Struktur des ganzen Appeasements freilegt. Ich kündige zur Zeit entschieden häufiger an, als ich umsetze, aber ich habe vor, auch dazu was zu schreiben. Demnächst in diesem Kino.

2016, 03, 27

Ostern entzückt vor allem als kumulatives Familienfest. Indem man sich nämlich freuen darf, bei der Suche nicht nur die Geschenke von diesem Jahr zu finden.

2016, 03, 24

Johann Cruyff ist tot. Er erst hat den Fußball wirklich zivilisiert. Die Wahrheit klingt manchmal sehr pathetisch, aber das ist nicht ihre Schuld.

2016, 03, 21

Was kommt heraus, wenn man eine komplexe Koordinatenbeziehung auf einer Fläche abbilden muss? Richtig, ein Sternzeichen. Für Montagmorgen geeignet. Sonst zu nichts zu gebrauchen.

Koor

2016, 03, 17

Zelos hat gerade angerufen: »Du nervst selber!« Ich fahre heute aber trotzdem nach Chemnitz.

2016, 03, 15

Kalauer, die man sich erstmal trauen muss #27

Nora ist er dann doch noch eingefallen, der schlechte Witz zum gestrigen Tag. »Du hast«, sagte sie, »die Prüfung mit brumma cum laude bestanden.«

2016, 03, 14

Ich raffe mich nach Monaten endlich wieder auf, ein paar Texte zu schreiben. Als erstes werde ich mich wohl mit den im Takt der Wahlen aufscheinenden Ausbrüchen gegen die oder besser: den Nichtwähler beschäftigen (denn ein Singular ist, was man aus ihnen macht). Ein Thema wie eine Imbissbude: heiß und fettig.

2016, 03, 14

Große Tragik ist, wenn man die Fahrprüfung bestanden hat und einem kein Witz einfällt, worin man diese Belanglosigkeit anderen mitteilen kann. Sich mit den eigenen Misserfolgen brüsten ist irgendwie ergiebiger.

2016, 03, 11

»Ich habe ihn zeitlebens als meinen Lehrer betrachtet. Er redete ja viel und oft. Daher nannte ich ihn auch privat Dozent.«

aus: Eine Professorenwitwe packt aus. Bericht aus dem Leben einer Professorenwitwe, Stuttgart 1953.

2016, 03, 10

Mein Freund Rapoport ist mal wieder unzufrieden mit mir. Zuerst bei diekolumnisten.de, jetzt im eigenen Wohnzimmer. Aber am Ende lobt er mich doch noch, der alte Schisser:

»Da, wo er sich kritisch zur elften Feuerbachthese äussert, um die philosophische Praxis vor der Praxis des Schlagetot zu retten, da kann ich ihm nur beifallen. Offene Debatten verlangen nach einem Abstand zwischen Handeln und Denken. Das befürwortet nicht die Abkoppelung oder das Gegeneinandersetzen dieser beiden Modi der Lebensbewältigung. Es geht lediglich um eine gewisse Verzögerung; Bartels fordert einen Spalt zwischen Denken und Handeln, keinen Abgrund. Es ist dieser kleine Spalt, der den Menschen vom Tier trennt. Er ermöglicht überhaupt nur, einen Gegenstand des Bewegungsdenkens zu einem Gegenstand offener Debatten zu sublimieren.«

Auf den Satz mit dem Tier bin ich richtig neidisch.

2016, 03, 03

BILD übertrifft sich mal wieder selbst. Regelrecht zwanghaft, getrieben von der morbiden Lust, das Unverknüpfbare doch zu verknüpfen, behauptet sie, Favre stehe vor einem Wechsel zu Schalke.

favre

2016, 03, 03

Postnazistische Belastungsstörungen #999

Lieber Herr Goppel, lassen Sie sich von beholfener Seite versichern: Sie haben mehr als bloß 12 Jahre üblen Unfug gemacht.

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2016, 02, 29

Ich und mein Fahrlehrer. Vorvorletzte Folge:

Er: Hasch am 7. Zeit fürde zweite Prüfung?
Ich: Nee, da kann ich nich.
Er: Kansch am 14.?
Ich: Geht. Naja, passt nicht gut. Aber geht.
Er: Okay, dann machmas.
Ich: Wolln wir den Termin für die dritte Prüfung auch gleich noch ausmachen?

2016, 02, 29

Ich weiß schon seit etwa einem Jahrzehnt nicht mehr so genau, wie alt ich gerade bin. Ich muss immer erst rechnen, damit ich es wieder weiß. Ich vergesse es gleich wieder. Meine Geburtstage verschwimmen in der Erinnrung. Die Zahlen sind gestaltlos. So alt bin ich. Aber ich habe spät, doch immerhin noch vor dem Greisenalter, herausgefunden, was mein Traumberuf ist. Ich möchte der Mann sein, der am Ende des Laufbands in der Eierfabrik die einzelne Hühnerfeder in die Pappverpackungen legt, bevor die geschlossen und auf den Weg ins Regal gebracht werden. Millionen Menschen öffnen dann ihre Eierpackungen und denken an mich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es.

2016, 02, 26

Es ist schon vorgekommen, dass FJ Wagner zu fortgeschrittener Stunde das 32. Bier für das 26. gehalten hat. Mit den amerikanischen Präsidenten aber geht es ihm selbst dann so, wenn er nüchtern ist.

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2016, 02, 26

Ich möchte an dieser Stelle einmal festhalten, dass ich Peter Lustig noch nie leiden konnte. Gründe dafür habe ich keine. Aber da ist er selbst schuld. Er hat mir nie welche gegeben.

2016, 02, 25

Das ist nicht das Facebook, für das wir 89 auf die Straße gegangen sind.

2016, 02, 24

Mit seiner erweiterten Resonanzfunktion ist Facebook zwar optisch auf das Zeitalter der Internetforen zurückgeworfen, doch das Gefühlspektrum hat sich damit von 1 auf 6 gedehnt. 6 Gefühlszustände, das klingt immer noch irgendwie nach Vorschule, wer das aber bemängelt, sollte bedenken, dass es immerhin ganze 5 mehr sind, als dem Jebsen Ken zur Verfügung stehen.

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2016, 02, 24

Ein Topos im Wandel:

Wer zu viel liest, kriegt Kopfschmerzen. (Sokrates)
Lesen verdirbt den Charakter. (Platon)
Gar nich wahr! (Aristoteles)
Der Vielleser ist die Negation des Bibliomanen. (Magister Tinius)
Lesen stört beim Schreiben. (Balzac)
Schreiben stört beim Lesen. (Eco)

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2016, 02, 23

Mir sind die, die schlechte Witze machen, lieber als die, die Witze schlechtmachen. Letztere sollten aber nicht verwechselt werden mit denen, die Witze schlecht machen.

2016, 02, 22

Das selbstfahrende Auto sollte längst erfunden zu sein. Das wird aber schwer werden in einem Land, worin immer noch ca. 90% der Teilnehmer ohne Automatik fahren. Hier wird noch von Hand geschaltet. Der deutsche Mann lässt sich von einem Computer nicht vorschreiben, wann er zu schalten hat. Er kriegt keine Kopfrechnung ohne Taschenrechner hin, aber Schalten muss sein.

2016, 02, 22

Dass ich in dem Moment, als der Fahrprüfer mich durchfallen ließ, dachte: ›Er sieht aus wie Julius Streicher‹, mag dem Ärger geschuldet gewesen sein, aber stimmen tat es trotzdem.

2016, 02, 21

Wenn ich vor ein paar Monaten öffentlich gesagt hätte, was ich dachte, nämlich, dass Trumps Chancen, zum Kandidaten der Roten zu werden, gegen Null gehen, stünde ich jetzt ganz schön dumm da. Wie gut, dass niemand diese Fehlleistung mitbekommen hat.

2016, 02, 20

Ein instruktiver Text zum Konkurrenzverhältnis von Psychoanalyse und Verhaltenstherapie. Mit einem wunderbaren Gleichnis: Die VT behandelt ein persönliches Problem wie einen Tumor, den man herausschneiden muss; die PA sieht es mehr wie ein Stechen im Bauch, das da ist und die Frage aufgibt, warum es aufgetreten ist. Auch das Problem der selbsterfüllenden Prophezeihung aller PA ist angesprochen, aber nicht als Einwand, sondern als unvermeidliches Paradoxon. Das weist darauf, dass die Sehnsucht nach einer wissenschaftlich exakten Psychologie selbst irrational ist. Was ich bislang überhaupt nicht berücksichtigt hatte, das ist die gesellschaftliche und wirtschaftliche Dimension des Konkurrenzkampfs zwischen PA und VT, die der Text hier anführt. Ich habe diesen Kampf immer philosophisch betrachtet: Bei der PA dient das Begreifen dem Heilen, die VT versucht zu heilen, ohne dass der Patient zwingend begreifen muss. Dieser Unterschied ist tief und reich an Implikationen, und es konnte den Sieg der VT erklären, da die kurzen Lösungen der VT dem menschlichen Bedürfnis nach Bequemlichkeit eher entgegenkommen. Dass aber die VT einfach billiger zu machen ist und größere Patientenmengen schneller durchgebracht werden können, dass mit einem Wort der Apparat des Gesundheitswesens bei diesem Kampf der Modelle eine Rolle spielt, ist zwar irgendwie langweilig, aber doch wohl ein handfester Grund, der den ganzen Käse der zurückliegenen Jahrzehnte erklären kann.

https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/auf-die-couch

2016, 02, 20

Eingekeilt zwischen Leuten, die sich in Härte gegen Flüchtlinge üben, und solchen, die in der Absetzung von eben diesen eine Gelegenheit ergreifen, lange eingeübte Ressentiments gegen den Osten rauslassen zu dürfen, beginne ich zu begreifen, welch revolutionärer Akt im Entschluss Goethes und Schillers gelegen haben muss, eingekeilt zwischen französischem Terror und deutsch-romantischer Reaktion darauf, das Gespräch über Epos, Drama und Roman fortzusetzen, ganz so, als sei die Zeit dazu bereits angebrochen. Zeit für Kunst ist nie. Deswegen ist sie immer.

2016, 02, 20

Ich habe irgendwann nach »Baudolino« aufgehört, Eco im Turnus seiner Romane mitzulesen. Den »Friedhof in Prag« kaufte ich aus einer Laune noch am Frankfurter Hbf, weil ich drei Stunden überbrücken musste. Ich weiß nicht, was drinsteht, obwohl sein Thema eigentlich eine meiner Spezialitäten ist. So sehr hatte ich von Eco genug. Vielleicht mochte ich ihm nicht verzeihen, dass es nach dem »Namen der Rose« nur noch bergab ging, und wahrscheinlich ist das nicht fair, denn vom »Foucaultschen Pendel« abgesehen (dieser nicht nur schlecht, sondern gar nicht konstruierten, wirren Erzählung als Träger ebenso wirrer wie träger Ideen), sind die restlichen Romane durchaus lesbar und gar nicht mal so schlecht. Sie hatten nur das Pech, dem »Namen der Rose« folgen zu müssen, der für mich immer das Urbild eines historischen Romans sein wird, zudem eine meiner ganz tiefgreifenden Leseerfahrungen zu einer Zeit, als mein Kanon im wesentlichen aus Brecht & Goethe bestand. Es war, als ob Eco ihn eigens für mich geschrieben hatte, die zwei mächtigen Bedürfnisse nach a) philosophischem Gedankenspiel und b) interessanter und komplexer Handlung zu befriedigen. Beide Eigenschaften gehen in der Epik nur sehr selten zusammen, und noch seltener bei wirklich guten Schriftstellern, die sich instinktsicher für eine der beiden Seiten entscheiden. Dafür mochte ich Eco und werde ihn immer mögen. Das Leben brachte uns irgendwann auseinander. Ich verfolgte sein Treiben nicht mehr, er meines sowieso nicht. Das war okay für uns beide, denke ich.

2016, 12, 19

Irgendwie banal zu sagen, was ohnehin alle wissen und immer wieder gesagt haben, aber Hitchcock war ein Genie. Man muss das wiederholen, was alle glauben, meinetwegen bis es keiner mehr glaubt. Aber man muss es wiederholen, weil es wahr ist. Die Kameraführung, das Spiel mit den Gesichtern, die Erzählkunst, all das, worin Hitchcock so gut war, wirkt wie ein groß inszenierter Anlass, am Ende jenes eine wunderbar umfangreiche Interview geben zu können, dessen Titel zusammenfasst, was den Zuschauer dieser Filme bewegt: »Wie haben Sie das gemacht, Mr. Hitchcock?« Denn an Hitchcock ist das Wie interessanter als das Was. Die Filme selbst sind, wie genial auch immer, oft schwer genießbar. Das liegt daran, dass selbst Hitchcocks Kunst historisch ist und daran leidet, im vor-ironischen Zeitalter gewachsen zu sein. Im Grunde müsste man alle diese Filme noch einmal drehen, mit derselben Regie, denselben Einstellungen, demselben Ton, derselben Handlung, im Dialog, okay, vielleicht etwas nachgerüstet. In jedem Fall aber mit anderer Spielweise der Schauspieler. Weniger steif, weniger naiv, weniger unschuldig. Das Klare, Reine usw. gebrochener. Von Ironie, Ambivalenz und ähnlichem. Aber dieser Gedanke schmeckt bitter, noch bevor man ihn richtig durchgekaut hat. Irgendwas stimmt da nicht. Es gibt etwas in der vor-ironischen Spielweise, das aufhebenswert scheint. Etwas, das es heute kaum noch gibt. Das ist eine Distanziertheit, eine Zurückhaltung in der Spielweise, getragen von der absoluten Stille, in der Dialoge in den alten Filmen gesprochen werden. Diese Kühle und innere Beherrschtheit müsste, wo sie nicht vom Eindruck der Unschuld gestört ist, auf eine Weise cool wirken können, die heute nicht nur verloren ist, sondern einfach noch nie da war.

2016, 02, 18

Die NPD verspricht auf einem ihrer Plakate: »Wir schieben ab.« Ich verstehe das Verb natürlich intransitiv und freue mich schon.

2016, 02, 17

Wenn man Wahlbenachrichtigungen noch zerreißt, bevor man sie wegwirft, weiß man, dass das Nichtbeteiligtbleiben am gesellschaftlichen Verkehr in Engagement ausartet. Dann kann man im Grunde auch gleich wählen gehen.

2016, 02, 16

»Wenn man den Rechner anmacht: Israel. Wenn man die Zeitung aufschlägt: Israel. Wenn man den Fernseher einschaltet: Israel. Wenn man irgendwo in Europa einen Stein umdreht – wahrscheinlich stößt man auf Israel. Vom Nahost-Konflikt über den Terror in Europa bis hin zum Islamismus: Israel wird für alles verantwortlich gemacht, was auf dem Kontinent schiefläuft.«

Jakob Augstein ist ein Fachmann. Er erkennt eine Obsession, wenn er ihr begegnet.

2016, 02, 13

Ein Mensch namens Anke Engelke hat auf irgendeiner Berliner Ranwanzgala, bei der das neurotische Volk, das man hierzulande für prominent hält, der Welt zeigen möchte, dass es zwar nicht mittendrin, aber irgendwie doch dabei ist, gegenüber George Clooney einen Witz gemacht. Einen Witz über Leipzig. Vor Kühnheit zitternd. George Clooney lächelte höflich, stieg ins Flugzeug, das ihn zurück nach New York brachte, wo er, wie jeden Morgen, den Feinkostladen Sid’s aufsuchte, Kaffee und Bagel zu sich nahm und die Zeitung aufschlug. Dort stand auf S. 18 eine kleine Meldung, derzufolge eine deutsche Moderatorin in seinem Beisein das bekanntlich gesamtdeutsche Phänomen von Fremdenhass und Nazitradition als ein spezifisch sächsisches ausgegeben habe. Unter gedankenfreiem Gejohle der Berliner Schickeria, die das Glück jenes kontinuierlichen Reinigungsrituals empfand, dem man als Deutscher teilhaftig wird, indem der bundesdeutsche Dreck zu einer bestimmten Gruppe oder einer bestimmten Region Beiordnung findet, der man selbst natürlich nicht angehört. »Diese Krauts«, dachte Clooney und erinnerte sich an Anke Engelke, wie sie da stand mit dem dummen Ausdruck in ihren Augen. Dann trank er seinen Kaffee aus, gab Sid die Zeitung zum Fischeinwickeln, verließ den Laden und dachte nie wieder an sie.

Ähnlichkeiten mit einer Szene aus den »Monuments Men« können nicht geleugnet werden. Sie sind weder zufällig noch unvermeidlich, sondern beabsichtigt.

2016, 02, 12

Coole Eltern nennen ihre Kinder nicht Barbara, sondern Darapti.

2016, 02, 12

Ohne Barbara wäre Deutschland immer noch genauso mies. Tut mir leid, Barbara.

Barbara

2016, 02, 12

Hurra, ich habe Wirkung:

»Keiner will Nick Tschiller sehen«
(n-tv, 9.2.2016)

»Was immer geschieht:
Nie dürft ihr so weit gehen,
Den Schweigerfilm, den ihr verreißt,
Auch noch zu sehen.«
(Bartels, 27.12.2015)

2016, 02, 11

Man versteht wirklich einiges über die fortgesetzten Angststörungen eines Volks, wenn man z.B. berücksichtigt, dass es seine Kinder ein Jahrhundert lang und länger mit den Worten »Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt« ins Bett geschickt hat.

2016, 02, 10

Eine Welt zu schaffen, das ist gar nicht so leicht. Selbst Gott ist daran gescheitert.

2016, 02, 10

Die von Jewsei Liberman erdachte Einheit von Plan und Markt als ikonographischer Ausdruck:

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2016, 02, 09

»Kennen Sie das? Sie gehen am Sonntag in den Gottesdienst …«

Nein.

2016, 02, 08

Ich kenne Roger Willemsen eigentlich nur im Vorbeirauschen. Wir hatten immer irgendwie unterschiedliche Fahrtrichtungen. Als er das sehbare Fernsehen erfunden hatte, beschloss ich, nicht mehr hinzusehen. Kam ich endlich in das Alter, sein Betragen interessant finden zu können, machte er sich mit gelegentlicher Naivität in politischen Fragen schwer erträglich. Dass mir das überhaupt auffallen konnte, verdankt sich dem Umstand, dass man ihn wirklich eine Erscheinung nennen muss. Er hatte in der Tat so etwas wie eine natürliche Vornehmheit. Erhabenheit. Roger Willemsen hatte Haltung. Und einen Haltungsschaden. So ein Zusammenfall ist sehr selten.

2016, 02, 04

Wieder ein Double Feature*

Gedichte, deren Urheber zu sein ich stets leugnen werde #18
Kalauer, die man sich erstmal trauen muß #26

Es schmerzt das Hirn, es juckt die Neese,
Wenn ich Vera Lengsfeld lese.
Der Farbenlehre ist zu traun.
Sie weiß, aus rot-braun-schwarz wird braun.
Aus links & rechts & deutschem Bär
Stellt nämlich sich die Querfront her.
Wo links dann aber doch wegbleibt,
Die Querfront sich zur Lengsfront leibt.

—-
* Ich hätte gern ein Pseudonym, dem ich derartige Ergüsse zuschieben kann. Der Geruch der Gebrauchslyrik haftet dieser Hervorbringung derart an, dass ich Feinerfühlende um mildernde Hinweise bitte. Die Mittel des Agitprop seien hier mit einer Penetranz eingesetzt, dass man davon ausgehen müsse, es handle sich um eine Parodie dieses Genres, durch die die Kritik am politischen Stuss der Lengsfront auf der stilistischen Ebene in verschränkter Weise reproduziert werde. Ihr aber, wenn es so weit sein wird, dass nur noch Poesie als Poesie gilt, gedenkt meiner. Mit Nachsicht.

2016, 02, 02

Der wahrscheinlich verbreitetste Pawlowreflex der Welt: bei Ansicht dieses Bilds sogleich »I got you Babe« im Ohr.

2016, 01, 31

Dante hat stark untertrieben. Es gibt nicht bloß sieben Höllen. Auf 10 Deutsche kommen durchschnittlich 15 stumpfsinnige Weltanschauungen. Und jeder Stumpfsinn macht seine eigene Hölle. Aber jede einzelne Hölle ist schlimmer als alle zusammen.

2016, 01, 30

Es passt irgendwie, dass das wohl einzige Mal in meinem Leben, dass ich beschloss, den Tag über einfach nicht die Schlafkleidung auszuziehen und dieses Prinzip der Lottrichkeit bis zur kommenden Nachtruhe durchzuhalten, im Herannahen dieser Ruhe noch, also wenige Zeit vor der Ziellinie, ein Brand im Nachbarhaus den Strich durch die Rechnung macht.

Wie schon Karl Lagerfeld (so oder so ähnlich) feststellte: Wer die Jogginghose ausziehen muss, um sein Zuhause zu verlassen, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

2016, 01, 30

Interessanter Text. Hab ihn gleich beim Frühstücken durchgelesen.

Multitasking is Killing Your Brain

2016, 01, 30

In Mauer, unweit von Hoffenheim, kann man sie noch treffen: Mauer-Schützen.

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2016, 01, 29

Die Flüchtlingsgespräche von heute finden überall statt. Nur dass Ziffel besoffen und Kalle paranoid geworden ist. Keine Bahn, kein Büro, kein Supermarkt, keine Kneipe, kein Verwandtenbesuch, ohne dass man von diesem Thema bedrängt wird. Es ist nicht nur der Überhang völkischer Meinungen zum Thema, es selbst belästigt, weil es alle Bereiche und Beziehungen durchdringt. Es ist anders als sonst. Man bekommt keinen Rückzug. Gewöhnlich kann man, wenn man nicht jedesmal mit dem Volk sprechen will, sich diskret zurückziehen, Desinteresse oder Unbedarftheit heucheln. Hier lassen sie einen nicht. Der Unpolitische ist ihnen ebenso verdächtig wie derjenige, der ihnen widerspräche.

2016, 01, 29

Die Backstagetoilette in Lisas >Polittbüro< wird hauptsächlich von Kleinkünstlern benutzt, wie man sieht.

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2016, 01, 28

Die Bildvorschaufunktion von Facebook zeigt erste Anzeichen von Intelligenz:

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2016, 01, 27

Das ist ein Strichmännchen.

Sei kein Strichmännchen.

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2016, 01, 26

Mein Blumenkohl heißt wie ein rumänischer Diktator, sieht aber nicht so aus.

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2016, 01, 26

Der Volkstümliche Beobachter stellt sein ehrgeiziges Projekt eines neuen Wörterbuchs der politischen Ideengeschichte vor. Vielleicht war es dennoch unklug, die Vorveröffentlichungen ausgerechnet mit einem U-Boot-Artikel zu beginnen. Die ursprüngliche Bedeutung des Ausdrucks ›Antisemitismus‹ ist: Feindschaft gegen Juden. Der Begriff wurde exakt so von Wilhelm Marr intendiert und vorsätzlich dazu geprägt. Es gibt keine Geschichte des ›Antisemitismus‹ vor dem Antisemitismus. Das nicht wissen zu wollen und sich auf eine pseudische Etymologie herauszureden, dernach die sprachliche Struktur des Begriffs wichtiger sei als seine inhaltliche, gehört ins Repertoire heutiger Verunklärer, die nicht mögen, wenn man sie als das bezeichnet, was sie sind. Dass diese Nebelkerze allerdings zum Einsatz kommt, um die Hamas zu exkulpieren (und nicht nur wie üblich: aufrechte Deutsche), ist selbst für die Verhältnisse der Bürgerlichen Mitte von Deutschland eine neue Qualität.

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2016, 01, 18

Ein Gefühl wie beim Zahnarzt, wenn der Fahrgast, der ohne Reservierung neben einem Platz genommen hat, den Mund öffnet und man am Dialekt die Gewissheit erhält, dass er auch bis Mannheim fährt.

2016, 01, 16

Neulich sagte ich zu meiner Frau: Krämer gilt ja als schwierig. Sie sagte: Weißt du, viele würden sagen, du seist schwierig. Da hab ich dann erstmal zwei Wochen nicht mit ihr geredet.

2016, 01, 16

In der Bahnhofsbuchhandlung nebeneinander sieben verschiedene Bücher zu Schmidt. Es ist auch wirklich ein häufiger Name.

2016, 01, 15

Übermorgen in Hamburch, morgen im ICE, heute am Schreibtisch. Es wird wohl das erste Mal, dass ich einen Text, den ich am Ort vorzutragen habe, erst auf der Hinfahrt schreibe.

Thema wird sein: ›Unterm eigenen Niveau schreiben‹.

Ich werde also alles getan haben, diesem Anspruch gerecht zu werden.

2016, 01, 14

Wir sollten in der Stunde seines Todes davon absehen, Hans Gruber vorzuwerfen, dass er es 1988 auf dem Dach des Wolkenkratzers in LA nicht schaffte, die schlimmsten Fortsetzungen der Filmgeschichte zu verhindern. Er hat es wenigstens versucht, was man von uns nicht behaupten kann.

2016, 01, 11

Das Schnarch-und-Röchel-Drama »The Revenant« gewinnt den Golden Globe. Und das ist auch ganz verdient. So viel Dynamik, sprühenden Witz, dialogische Brillanz, so viel dramaturgische Finesse & Kurzweil hat es seit Viscontis »Tod in Venedig« nicht mehr gegeben.

2016, 01, 10

Der Sohn hat vor einer Woche beschlossen, Vegetarier zu sein. (»Weißt du, kein Tier stirbt gerne.«) Und lebt sehr gut damit. Das einzige Problem: Er mag 9 von 10 Gemüsesorten nicht essen. Gerade hat er von der Pizza Aubergine, Zucchini, Paprika und Brokkoli abgeräumt und mich gefragt, ob wir Ananas haben. Hatten wir. Von der Idee, 10 rohe Karotten auf die Pizza zu legen, konnte ich ihn gerade noch abbringen.

2016, 01, 09

Die nicht selten von öffentlichen Erklärungen begleitete Entfreundung ist mittlerweile ein Zeitvertreib von solchen Ausmaßen, dass sich ernstlich die Frage stellt, ob Marxens ökonomisch-philosophische Handschriften nicht einfach falsch gelesen wurden, seit da einmal das Schlagwort der »Entfremdung« in den Druck überführt wurde. Ist nicht vielmehr die Entfreundung die wahre Geburtsstätte und das Geheimnis der modernen Gesellschaft? Auf Facebook ereignet sich ohnehin alles zweimal: einmal als Farce, und dann nochmal als Farce. Man rechne mir hoch an, dass ich mich eben noch selbst daran hindern konnte, »Farcebook« zu schreiben. Mein bekanntes Faible für schlechte Kalauer (also für Kalauer) mag andeuten, wie schwer mir das gefallen ist. Ich finde es allerdings rücksichtslos bis zum Autismus, wenn Freunde Freunde entfreunden, nachdem sie mich auf der Timeline kaum zählbare Zeiten mit ihren Meinungsverschiedenheiten wachgehalten haben. Was hilft es mir, wenn sie nun einander nicht mehr haben? Ich habe sie ja immer noch beide.

2016, 01, 05

Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker arbeitet gerade daran, einen Kodex von Verhaltensregeln für Frauen zu erstellen, um sexuellen Übergriffen im Laufe exzessiver Volksfeste (wie zuletzt am Silvesterabend in Köln) vorzubeugen. Eine dieser Regeln ermahnt die Frauen, zu Fremden stets eine Armlänge Abstand zu halten. Wir lernen: In einer Welt, worin Frauen längere Arme als Männer haben, gäbe es keine sexuellen Übergriffe. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, diese Welt zu schaffen, Frau Reker. Und wie jetzt, Streckbank?

Nun muss man ja fast schon etwas kulturalistisches Verständnis entwickeln, wenn die Wirklichkeit der Zivilgesellschaft als Elend auf sich selbst zurückschlägt. Das eben ist, was passiert, wenn Menschenmassen in einem umfassenden System von Vorstellungen leben, das den Gewaltcharakter der gesellschaftlichen Wirklichkeit leugnet und vorhandene Gewalt allenfalls auf bestimmte Gruppen bezieht. Man hat hier die Wahl zwischen impulsiven Ressentiments und dem blanken Glauben an das Gute in jedem und überall. Menschen, die regelrecht darauf abgerichtet sind, immer auch für die andere Seite Verständnis zu haben, werden selbst in Fällen, wo das Täter-Opfer-Modell ganz eindeutig scheint, wo also schlicht gar kein Einerseits-Andererseits möglich ist, nach Wechselwirkungen suchen. Sie können nicht begreifen, dass sexuelle Delikte auf Aggression und nicht auf Attraktion beruhen. Kein Rock, mit anderen Worten, kann lang genug sein, um eine Vergewaltigung zu verhinden. Kein Arm mithin könnte es.

Henriette Reker ihrerseits hat ganz persönliche Erfahrung mit einem Verbrechen gemacht, das nur möglich wurde, weil die Distanz einer Armlänge unterschritten worden war. Selbst ihr aber hätte auffallen müssen, dass die Prävention gegen ein Messerattentat sich von der Prävention gegen die Einkreisung durch Gruppen besoffener Männer unterscheiden müsste.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article150662120/Oberbuergermeisterin-legt-Frauen-Verhaltensregeln-nahe.html

Nachtrag: Den verlinkten Artikel, auf den ich mich bezogen habe, wird man mindestens reißerisch nennen dürfen. Von einem Verhaltenskodex war auf der betreffenden Pressekonferenz keine Rede. Die betreffende Äußerung zur Armlänge allerdings geht wörtlich so: »Es gibt immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft.« Und man wird sie irgendwo zwischen unsinnig und gemeingefährlich einordnen müssen.

2016, 01, 05

Mittag bei Trotzki in Ulm

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2016, 01, 05

Es mag ja sein, dass Achim Mentzel im Vergleich zu Lemmy Kilmister der bessere Sänger war, dass er besser aussah und wohl auch ein wenig mehr von der Welt verstanden hat. Die minimalen Unterschiede in den Formen des Volkstümlichen sind schwer zu bemerken, ich habe keine Ahnung, ob sie überhaupt existieren. Aber die Besonderheit dieser Formen verunmöglicht den Blick darauf, dass Mentzel und Kilmister eigentlich Zwillinge waren von solitärer Haltung. Erhaben gegen den Kult und die Zuschreibungen, die sich um sie pflockten. Echte Rampensäue, Rocknroller, die sich einen Dreck darum scherten, was man über sie schrieb und redete. Lemmy war der Albtraum aller Schwiegermütter, Achim der aller Schwiegertöchter. Dafür haben sie unsere Zuneigung verdient.

2016, 01, 04

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